Politik

Gipfel von Nord- und Südkorea in Pjöngjang

Ein bisschen Abrüstung, ein bisschen Frieden

Mit Wirtschaftsführern und Popstars reist Südkoreas Präsident Moon nach Nordkorea. Er will mit Machthaber Kim verhandeln - und damit ein Signal an US-Präsident Trump senden. Nicht alle Bürger unterstützen das.

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Kim und Moon beim Treffen im April 2018

Von , Seoul
Montag, 17.09.2018   20:55 Uhr

Der Kuchen der Wiedervereinigung ist klebrig und sehr süß. Er besteht aus vielen Teigstückchen, gebraten in Öl, dann in Maissirup getränkt. Lee Ae Ran hat ihn erfunden. Sie betreibt in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul ein Restaurant, in dem sie nordkoreanische Spezialitäten anbietet. Die Gäste essen etwa kalte Pjöngjanger Nudelsuppe oder eben diesen Kuchen.

Lee, 54, sagt, sie möchte die Menschen zusammenbringen in ihrem Lokal. Die Angestellten sind alle Flüchtlinge aus dem Norden, so wie sie selbst. Sie floh 1997 vor dem kommunistischen Regime.

Seither lehnt sie jede Annäherung Südkoreas an das Regime im Norden strikt ab. Sie rechnet sich dem rechtskonservativen Spektrum zu - Versöhnung am Esstisch: ja. Händeschütteln auf politischer Ebene: nein. Das Gipfeltreffen zwischen den Südkoreas Präsident Moon Jae In und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un, das am Dienstag beginnt, hält sie für falsch. Im Norden verhungerten die Menschen, Kim müsse erst einmal die Lage seines Volkes verbessern. Ihre Stimme wird laut, wenn sie sagt: Seoul bewege sich zu sehr auf Pjöngjang zu.

Der südkoreanische Staatschef aber sieht die Annäherung, die er entschlossen vorantreibt, als seine "Pflicht als Präsident" an. So hat es einer seiner Berater formuliert. Moon hat Kim in diesem Jahr bereits zweimal getroffen, zuletzt im April im Grenzort Panmunjom. Selbst Korea-Experten sind überrascht von dem Tempo, mit dem Moon seine Entspannungspolitik vorantreibt. Vergangene Woche wurde ein Verbindungsbüro an der Ländergrenze eröffnet, beide Staaten können sich nun ständig austauschen.

Mit Popstars zu mehr Harmonie

Nach Pjöngjang reist Moon mit einer 200-köpfigen Delegation, darunter sind mächtige Wirtschaftsbosse wie die Vize-Chefs von Samsung und Hyundai. Das zeigt auch, dass sich Seoul von der weiteren Annäherung stärkere wirtschaftliche Verbindungen erhofft. Auch K-Pop-Stars sind dabei, die laut Moons Stabschef Im Jong Seok mit ihrer harmonischen Musik dazu beitragen können, dass die Beziehungen beider Staaten "in diesem Herbst besonders gut gedeihen".

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Korea-Gipfel: Kulinarische Annäherung

"Frieden, eine neue Zukunft", so lautet das Motto des dreitägigen Gipfels, der auch deshalb bedeutend ist, weil es das erste Mal seit elf Jahren ist, dass ein südkoreanisches Staatsoberhaupt nach Pjöngjang reist.

Noch immer befinden sich Nord- und Südkorea formell im Kriegszustand, seit der blutige Konflikt zwischen den Ländern vor 65 Jahren mit einem Waffenstillstand endete. Bis Ende des Jahres soll es eine Friedenserklärung geben, und Moon will bei seinem Besuch in Pjöngjang in diesem Punkt entscheidende Fortschritte machen.

Kim Jong Un ließ sich seinerseits vor einigen Wochen von der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA gar mit den Worten zitiere, die koreanische Halbinsel solle zu einer "Wiege des Friedens ohne Atomwaffen" werden.

Die Frage der Atomwaffen aber ist genau jene, die das Gipfeltreffen so heikel macht - und zugleich den Druck auf Moon erhöht. Denn die atomare Abrüstung ist das entscheidende Thema für den südkoreanischen Verbündeten USA. Die Gespräche darüber stockten zuletzt.

Verrät Kim Details zum Atomwaffenprogramm?

Zwar hatte Kim bei seinem Treffen mit US-Präsident Donald Trump im Juni in Singapur - das viele eher als Show werteten - in die atomare Abrüstung seines Landes eingewilligt. Doch ein Zeitplan oder Kontrollmaßnahmen wurden nicht ausgearbeitet.

Nordkorea warf den USA im Juli nach einem Besuch von US-Außenminister Mike Pompeo vor, "einseitige und gangsterähnliche Forderungen zu stellen". Ein weiterer Besuch Pompeos wurde abgesagt, weil es "keine ausreichenden Fortschritte bei der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel" gebe.

Pjöngjang betont, es habe ein Atomtestgelände und eine Anlage für Raketenantriebe abgerissen. US-Geheimdienste aber glauben, dass das Regime sein Atomwaffenprogramm heimlich fortführt. Auch die Atombehörde der Vereinten Nationen (IAEA) erklärte, das Nuklearprogramm laufe weiter.

Moon steht jetzt unter Druck, bei dem Gipfel beim Thema Denuklearisierung konkrete Fortschritte zu erreichen. Zudem will er die Diplomatie wieder beleben und beiden Seiten Zugeständnisse abtrotzen. "Mutige Entscheidungen" müssten Pjöngjang und Washington nun treffen, sagte er vergangene Woche bei einer Kabinettssitzung. "Beide Länder müssen ihr tiefes Misstrauen überwinden."

US-amerikanische und südkoreanische Experten vermuten, dass Moon Kim dazu drängen wird, Details zu seinem Atom- und Raketenprogramms zu offenbaren - was die Führung in Pjöngjang bislang immer vermieden hat.

Immerhin nannte Nordkoreas Machthaber Anfang September erstmals eine Zeitplan: Bis Anfang 2022 - also bis zum Ende von Trumps erster Amtszeit - wolle er atomar abrüsten.

Auch der Ton zwischen Washington und Pjöngjang wurde zuletzt wieder besser. Offenbar bereiten Kim und Trump ein zweites Spitzentreffen vor. Darum hatte Kim in einem "warmherzigen und positiven" Brief gebeten, so die Trump-Regierung. Der US-Präsident brüstete sich daraufhin bei Twitter, dass Kim einen "unerschütterlichen Glauben" an ihn habe. "Danke an den Vorsitzenden Kim. Wir bekommen das zusammen hin."

Doch so wie die Restaurantbesitzerin Lee sind auch jüngere Menschen in Seoul skeptisch gegenüber den Absichten von Kim. Viele befürworten eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden koreanischen Staaten - aber über Wiedervereinigung sprechen sie ungern.

"Sein Vater hat auch immer so getan, als ob er Frieden will", meint etwa Choi Eena, 27, über Kim Jong Un. Sie sitzt mit ihrer Freundin in einem Café im Seouler Stadtteil Itaewon. "Aber am Ende wollte er nur Geld, Nahrungsmittel oder Öl. Das wird dieses Mal nicht anders sein."

Endlich Verständlich - Alle Fakten zu Nordkorea

insgesamt 6 Beiträge
neanderspezi 17.09.2018
1. Ein Bild für Götter, Kim und Moon im Lachwettstreit
Bei der Handreichung der beiden Chefs von Nord- und Südkorea auf dem Bild bei ihrem Treffen im April 2018 zeigen sie bedeutend mehr als nur ein asiatisches Lächeln, nein sie lachen geradezu lästerlich aneinander vorbei und [...]
Bei der Handreichung der beiden Chefs von Nord- und Südkorea auf dem Bild bei ihrem Treffen im April 2018 zeigen sie bedeutend mehr als nur ein asiatisches Lächeln, nein sie lachen geradezu lästerlich aneinander vorbei und zeigen dabei ihr Gebiss. Das muss tatsächlich eine selten praktizierte gegenseitig anzuwendende asiatische Lachhaftigkeit in höchster Vollendung sein, da hat ein Trump letztendlich noch viel zu üben, wenn er sich so einmal mit Kim zeigen will. Komisch, aber man fragt sich dabei fast unweigerlich, was hat denn die beiden zu einem solchen Lachen angeregt, muss da nicht der Fotograf einen die Lachmuskeln unwiderstehlich anregenden Witz gemacht haben, so überaus herzlich kann das doch nicht gemeint sein, doch keiner führt den Dolch im Gewande. Wenn jetzt noch Trump ebenfalls dabeistehen und die Zähne blecken würde, sozusagen in diesem Bunde den Dritten darstellend, wäre die Dreiergang sozusagen komplett.
adieu2000 17.09.2018
2. Es geht um viel Geld und Einfluss in der Region
wenn Nordkorea die Region weiter atomar bedroht, muss Südkorea die militärische Unterstützung durch die USA dulden und einschließlich derer Stützpunkte auch bezahlen. Zumal eine wirtschaftliche Annäherung bedeutend [...]
wenn Nordkorea die Region weiter atomar bedroht, muss Südkorea die militärische Unterstützung durch die USA dulden und einschließlich derer Stützpunkte auch bezahlen. Zumal eine wirtschaftliche Annäherung bedeutend lukrativer als der aktuelle Status ist. Bis zu einer Wiedervereinigung wäre es noch ein sehr weiter Weg, doch eine Entwicklung wie in China könnte Nordkorea schon beschreiten.
Atheist_Crusader 17.09.2018
3.
Die Entwicklung stand Nordkorea allerdings schon lange offen. Bisher hat man sie nicht gewagt, weil jede Form der wirtschaftliche Öffnung das Wahrheitsmonopol der Regierung gefährden würde. Sobald der Austausch mit dem [...]
Zitat von adieu2000wenn Nordkorea die Region weiter atomar bedroht, muss Südkorea die militärische Unterstützung durch die USA dulden und einschließlich derer Stützpunkte auch bezahlen. Zumal eine wirtschaftliche Annäherung bedeutend lukrativer als der aktuelle Status ist. Bis zu einer Wiedervereinigung wäre es noch ein sehr weiter Weg, doch eine Entwicklung wie in China könnte Nordkorea schon beschreiten.
Die Entwicklung stand Nordkorea allerdings schon lange offen. Bisher hat man sie nicht gewagt, weil jede Form der wirtschaftliche Öffnung das Wahrheitsmonopol der Regierung gefährden würde. Sobald der Austausch mit dem Ausland steigt und die Leute ein bisschen Ahnung davon bekommen was im Rest der Welt vorgeht, merkt er wie schlecht er es eigentlich im persönlichen Vergnügungspark/Arbeitslager der Kim-Dynastie hat. Allerdings ist das ja zu einem gewissen Grad schon eingetreten - selbst die Gastarbeiter die man ins hochgradig zensurfreudige China schickt bekommen schon mehr mit als ihre daheimgebliebenen Landsleute. Man kann zwar alle Medien zensieren, aber zwischenmenschliche Gespräche kontrollieren kann man nicht (ausreichend). Was die militärische Seite angeht... ich denke da ist Angst im Moment der größere Motivator. Die US-Präsenz gibt es schon seit Jahrzehnten und bisher war die auch soweit willkommen. Geändert hat sich nur, dass jetzt ein Präsident dahintersteht der weder politische Zusammenhänge noch die Folgen seiner Handlungen versteht und dem seine persönliche Eitelkeit wichtiger ist als die Leben von Millionen. Für mich sieht das ein bisschen aus als hätten sich beide Koreas geeinigt: "Ich mag Dich nicht und Du magst mich nicht - aber versuchen wir es doch nochmal mit Koexistenz, denn der Schwachsinnige im Weißen Haus würde ohne zu zögern uns beide opfern wenn das hieße dass er sich fünf Minuten lang als starker Mann präsentieren kann.".
HaraldSchicke 18.09.2018
4. Die meisten Südkoreaner sehen die Fortschritte positiv
Das kommt in dem Artikel eindeutig zu kurz. Nord- und Südkorea haben gemeinsame Interessen, die sie auch gegen die USA verteidgen werden. Sie haben ein Anrecht auf einen Friedensvertrag. Wenn allerdings die USA weiterhin auf [...]
Das kommt in dem Artikel eindeutig zu kurz. Nord- und Südkorea haben gemeinsame Interessen, die sie auch gegen die USA verteidgen werden. Sie haben ein Anrecht auf einen Friedensvertrag. Wenn allerdings die USA weiterhin auf ihrer Maximalforderung bestehen, selbst ohne kleinstes Entgegenkommen, werden Nord- und Südkorea im Kleinen machen, was im Großen nicht geht. Die Situation war selten so günstig wie jetzt. Die beiden letzten Hardliner-Präsidenten, Lee Mjung-bak und Park Gyun-hae sitzen wegen Korruption im Gefängnis. Deshalb hat es Moon auch eilig, Fakten zu schaffen.
ph.latundan 18.09.2018
5.
"Sein Vater hat auch immer so getan, als ob er Frieden will", meint etwa Choi Eena, 27, über Kim Jong Un. Sie sitzt mit ihrer Freundin in einem Café im Seouler Stadtteil Itaewon. "Aber am Ende wollte er nur Geld, [...]
"Sein Vater hat auch immer so getan, als ob er Frieden will", meint etwa Choi Eena, 27, über Kim Jong Un. Sie sitzt mit ihrer Freundin in einem Café im Seouler Stadtteil Itaewon. "Aber am Ende wollte er nur Geld, Nahrungsmittel oder Öl. Das wird dieses Mal nicht anders sein. +++ ich habe 13 jahre in suedkorea gelebt und kann bestaetigen das dies eine sehr weit verbreitete meinung ist. truaen kann man den nordkoreanern nicht. und die suedkoreaner wollen in wirklichkeit keine wiedervereinigung. sie fuerchten sich vor allem vor den wirtschaftlichen folgen. nicht unberechtigt. und die jugend hat keine beziehungen mehr zum norden.

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