Politik

#SaveRahaf

Eine Frau twittert sich in die Freiheit

Rahaf Mohammed al-Qunun flüchtete vor ihrer Familie in Saudi-Arabien, doch thailändische Behörden setzten sie im Flughafen fest. Die 18-Jährige siegte - weil sie sich auf geschickte Weise Hilfe holte.

AP/ Human Rights Watch
Von
Mittwoch, 09.01.2019   17:50 Uhr

Den Tweet, der sie vor der eigenen Familie und den thailändischen Behörden schützen sollte, schickte sie um 3.30 Uhr morgens aus dem Transitbereich des internationalen Flughafens Suvarnabhumi in Bangkok in die Welt.

"Ich bin das Mädchen, das es von Kuwait nach Thailand geschafft hat", schrieb die 18-jährige Rahaf Mohammed al-Qunun. "Mein Leben ist in echter Gefahr, wenn ich gezwungen werde, nach Saudi-Arabien zurückzukehren".

Die junge Frau erklärte später, sie habe sich vom Islam losgesagt und deshalb Angst, ihre Familie könne ihr etwas antun.

Bei einem Familienausflug in Kuwait sei sie geflüchtet, wollte eigentlich nach Australien, doch im Transitbereich in Thailand war plötzlich Schluss. Nach Angaben von Qunun nahmen ihr Beamte dort ihren Pass ab und drohten, sie in ihre Heimat abzuschieben. Qunun verschanzte sich daraufhin in einem Zimmer eines Transithotels, bis der Abschiebeflug ohne sie abhob.

Vater reiste zu ihr nach Bangkok

Die saudischen Behörden bestreiten die Angaben der 18-Jährigen. In einer Pressemitteilung heißt es, Qunun sei von den thailändischen Behörden gestoppt worden, weil sie nicht über entsprechende Papiere für eine Weiterreise oder eine Hotelreservierung verfügt hätte. Auch sei keine Auslieferung der Frau von der Botschaft Saudi-Arabiens in Bangkok verlangt worden. Vielmehr handle es sich um eine Familienangelegenheit. So schilderte es auch der Chef der thailändischen Migrationsbehörde, der nach eigenen Angaben vor dem Eintreffen Qununs keinen Kontakt zu saudischen Behörden hatte. Welche Version am Ende stimmt, die der Behörde oder die der jungen Frau, ist nicht klar.

Saudi-arabische Frauen dürfen nicht ohne die Zustimmung ihres männlichen Vormundes reisen oder andere wichtige Lebensentscheidungen zu treffen. Im Fall von Qunun ist das ihr Vater, der kurz nach Bekanntwerden ihrer Flucht nach Bangkok reiste, um mit seiner Tochter zu sprechen. Die lehnte ein Treffen aber ab.

REUTERS/ TWITTER/ RAHAF84427714

Twitterbild von Qunun

Unter dem Hashtag #SaveRahaf verbreitete sich ihre Geschichte binnen weniger Stunden über mehrere Kontinente. Qunun schilderte auf ihrem Kanal die physischen und psychischen Verletzungen, die ihr von ihrer Familie zugefügt worden sein sollen. Sie schrieb mehrere Staaten direkt an und bat um Hilfe. Zwischenzeitlich bespielten auch Freunde ihren Twitterkanal. Journalisten, Menschenrechtler und Diplomaten reagierten auf den digitalen Hilferuf aus dem Transithotel, etwa der deutsche Botschafter Georg Schmidt.

Die plötzliche weltweite Aufmerksamkeit hat das Schicksal der 18-Jährigen vermutlich maßgeblich beeinflusst. Ein saudischer Beauftragter sagte bei einem Treffen mit thailändischen Offiziellen: "Sie hat einen Twitteraccount eröffnet und die Anzahl ihrer Follower ist an einem Tag auf 45.000 angestiegen. Es wäre besser gewesen, man hätte ihr das Handy statt des Passes abgenommen, weil Twitter alles verändert hat." Auch Phil Robertson von Human Rights Watch sieht in der Verbreitung des Falls via Twitter den entscheidenden Schritt: "Jeder hat zugesehen. Wenn die sozialen Medien wirken, passiert genau das", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.

Qunun ist etwas bis dato Unwahrscheinliches gelungen - auch weil sie, anders als andere Betroffene, die sozialen Medien geschickt zu benutzen wusste. Die thailändischen Behörden sind eher bekannt dafür, sich den Wünschen anderer Staaten zu beugen, wenn sich unliebsam gewordene Bürger auf thailändisches Gebiet begeben.

Das zeigt etwa der Fall des Fußballers Hakeem al-Araibi aus Bahrain. Der war 2014 in seiner Heimat in Abwesenheit wegen Vandalismus zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden. Seit bald fünf Jahren lebt er bereits in Australien, wo ihm ein Flüchtlingsstatus zugesprochen wurde.

AP

Hakeem al-Araibi in Bangkok

Auf einer Urlaubsreise nach Thailand wurde der Sportler am 27. November vergangenen Jahres jedoch am Flughafen in Bangkok festgenommen. Die thailändischen Behörden berufen sich auf ein bahrainisches Ersuchen, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu dem Fall. Mitte Dezember verfügte ein thailändisches Gericht, dass der Fußballer vorerst in Haft bleiben soll. Sollte er ausgeliefert werden, drohen ihm nach eigenen Angaben Folter.

Auch China hat in der Vergangenheit allem Anschein nach Einfluss auf Entscheidungen von thailändischen Behörden genommen.

Vor etwa zwei Jahren wurde am selben Flughafen, an dem auch Qunun an diesem Wochenende festsaß, der bekannteste Vertreter der Studentenproteste von Hongkong festgenommen. Joshua Wong wurde dort die Einreise verwehrt, etwa zwölf Stunden saß der damals 19-Jährige in einer Zelle fest, bevor er wieder zurück nach Hongkong gebracht wurde. Angeblich war er auf Verlangen Chinas auf eine "schwarze Liste" gesetzt worden, schreibt die "Süddeutsche Zeitung" in Berufung auf die thailändische Zeitung "The Nation".

REUTERS

Joshua Wong vor Gericht in Hongkong

Im Fall der 18-jährigen Qurun hat sich inzwischen das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) der Sache angenommen. Die thailändischen Behörden verzichteten zunächst darauf, die junge Frau zurückzuschicken. Sie selbst veröffentlichte ein Bild ihres Passes, den sie nun wiederbekommen habe. Inzwischen haben ihr die Vereinten Nationen den Flüchtlingsstatus zugesprochen. Australien erwägt nach Angaben des zuständigen Innenministeriums, ihr aus humanitären Gründen ein Visum zu geben.

"Für jemanden, der 18 Jahre alt ist, bist du mutig und erwachsen", ist auf dem Hintergrundbild des Twitterkanals von Qunun zu lesen.

Mitarbeit: Karl Vandenhole, mit Material von Reuters

insgesamt 23 Beiträge
hegoat 09.01.2019
1.
An dem Beispiel sieht man sehr schön, welche Wirkmacht die sozialen Medien haben. Es geht nicht mehr darum, welche Version der Wahrheit entspricht, sondern welche Version am meisten verbreitet wird. Ob Fake oder nicht, [...]
An dem Beispiel sieht man sehr schön, welche Wirkmacht die sozialen Medien haben. Es geht nicht mehr darum, welche Version der Wahrheit entspricht, sondern welche Version am meisten verbreitet wird. Ob Fake oder nicht, interessiert keinen mehr, wenn die Lawine erst ins Rollen gekommen ist.
felisconcolor 09.01.2019
2. Kann
ich nur unterschreiben. Ich bin jetzt mal wirklich böse. Hat sich irgendjemand mal die Mühe gemacht ob die Story der jungen Dame auch der Wahrheit entspricht? Was in gewissen Kulturkreisen passiert ist in keinster weise zu [...]
Zitat von hegoatAn dem Beispiel sieht man sehr schön, welche Wirkmacht die sozialen Medien haben. Es geht nicht mehr darum, welche Version der Wahrheit entspricht, sondern welche Version am meisten verbreitet wird. Ob Fake oder nicht, interessiert keinen mehr, wenn die Lawine erst ins Rollen gekommen ist.
ich nur unterschreiben. Ich bin jetzt mal wirklich böse. Hat sich irgendjemand mal die Mühe gemacht ob die Story der jungen Dame auch der Wahrheit entspricht? Was in gewissen Kulturkreisen passiert ist in keinster weise zu beschönigen. Man kennt genügend andere Geschichten darüber die auch belegt sind. Bei dieser Geschichte hatte ich von Anfang an ein wenig Pelz auf der Zunge. An allen Ecken und Enden wird uns erzählt Medienkompetenz entsteht auch dadurch Zweifel zu haben und auch zu äussern nicht gleich alles zu glauben was irgendwo steht. Aber alle haben nur fleissig das geschrieben was zu so einer zuckerbittersüssen Story passt. Und ich bin der Meinung das passt nicht.
hugahuga 09.01.2019
3.
Bin kein Freund der sog. sozialen Medien. In diesem Fall aber - so zumindest ist zu hoffen - hat sich die junge Dame in die Freiheit getwittert. Gut so und weiter so.
Bin kein Freund der sog. sozialen Medien. In diesem Fall aber - so zumindest ist zu hoffen - hat sich die junge Dame in die Freiheit getwittert. Gut so und weiter so.
a.meyer79 09.01.2019
4. Handelspartner
In Saudi-Arabien darf keine Frau eine Entscheidung ohne ihren männlichen Vormund treffen??? Wie schön, dass wir in den letzten Jahrzehnten so tolle Geschäfte mit denen gemacht haben. Und SPD, Grüne, CDU und FDP haben das [...]
In Saudi-Arabien darf keine Frau eine Entscheidung ohne ihren männlichen Vormund treffen??? Wie schön, dass wir in den letzten Jahrzehnten so tolle Geschäfte mit denen gemacht haben. Und SPD, Grüne, CDU und FDP haben das schön genehmigt. Wo bleibt eigentlich der Aufschrei???
kraijjj 09.01.2019
5. hmm
Tatsache ist doch aber, das die Frau volljährig ist, einen gültigen Reisepass + Touristenvisum für Australien hatte... wenn ich mich hier nicht irre. Bei allem was man von ähnlichen, mislungenen Fluchtversuchen saudischer [...]
Zitat von hegoatAn dem Beispiel sieht man sehr schön, welche Wirkmacht die sozialen Medien haben. Es geht nicht mehr darum, welche Version der Wahrheit entspricht, sondern welche Version am meisten verbreitet wird. Ob Fake oder nicht, interessiert keinen mehr, wenn die Lawine erst ins Rollen gekommen ist.
Tatsache ist doch aber, das die Frau volljährig ist, einen gültigen Reisepass + Touristenvisum für Australien hatte... wenn ich mich hier nicht irre. Bei allem was man von ähnlichen, mislungenen Fluchtversuchen saudischer Frauen weiß und der gewissen Rechtelosigkeit, der sie in diesem "Guardian"-System ausgeliefert sind, tendiere ich doch klar dazu ihr einfach mal zu glauben. Welchen Grund sollte sie für dieses mediale Intermezzo haben, wenn ihr nicht tatsächlich die Rückführung durch saudische Security drohte? Wie kommt überhaupt irgendwer dazu ihr im Transitbereich den Reisepass wegzunehmen?

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