Politik

Amerika-Serie

Der ewige Weltkrieg

Teddy Draper, amerikanischer Indianer vom Stamm der Navajo, war eine Schlüsselfigur der legendären Schlachten von Iwo Jima. Seine wahre Schlacht aber begann mit der Heimkehr in die USA.

Klaus Brinkbäumer

Teddy Draper

Von
Donnerstag, 08.03.2018   16:51 Uhr

Er musste 60 Jahre lang auf die Anerkennung warten, nach 60 Jahren erhielt er das Purple Heart, einen der höchsten militärischen Orden Amerikas. Er trägt die Medaille in einem Brustbeutel über dem Hemd. "Es ist seltsam, aber nach so langer Zeit fühlt man dann weder Erleichterung noch Stolz", sagt er.

Ein alter Mann: Teddy Draper, Held der Navajo.

Er war ein Code Talker, damals im Zweiten Weltkrieg. Teddy Draper übersetzte Kommandos und wichtige Botschaften in die Sprache der Navajo, unverständlich also für den Feind. Dafür musste er an der Front sein. Darum war er in Iwo Jima.

Iwo Jima, Pazifikinsel mit langen Sandstränden, Ort bitterer Schlachten zwischen Japanern und Amerikanern, ist einer dieser mythischen Orte. Ein Ort des Sieges. Ein Ort der Trauer: Nach 35 Tagen waren 6821 amerikanische Soldaten gefallen. Und 22.000 Japaner. Das berühmte Bild ist geblieben: Soldaten, die das Sternenbanner errichten, oben auf Mount Suribachi. Die Geschichten sind geblieben: Wegen all der Tunnel im Untergrund konnten sich zwei Japaner vier Jahre lang verstecken, sie kapitulierten 1949.

Iwo Jima ist rund zwölf Quadratkilometer groß und war strategisch deshalb so wichtig, weil die Amerikaner einen Stützpunkt auf dem Weg nach Tokio brauchten. Von Iwo Jima aus waren es noch 1000 Kilometer.

"Sie haben den Code nie geknackt"

Teddy Draper trägt Brille und Hörgerät. Er hat die weißen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. "Navajo Code Talkers" steht auf seiner Baseballmütze. Ein Sandwich mit Pommes frites und einen Tee bestellt er, und das alles rührt er nicht an, während er vom Krieg erzählt.

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In San Diego wurde er für den Spezialeinsatz ausgebildet. Alle dort flüsterten, auch wenn sie unter sich waren. Du wirst in zwei Tagen deinen Einsatzbefehl bekommen. Sprich mit niemandem. Sag deiner Frau nichts. Und dann kamen zwei Soldaten: Are you Private Draper? Come with us. Sie eskortieren ihn zum Bus, fahren zu einer anderen Kaserne, "United States Marine Corps" steht da, es ist das Jahr 1943, Private Draper ist jetzt 19 Jahre alt. Sein Lehrer war ein Navajo. Ruhig und kühl. Der Lehrer brachte ihm alles bei: Die amerikanische Nachricht, das Original, war auf Papier niederzuschreiben. Dann zu übersetzen und zu verfremden. Aus "hill" (Berg) wurde in der Codesprache "Chi A Tsa", was eigentlich "horse (is) ill", das Pferd ist krank, bedeutet, aber in der Geheimsprache eben "hill".

Der Trick funktionierte so: Nur der erste Buchstabe des ersten Wortes hatte bei der Übertragung stehenzubleiben, das zweite Wort wurde dann diesem ersten Buchstaben des ersten Wortes hinzugefügt. "Spain" wurde auf diese Weise zu "qule-deni", was nämlich "snake pain" bedeutet - und korrekt zusammengefügt bei der Decodierung eben wieder zu "Spain" wird. Die Amerikaner benutzten also eine Sprache, welche die Japaner nicht kannten; und in dieser fremden Sprache dann einen quälend langsamen, eigentlich aber verdammt simplen Code. "Die Japaner", sagt Teddy, "haben alles versucht, haben sogar Leute in die USA geschmuggelt, um hinter unser Geheimnis zu kommen, aber sie haben den Code nie geknackt."

Die tödliche Falle

Er kam in die zweite Marinedivision, dann in die fünfte, er wurde in Hawaii, Kenia, Zypern eingesetzt, und während er davon erzählt, malt er Figuren auf die Papiertischdecke; an der rechten Hand fehlt die Mittelfingerkuppe seit damals. Seit dem 18. Februar 1945, 9 Uhr. Iwo Jima.

"Wir landeten am Strand an... Wir verteilten Telefone, Kabel, Schaltkästen... Wir mussten in den ersten Reihen dabei sein, um die Kommunikation zu sichern ... Wir marschierten in die Hölle hinein, direkt in die Hölle." So redet Teddy Draper Jahrzehnte danach, den Blick abgewandt, schluchzend, nichts essend, eine Teetasse über den Tisch schiebend, denn sein Freund Jimmy Preston, Navajo, wurde damals erschossen, auf diesen ersten Metern. Teddy aber schaffte es zu einer Düne, er glaubt, dass es ihm half, dass er in der Schule ein guter Sprinter gewesen war, er grub sich ein Loch und baute das Telefon auf. Er wurde getroffen. Im Bein. Aber lebte, während neben ihm, vor ihm, hinter ihm, all die Marines erschossen wurden.

Ein Teil des Telefons fehlte. Er hatte es fallen gelassen und musste zurück, 50 Meter weit. Er schaffte auch das. Und das Telefon funktionierte, und die Kommunikation begann, die Japaner verstanden kein Wort.

"Teddy, du hast uns allen das Leben gerettet", sagte Sergeant Ray hinterher, so erinnert sich Teddy.

"Danke, Sir."

"Du bekommst eine Medaille."

"Was für eine Medaille? Ich will keine Medaille."

"Was willst du denn?"

"Eine Beförderung."

So wurde er Corporal und verdiente ab sofort ein paar Dollar mehr. Doch die erste Schlacht verloren sie dort im Sand. Die Japaner hatten sich vorbereitet und Tunnel gegraben, sie kamen von allen Seiten. Ihre Artillerie setzten sie ein. Der Kerl neben Teddy, gerade verheiratet, werdender Vater, starb dort am Strand. Und dann, auf einmal, konnte auch Teddy nichts mehr sehen, nichts hören, nichts sagen - Splitter hatten ihn am rechten Knie, in der linken Schulter und vor allem an der Stirn erwischt. Dann kam die Ohnmacht, Teddy wusste noch nicht, dass er der einzige Überlebende seines Zugs war.

Der Doktor nähte ihn ohne Instrumente, ohne Betäubung. Teddy hätte zum Schiff zurückkehren dürfen, aber das traute er sich nicht. Also ging es voran, in der fünften Nacht, als die Verstärkung da war, das E-Platoon. Als sich das Glück langsam den Amerikanern zuwandte, als der Siegeszug begann. Aber es dauerte noch, insgesamt dauerte es 34 Tage und Nächte lang. Teddy übersetzte, Teddy kämpfte, und einmal erschoss er fünf Japaner, die aus einer Höhle auf ihn zustürmten. Und er wartete darauf, dass sein Gehör zurückkehrte, aber das passierte nicht. Bis heute nicht oder so gut wie nicht; er trägt zwei Hörgeräte.

Keine Rente, keine Anerkennung

Zwei seiner Kollegen, Navajo, begingen Suizid, nach dem Krieg. Teddy sagt, er habe die Lieder der Navajo gesungen, schon dort in Japan, das sei sein Trost gewesen. Dann begann die Besatzungszeit, er war in Nagasaki, lernte Japanisch und verliebte sich; das Foto des jungen, kraftvollen, lachenden Teddy und der hübschen Japanerin trägt er noch heute im Portemonnaie bei sich.

Doch natürlich musste er zurück. Und natürlich musste sie bleiben. Und im Mai 1946 wurde er entlassen und ins zivile Leben geschickt, und als er sich per Anhalter und zu Fuß endlich durchgeschlagen hatte und im Veteranenbüro in Phoenix anstand, wühlten sich die Männer auf der anderen Seite des Schalters durch Listen und Unterlagen und fanden nichts. Keinen Eintrag. Nicht einmal den Namen. "Sorry, we can't do anything for you." Dieser Satz hat sich eingebrannt, Teddy sagt ihn zweimal.

Schon klar, der Auftrag der Code Talker war eine Geheimoperation. Aber so geheim? Derart geheim, dass es keine Rente, keine Anerkennung, keine Erstattung der Behandlungskosten geben konnte?

Hatte es damit zu tun, dass die Code Talker Indianer waren?

Teddy antwortet nicht, isst aber inzwischen sein Sandwich.

Wir stehen dann auf und gehen hinaus und sehen Chinle, Zentrum des Reservats und nichts als ein Nest. Eine Mustang-Tankstelle, davor all die Pick-ups. Eine Kirche, "Church of Jesus Christ of Latter Day Saints". Eine Hauptstraße, ein kleines Bürogebäude: "Navajo Nation Regional Business Development". Ein winziges Baseballstadion. Viel Müll überall. Ein "Burger King". Die Tennisplätze werden seit Ewigkeiten nicht genutzt, Unkraut wächst zwischen den Linien. "Silver Coin Laundry and Video". Und Schluss.

Späte Hoffnung

Ein flaches, graues Haus in der Wüste, hier lebt der Code Talker. Rot ist der Sand im Reservat der Navajo, die Ziegen laufen frei herum. Bobby Cars und Dreiräder parken vor dem Haus. Der Canyon in der Nähe, Naturspektakel: roter Sand, schwarze Felsen. In der Ferne die Black Mountains. Und der Wind heult.

Fünf Jahre später, 1951, kam eine Nachricht aus Phoenix. "Wir haben noch mehr wie dich." Die anderen waren in Michigan, Pennsylvania, Virginia, weit verstreut über das Land. Alle erzählten das Gleiche, alle wirkten glaubwürdig. Doch irgendein alleroberster Vorgesetzter sprach den urteilsgleichen Satz: "This is is still not sufficient." Kein Beweis, kein Geld, keine Anerkennung.

Und Teddy, der gute Soldat, hielt sich bis 1968 an den Befehl von damals: Er sagte keinem Zivilisten, was er im Krieg getan hatte. "Was hast du gemacht, was hast du erlebt?" "Ich darf nicht darüber reden." Das war hier in Chinle seine kurze Geschichte vom Krieg, immer wieder nur dieser eine Satz. Als Lehrer schlug Teddy sich durch, er unterrichtete die Sprache der Navajo und Englisch, aber er sah und hörte immer schlechter und fand keine Jobs mehr. Die Jahre vergingen, Teddy wurde alt und langsam blind.

Amerika-Serie

Im Jahr 2000 dann, endlich, trafen sich die Veteranen von Iwo Jima, und Teddy hielt einen kleinen Vortrag, der einen Anwalt motivierte. Der Anwalt, George P. Parker Jr. aus San Antonio, sagte: "Ich kann etwas für dich tun." Sie führten lange Gespräche, zeichneten alles auf. Der Anwalt wollte kein Honorar, und er fuhr nach Phoenix und zog stellvertretend für Teddy Draper in diese endlose, diese wahre Schlacht der Code Talker. Es ging noch für eine Weile hin und her, die Anträge, der Prozess, aber dann war es klar: Teddy Draper, amerikanischer Held von Iwo Jima, war anerkannt. Endlich durfte er seine Geschichte erzählen, musste es sogar, denn er bekam das Purple Heart und 2040 Dollar pro Monat, außerdem 80.000 Dollar für die 45 Jahre seines Kampfes. In einem Militärhospital wurden seine Ohren operiert, auch die Augen, und er bekam eine Brille.

"Ich war ein neuer Mann", sagt er, "das Leben hatte Sinn." Und Martha, Ehefrau und Mutter seiner sechs ehelichen Kinder Teddy Jr., Michael, Gloria, Gevera, Debert und Otto (es gibt noch sechs weitere Kinder, zudem 57 Enkel), Martha also konnte endlich unbeschwert einkaufen, endlich war ein wenig Geld für die Familie da.

400 Navajos, 400 Code Talker setzten die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg ein. Manchmal träumt Teddy Draper noch von den Japanern, manchmal sieht er links von sich einen Japaner und dann rechts, denn es ist bis heute nicht vorbei, die Japaner kommen immer noch. Er träumt auch von den fünf Männern, die er erschoss, und ein Medizinmann der Navajo sagte ihm, diese Tat sei Sünde, auch wenn sie im Krieg geschehen sei.

Im Dezember 2017 starb der amerikanische Held Teddy Draper, er wurde 96 Jahre alt.

Als wir uns verabschiedeten, fragte der Code Talker: "You don't have a donation, do you?" Doch, natürlich, 20 Dollar? "That'll do it."

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insgesamt 10 Beiträge
christoph_christoph 08.03.2018
1. Nochmal recherchieren bitte
"Er musste 60 Jahre lang auf die Anerkennung warten, nach 60 Jahren erhielt er das Purple Heart, Amerikas höchsten militärischen Orden." - Wenn der erste Satz bereits erhebliche inhaltliche Mängel aufweist, weiß [...]
"Er musste 60 Jahre lang auf die Anerkennung warten, nach 60 Jahren erhielt er das Purple Heart, Amerikas höchsten militärischen Orden." - Wenn der erste Satz bereits erhebliche inhaltliche Mängel aufweist, weiß man immerhin, dass man nicht mehr weiterlesen muss.
mad89 08.03.2018
2. Die Sache mit den Medaillen
Die Medal of Honor ist das höchste honorierte Metall der amerikanischen Streitkräfte. Das Purple Heart ist ein Orden für all die armen Hunde die im Krieg verwundet wurden.
Die Medal of Honor ist das höchste honorierte Metall der amerikanischen Streitkräfte. Das Purple Heart ist ein Orden für all die armen Hunde die im Krieg verwundet wurden.
lequick 08.03.2018
3.
Danke für diese Erzählung.
Danke für diese Erzählung.
artusdanielhoerfeld 08.03.2018
4. Besser recherchieren!
Das "Purple Heart" ist nicht "Amerikas höchster militärischer Orden" sondern das Verwundetenabzeichen. Und es gehört auch nicht speziell zum U.S. Marine Corps. Das weiß ich als Laie ja besser als Ihre [...]
Das "Purple Heart" ist nicht "Amerikas höchster militärischer Orden" sondern das Verwundetenabzeichen. Und es gehört auch nicht speziell zum U.S. Marine Corps. Das weiß ich als Laie ja besser als Ihre Redakteure!
tgaida4432 08.03.2018
5. Diné Bizaad ayóó nizhoni!
Diné Bizaad ayóó nizhoni! Die Sprache der Navajo ist sehr schön! Doch auch die gelegentlichen Berichte über die Code Talkers vermögen es leider nicht, in der Öffentlichkeit starkes Interesse zu wecken. Nach dem letzten [...]
Diné Bizaad ayóó nizhoni! Die Sprache der Navajo ist sehr schön! Doch auch die gelegentlichen Berichte über die Code Talkers vermögen es leider nicht, in der Öffentlichkeit starkes Interesse zu wecken. Nach dem letzten Zensus in den USA schätzte man die Anzahl der Sprecher bei den Diné (Selbstbezeichnung der Navajo) noch auf ca. 150000, und das ist viel verglichen mit anderen in den USA beheimateten Sprachen. Diné Bizaad ist vergleichsweise gut dokumentiert, und es gibt ein paar Lehrbücher. Wer einen ersten Eindruck gewinnen möchte, besuche auf Youtube den Kanal Daybreakwarrior. Wenig schmeichelhaft und vermutlich in einem der beiden Weltkriege entstanden ist übrigens das Navajo-Wort für Deutschland: Béésh Bichʼahii bikéyah - Stahl Helm Land

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