Politik

Möglicher Europawahl-Spitzenkandidat

Schulz, lass es bleiben

SPD-Politiker regen an, dass Martin Schulz als Spitzenkandidat bei der Europawahl antreten soll. Das ist keine gute Idee. Schulz hatte eine gute Zeit in Brüssel. Doch die ist abgelaufen.

OMER MESSINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Martin Schulz

Ein Kommentar von
Mittwoch, 16.05.2018   16:22 Uhr

Sicher, das muss schmerzen. An Christi Himmelfahrt, also vor ein paar Tagen, sitzt Martin Schulz im Krönungssaal im Aachener Rathaus inmitten der Karlspreisträger der vergangenen Jahre. Mario Draghi ist da, der Chef der Europäischen Zentralbank, Donald Tusk, Pole und Europäischer Ratspräsident, der König von Spanien, der Großherzog von Luxemburg, Europas prominentester Historiker Timothy Garton Ash.

Europas Establishment und Elite sieht zu, wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die bedeutende Auszeichnung erhält. Und in der Mitte sitzt er, der Mann, der mehr für Europa getan hat als viele andere hier, der gescheiterte Kanzlerkandidat, der der SPD das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik bescherte und von seinen Genossen nach den Koalitionsgesprächen kalt abserviert wurde.

Wohl auch aus Mitleid und schlechtem Gewissen bringen SPD-Politiker Martin Schulz nun als Spitzenkandidaten für die Europawahl ins Gespräch. Schulz sollte tunlichst nicht auf sie hören. In einer Umfrage wollen rund 61 Prozent der Deutschen von einem Spitzenkandidaten Schulz bei der Europawahl nichts wissen: Martin, lass es bleiben!

REUTERS

Martin Schulz mit Emmanuel Macron

Sicher, in Brüssel war Martin Schulz eine große Nummer, das ist noch gar nicht lange her. Noch vor nicht mal zwei Jahren stand er im Zenit seiner Karriere als Parlamentspräsident, redete Tacheles mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan und streckte die Friedensfühler aus zu den Mullahs in Teheran. Als Präsident des Europaparlaments sorgte Schulz nicht nur dafür, dass er selbst regelmäßig in "Tagesthemen" und "heute journal" ein prominentes Plätzchen fand. Er schaffte es auch, dass die Deutschen tatsächlich anfingen, sich für ein Parlament zu interessieren, das wohl als einziges in der demokratischen Welt nicht mal in der Lage ist, aus eigener Kraft Gesetze auf den Weg zu bringen.

Schulz' Brüsseler Zeit ist vorbei

Und dennoch: Schulz' Brüsseler Zeit ist vorbei, da sollte er sich nichts vormachen. Hier wartet niemand mehr auf ihn. Ja mehr noch, gerade bei den Sozialdemokraten sind sie alle froh, dass er endlich weg ist. Es gibt keine Posten, auf die er zurückkehren könnte, dann nach der Europawahl, und er hat hier keine Freunde mehr, die ihm dabei helfen würden, eine Stelle mit Einfluss zu erobern. Fraktionschef der Europäischen Sozialdemokraten ist jetzt ein anderer Deutscher, auch der Vorsitz der deutschen SPD-Europaabgeordneten ist in guten Händen.

Martin Schulz, der ewige Präsident, der Mann, der halb Europa verrückt machte mit seinem Versuch, sich absprachewidrig eine nie gekannte, dritte Amtszeit als Parlamentspräsident zu verschaffen, nein, wenn er nach Brüssel zurückkehrt, muss er sich ganz hinten anstellen. Als Berichterstatter über die Oppositionsbewegung in Venezuela oder als Mitglied in der Parlamentsdelegation für Lateinamerika und die Karibik, sicher, da lässt es sich schon leben, aber will er das wirklich?

Sicher, denkbar wäre auch, dass Schulz nach der Europawahl Anspruch anmeldet auf den Posten des deutschen EU-Kommissars. Günther Oettinger, der derzeitige deutsche Amtsinhaber, hat angekündigt, nach der Wahl in die Wirtschaft zu wechseln, und seit mit Günter Verheugen der letzte SPD-Mann den Posten innehatte, ist viel Zeit vergangen. Aber auch da stellt sich die Frage: Ist ein gescheiterter Kanzlerkandidat, der von seiner eigenen Partei vom Hof gejagt wurde, der richtige Mann für Deutschland, jetzt, wo Macron dazu ansetzt, seine französische Revolution in der EU fortzusetzen?

Und, ganz nebenbei: warum sollte Merkel den Job ausgerechnet Schulz geben, wo ihre eigenen Leute doch ohnehin schon nicht ganz zu Unrecht der Meinung sind, ihre Kanzlerin habe sich bei der Aufteilung der Kabinettsposten von den Sozis über den Tisch ziehen lassen?

Um es klar zu sagen: natürlich hat Martin Schulz das Recht, sich an einem Comeback zu versuchen. Der Mann ist als Kanzlerkandidat gescheitert, aber das sind andere vor ihm auch. Schulz spricht fünf Sprachen, ist ein gewiefter Vermarkter in eigener Sache, ein gewandter Redner und oft auch ein netter Kerl.

In Berlin kann Schulz etwas bewirken

Zudem gäbe es sehr wohl Vorhaben, bei denen sich Schulz sinnvoll einbringen könnte. Einer seiner wenigen bleibenden Verdienste aus seiner Zeit an der SPD-Spitze ist der europafreundliche Ton, den er dem Koalitionsvertrag aufstempelte. Das erste Kapitel, das er mehr oder weniger im Alleingang verfasst hat, wischt den Mehltau von der deutschen EU-Debatte der vergangenen Jahre.

Doch Papier ist geduldig und Kanzlerin Merkel, aber auch SPD-Finanzminister Olaf Scholz setzen derzeit alles daran, dass sich möglichst niemand mehr an das Startkapitel des Koalitionsvertrages erinnert. Das zu verhindern, das wäre eine Aufgabe für einen wie Martin Schulz, aber in Berlin, nicht in Brüssel. Dort wütet die AfD im Parlament, dort sitzen die Europa-Bedenkenträger in der Union. Dort kann er was bewirken.

In Europas Hauptstadt dagegen hat er nichts mehr zu gewinnen. Wer als Papst weggegangen ist, kann nicht als Priester wiederkommen.

insgesamt 34 Beiträge
kurpfaelzer54 16.05.2018
1. Reisende soll man nicht aufhalten
Warum soll er denn nicht zurück nach Brüssel? Immerhin hat er sich in seinem Euro-Parlament wohl gefühlt wie die Made im Speck. Auf einen Spesenritter mehr oder weniger in Brüssel kommt es doch nicht an. Den bezahlen die [...]
Warum soll er denn nicht zurück nach Brüssel? Immerhin hat er sich in seinem Euro-Parlament wohl gefühlt wie die Made im Speck. Auf einen Spesenritter mehr oder weniger in Brüssel kommt es doch nicht an. Den bezahlen die Steuerzahler so oder so. Man muss das auch menschlich sehen. In Berlin ist er das Schmuddelkind mit dem eigentlich keiner mehr Politik spielen will. Lasst ihn also ziehen. Außerdem ist Brüssel näher an Würselen womit die Wochenenden im Familienkreis für den Mann gesichert wären.
drent 16.05.2018
2. Laßt ihn doch nach Brüssel
Da ist er bestens aufgehoben.
Da ist er bestens aufgehoben.
womo88 16.05.2018
3. Würselen ist eine schöne Stadt!
Martin von Würselen, du hast so viel Gutes für Europa im europäischen Parlament getan! Danke! Aber nu` is` gut! Auf auf nach Würselen! Genieße deinen Ruhestand, kauf dir ein Wohnmobil, beginne mit der Imkerei oder tu [...]
Martin von Würselen, du hast so viel Gutes für Europa im europäischen Parlament getan! Danke! Aber nu` is` gut! Auf auf nach Würselen! Genieße deinen Ruhestand, kauf dir ein Wohnmobil, beginne mit der Imkerei oder tu sonstwas. Oder gehörst du etwa auch zu denjenigen, die unbedingt wichtig sein wollen, unbedingt Macht haben wollen ...? Martin von Würselen, tu einfach das, was du schon immer tun wolltest und wozu du nie Zeit hattest! Über Papst Johannes XXIII wird folgende Anekdote erzählt: "Ein junger Bischof wendet sich kurz nach seiner Weihe an Papst Johannes XXIII und sucht seinen Rat, weil er vor der hohen Würde dieses Amtes schlussendlich zurückschreckt und aus lauter Verantwortungsbewusstsein keinen Schlaf mehr findet. Er denkt, dass er dies auf Dauer nicht bewältigen könne. Daraufhin lächelt der Papst und sagt: "Mein Sohn, als ich zum Papst gewählt wurde, bin ich erschrocken vor der Würde dieses Amtes, und ich konnte eine Zeitlang überhaut nicht mehr schlafen. Einmal bin ich doch kurz eingenickt, da erschien mir ein Engel im Traum, und ich erzählte ihm meine Not. Daraufhin sagte der Engel: 'Giovanni, nimm dich nicht so wichtig'. Seitdem kann ich wunderbar schlafen."
telarien 16.05.2018
4. Früher war es besser
Da wurden ausgebrannte Politik-Brennstäbe in Brüssel endgelagert und gut war es. Allein das Martin Schulz zurückkam ist schlimm. Warum er besser dort geblieben wäre, wurde schnell nur zu klar. Jetzt wieder zurück auf der [...]
Da wurden ausgebrannte Politik-Brennstäbe in Brüssel endgelagert und gut war es. Allein das Martin Schulz zurückkam ist schlimm. Warum er besser dort geblieben wäre, wurde schnell nur zu klar. Jetzt wieder zurück auf der Suche nach Pöstchen sagt Alles über den Hoffnungsträger der SPD. Herr Schulz: verbraten sie doch einfach die angesammelten Pensionsansprüche mit Würde und privat.
Newspeak 16.05.2018
5. ...
Martin Schulz ist 62. Und hat sicher, anders als viele EU Buerger, finanziell ausgesorgt. Wie unersetzlich muss man sich fuehlen, um nicht einfach mal in Ruhestand gehen zu koennen? Er kann doch weiter Vortraege halten, Memoiren [...]
Martin Schulz ist 62. Und hat sicher, anders als viele EU Buerger, finanziell ausgesorgt. Wie unersetzlich muss man sich fuehlen, um nicht einfach mal in Ruhestand gehen zu koennen? Er kann doch weiter Vortraege halten, Memoiren schreiben, auch das ein oder andere Europabuch. Wie lange wollen sich die Jungen in Europa, die teilweise mit 50% Arbeitslosigkeit zu kaempfen haben, noch anschauen, wie alte Menschen an ihren Stuehlen kleben?

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