Politik

Lage an Bord des Rettungsschiffs "Aquarius"

"800 Seemeilen nach Spanien - und morgen geht das Essen aus"

629 Flüchtlinge plus Crew sitzen auf der "Aquarius", doch Italien verweigert dem Schiff den rettenden Hafen. Was spielt sich an Bord ab? Helferin Verena Papke ist in ständigem Kontakt - und in größter Sorge.

REUTERS

Flüchtlinge auf der "Aquarius" (Archivbild)

Ein Interview von
Montag, 11.06.2018   21:22 Uhr

Es soll ein Signal an Europa sein - auf Kosten von 629 Flüchtlingen und einer Crew von freiwilligen Helfern. Rom verweigert dem Schiff "Aquarius" das Anlaufen eines italienischen Hafens. So will die neue Regierung offenbar klarmachen, dass das Land nicht weiter Menschen aus Afrika aufnimmt. Damit hatte die rechte Lega im Wahlkampf geworben, nun macht sie diese Drohung wahr.

Für die geretteten Menschen, die in Libyen Richtung Europa aufgebrochen sind, könnte es nun nach Spanien gehen. Die dortige Regierung hat den Hafen von Valencia angeboten. Doch der Weg ist weit und die Lage auf dem Schiff extrem angespannt.

Kenny Karpov/ SOS Méditerranée

Verena Papke

Verena Papke ist Politikwissenschaftlerin und seit der Gründung von SOS Méditerranée Teil des deutschen Teams in Berlin und seit September 2017 Geschäftsführerin des deutschen Vereins. Sie hat mehrere Missionen auf der "Aquarius" begleitet. Derzeit steht sie mit ihren Mitarbeitern im Mittelmeer in ständigem Kontakt. Im Interview warnt sie vor einer Verschärfung der Situation auf der "Aquarius".


SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Situation an Bord?

Verena Papke: Wir haben Samstagnacht 629 Menschen gerettet, darunter sieben Schwangere und unzählige unbegleitete Minderjährige. Viele sind sowieso schon dehydriert, wenn sie aus Libyen kommen und die lange Überfahrt hinter sich haben. Jetzt an Bord sind viele zu schwach, um genug zu trinken. Außerdem sitzen sie in der prallen Sonne, weil es keine Möglichkeit gibt, für alle Schatten zu schaffen. Unsere Crew versucht, die Leute ständig ans Trinken zu erinnern, aber sie besteht nur aus 30 Mitgliedern, da ist eine enge Betreuung unmöglich. Die Geretteten müssen dringend an Land.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit Nahrung aus?

Papke: Auch Essen auszuteilen, dauert bei so vielen Menschen jedes Mal mehrere Stunden. Das muss gut organisiert werden, damit es auch sicher ist und das Boot nicht auf einer Seite zu sehr belastet wird. Und nach der ersten Runde muss man schon mit der nächsten anfangen. Außerdem macht die Situation natürlich etwas mit den Menschen. Wenn wir auf einem Schiff gefangen wären und man würde uns nicht sagen, wann wir wieder in einen Hafen dürften und an welchen und wie lange wir noch ausharren müssten, dann würden auch wir eine große Unsicherheit spüren. Deshalb können wir uns auch nicht vorstellen, dass das europäische Politik sein soll, dass eine humanitäre Organisation auf dem Mittelmeer festgehalten wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie den Geretteten, warum sie nicht an Land können?

Papke: Wir sind ja mit unseren medizinischen Partnern, Ärzte ohne Grenzen, an Bord und wir informieren die Geretteten in kleinen Gruppen. Es gibt keine großen Ansprachen. Unser Team geht rum und informiert. Wir sind da so transparent wie möglich. Vor allem erklären wir, dass wir sie nicht zurück nach Libyen bringen, und das ist das Wichtigste für sie.

Im Video: Geiseln auf hoher See

Foto: DPA

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es der Crew?

Papke: Die Crew ist wahnsinnig erschöpft. Die Rettungen fanden alle in der Nacht von Samstag auf Sonntag statt. Da haben alle durchgearbeitet, seitdem konnte kaum jemand schlafen, weil sie unablässig über Deck gehen und die Geretteten versorgen. All das ist schon an sich eine extreme Situation. Aber dann für ein Team zu wissen, dass sie keinen sicheren Hafen genannt bekommen, dafür fehlen mir die Worte. Das ist kein Zustand, den man mehrere Tage durchhalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die italienische Politik für die Arbeit von ehrenamtlichen Seenotrettern?

Papke: In Italien wurden in den vergangenen Jahren mehrere Hunderttausend Menschen willkommen geheißen. Aber die italienische Grenze ist eine europäische Grenze. Was jetzt passiert, ist ein europäischer Streit, der ausgetragen wird auf dem Rücken der Rettungsorganisationen und der Geretteten.

SPIEGEL ONLINE: Welche konkreten Signale erreichen Sie gerade aus der Politik?

Papke: Nicht viele. Es ist ein Streit zwischen Malta und Italien, der schon länger schwelt. Die spanische Regierung hat uns gerade einen Hafen angeboten, und diese Solidaritätsbekundung freut uns, aber wir wissen das bisher auch nur aus den Medien. Da besteht noch keine offizielle Kommunikation. Außerdem sind es von unserem aktuellen Standort bis nach Spanien 800 Seemeilen. Mit so vielen Geretteten an Bord können wir nicht schnell fahren. Also sind das zwei bis drei Tage Fahrt. Darüber hinaus sind wir ein Rettungsschiff, kein Versorgungsschiff. Für Gerettete haben wir eigentlich nur ein bis drei Tage Versorgung an Bord, also nur noch heute und ein bisschen was für Morgen.

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