Politik

Terror in Kairo

Anschlag auf das Herz der Kopten in Ägypten

Beim massivsten Anschlag auf Christen in Ägypten seit Jahren sind mindestens 25 Menschen getötet worden. Das Attentat rührt an der Legitimation von Staatschef Sisi.

Foto: AFP
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Sonntag, 11.12.2016   16:25 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Priester war kurz davor, den Gottesdienst zu beenden, als eine Explosion die Kapelle Sankt Peter und Paul in Kairo erschütterte. Der Sprengsatz tötete mindestens 25 Menschen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Zum Ablauf des Attentats gibt es unterschiedliche Angaben: Ägyptens staatliche Nachrichtenagentur Mena meldet, ein Unbekannter habe die Bombe durch ein Kirchenfenster in das voll besetzte Gebäude geworfen. Augenzeugen berichten hingegen, der Sprengsatz sei in der Kirche versteckt gewesen. Eine andere Zeugin behauptet, eine Selbstmordattentäterin habe den Sprengsatz an ihrem Körper versteckt und während des Gebets im für Frauen bestimmten Teil der Kapelle gezündet. Bislang hat sich noch niemand zu dem Attentat bekannt.

Klar ist: Es ist einer der verheerendsten Anschläge gegen die christliche Minderheit in Ägypten seit Jahren. Am Neujahrstag 2011 hatte eine Bombe in der Qidissine-Kirche in Alexandria 23 Menschen in den Tod gerissen.

Wütende Demonstranten beschimpfen den Innenminister

Der Anschlag am Sonntag traf das Herz der Kopten in Ägypten. Die Kapelle befindet sich direkt neben der Markuskathedrale, dem größten und wichtigsten Kirchenbau für die Kopten und Amtssitz des koptischen Papstes. Trotz der Bedeutung des Ortes und der Bedrohung durch islamistische Terroristen waren die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Kapelle offenbar sehr lax.

Entsprechend groß ist die Wut der Kairoer Kopten auf den Staat und seine Institutionen. Wenige Stunden nach dem Anschlag demonstrierten Hunderte Christen vor der Kapelle. Dabei riefen sie einen Slogan, der auf ägyptischen Straßen lange nicht mehr zu hören war: "Das Volk will den Sturz des Regimes" - Das war die Losung der Demonstranten auf dem Tahrirplatz, die vor knapp sechs Jahren den Rücktritt des Langzeitherrschers Husni Mubarak erzwangen.

Als Innenminister Magdy Abdel Ghaffar den Anschlagsort am Sonntagnachmittag besuchte, musste er einen Sturm von Beschimpfungen und Rücktrittsforderungen über sich ergehen lassen. Demonstranten hinderten ihn daran, das Kirchengebäude zu betreten. Erst nach Stunden gelang es Sicherheitskräften, die Kundgebung aufzulösen.

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Anschlag in Kairo: Attentat in der Kirche

Das Attentat rührt an der Legitimation des autokratisch regierenden Staatschefs Abdel Fattah el-Sisi. Der rechtfertigt die Unterdrückung von Oppositionellen, Medien und Bürgerrechtlern damit, dass nur seine harte Hand die Sicherheit in Ägypten aufrechterhalten könne. Der frühere Armeechef präsentiert sich ausdrücklich als Schutzpatron der Christen, die rund zehn Prozent der mehr als 90 Millionen Ägypter stellen. Der koptische Papst Tawadros II. stellte sich demonstrativ hinter Sisi, als dieser 2013 den gewählten islamistischen Präsidenten Mohamed Morsi mit einem Putsch beseitigte. In den Wochen nach Morsis Sturz brannten Islamisten landesweit Kirchen und Geschäfte von Christen nieder. Gewalt gegen Kopten gehört besonders in kleineren Städten und Dörfern Oberägyptens auch heute zum Alltag.

Sisi ruft Staatstrauer aus

Der Anschlag auf die Kirche ist das zweite Bombenattentat im Zentrum Kairos binnen 48 Stunden. Am Freitag wurden bei einem Anschlag in der Hauptstadt sechs Polizisten getötet. Zu dem Angriff bekannte sich die militante "Hasm"-Bewegung. Die Gruppe hat in den vergangenen Monaten mehrfach Vertreter von Justiz und Polizei angegriffen und beschreibt ihre Attacken als Vergeltung für die willkürlichen Verhaftungen und Verurteilungen von Oppositionellen. Die Regierung bezeichnet "Hasm" als den bewaffneten Arm der verbotenen Muslimbruderschaft.

Nach dem Anschlag auf die Kirche rief Sisi eine dreitägige Staatstrauer aus. Die Feierlichkeiten zum Geburtstag des Propheten Mohammed sollen nur in eingeschränkter Form stattfinden. "Der Terror richtet sich gegen die Kopten und Muslime in unserem Land. Ägypten wird aus dieser Situation geeinter und stärker hervorgehen", ließ der Präsident mitteilen.

Doch Zweifel daran sind angebracht. Dreieinhalb Jahre nach seinem Putsch wird immer offensichtlicher, dass Sisi seine beiden größten Versprechen, Sicherheit und Wohlstand, nicht erfüllen kann. Ägypten ächzt unter einer Wirtschaftskrise, wegen der Gefahr durch islamistische Terroristen auf der Sinai-Halbinsel kommen immer weniger Urlauber ins Land.

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) hat auf dem Sinai auch mehrfach Kopten getötet. Erst vor einem Monat behaupteten die Dschihadisten, sie hätten zwei Priester enthauptet. Zum Anschlag auf die Kapelle in Kairo hat sich die Terrormiliz bislang nicht geäußert.


Zusammengefasst: Bei einem Bombenanschlag auf eine Kapelle in Kairo sind mindestens 25 Menschen getötet worden. Es ist der folgenschwerste Angriff auf Christen in Ägypten seit Jahren. Das Attentat schwächt Staatschef Sisi. Der Autokrat rechtfertigt seine Politik der harten Hand mit dem Versprechen von Wohlstand und Sicherheit für alle Bürger. Doch dieses Bild bekommt Risse.

insgesamt 46 Beiträge
sfk15021958 11.12.2016
1. Wohin kann eine politisierte Religion...
..und der daraus erwachsende Hass auf alle anderen Religionen ein Land wie Ägypten, ausgestattet mit einer beispiellosen kulturellen Vergangenheit, noch bringen? Schade, aber so geht das Land den Weg in den finanziellen Abgrund, [...]
..und der daraus erwachsende Hass auf alle anderen Religionen ein Land wie Ägypten, ausgestattet mit einer beispiellosen kulturellen Vergangenheit, noch bringen? Schade, aber so geht das Land den Weg in den finanziellen Abgrund, wer von den Touristen läßt sich schon gern in die Luft sprengen - auch wenn die Wahrscheinlichkeit weit unter 1 Promill liegt!
geando 11.12.2016
2. Die vergessenen Christen
Während Täter und Opferschaft von Muslimen tagtäglich die Nachrichten dominieren wird ganz vergessen, das die Christen ausserhalb des christlichen Kulturkreises zur meist verfolgten Religion geworden sind. Gerade die radikalen [...]
Während Täter und Opferschaft von Muslimen tagtäglich die Nachrichten dominieren wird ganz vergessen, das die Christen ausserhalb des christlichen Kulturkreises zur meist verfolgten Religion geworden sind. Gerade die radikalen Muslime haben Christen ganz oben auf ihrer Abschussliste und im Gegensatz etwa zu verfolgten Juden interessiert es keinen so richtig. Die christlichen Gemeinden in Ländern wie Ägypten, Syrien und dem Irak, die es dort schon länger gibt als die Christen in Europa und länger als der Islam überhaupt existiert sind in diesen Tagen zum ersten Mal seit fast 2000 Jahren vom Verschwinden bedroht. Es sind nicht nur Menschen, die ermordet und Vertrieben werden, es ist auch ein gewaltiger kultureller Schatz, den die Menschheit verliert und der die Basis der Identität des westlichen Kulturkreises darstellt. Ich denke, man kann sehr gut daran sehen, wie der radikale Islam mit seinen Gegnern umgehen wird.
360° 11.12.2016
3. Wieso muss es eine Halbwahrheit sein, SPON?
"In den Wochen nach Morsis Sturz brannten Islamisten landesweit Kirchen und Geschäfte von Christen nieder." Dieser Satz suggeriert, die Christen mussten leiden, weil der islamistische Präsident abgelöst wurde. Das [...]
"In den Wochen nach Morsis Sturz brannten Islamisten landesweit Kirchen und Geschäfte von Christen nieder." Dieser Satz suggeriert, die Christen mussten leiden, weil der islamistische Präsident abgelöst wurde. Das ist nur eine Halbwahrheit. Genau das, was einige an den bekannten Medien zu zweifeln beginnen lassen. Und sich lieber bei Facebook & Co zu informieren. Wollt ihr das wirklich, SPON? Wenn nicht, dann bitte die ganze Wahrheit. Und die ist so: Mit Machtübername der Islamisten in Ägypten stieg die Gewalt gegen Christen immer weiter an. Je länger die Islamisten an der Macht waren. Und als die Christen dagegen protestierten, machten Regierungsanhänger offen Stimmung gegen Christen. Es erinnerte damals ein wenig an den Beginn unter Hitler. Wo, ganz am Anfang, erst einmal Stimmung gegen Juden gemacht wurde. Bevor dann später die Millionenfachen Morde folgten. Insofern haben die Kopten in Wirklichkeit keine Wahl. Würde man jede Partei zur nächsten Wahl zulassen, würden alle Ungebildeten (Ägypten hat einen großen Prozentsatz Analphabeten) und auch viele gebildete Moslems wieder islamistisch wählen. Und die Jagd auf Christen wäre erst recht eröffnet. Weil der Staat sich dann - bestenfalls - überhaupt nicht um die Christen kümmern würde. Schlechtestenfalls sie mit jedem Mittel als Religion auszulöschen versuchen würde. Mit Vertreibung, Druck die Religion zu wechseln oder Terror. Von Staatsseite oder staatsnahen Gruppierungen. Hier geht es um schlimm (Sisi) oder noch schlimmer (eine islamistische Regierung, die ihre Gesetze vom Koran – für sie Gottes, nicht diskutables, Wort – ableitet). Und die Stimmung wird nicht besser werden. Denn Ägypten ist überbevölkert und hat damit nicht mehr genügend bewässerbares Land um allen Arbeit zu geben. Und in Zeiten der Not, werden gerne Minderheiten erst zu Sündenböcken und dann zu Opfern gemacht. Wobei leider viele Suren im Koran die Verfolgung von Christen erlaubt. Also einige täter glauben, sich bei ihren Verbrechen auf Suren berufen zu können. Und so versuchen ihre Verbrechen, als religiös-moralisch notwendig zu rechtfertigen.
neanderspezi 11.12.2016
4. Attentate gegen Gläubige dürften vorwiegend von religiöser Unduldsamkeit herrühren und darin konnten sich die Muslimbrüder gegen Kopten nicht genug austoben
Die Bereitschaft, Anschläge in Ägypten zu verüben, scheint nach wie vor sehr groß zu sein und dies besonders heimtückisch und leidenschaftlich gegen Kirchen und Kapellen, wenn die Gläubigen dort ihren Gottesdienst abhalten. [...]
Die Bereitschaft, Anschläge in Ägypten zu verüben, scheint nach wie vor sehr groß zu sein und dies besonders heimtückisch und leidenschaftlich gegen Kirchen und Kapellen, wenn die Gläubigen dort ihren Gottesdienst abhalten. Bei der Vielzahl an Gotteshäusern dürfte es der Militärregierung unter al-Sisi schwerfallen, ausreichend Schutz für die Kirchgänger vorzuhalten und speziell den koptischen Christen beizustehen, wobei die dazu benötigten Ordnungskräfte womöglich noch bevorzugte Anschlagsziele für terrorbereite Gruppierungen im Land darstellen dürften, bevor sie sich an die Gläubigen heranmachen würden. Vielleicht würden Terroristen die Gelegenheit auch gern benützen, um sowohl den staatlichen Bediensteten als auch den Gläubigen mittels Doppelschlag ihren tödlichen Vernichtungseifer vorzuführen. Das nach derartigen Anschlägen aufruhrartig gegen die Regierung gewettert wird mit dem Hinweis, den Schutz der Bevölkerung zu vernachlässigen, dient der Kundgebung allgemeiner Frustration, die gewöhnlich durch Ordnungskräfte im Zeichen der Trauer geduldet werden muss. Al-Sisi ist eben doch kein Tausendsassa und Heilsbringer, der die Entwicklung in Ägypten per Dekret auf Hochglanz bringen kann, was vermutlich mit der gesellschaftlich und wirtschaftlich vernachlässigten Entwicklung zurückliegender Jahrzehnte zusammenhängen dürfte.
360° 11.12.2016
5. Nicht erst mit der Machtübernahme durch Sisi, gab es Terror gegen Christen.
Schon mit Machtübername der Islamisten in Ägypten stieg die Gewalt gegen Christen immer weiter an. Je länger die Islamisten an der Macht waren. Und als die Christen dagegen protestierten, machten Regierungsanhänger offen [...]
Schon mit Machtübername der Islamisten in Ägypten stieg die Gewalt gegen Christen immer weiter an. Je länger die Islamisten an der Macht waren. Und als die Christen dagegen protestierten, machten Regierungsanhänger offen Stimmung gegen Christen. Es erinnerte damals ein wenig an den Beginn unter Hitler. Wo, ganz am Anfang, erst einmal Stimmung gegen Juden gemacht wurde. Bevor dann später die Millionenfachen Morde folgten. Insofern haben die Kopten in Wirklichkeit keine Wahl. Würde man jede Partei zur nächsten Wahl zulassen, würden alle Ungebildeten (Ägypten hat einen großen Prozentsatz Analphabeten) und auch viele gebildete wieder islamistisch wählen. Und die Jagd auf Christen wäre erst recht eröffnet. Weil der Staat sich dann - bestenfalls - überhaupt nicht um die Christen kümmern würde. Schlechtestenfalls sie mit jedem Mittel als Religion auszulöschen versuchen würde. Mit Vertreibung, Druck die Religion zu wechseln oder Terror. Von Staatsseite oder staatsnahen Gruppierungen. Hier geht es um schlimm (Sisi) oder noch schlimmer (eine islamistische Regierung, die ihre Gesetze vom Koran – für sie Gottes, nicht diskutables, Wort – ableitet). Und die Stimmung wird nicht besser werden. Denn Ägypten ist überbevölkert und hat damit nicht mehr genügend bewässerbares Land um allen Arbeit zu geben. Und in Zeiten der Not, werden gerne Minderheiten erst zu Sündenböcken und dann zu Opfern gemacht. Wobei leider einige Suren im Koran die Verfolgung von Christen erlauben. Also manche Täter glauben, sich bei ihren Verbrechen auf Suren berufen zu können. Und so versuchen ihre Verbrechen, als religiös-moralisch notwendig zu rechtfertigen.

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