Politik

Prozess gegen Ahed Tamimi

Jeanne d'Arc aus dem Westjordanland

Vor einem Militärgericht in Israel hat der Prozess gegen Ahed Tamimi begonnen. Weil sie Armeeangehörige attackierte, wurde die 17-Jährige zur Freiheitsheldin der Palästinenser und zum Hassobjekt vieler Israelis.

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Aus Nabi Salih und Tel Aviv berichtet Thore Schröder
Dienstag, 13.02.2018   09:22 Uhr

"Jalla, verschwindet", schreit das Mädchen die beiden Soldaten an, bevor es anfängt, sie zu schubsen, zu treten und zu schlagen. Immer wieder holt sie aus, kreischt den Israelis ins Gesicht. "Ich schlage euch! Ich beiße euch! Raus hier! Verschwindet!" Auch als ihre Cousine und ihre Mutter zur Hilfe eilen, bleiben die Soldaten ruhig, passiv.

Knapp zweieinhalb Minuten dauert das Video, das Ahed Tamimi berühmt gemacht und ins Gefängnis gebracht hat. Es sind Aufnahmen vom 15. Dezember 2017. An jenem Tag attackierte die damals noch 16-Jährige auf dem Grundstück ihrer Eltern im Dorf Nabi Salih im Westjordanland die Armeeangehörigen.

An diesem Dienstag hat im Militärgericht des Ofer-Gefängnisses nordwestlich von Jerusalem ihr Prozess begonnen. Die israelischen Militärgerichte sind für die palästinensische Bevölkerung in den besetzten Gebieten zuständig - daher wird auch Tamimis Fall dort verhandelt.

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Ahed Tamimi: Das Mädchen aus Nabi Salih

Ahed Tamimi ist in zwölf Punkten angeklagt. Nur drei davon beziehen sich auf ihr Verhalten im Video: Angriff auf einen Soldaten, Behinderung der Arbeit eines Soldaten, Aufhetzung. Die anderen Punkte gehen zurück auf fünf weitere Angriffe auf israelische Sicherheitskräfte in den vergangenen Jahren. Tamimi wird unter anderem beschuldigt, Steine geworfen und Drohungen ausgesprochen zu haben sowie an Ausschreitungen beteiligt gewesen zu sein. "Ich denke, dass diese alten Vorwürfe herausgeholt wurden, um sie so lange wie möglich in Haft zu behalten", sagt ihre israelische Anwältin Gaby Lasky, die früher Generalsekretärin der Organisation Peace Now war. Sie vertritt auch Aheds Cousine Nour und Mutter Nariman, die noch auf ihre Verhandlungen warten.

Für die meisten Palästinenser und viele internationale Aktivisten ist Ahed Tamimi eine Heldin, eine Ikone des Widerstands gegen die Besatzung. Mahmoud Abbas, Chef des palästinensischen Autonomiebehörde, rief nach dem Vorfall ihren Vater an und lobte den Widerstand der Familie. Kommentatoren vergleichen sie mit Rosa Parks, Jeanne d'Arc oder Malala Yousafzai. Sie sehen ein unbewaffnetes Mädchen mit blauen Augen und blonder Löwenmähne, das sich furchtlos der schwer bewaffneten Übermacht in den Weg stellt. Weltweit protestieren Menschen für ihre Freilassung, Tausende unterzeichnen Petitionen. Sie alle fordern: "Free Ahed Tamimi".

dbate-Video: Mein Gaza - Leben im größten Gefängnis der Welt

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Auch in Israel erhitzte ihr Videoauftritt die Gemüter. Bürger und Journalisten empörten sich über das, was viele als Erniedrigung der beiden Soldaten empfanden. Gleichzeitig zollten sie den jungen Männern Respekt für ihre Beherrschung. Die Armee lobte, sie hätten sich "professionell verhalten". Bildungsminister Naftali Bennett forderte mit Blick auf Ahed und ihre Verwandten, dass "die Frauen ihr Leben im Gefängnis beenden sollten". Der bekannte Journalist Ben Caspit fantasierte, sie "müssten einen Preis zahlen, bei anderer Gelegenheit, im Dunkeln, ohne Zeugen und Kameras".

Erst vier Tage nach dem Vorfall wurde Ahed Tamimi verhaftet, mitten in der Nacht. Das Video der Gefangenahme wurde danach von der Pressestelle der Armee verbreitet. Verteidigungsminister Avigdor Lieberman jubelte: "Wer tagsüber wild wird, wird nachts verhaftet."

"Sie lässt die Besatzung schlecht aussehen"

"Direkt nach dem, was im Video zu sehen ist, ist erst mal gar nichts passiert", sagt Anwältin Lasky, "die Soldaten haben noch nicht mal einen Bericht darüber geschrieben. Verhaftet wurde sie erst nach diesem Medienwirbel." Der Journalist Anshel Pfeffer schreibt in der Zeitung "Haaretz": "Ein palästinensisches Mädchen, das einen israelischen Offizier schlägt, war eine nationale Beleidigung, die nur gelindert werden konnte durch die Bilder ihrer Verhaftung durch weibliche Grenzpolizistinnen in voller Körperpanzerung." Seine Schlussfolgerung: Ahed Tamimi wurde festgenommen, weil sie "die Besatzung schlecht aussehen lässt."

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Der Prozess könnte Monate dauern. Das mögliche Strafmaß für Angriffe auf Soldaten liegt bei Erwachsenen bei zehn Jahren. Doch Tamimi ist minderjährig. Trotzdem muss sie während des Prozesses im Gefängnis bleiben, das Gericht lehnte ihre Freilassung auf Kaution ab. "Die Schwere der Taten, derer sie angeklagt wird, lassen keine andere Möglichkeit", hieß es. Für Anwältin Lasky ist das Militärgericht "ein Organ der Besatzung, dem es um die Fortführung der Besatzung, nicht um die Verbreitung von Gerechtigkeit geht".

Professor Amichai Cohen vom Israel Democracy Institut widerspricht: "Die Richter der Militärgerichtsbarkeit werden von einem unabhängigen Komitee ausgewählt." Auch sei die Militärgesetzgebung in Kriminalfällen dem zivilen israelischen Rechtssystem sehr ähnlich. "Und die Statistik bei den Verurteilungen unterscheidet sich auch nicht sonderlich", sagt Cohen.

"Der Einsatz von Frauen macht uns stärker"

Trotzdem hält Amnesty International Ahed Tamimis Bestrafung für "eklatant disproportional" und die Verfolgung palästinensischer Minderjähriger insgesamt für "diskriminierend." Laut der palästinensischen NGO Addameer sitzen derzeit 330 Kinder in israelischer Haft oder in Gewahrsam.

Für Ahed Tamimis Vater Bassem ist die Unfreiheit seiner Tochter "der Preis den wir zahlen müssen". Er selbst sei schon fünfmal verhaftet worden, ständig werde sein Haus gestürmt. Mehrere seiner Familienmitglieder wurden über die Jahre getötet. Am Tag der Videoaufnahmen im Dezember traf ein israelisches Gummigeschoss Aheds Cousin im Gesicht. Er überlebte nur knapp. Deswegen sei seine Tochter so zornig gewesen.

"Der Einsatz von Frauen macht uns stärker", sagt Bassem Tamimi. Er mag auch die Tat seiner Cousine nicht verurteilen. Ahlam Tamimi war 2001 an einem Selbstmordanschlag in Jerusalem beteiligt, bei dem 15 Menschen starben. Sie kam beim Gefangenenaustausch gegen den 2006 von der Hamas verschleppten Soldaten Gilad Schalit frei und lebte heute in Jordanien.

Von der Terrasse der Familie in Nabi Salih, eine halbe Autostunde nördlich von Ramallah, blickt man über die Dächer des Dorfes und hinüber auf die israelische Siedlung Halamisch. Mandelbäume und Kornblumen blühen. Kinder schleudern Steine auf israelische Soldaten, die mit Tränengas antworten. Alltag im 600-Einwohner-Ort, der seit 2009 zu einem Symbol des palästinensischen Widerstands geworden ist. Anlass für die ersten Proteste damals war die Umleitung einer Quelle. Danach zogen die Demonstranten jeden Freitag die Hauptstraße herunter zum Armeestützpunkt, fast immer kam es zu Ausschreitungen. Bassem Tamimi war der Anführer, seine Frau und vier Kinder marschierten in der ersten Reihe. Früh erkannten sie die Macht der Bilder.

Israelische Minister sprechen von "Pallywood"-Inszenierungen

2012 zeigte die damals 11-jährige Ahed einem Soldaten in einem Video ihre Faust. Der damalige türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan überreichte ihr einen Preis für Courage.

AFP

Ahed Tamimi, August 2015

2015 biss Ahed einem Soldaten in die Hand, der ihren Bruder verhaften wollte. Das Video des minutenlangen Kampfes wurde ein viraler Hit. Viele Israelis, wie der stellvertretende Minister Michael Oren, nennen die Produktion oder zumindest Provokation solcher Bilder "Pallywood".

Bassem Tamimi lacht darüber: " Ahed soll also bloß eine Schauspielerin sein?" Auf die Frage, ob er seine Kinder für den Kampf gegen die Israelis instrumentalisiert, antwortet er routiniert: "Man muss die Kleinen früh mit dem Gift impfen, das hier alle abbekommen." Er ist sich sicher: "Jedes Elternteil will doch, dass seine Kinder so werden wie sie."

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