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Fahndung

USA setzen Kopfgeld auf PKK-Funktionäre aus

Selten zeigt sich die Widersprüchlichkeit amerikanischer Außenpolitik so klar: Während in Syrien US-Soldaten mit kurdischen Kämpfern patrouillieren, setzt das Außenministerium Kopfgeld auf drei Kommandeure aus.

AFP

Murat Karayilan (2009)

Von
Donnerstag, 08.11.2018   19:20 Uhr

Als Matthew Palmer, Unterstaatssekretär im US-Außenministerium in dieser Woche in die Türkei reiste, brachte er ein politisches Gastgeschenk mit. Er verkündete in Ankara, dass die US-Regierung ein hohes Kopfgeld auf drei führende Funktionäre der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK ausgesetzt habe.

Auf der Website des "Rewards for Justice Program" des US-Außenministeriums rangieren die drei Milizionäre derzeit noch vor Terroristen von al-Qaida und dem "Islamischen Staat" (IS).

Die Türkei zählt die drei Männer zu ihren größten Staatsfeinden. Entsprechend wohlwollend nahm die Regierung in Ankara die Entscheidung der US-Regierung auf. Verteidigungsminister Hulusi Akar bezeichnete den Schritt als "positiv, aber spät".

PKK und YPG sind kaum voneinander zu trennen

Doch Ankara will mehr: "Wir erwarten dieselbe Haltung gegenüber der YPG, die kein bisschen anders ist als die PKK", fügte Akar hinzu. Und Ibrahim Kalin, Sprecher und sicherheitspolitischer Berater von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, sagte: "Sie können uns nicht hinters Licht führen, wenn sie sagen, dass die YPG sich von der PKK unterscheidet."

Das Kopfgeld und die türkische Reaktion darauf führen das Dilemma und die Widersprüchlichkeit der amerikanischen Syrienpolitik unter Donald Trump vor Augen. Denn tatsächlich lassen sich die PKK und ihre in Syrien aktive Schwesterorganisation YPG kaum voneinander trennen. Die PKK unterstützt die YPG militärisch, in den Reihen der syrischen Miliz kämpfen viele kurdische Kämpfer, die aus der Türkei stammen und von der PKK rekrutiert wurden. Die YPG ist zudem im KCK organisiert, deren führende Funktionäre Bayik und Kalkan nun von der US-Regierung gesucht werden.

Und während die US-Regierung einerseits PKK-Funktionäre auf die Liste der meistgesuchten Terroristen setzt, verstärkt sie andererseits ihre militärische Zusammenarbeit mit der YPG. Am Montag bestätigte ein Pentagonsprecher, dass die US-Armee seit Monatsanfang gemeinsam mit Kämpfern der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Syrien patrouillieren.

Die YPG ist die zahlenmäßig und militärisch stärkste Gruppe innerhalb des Milizenbündnisses SDF. Gleichzeitig startete das US-Militär rund um die syrische Stadt Manbij gemeinsame Patrouillen mit der türkischen Armee.

Der Zwist behindert den Anti-IS-Kampf

Erdogan kritisierte die amerikanisch-kurdischen Patrouillen scharf: "Das ist nicht akzeptabel. Das kann ernsthafte negative Entwicklungen nach sich ziehen", sagte der türkische Staatschef am Dienstag. "Ich glaube, Herr Trump wird das stoppen."

Mit den gemeinsamen Patrouillen reagierte das Pentagon auf Artillerieangriffe der türkischen Armee auf die von der YPG kontrollierten kurdischen Siedlungsgebiete in Nordsyrien. Beim Beschuss von Ral al-Ain und anderen Grenzorten wurden mehrere Menschen getötet, darunter YPG-Kämpfer, aber auch ein zwölfjähriges Mädchen.

Die türkischen Angriffe hatten wiederum zur Folge, dass die SDF ihre Offensive auf eine der letzten vom IS gehaltenen Enklaven in Syrien stoppten und stattdessen YPG-Kämpfer ins türkische Grenzgebiet verlegten.

Mit dem Kopfgeld für Karayilan, Bayik und Kalkan will die US-Regierung die Türkei offenbar zum Stillhalten gegenüber der YPG bewegen - jedenfalls solange, bis die kurdischen Kämpfer den IS vollständig besiegt haben.

insgesamt 9 Beiträge
go-west 08.11.2018
1. Mit welchem Recht
besetzten die Türken das Land der Kurden, Kurdistan?? Man lässt den Kurden doch letztlich keine andere Wahl, als vom Untergrund aus zu agieren. Die einseitige Kriminalisierung der kurdischen Seite ist nichts als billige [...]
besetzten die Türken das Land der Kurden, Kurdistan?? Man lässt den Kurden doch letztlich keine andere Wahl, als vom Untergrund aus zu agieren. Die einseitige Kriminalisierung der kurdischen Seite ist nichts als billige Anbiederung an die türkischen Nationalisten, allen voran Erdogan. Eine Schande für den Westen, der sonst immer für Menschenrechte eintritt.
Oberleerer 08.11.2018
2.
Was hat die PKK und deren Anführer mit den USA zu tun? Wenn die Kurden nun ein Kopfgeld auf amerikanische Politiker ausloben würden? Da rennen genügend bewaffnete Honks herum, die das Geld dringend gebrauchen könnten. Man [...]
Was hat die PKK und deren Anführer mit den USA zu tun? Wenn die Kurden nun ein Kopfgeld auf amerikanische Politiker ausloben würden? Da rennen genügend bewaffnete Honks herum, die das Geld dringend gebrauchen könnten. Man sieht hier ziemlich genau, wie stümperhaft und oberflächlich die amerikanische Politik ist. Von einem Frieden würde die USA nicht profitieren, also versuchen die eben weiterhin Unordnung zu stiften.
lillime2 09.11.2018
3. Doppelmoral vom Feinsten
Einerseits nutzt die USA die Kurden aus, um gegen ISIS zu kämpfen und zu sterben (YPG, Peshmerga), anderseits verteufelt die USA die kurdische PKK, die aktiv 2014 die Jesiden vor ISIS gerettet hat und die Kurden in der Türkei [...]
Einerseits nutzt die USA die Kurden aus, um gegen ISIS zu kämpfen und zu sterben (YPG, Peshmerga), anderseits verteufelt die USA die kurdische PKK, die aktiv 2014 die Jesiden vor ISIS gerettet hat und die Kurden in der Türkei vor grausamen türkischen Staatsterror durch das Militär schützt. Mir fehlen die Worte ob der Doppelmoral der Amis. Die USA tut alles, um den Islamofaschisten Erdogan bei Laune und in der NATO zu halten. Wie dumm, wie töricht. Und nebenbei die Kurden weiter mitunterdrücken, aber selbst immer von Selbbestimmung und Demokratie faseln. Wen wundert es, dass die Menschen sich angewidert von sogenannten "westlichen Werten" abwenden, wenn diese Staaten ihre eigenen Werte nicht einhalten.
lillime2 09.11.2018
4. American way of life
Da hat sich die USA ordentlich verzockt, die Kurden verraten ihre Mitbürger nicht für Geld. Die Kurden haben nämlich das, was die geldgierige, verdorbene USA-Gesellschaft nicht hat: Ehrgefühl, Familiensinn und absolute [...]
Da hat sich die USA ordentlich verzockt, die Kurden verraten ihre Mitbürger nicht für Geld. Die Kurden haben nämlich das, was die geldgierige, verdorbene USA-Gesellschaft nicht hat: Ehrgefühl, Familiensinn und absolute Solidarität mit dem eigenen Volk.
Kurt2.1 09.11.2018
5. #4
So, so, "die Kurden" haben also Ehrgefühl, die Amerikaner natürlich nicht. Wie viele Kurden kämpfen, in welcher Form auch immer, nochmal auf türkischer Seite? Und was Ehre ist, brauchen Sie sicher den Amerikanern [...]
Zitat von lillime2Da hat sich die USA ordentlich verzockt, die Kurden verraten ihre Mitbürger nicht für Geld. Die Kurden haben nämlich das, was die geldgierige, verdorbene USA-Gesellschaft nicht hat: Ehrgefühl, Familiensinn und absolute Solidarität mit dem eigenen Volk.
So, so, "die Kurden" haben also Ehrgefühl, die Amerikaner natürlich nicht. Wie viele Kurden kämpfen, in welcher Form auch immer, nochmal auf türkischer Seite? Und was Ehre ist, brauchen Sie sicher den Amerikanern nicht zu erklären. Sie auf diese kleingeistige Art zu beschimpfen, hilft sicher niemandem. Natürlich haben sich die USA verzockt. Die Situation ist schwierig genug und ich würde mir wünschen, Deutschland würde den türkischen Angriffskrieg nicht so vehement mit Waffen unterstützen. Noch hat sich Deutschland nicht verzockt, befindet sich aber auf dem falschen Weg. Unter dem Strich hat sich die seit Jahren bekannte Feststellung nicht verändert: Es gibt in Syrien keine anständige Partei, die unterstützenswert ist. Man kann nur punktuell etwas tun, um gravierende Menschenrechtsverletzungen zu verhindern, wie z.B. Unterstützung der Peshmerga, um (auch) den Jesiden zu helfen.

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