Politik

Erbe des Kolonialismus

Warum afrikanische Kunst in Europa am besten aufgehoben ist

Was sagt es über uns aus, wenn man unterstellt, dass Kulturgüter in ihren Herkunftsländern nicht richtig geschützt werden, fragt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Na ja, was sagt es aus? Dass man Afrika kennt.

DPA

Drei Raubkunst-Bronzen aus Benin (Westafrika) im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG)

Eine Kolumne von
Donnerstag, 10.01.2019   16:47 Uhr

Ich war drei Wochen mit der Familie in Thailand unterwegs. Ein Freund von mir ist vor einem Jahr nach Bangkok gezogen. Wir haben die Feiertage zu einem Besuch genutzt.

In meinem Reiseführer stand, Bangkok sei eine Stadt, in der das Alte und das Neue auf magische Weise aufeinandertreffen. Was die Begeisterung für das Neue angeht, kann ich die Einschätzung teilen. Bangkok strahlt als Stadt eine Energie aus, wie man sie selbst in Asien nur selten findet. Überall verheißen Werbeschilder ein neues, noch strahlenderes Immobilienprojekt. Jede Woche, so scheint es, eröffnet irgendwo ein weiteres, exklusives Shopping-Center.

Nur das Alte, von dem der Reiseführer sprach, habe ich vergeblich gesucht. Es gibt den Königspalast, der eine der schönsten Tempelanlagen Thailands beherbergt, und den Wat Arun, eines der Wahrzeichen der Stadt. Aber ansonsten ist alles, was daran erinnern könnte, dass Bangkok vor 50 Jahren ein Ort war, in dem die Lastelefanten ihre Wege zogen, dem Erdboden gleichgemacht.

Lieber Hochhäuser als Holzplunder

Wer eine Ahnung davon bekommen will, wie die Stadt einmal aussah, lässt sich in die Kassem San 2 Alley chauffieren, wo das Jim Thompson House steht. Jim Thompson war ein amerikanischer Geschäftsmann und Architekt, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thailand kam. Das Land gefiel ihm so gut, dass er beschloss zu bleiben. Das Jim Thompson House besteht aus sechs traditionellen Holzhäusern, die Thompson aufkaufte und an einem der Klongs, der berühmten Kanäle, die Bangkok durchziehen, wieder aufbauen ließ.

Thompson verschwand 1967 unter rätselhaften Umständen im malaysischen Dschungel. Was von ihm geblieben ist, ist die einzigartige Kunstsammlung, die er während seiner Jahre in Asien zusammengetragen hat, und diese sechs Häuser, die einen Eindruck von der Eleganz und Stilsicherheit der thailändischen Architektur geben. Man kann für 200 Baht eine Führung buchen. Ich kann sie nur jedem empfehlen, der an Kunst und Kultur Interesse hat.

Vielleicht ist es ein Zeichen unserer Dekadenz und Zukunftsabgewandtheit, dass wir im Westen so am Alten hängen. Die Mehrheit der Thailänder scheint jedenfalls ganz froh zu sein, dass sie den Holzplunder los ist und sich Hochhäuser und Einkaufszentren leisten kann, die auch bei 40 Grad im Schatten die angenehme Kühle eines finnischen Lärchenwaldes verströmen.

Europas Schuld und Sühne

Die Frage, wem wir die Bewahrung von Kunstschätzen verdanken, hat eine gewisse Aktualität. Ich weiß nicht, inwieweit Sie das verfolgt haben, aber es gibt in den hiesigen Feuilletons eine rege Debatte, wie man mit den Objekten umgehen soll, die in der Kolonialzeit aus Afrika und Asien nach Europa geschafft wurden und nun in Museen oder ethnologischen Sammlungen stehen. Genau besehen ist es keine wirkliche Debatte, weil sich nahezu alle einig sind, dass die sogenannte Raubkunst den Ursprungsländern zurückgegeben werden soll. Man kann also eher von einem Appell sprechen.

Wenn es um das koloniale Erbe geht, plagt gerade Menschen in der Kulturszene, die mehrheitlich eher links stehen, ein furchtbar schlechtes Gewissen. Der Kolonialismus gilt als ein besonders abscheuliches Kapitel der Geschichte des Westens. Die Rückgabe afrikanischer oder asiatischer Kulturgüter erscheint als eine Wiedergutmachung für das Unrecht, wie überhaupt auffällt, wie stark die Diskussion von Begriffen wie Schuld und Sühne geprägt ist.

Schreiben Sie es meiner Borniertheit zu, aber ich persönlich habe gewisse Zweifel, ob noch viel übrig wäre, was man bestaunen könnte, wenn es nicht in europäischen Museen verwahrt würde. Ritualobjekte wie Masken oder Armreife als Kunst zu betrachten und entsprechend zu pflegen, ist eine sehr europäische Eigenheit.

Als Kultgegenstände wertlos geworden

Die meisten Artefakte, die sich in europäischen Sammlungen befinden, hatten für die Stämme, denen sie einst gehörten, ihren Sinn als Kultgegenstände. In dem Moment, wo sie in fremde Hände gegangen sind, haben sie diesen Sinn verloren und sind damit gewissermaßen wertlos. Das mag erklären, warum das Interesse von afrikanischer Seite an einer Restitution nicht so stark und mächtig ist, wie man das in Europa erwarten würde.

Anders als der Begriff "Raubkunst" suggeriert, ist auch nicht alles, was in hiesigen Beständen aufzufinden ist, gewaltsam entwendet worden. Vieles wurde von Sammlern regulär erworben, was aber nichts daran ändert, dass die Befürworter einer bedingungslosen Rückgabe die sofortige Repatriierung verlangen. Es habe nur Deals zwischen Ungleichen gegeben, heißt es dazu, weshalb es sich per se um "Unrechtskontexte" handelte.

Ganz vorne mit dabei, wenn es um die Aufarbeitung des kolonialen Erbes geht, ist auch diesmal die Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die man verlässlich auf jeder Party trifft, bei der sich das helle Deutschland ein Stelldichein gibt. "Wie können es Museen rechtfertigen, Objekte aus kolonialen Kontexten in ihren Sammlungen zu haben, deren Verbringung nach Deutschland unserem heutigen Wertesystem widerspricht?", heißt es in einem Beitrag, den Grütters zusammen mit der Staatsministerin für internationale Kulturpolitik, Michelle Müntefering, verfasst hat. "Was sagt es über uns aus, wenn zuweilen pauschal unterstellt wird, Kulturgüter würden in ihren Herkunftsländern nicht den Schutz erfahren, der ihnen gebührt?"

Na ja, was sagt es aus? Dass man schon mal in Afrika unterwegs war, würde ich sagen.

In diesem Fall berufe ich mich vorsichtshalber auf einen Fachmann, der seit Jahren auf dem Kunstmarkt tätig ist. Wenn es jemanden gibt, der sich mit der Herkunftsgeschichte afrikanischer Objekte auskennt, dann der Chef des Auktionshauses, Lempertz Henrik Hanstein. "Wenn wir alles zurückgeben, würde es untergehen", hat Hanstein neulich in einem Interview auf die Frage geantwortet, was er von der Forderung an die Museen hält, Objekte aus der Kolonialzeit nach Afrika zurückzuschicken. "Das würde sofort vertitscht. Die Korruption in Afrika ist unvorstellbar. In zehn Jahren sind die Sachen alle weg."

Kunstbanausen mögen einwenden, dass es kein großer Schaden wäre, wenn die Kunstwelt um ein paar afrikanische Masken oder Speere ärmer wäre. Ich hielte es für ein großes Unglück, so wie ich auch die Zerstörung des Thai-Erbes für einen schweren Verlust halte.

insgesamt 240 Beiträge
stuff 10.01.2019
1. Ein ziemlich widerlicher Rassismus,
der aus diesem Artikel trieft. Fehlend: Die Anerkennung, dass ohne die zweifelsfrei ungleiche Verhandlungsposition beim 'Kauf' und beim Verbleiben der Kulturgüter und Artefakte im Land vielleicht eventuell ein anderes [...]
der aus diesem Artikel trieft. Fehlend: Die Anerkennung, dass ohne die zweifelsfrei ungleiche Verhandlungsposition beim 'Kauf' und beim Verbleiben der Kulturgüter und Artefakte im Land vielleicht eventuell ein anderes Kulturbewusstsein hätte entstehen können. Man kann so etwas nicht einfach reparieren, aber die Einstellung 'gut, das wir's 'geklauft' haben' ist schon abstossend. Naja, wir kennen den Schreiber.
uzsjgb 10.01.2019
2.
Aus buddhistischen Höhlenklöstern in China wurden viele Gegenstände geraubt und nach Deutschland gebracht und im Museum für Asiatische Kunst in Berlin gelagert. Im Zweiten Weltkrieg sind dann viele dieser Gegenstände [...]
Aus buddhistischen Höhlenklöstern in China wurden viele Gegenstände geraubt und nach Deutschland gebracht und im Museum für Asiatische Kunst in Berlin gelagert. Im Zweiten Weltkrieg sind dann viele dieser Gegenstände zerstört worden. Nicht nur, dass wir Deutschen anderen Völker ihre Kunstwerke rauben, wir können sie noch nicht mal sicher aufbewahren. Aber Hauptsache wir halten uns für was Besseres als die ganzen barbarischen Kunstbanausen im Ausland, nicht wahr?
ambulans 10.01.2019
3. mein
lieber - dieser eurozentristisch-bornierte beitrag ist, sicherlich wie gewünscht, praktisch ungenießbar und wird deshalb garantiert für die avisierten click-zahlen (nach relotius ist das geschäft halt viel härter geworden) [...]
lieber - dieser eurozentristisch-bornierte beitrag ist, sicherlich wie gewünscht, praktisch ungenießbar und wird deshalb garantiert für die avisierten click-zahlen (nach relotius ist das geschäft halt viel härter geworden) sorgen. in diesem sinne: gute besserung!
rainerwäscher 10.01.2019
4.
Was Herr Fleischhauer hier sagt, ist nicht weit entfernt von dem, was Trump über afrikanische Länder gesagt hat.
Was Herr Fleischhauer hier sagt, ist nicht weit entfernt von dem, was Trump über afrikanische Länder gesagt hat.
columbo1 10.01.2019
5.
Keineswegs. Er formuliert natürlich ein wenig überspitzt, aber wo er recht hat, hat er recht.
Zitat von stuffder aus diesem Artikel trieft. Fehlend: Die Anerkennung, dass ohne die zweifelsfrei ungleiche Verhandlungsposition beim 'Kauf' und beim Verbleiben der Kulturgüter und Artefakte im Land vielleicht eventuell ein anderes Kulturbewusstsein hätte entstehen können. Man kann so etwas nicht einfach reparieren, aber die Einstellung 'gut, das wir's 'geklauft' haben' ist schon abstossend. Naja, wir kennen den Schreiber.
Keineswegs. Er formuliert natürlich ein wenig überspitzt, aber wo er recht hat, hat er recht.
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