Politik

Tillerson wegen Syrienkrise in der Türkei

Einst Partner - bald Gegner?

Der Konflikt zwischen den USA und der Türkei spitzt sich zu. Soldaten beider Nato-Länder könnten sich bald in Syrien gegenüberstehen. Nun soll der US-Außenminister bei einem Besuch in Ankara schlichten.

AP

Rex Tillerson

Von und , Berlin und Istanbul
Donnerstag, 15.02.2018   12:53 Uhr

Eric Edelmann hat als US-Botschafter in Ankara gedient. Er kennt sich aus in der Region. Mittlerweile ist Edelmann im Ruhestand, doch sein Wort hat in Washington immer noch Gewicht.

Der Gastbeitrag, den Edelmann nun im Portal "Politico" veröffentlich hat, ist deshalb mehr als nur die Wortmeldung eines Ex-Diplomaten. Er ist ein Weckruf.

In düsteren Worten skizziert Edelmann ein Szenario, das bis vor wenigen Wochen noch wie eine Dystopie klang, nun jedoch eine reelle Möglichkeit darstellt: In Syrien könnten schon bald amerikanische und türkische Soldaten gegeneinander kämpfen. "Die Türkei ist außer Kontrolle", schreibt Edelmann.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan scheint die Konfrontation geradezu zu suchen. Er hat Truppen in die Provinz Afrin, im Nordwesten Syriens geschickt, um die kurdische Miliz YPG aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. Nun kündigt er an, die Offensive in den Osten auf die Stadt Manbidsch ausdehnen zu wollen - wo neben der YPG auch US-Soldaten stationiert sind. (Eine Analyse zur stockenden Mission der Türken in Syrien lesen Sie hier.)

DER SPIEGEL

Lage in Nordsyrien

"Sie sagen uns: Kommt nicht nach Manbidsch", höhnte Erdogan vor Parteifreunden in Ankara. "Aber wir werden kommen und diese Gebiete ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgeben." US-Kommandant Paul Funk konterte in der "New York Times": "Wenn ihr uns angreift, werden wir aggressiv zurückschlagen. Wir werden uns verteidigen." Es sind Worte, wie man sie so kaum je zuvor zwischen zwei Nato-Partnern gehört hat.

Am Donnerstag reist US-Außenminister Rex Tillerson nach Ankara, um in Gesprächen mit seinem Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu und Präsident Erdogan den Schaden zu begrenzen. Seine Erfolgsaussichten sind gering.

Die YPG erwies sich als verlässlicher Partner im Kampf gegen den IS

Die USA und die Türkei verfolgen in Syrien zum Teil entgegengesetzte Interessen. Erdogan wollte einst das Regime von Diktator Baschar al-Assad stürzen. Inzwischen geht es ihm vor allem darum, einen Kurden-Staat zu verhindern. Washington hat den Krieg gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" in Syrien zur Priorität erklärt. Da aber weder Barack Obama noch Donald Trump amerikanische Bodentruppen in das Bürgerkriegsland schicken wollten, waren sie auf einen Bündnispartner angewiesen und glaubten diesen in der YPG, dem syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, gefunden zu haben.

Die USA tun so, als gäbe es einen Unterschied zwischen der PKK und der YPG, obwohl sie wissen, dass das nicht stimmt, und dass die Türkei die YPG als Sicherheitsrisiko betrachtet. Eine Zeitlang ging diese Strategie auf: Die YPG erwies sich als verlässlicher Partner im Kampf gegen den IS. Erdogan grollte, unternahm jedoch nichts, um die kurdisch-amerikanische Allianz zu brechen.

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Recep Tayyip Erdogan

Erst die Ankündigung Washingtons, in Syrien eine Grenzschutztruppe unter Führung der YPG zu etablieren, ließ den Konflikt Mitte Januar eskalieren. "Wir werden diese Terrorarmee versenken, bevor sie aus der Taufe gehoben wird", drohte Erdogan. Wenige Tage später marschierte die Türkei in Afrin ein.

Seither heizt die Regierung in Ankara die Stimmung beinahe täglich weiter an. Premier Binali Yildirim behauptet, die USA schritten "Seite an Seite mit Terroristen".Erdogan drohte amerikanischen Soldaten mit einer "osmanischen Ohrfeige". "Natürlich werden wir nicht absichtlich auf sie zielen", sagte er. "Aber wir verkünden jetzt schon, dass wir jeden Terroristen, den wir sehen, vernichten und ausmerzen werden - angefangen mit denen, die direkt neben ihnen stehen." Kurz vor seinem Treffen mit Erdogan versicherte Tillerson, die USA hätten niemals schwere Waffen an die YPG in Nordsyrien geliefert.

Hinter den Kulissen gewinnt die Auseinandersetzung an Schärfe

Erdogan schürt bewusst antiamerikanische Ressentiments, indem er den Militäreinsatz der Türkei in Syrien als antiimperialistischen Kampf darstellt. Er weiß, dass er damit nationalistische Wähler mobilisieren kann. Laut einer aktuellen Umfrage des "Center for American Progress", haben acht von zehn Türken eine "sehr schlechte" Meinung über die Vereinigten Staaten.

Fotostrecke

Offensive in Syrien stockt: Erdogans Panzer stecken fest

Die USA sind zunehmend genervt von ihrem Bündnispartner. Zwar halten sich Regierungsvertreter bislang noch mit öffentlicher Kritik an der Türkei zurück, hinter den Kulissen jedoch gewinnt die Auseinandersetzung an Schärfe.

US-Verteidigungsminister Jim Mattis klagte bei einem Treffen der Anti-IS-Koalition, die Türkei hätte ihren Einsatz in Syrien mit Russland abgestimmt, nicht jedoch mit Washington. Der Einmarsch türkischer Truppen in Afrin hätte dazu geführt, dass die "Demokratischen Kräfte Syriens" (SDF), ein Militärbündnis unter Führung der YPG, Kräfte in den Nordwesten verlagerte. Kurz darauf hätte das Assad-Regime eben jene Gebiete attackiert, wo SDF-Kämpfer fehlten. Die USA seien genötigt gewesen, Luftangriffe zu fliegen, um eigene Soldaten zu schützen. Mattis sprach es nicht direkt aus, aber jeder im Raum verstand, dass er der Türkei Verrat vorwarf.

Kann der russische Kurs als Vorbild dienen?

Vor Tillersons Ankara-Besuch wächst in den USA der Druck auf die Regierung, Erdogan deutlicher als bisher in die Schranken zu weisen. Washington müsse der Türkei eindeutig zu verstehen geben, dass ein Angriff auf Manbidsch nicht unbeantwortet bliebe, argumentiert Ex-Botschafter Edelmann, andernfalls treibe Erdogan die Provokationen immer weiter.

Als Vorbild im Umgang mit der Türkei dient vielen Beobachtern im Westen ausgerechnet Russland. Nachdem türkische Soldaten im November 2015 einen russischen Kampfjet über Syrien abgeschossen hatten, standen beide Länder kurz vor einem Krieg. Präsident Wladimir Putin verhängte Wirtschaftssanktionen gegen Ankara, stoppte den Tourismus aus Russland in die Türkei - Erdogan lenkte ein. Seine Regierung arbeitet in Syrien nun eng mit Moskau zusammen.

Video: Wie Deutschland indirekt zur Kriegspartei wird

Foto: AP; SPIEGEL ONLINE
insgesamt 60 Beiträge
aaaron 15.02.2018
1. Völkerrecht war gestern
Das ganze ist eine Farce mit großem Potenzial zur Konfliktausweitung, denn sowohl die USA als auch die Türkei sind illegal in Syrien. Weder müssen sie sich gegen einen Angriff Syriens verteidigen noch haben Sie ein Mandat der [...]
Das ganze ist eine Farce mit großem Potenzial zur Konfliktausweitung, denn sowohl die USA als auch die Türkei sind illegal in Syrien. Weder müssen sie sich gegen einen Angriff Syriens verteidigen noch haben Sie ein Mandat der UNO. Lediglich Russland ist auf Einladung der legitimen syrischen Regierung und damit völkerrechtskonform vor Ort. Aber wen interessiert schon Völkerrecht in einer Welt, in der wir zunehmend nach unseren eigenen Vorlieben die Handelnden in Gut und Böse unterteilen?
rabkauhala 15.02.2018
2. Die Kurden
(und damit meine ich nicht die terroristischen Kämpfer!) denen in der Türkei eine Behandlung wie seinerzeit den Armeniern droht bzw. deren Zivilisten und demokratischen Vertretern schon jetzt zu tausenden brutal unterdrückt [...]
(und damit meine ich nicht die terroristischen Kämpfer!) denen in der Türkei eine Behandlung wie seinerzeit den Armeniern droht bzw. deren Zivilisten und demokratischen Vertretern schon jetzt zu tausenden brutal unterdrückt werden (Diyarbakir!!!) sollten in Ihrem Kampf für Selbstbestimmung unterstützt werden. Warum nicht defensive Waffen (Milan etc.) liefern damit sie sich gegen die türkischen Angriffe mit deutschen Waffen (Leopard ") wehren können?
joG 15.02.2018
3. Was will man sagen.....
...zu all dem? Als die EU damals den westluch orientierten politischen Kräften in der Türkei die inländische Glaubwürdigkeit nahm indem man klar machte, das die EU sie als Mitglied nicht akzeptieren würde, wurde ein [...]
...zu all dem? Als die EU damals den westluch orientierten politischen Kräften in der Türkei die inländische Glaubwürdigkeit nahm indem man klar machte, das die EU sie als Mitglied nicht akzeptieren würde, wurde ein Entwicklung dahin, wo wir nun sind, sehr wahrscheinlich. Das haben wir im Die Zeit Forum schon zur Zeit Clintons diskutiert. Jetzt wird die Rechnung der damaligen Xenophobie prasentiert.
s.l.bln 15.02.2018
4. Was legitimiert...
...Ihrer Meinung nach denn die Regierung in Syrien? Der Konflikt hatte seinen Ursprung darin, daß große Teile der Bevölkerung von dieser Legitimierung nichts wissen. Alles Weitere entwickelte sich aus dem Machvakuum, [...]
Zitat von aaaronDas ganze ist eine Farce mit großem Potenzial zur Konfliktausweitung, denn sowohl die USA als auch die Türkei sind illegal in Syrien. Weder müssen sie sich gegen einen Angriff Syriens verteidigen noch haben Sie ein Mandat der UNO. Lediglich Russland ist auf Einladung der legitimen syrischen Regierung und damit völkerrechtskonform vor Ort. Aber wen interessiert schon Völkerrecht in einer Welt, in der wir zunehmend nach unseren eigenen Vorlieben die Handelnden in Gut und Böse unterteilen?
...Ihrer Meinung nach denn die Regierung in Syrien? Der Konflikt hatte seinen Ursprung darin, daß große Teile der Bevölkerung von dieser Legitimierung nichts wissen. Alles Weitere entwickelte sich aus dem Machvakuum, das dieser Bürgerkrieg hervorbrachte. Ich habe Schwierigkeiten zu erkennen, warum die Verbündeten der assadgetreuen Bevölkerungsteile (Russland) dort legitimer Krieg führen sollten als die Verbündeten z.B. der kurdischen Bevölkerungsteile (USA). Die einzigen, die dort niemand eingeladen hat, sind die Türken, welche ihre einzigen Verbündeten dort aus den Islamisten rekrutieren, gegen die sowohl beide in den Bürgerkrieg involvierten Bevölkerungsteile, als auch Russland, das Assadregime und die USA kämpfen.
idris_yapca 15.02.2018
5. letzter Absatz
Herr Popp so ganz richtig ist Ihr letzter Absatz nicht. Wir wissen dass die Piloten die den russischen Jet abgeschossen haben FETÖ Mitglieder waren, so wie der Attentäter der den russischen Botschafter ermordet hat. Und nur [...]
Herr Popp so ganz richtig ist Ihr letzter Absatz nicht. Wir wissen dass die Piloten die den russischen Jet abgeschossen haben FETÖ Mitglieder waren, so wie der Attentäter der den russischen Botschafter ermordet hat. Und nur deswegen haben sich die Beziehungen verbessert. Beide Länder sind auf einander angewiesen. So wie USA und Türkei ebenso.

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