Politik

Koptische Christen in Ägypten

Ostern im Schatten von Flucht und Terror

Gewalt überschattet das Osterfest der Kopten in Ägypten. Bei Anschlägen in der Karwoche wurden Dutzende Christen getötet, Hunderte Familien sind vor dem IS aus dem Sinai geflüchtet.

Roger Anis
Von und
Sonntag, 16.04.2017   16:06 Uhr

"Woche der Schmerzen" - so heißt die Karwoche auf Arabisch. In diesem Jahr waren die Tage vor Ostern für die Kopten in Ägypten im Wortsinne Tage des Leids und der Trauer. Am Palmsonntag erlebte die christliche Minderheit am Nil einen der schwärzesten Tage seit Jahrzehnten. Selbstmordattentäter der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) rissen bei zwei Anschlägen insgesamt 78 Menschen in den Tod.

Zunächst sprengte sich ein Terrorist während einer Messe in der St.-Georg-Kirche in der Stadt Tanta in die Luft. 28 Menschen kamen hier nach offiziellen Angaben ums Leben. Die Wirkung der Bombe war verheerend, überall fanden die Kriminaltechniker Blut und Leichenteile. Viele Angehörige konnten die Opfer nur anhand ihres Schmucks identifizieren.

Die christliche Gemeinde in Tanta, eine 500.000-Einwohnerstadt im Nildelta, war gewarnt. Am 29. März, zehn Tage vor dem Attentat am Palmsonntag, hatte ein Priester in der St.-Georgs-Kirche ein verdächtiges Paket unter einer Bank entdeckt - einen selbstgebauten Sprengsatz. Er konnte entschärft werden. Zwei Tage später explodierte eine Bombe in einem Ausbildungslager für Polizisten. Ein Beamter wurde getötet, 15 weitere Personen verletzt.

Drei Anschläge auf die wichtigsten Kirchen Ägyptens

Trotzdem waren die Sicherheitsvorkehrungen für den Palmsonntagsgottesdienst lax. Die Kirchenbesucher wurden weder abgetastet, noch mussten sie durch Scanner laufen, wie man sie von Flughäfen kennt. Ein solches Gerät verhinderte in Alexandria noch Schlimmeres. Wenige Stunden nach dem Attentat von Tanta versuchte dort ein Mann in die St.-Markus-Kathedrale zu gelangen. Das Gotteshaus steht auf dem Grund der ältesten Kirche Afrikas und ist Sitz des koptischen Papstes.

Der Angreifer versuchte zunächst, die Kathedrale durch den Haupteingang zu betreten. Dort wiesen ihn jedoch Sicherheitsleute ab und forderten ihn auf, einen Nebeneingang zu benutzen. Dort waren Polizeibeamte postiert - und es gab eine Sicherheitsschleuse. Weil der Täter offenbar fürchtete, dass sein mit Nägeln bestückter Sprengsatz entdeckt wird, zündete er ihn am Eingang. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen einen gewaltigen Feuerball, die Explosion ließ noch in knapp hundert Metern Entfernung Fensterscheiben zu Bruch gehen. 17 Menschen kamen ums Leben.

Die Rettungsmaßnahmen in Tanta und Alexandria liefen noch, als sich die "Provinz Sinai", der ägyptische Ableger des IS zu dem Anschlag bekannte. Damit haben die Dschihadisten innerhalb von nur vier Monaten Bomben in drei der wichtigsten Kirchen Ägyptens gezündet. Im Dezember hatte ein Selbstmordattentäter des IS in der Kirche St. Peter und Paul in Kairo 29 Menschen mit in den Tod gerissen. Die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder.

Sisi enttäuscht die Hoffnungen der Kopten

Mit jedem Attentat wächst die Wut der Kopten auf den Staat, der sie nicht schützt. "Das Volk will den Sturz des Regimes", riefen zornige Christen im Dezember nach dem Anschlag in Kairo - genau jenen Slogan, den Hunderttausende Demonstranten 2011 bei den Protesten gegen Langzeitdiktator Husni Mubarak skandiert hatten.

In Tanta und Alexandria versammelten sich nach den Anschlägen vom Palmsonntag erneut Hunderte Christen zu spontanen Kundgebungen. Sie warfen Staatschef Abdel Fattah el-Sisi vor, zu wenig für die Sicherheit der koptischen Minderheit zu tun, der rund zehn Prozent der 90 Millionen Ägypter angehören. "So lange das koptische Blut billig ist, muss der Präsident weg", skandierte die Menge.

Dabei hatten viele Christen große Hoffnungen in den einstigen Armeechef gesetzt. Mit Sorge hatten sie verfolgt, wie nach dem Sturz Mubaraks 2011 Salafisten und radikale Muslime immer selbstbewusster auftraten und eine islamische Gesellschaftsordnung propagierten, in der Christen allenfalls einen Platz als Bürger zweiter Klasse finden sollten. Deshalb begrüßten die meisten Kopten den Militärputsch gegen den frei gewählten Muslimbruder-Präsidenten Mohamed Morsi im Sommer 2013.

Allen voran Papst Tawadros II.: Das Oberhaupt der koptischen Kirche stellte sich damals demonstrativ hinter Sisi und ließ sich öffentlichkeitswirksam mit den Spitzen des Militärs ablichten. Doch dieses taktische Bündnis mit der Armee hat sich für die Kirche bislang nicht ausgezahlt. Die Sicherheitslage für die Christen in Ägypten hat sich kontinuierlich verschlechtert.

Sieben Morde an Christen seit Jahresbeginn - in einer Stadt

Das ist nirgendwo so deutlich zu spüren wie auf dem Sinai. De facto hat Ägypten die Kontrolle über die Region verloren, ist der Norden des Sinai ein Failed State. Dort leben inzwischen kaum noch Kopten. In Rafah, direkt an der Grenze zum Gazastreifen, wohnten einst 25 koptische Familien. Während der Revolutionswirren zündeten Islamisten 2011 die einzige Kirche im Ort an und schüchterten die Minderheit ein. 2013 verließen die letzten Kopten Rafah. Ähnliches spielte sich im benachbarten Ort Scheich Suwaid ab. Dort flohen im selben Jahr die letzten fünf koptischen Familien nach Arisch.

Arisch, die staubige Hauptstadt des Gouvernements Nordsinai, war in ihrer langen Geschichte noch nie ein Ort zum Verweilen. Über Jahrhunderte hinweg hieß sie "Rhinokorura" - die "Stadt der abgeschnittenen Nasen". Dieser Name wird auf Sträflinge zurückgeführt, die von den Herrschern in Kairo dorthin verbannt worden waren und denen man als Strafe für ihre Taten die Nasen abgetrennt hatte.

Heute werden Christen in Arisch keine Nasen abgeschnitten. Sie werden mit dem Tod bedroht - oder tatsächlich ermordet.

So wie Saad Hana. An einem Abend Ende Februar drangen maskierte IS-Terroristen in das Haus des Rentners in Arisch ein. Erst töteten sie seinen Sohn Medhat, dann ihn selbst mit Kopfschüssen. Saads Frau Nabila nahmen sie Geld, Schmuck und sogar den Ehering ab. Dann verschleppten sie die Frau nach draußen und setzten das Haus der Familie in Brand.

Seit Jahresanfang töteten IS-Anhänger in Arisch und Umgebung mindestens sieben Christen. Insgesamt sind bislang 280 koptische Familien aus der Küstenstadt geflüchtet. Nur etwa 20 christliche Familien leben noch in dem Ort - in einem umzäunten Viertel, das von Sicherheitskräften beschützt wird.

"Niemand will zurück nach Arisch"

Sameh Mansur ist der Schwiegersohn von Saad Hana. Er ist kurz nach dem Doppelmord an seinem Schwiegervater und Schwager aus Arisch geflüchtet - mit nichts, außer den Sachen, die sie an ihrem Leib trugen. Nun lebt der Enddreißiger mit seiner Frau und zwei Kindern in einer kargen Notunterkunft in Ismailia, einer Großstadt am Suezkanal. Auf der anderen Uferseite beginnt der Sinai. Vier Betten, vier Plastikstühle, ein Plastiktisch, eine kleine Küche - mehr hat Mansurs Familie derzeit nicht zum Leben. Die Kirche hat die Behelfswohnung zur Verfügung gestellt.

Doch Mansur, selbst langjähriger Staatsbediensteter in Arisch, fühlt sich von Kirche und Staat im Stich gelassen. Seit Jahren habe er die Regierung darum gebeten, aus Sicherheitsgründen in eine andere Provinz versetzt zu werden - ohne Erfolg. "Wir konnten mit unseren Kindern in Arisch schon lange kein normales Leben mehr führen", sagt Mansur. Kosman, der Bischof von Arisch, habe für die Nöte der Bedrängten kein offenes Ohr gehabt.

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Kopten auf dem Sinai: Ägyptens Christen auf der Flucht vor dem IS

"Und jetzt, nachdem wir geflüchtet sind, hat Bischof Kosman eine Erklärung herausgegeben, in der er behauptet, Arisch sei sicher und wir könnten zurückkehren", berichtet Mansur. "Aber niemand will zurück nach Arisch." Die Regierung setze die Kirche unter Druck, glauben die Flüchtlinge in Ismailia. Die Armee hat den Nordsinai zum militärischen Sperrgebiet erklärt und untersagt eine unabhängige Berichterstattung. Stattdessen liefert die staatliche Propaganda täglich neue Erfolgsmeldungen über Rückeroberungen und tödliche Schläge gegen den IS.

"Die Nachrichten sind voll mit Meldungen aus dem Irak und Syrien, aber aus dem Sinai berichten sie nur Lügen", sagt ein Flüchtling aus Arisch, der aus Angst vor den Folgen seinen Namen nicht öffentlich preisgeben will. "Die Regierung will uns das Wort verbieten, damit niemand erfährt, dass die Lage außer Kontrolle geraten ist."

In Sachen Kirchenbau hat sich nichts verändert

Doch es sind nicht nur die Kopten aus dem Sinai, die von der Regierung enttäuscht sind. Auch bei den Christen in den anderen Landesteilen wächst die Wut. Ishak Ibrahim von der "Ägyptischen Initiative für persönliche Rechte" führt Buch über die konfessionelle Gewalt gegen Christen in Ägypten.

Kaum ein Tag vergeht ohne neuen Fall: Kopten werden vor Gericht gezerrt, weil sie den Propheten Mohammed beleidigt haben sollen. Die Häuser koptischer Männer werden angezündet, weil sie Beziehungen zu Musliminnen unterhalten sollen.

"Das Problem ist, dass der Staat bei allen Streitigkeiten zwischen Muslimen und Christen den Rechtsstaat außen vor lässt", berichtet Ibrahim. "Anstatt diese Fälle den Gerichten zu übergeben, beruft die Regierung dann informelle Treffen zwischen den Konfliktparteien ein, um die Geschichte aus der Welt zu schaffen. Dabei sind die Kopten aber immer in der schlechteren Position." Diese Praxis führe dazu, dass mehr und mehr Muslime den Eindruck hätten, Christen seien Bürger zweiter Klasse - denn offenbar sehe der Staat das ja genauso.

Die staatliche Diskriminierung der Christen zeige sich auch beim ewigen Streitthema Kirchenbau. Sisi hatte versprochen, großzügiger Baugenehmigungen zu erteilen. "Das ist nur Propaganda", sagt Ibrahim. "Es hat sich überhaupt nichts geändert." Das Problem seien nicht nur Neubauten. Auch für jeden Umbau einer Kirche braucht die Gemeinde die Erlaubnis des Präsidenten höchstpersönlich. Im Schnitt gewährt Sisi pro Jahr gerade einmal zehn Genehmigungen.

Notgedrungen nehmen viele Gemeinden die Sache darum selbst in die Hand. Sie errichten schmucklose Häuser, in denen sie ihre Messen feiern. Ohne Glockenturm, ohne Kreuz, ohne jedes äußere Zeichen, das den Verdacht aufkommen lässt, es handele sich um eine Kirche. Knapp 2000 Jahre nach Gründung der koptischen Kirche wird die Minderheit mehr und mehr in die Unsichtbarkeit gedrängt.

insgesamt 9 Beiträge
kleinsteminderheit 16.04.2017
1. Christen haben keine Fürsprecher
Es ist eine traurige Wahrheit, dass Christen in vielen muslimischen Ländern Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind ohne dass sie auf verlässlichem Schutz von Polizei und Justiz hoffen dürfen. So bald, wie im Iran oder [...]
Es ist eine traurige Wahrheit, dass Christen in vielen muslimischen Ländern Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind ohne dass sie auf verlässlichem Schutz von Polizei und Justiz hoffen dürfen. So bald, wie im Iran oder Syrien, die staatliche Ordnung versagt, werden sie zu Freiwild. Die Freiheiten und Rechte, die Muslime in den westlichen Demokratien genießen, haben sie in keinem einzigen muslimischen Staat. Daraus ergibt sich die Frage, wie es mit der gelebten Toleranz im Islam tatsächlich bestellt ist. Vielleicht sollten die westlichen Demokratien beginnen, spezielle Hilfsprogramme für verfolgte Christen aufzulegen und auf deren Schutz hinzuwirken. Wenn nicht aus christlicher Nächstenliebe, so vielleicht zur Vermeidung einer millionenfachen Exodus.
albert.denter 16.04.2017
2. Ägypten/Kopten
Meine koptischhen Freunde bestätigen mir das fast wortkonform. Man will im christlichen Europa nichts davon hören. kenne Fälle echter Verfolgung mitbTotem . Seit 3 1/2 Jahr hier (Ehemann) Frau u. 2 Kinder noch dort. vor [...]
Meine koptischhen Freunde bestätigen mir das fast wortkonform. Man will im christlichen Europa nichts davon hören. kenne Fälle echter Verfolgung mitbTotem . Seit 3 1/2 Jahr hier (Ehemann) Frau u. 2 Kinder noch dort. vor 1/2 Jahr endlich Anhörung, bis dato keine Entscheidung....... --Ist m.E. FLÜCHTLING i.S. der GenfFlüchtlKonvention.--- Was denkt sich das BAMF ? ((muss dann auch noch Prozess bei VG erfolgen ?))
Zappa_forever 16.04.2017
3. Zustimmung!
...kleiner Haken (wie von Ihnen schon angespochen): Die fehlende Lobby. In den entscheidenden Kreisen ist es wenig angesagt, sich explizit für Christen einzusetzen. Selbst dann, wenn die bestreffenden Christen hierher [...]
Zitat von kleinsteminderheitEs ist eine traurige Wahrheit, dass Christen in vielen muslimischen Ländern Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind ohne dass sie auf verlässlichem Schutz von Polizei und Justiz hoffen dürfen. So bald, wie im Iran oder Syrien, die staatliche Ordnung versagt, werden sie zu Freiwild. Die Freiheiten und Rechte, die Muslime in den westlichen Demokratien genießen, haben sie in keinem einzigen muslimischen Staat. Daraus ergibt sich die Frage, wie es mit der gelebten Toleranz im Islam tatsächlich bestellt ist. Vielleicht sollten die westlichen Demokratien beginnen, spezielle Hilfsprogramme für verfolgte Christen aufzulegen und auf deren Schutz hinzuwirken. Wenn nicht aus christlicher Nächstenliebe, so vielleicht zur Vermeidung einer millionenfachen Exodus.
...kleiner Haken (wie von Ihnen schon angespochen): Die fehlende Lobby. In den entscheidenden Kreisen ist es wenig angesagt, sich explizit für Christen einzusetzen. Selbst dann, wenn die bestreffenden Christen hierher geflüchtet sind und auch hier Verfolgung durch muslimische Flüchtlinge erleben. Die Täter werden maximal in ein anderes Heim verlegt. Für die Zukunft der Gesellschaft hier lässt das nichts gutes erwarten...
dkdent67 16.04.2017
4. Aisi ist das kleinere Übel
Im Beitrag wird die Schuld an der Verfolgung der Christen in Ägypten den staatlichen Stellen zugeschrieben. Fakt ist aber, dass Christen in der arabischen Welt von Muslimen verfolgt und unterdrückt werden. Entweder durch die [...]
Im Beitrag wird die Schuld an der Verfolgung der Christen in Ägypten den staatlichen Stellen zugeschrieben. Fakt ist aber, dass Christen in der arabischen Welt von Muslimen verfolgt und unterdrückt werden. Entweder durch die Mehrheitsbevölkerung oder Institutionell legitimiert bzw. sogar angeordnet. Ohne Asisi und das Militär wäre ihre Lage noch viel schlimmer. Vielleicht sollten wir uns die Frage stellen, ob wir genug tun, um unsere christlichen Brüder und Schwestern vor Tod, Verfolgung und Repressalien zu schützen. Und was spricht - ausser "antirassistischen" Dogmen - dagegen, die verfolgte christliche Minderheit - welche uns zweifelsohne näher steht - bevorzugt als Flüchtlinge aufzunehmen ?
kleinsteminderheit 16.04.2017
5. Das mäßige Interesse an diesem Artikel
zeigt, wie wenig die Verfolgung von Christen in muslimischen Ländern bei uns beachtet wird. Zappa hat es schon angesprochen, dass die Verfolgung in Deutschland nicht endet. Christliche Araber, Kopten und Konvertiten werden von [...]
zeigt, wie wenig die Verfolgung von Christen in muslimischen Ländern bei uns beachtet wird. Zappa hat es schon angesprochen, dass die Verfolgung in Deutschland nicht endet. Christliche Araber, Kopten und Konvertiten werden von muslimischen Landsleuten drangsaliert und müssen als Flüchtlinge in Deutschland ihren Glauben verbergen. Sie gelten in den Unterkünften schnell als Unruhestifter und sind dann diejenigen, die bei Konflikten das Feld zu räumen haben. Auch für seit langem hier lebende Muslime bedeutet der Übertritt zum Christentum Ausgrenzung und bisweilen tödliche Gefahr. Ich kann immer nur wiederholen, dass Integration aktiv betrieben werden muss.Religiöse Toleranz kann man nicht verordnen. Gewalttätige Intoleranz kann man aber bestrafen.

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