Politik

Russland abseits der WM

Millionen feiern, einer hungert

Mit großem Pomp beginnt die WM in Russland. Doch einer bejubelt das nicht: Der in Russland inhaftierte Regisseur Oleg Senzow befindet sich im Hungerstreik. Er fordert die Freilassung aller politischen Gefangenen aus der Ukraine.

REUTERS

Oleg Senzow

Von Maxim Kireev
Donnerstag, 14.06.2018   15:02 Uhr

Wenn heute im Moskauer Luschniki-Stadion in Weltmeisterschaft in Russland beginnt, wird das Land für 32 Tage im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen. Die Show zur Eröffnungsfeier, heißt es, werde von Russlands Natur, Geschichte, Traditionen und Kultur erzählen. Eben dem, worauf die Russen stolz sind.

Doch während Millionen Zuschauer das mit Sicherheit faszinierende Event im Fernsehen verfolgen werden, wird ein Mann ganz bestimmt keinen Stolz auf sein Land empfinden. Genau genommen ist es gar nicht sein Land, denn Russland hat ihn 2014 per Gesetz einfach zu seinem Staatsbürger gemacht: Als Wladimir Putin dank militärischer Übermacht zuerst die Halbinsel Krim der Ukraine entriss und sie dann der Russischen Föderation einverleibte. Der Mann heißt Oleg Senzow, 41 Jahre alt, ein ukrainischer Regisseur, geboren in Simferopol der Krim.

Kurz nach der Annexion wurde er von einem russischen Gericht wegen angeblich geplanter Terroranschläge auf der Krim zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt, die er derzeit im nordsibirischen Lagergefängnis in der Kleinstadt Labytnangi absitzt. Beobachter hatten den Prozess damals als Farce kritisiert.

Seit 32 Tagen, so lange wie die WM gehen wird, befindet sich Senzow nun im Hungerstreik, auch um auf andere politische Gefangene aus der Ukraine aufmerksam zu machen. Am Donnerstag wurde er auf die Krankenstation verlegt. Insgesamt sprach Senzow von 64 Personen, denen wahlweise Hochverrat, Extremismus oder Terrorismus vorgeworfen wird. Das ukrainische Außenministerium teilte mit, es sei bereit, Senzow gegen Häftlinge aus Russland auszutauschen.

Ende Mai hatte sich bereits die Europäische Filmakademie für Senzow eingesetzt und die europäische Politik aufgefordert, sich für seine sofortige und bedingungslose Freilassung einzusetzen. Zuletzt hatten sich über 80 Gruppen und Einzelpersonen aus der ukrainischen Zivilgesellschaft, darunter viele Künstlerinnen und Künstler, aber auch Sportler und Fußballfans, zusammengefunden, um Solidaritätsvideobotschaften aufzunehmen (eine Auswahl sehen Sie im unten stehenden Video).

Und auch in Russland mehren sich Stimmen für seine Freilassung. So bezeichneten Jurymitglieder beim russischen Filmfest Kinotawr in Sotschi vor wenigen Tagen Senzows Verurteilung als "politisch motiviert". Und selbst der umstrittene Kulturminister Russlands Wladimir Medinski erklärte Senzows Hungerstreik zur "Tragödie". Er rief zu einem humanen Umgang mit dem Filmemacher auf.

Doch Wladimir Putin bleibt bisher stur: Der Kremlchef bekräftigte erst vor wenigen Tagen bei einem Fernsehauftritt den fadenscheinigen Terrorismusvorwurf gegen Senzow.

Foto: SPIEGEL ONLINE
insgesamt 6 Beiträge
Galgenstein 14.06.2018
1. Was soll der Artikel?
Russische Gerichte sind doch bekannt dafür, dass sie in der Rechtssprechung neue Maßstäbe setzen. Zur Verbesserung der Effizienz wurde die Gewaltenteilung aufgehoben. Man spart sich dann den Richter und den Verteidiger. Auch [...]
Russische Gerichte sind doch bekannt dafür, dass sie in der Rechtssprechung neue Maßstäbe setzen. Zur Verbesserung der Effizienz wurde die Gewaltenteilung aufgehoben. Man spart sich dann den Richter und den Verteidiger. Auch teure Beweiserhebungsverfahren wurden reduziert. Entlastungszeugen werden daher nicht mehr zugelassen. Spart schon einmal eine Menge Geld. Das ist Fortschritt. Steht das Urteil von vornherein schon fest, erübrigt sich das Verfahren doch sowieso. Die Gelder werden benötigt um arme Oligarchen zu entschädigen, welche durch die fiesen amerikanischen Sanktionen massive Einbußen erlitten haben. Und auch die WM will gegenfinanziert werden.
ach 14.06.2018
2. Na sowas
Wenn sich also Millionen auf die Eröffnung der WM freuen, gibts extra eine Artikel über jemanden, der sich nicht so freut. Sollte man auch für alle anderen Veranstaltungen einführen.
Wenn sich also Millionen auf die Eröffnung der WM freuen, gibts extra eine Artikel über jemanden, der sich nicht so freut. Sollte man auch für alle anderen Veranstaltungen einführen.
adrian.ruest 14.06.2018
3.
Grossartig solche Menschen, denen verdanken wir Freiheit und Demokratie in Westeuropa. Erbärmlich, dass Putin die WM bekommen hat. Von der FIFA ist man sich aber nicht viel Anderes gewohnt. Viel schockierender sind die [...]
Grossartig solche Menschen, denen verdanken wir Freiheit und Demokratie in Westeuropa. Erbärmlich, dass Putin die WM bekommen hat. Von der FIFA ist man sich aber nicht viel Anderes gewohnt. Viel schockierender sind die zahlreichen Fans, die dieser brutale Autokrat aus St. Petersburg bei uns hat. Unglaubliche Feiglinge, die Menschen, welche sich für Demokratie und Rechtstaat einsetzen, auch noch verhöhnen oder verleumden. Da versteht man, wie das in den 30er Jahren mit dem braunen Pack so gut klappen konnte.
mens 14.06.2018
4. Projektion
In einem Land, das andere Nationen traditionell gerne als faschistisch bezeichnet, stehen anscheinend 80% hinter dieser Art von Politik und Justiz. Hm...
In einem Land, das andere Nationen traditionell gerne als faschistisch bezeichnet, stehen anscheinend 80% hinter dieser Art von Politik und Justiz. Hm...
hansriedl 14.06.2018
5. Millionen feiern, einer hungert
Bald werden noch einige mehr hungern. Russische Regierung hebt Pensionsalter und Mehrwertsteuer an. Für Männer steigt Alter bis 2028 von derzeit 60 auf 65 Jahre, für Frauen bis 2034 von 55 auf 63 Jahre. Nach langem Hin und [...]
Bald werden noch einige mehr hungern. Russische Regierung hebt Pensionsalter und Mehrwertsteuer an. Für Männer steigt Alter bis 2028 von derzeit 60 auf 65 Jahre, für Frauen bis 2034 von 55 auf 63 Jahre. Nach langem Hin und Her hat die russische Regierung die schrittweise Anhebung des Pensionsalters beschlossen: Für Männer steigt es bis 2028 von derzeit 60 auf 65 Jahre, für Frauen bis 2034 von 55 auf 63 Jahre. Ziel der Maßnahme sei es, die Pensionen stärker als bisher anzuheben, erklärte Premier Dmitri Medwedew. Schließlich fehlen dem Haushalt bis 2024 weit mehr als 100 Mrd Euro.

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