Politik

US-Pastor im türkischen Arrest

Der Schauprozess

Seit mehr als zwei Jahren hält die Justiz US-Pastor Andrew Brunson in der Türkei fest. Am Freitag wird der Prozess fortgesetzt. Das Verfahren hat weitreichende Folgen für das amerikanisch-türkische Verhältnis.

DPA

Andrew Craig Brunson

Aus Izmir berichtet
Donnerstag, 11.10.2018   16:14 Uhr

Sie bewachen ihn wie einen Schwerverbrecher: Sicherheitskräfte riegeln den Weg zu seiner Wohnung ab, Antiterrorpolizisten patrouillieren auf der Straße. Hin und wieder kreist ein Hubschrauber über der Nachbarschaft.

Andrew Brunson, 50 Jahre alt, Pastor, Vater von drei Kindern, kam in den Neunzigerjahren als Missionar aus North Carolina in die Türkei. Er gründete in Izmir eine Kirchengemeinde, die evangelikale "Auferstehungskirche", die gerade einmal 25 Mitglieder zählt. Nachbarn beschreiben ihn als frommen, stillen Mann, der seine Freizeit damit verbrachte, zu grillen und mit seinen Kindern im Meer zu baden.

Nun befindet er sich seit Juli im Hausarrest, nachdem er zuvor bereits zwei Jahre lang in Untersuchungshaft saß. Er trägt elektronische Fußfesseln und darf seine Wohnung in Izmir nicht verlassen.

Die türkische Justiz legt keine Beweise vor

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hält Brunson für einen Staatsfeind: Er wirft ihm vor, der kurdischen Guerillaorganisation PKK und der Gemeinde des Islamistenpredigers Fethullah Gülen als Spion gedient zu haben. Brunson habe "Unruhe stiften und Chaos verbreiten" wollen, heißt es in der Anklageschrift, die dem SPIEGEL vorliegt. Beweise für seine Schuld hat die türkische Justiz bis heute nicht vorgelegt. Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf die Aussagen anonymer Zeugen. Sämtliche Versuche der US-Regierung, den Pastor freizubekommen, sind bislang gescheitert.

Am Freitag wird der Prozess in Izmir fortgesetzt. Es ist offen, ob Brunson freikommt. Einerseits ist der Druck auf die türkische Regierung stark gewachsen. Anderseits hat Erdogan bisher keine Anzeichen gegeben, dass er gegenüber den USA zu Zugeständnissen bereit ist. "Wir müssen das Urteil der Justiz respektieren", sagte er diese Woche gegenüber türkischen Journalisten. Fest steht, dass die Entscheidung weitreichende Folgen für das amerikanisch-türkische Verhältnis haben wird.

Der Fall Brunson hat schon jetzt eine internationale Krise ausgelöst: Er hat US-Präsident Donald Trump im August dazu veranlasst, Sanktionen gegen Ankara zu verhängen, die den Wert der Lira einbrechen ließen. Gegenwärtig liegt der Dollar-Lira-Kurs bei 1:6. Der Währungsverfall droht die türkische Wirtschaft in den Abgrund zu reißen. Die Inflation ist im September auf einen Rekordwert von 24 Prozent gestiegen. Unternehmen, die einen Großteil ihrer Kredite in Dollar und Euro aufgenommen haben, stehen kurz vor dem Bankrott.

Die Krise zwischen Washington und Ankara reicht tief

Bislang waren weder Trump noch Erdogan gewillt, in dem Konflikt zurückzustecken. Erdogan betrachtet die US-Sanktionen als Verschwörung gegen die Türkei. Er spricht von einem "Wirtschaftskrieg" und "Wirtschaftsterrorismus". Trump wiederum, so scheint es, ist entschlossen, an der Türkei ein Exempel zu statuieren. Er nannte Brunsons Verhaftung eine "totale Schande" und forderte Erdogan auf, "etwas zu tun, damit dieser wundervolle Christ, Ehemann und Vater" freikomme.

Sollte das Gericht in Izmir den Hausarrest gegen Brunson aufrechterhalten, dürfte dies die Spannungen zwischen den USA und der Türkei weiter verschärfen. Evangelikale stellen für die Republikaner eine wichtige Wählergruppe dar. Trump wird eine Ausreisesperre gegen Brunson wenige Wochen vor den Midterm-Wahlen kaum unwidersprochen hinnehmen. Laut Medienberichten bereitet die US-Regierung bereits neue Sanktionen vor, die unter anderem Turkish Airlines treffen könnten, was die türkische Wirtschaft wohl endgültig kollabieren ließe.

Selbst ein Freispruch für Brunson wird die amerikanisch-türkischen Beziehungen nicht schlagartig verbessern. Die Krise reicht tief: Beide Länder streiten über die Strategie im Syrienkrieg, über die Hintergründe des Putschversuchs in der Türkei, über Ankaras Ankauf russischer Raketen. In den vergangenen Monaten sei viel Vertrauen verloren gegangen, sagt der türkische Ex-Diplomat Sinan Ülgen. "Das lässt sich nicht über Nacht wiedergewinnen."

insgesamt 19 Beiträge
menton 11.10.2018
1. wette
Ja, es ist sicher unangemessen, über das Schicksal eines Menschen Wetten abzuschließen.... ... trotzdem: Ich wette, er erhält eine "gesichtswahrende" Strafe, die mit der U-Haft abgegolten ist oder er wird noch bis [...]
Ja, es ist sicher unangemessen, über das Schicksal eines Menschen Wetten abzuschließen.... ... trotzdem: Ich wette, er erhält eine "gesichtswahrende" Strafe, die mit der U-Haft abgegolten ist oder er wird noch bis zum Verfahrensende auf freien Fuß gesetzt um ihm die Möglichkeit der Flucht zu geben. Jedenfalls wird es keinen Freispruch geben, aber auch keine wirkliche Verurteilung, die das Verhältnis zu den USA weiter schädigt... Typisch türkische Lösung, in der Erdogan weiterhin den "starken Mann" spielen kann, ohne es wirklich darauf ankommen zu lassen.
Highfreq 11.10.2018
2. Stark bleiben
Ich bin für hart bleiben, weitere Sanktionen verhängen und die türkische Wirtschaft bluten lassen. Am Ende wird der Pastor abgeschoben und zur Persona non grata erklärt. Erdogan kann sich dadurch profilieren, weiter den Westen [...]
Ich bin für hart bleiben, weitere Sanktionen verhängen und die türkische Wirtschaft bluten lassen. Am Ende wird der Pastor abgeschoben und zur Persona non grata erklärt. Erdogan kann sich dadurch profilieren, weiter den Westen für seine Inkompetenz verantwortlich machen und Trump hat den Pastor frei bekommen - was mich für den Pastor freut, nicht für Trump. Einziges Problem bei der Sache sind die nicht auszumalenden Konsequenzen für die europäische Wirtschaft bei einem total Zusammensturz der türkischen Lira. Am Ende müssen wir da jedoch keinen finanziellen Rettungsanker zuwerfen, dafür hat Erdogan zum Glück gesorgt. Da die Leidtragenden die türkische Gesellschaft sein wird, könnte dies aber bedeuten, dass man sich bei den nächsten Wahlen vielleicht doch mal gegen Erdogan und seine Vetternwirtschaft stellt.
ziehenimbein 11.10.2018
3. Was ist denn, wenn die Anklage berechtigt ist?
25 Gemeindemitglieder finde ich recht mager, nach so vielen Jahren. Da kommen mir andere Gründe für den Aufenthalt nicht so unwahrscheinlich vor. Dass die CIA auch mal Leute verheizt, wäre auch nicht neu. Trump steht doch gut [...]
25 Gemeindemitglieder finde ich recht mager, nach so vielen Jahren. Da kommen mir andere Gründe für den Aufenthalt nicht so unwahrscheinlich vor. Dass die CIA auch mal Leute verheizt, wäre auch nicht neu. Trump steht doch gut da, wie auch immer das ausgeht.
Chris CNX 11.10.2018
4. @ziehenimbein
"...kam in den Neunzigerjahren als Missionar aus North Carolina in die Türkei. Er gründete in Izmir eine Kirchengemeinde, die evangelikale "Auferstehungskirche", die gerade einmal 25 Mitglieder zählt." Da [...]
"...kam in den Neunzigerjahren als Missionar aus North Carolina in die Türkei. Er gründete in Izmir eine Kirchengemeinde, die evangelikale "Auferstehungskirche", die gerade einmal 25 Mitglieder zählt." Da hat er ja pro Jahr gerade mal ein Schäfchen für seine Gemeinde gewonnen, wenn überhaupt. Wovon lebte der Pastor eigentlich. Von Spenden seiner übersichtlichen Gemeinde ja wohl nicht. Irgendwie schon merkwürdig alles. Und dass nach zwei Jahren noch keine handfesten Beweise der Türken vorliegen ist auch schwach.
Dida 11.10.2018
5. keine Beweise?
SPON, recherchiert mal im Internet und ihr werdet viele Fotos finden, wo der sog. "Pastor" mit PKK Kämpfer posiert. Echt schwach !!
SPON, recherchiert mal im Internet und ihr werdet viele Fotos finden, wo der sog. "Pastor" mit PKK Kämpfer posiert. Echt schwach !!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP