Politik

Angriff bei Würzburg

Wann ist ein Terrorist ein Terrorist?

Wieder hat ein Einzeltäter mehrere Menschen schwer verletzt - dieses Mal in Würzburg. Wieder gibt es diffuse Verbindungen zum IS. Die Grenzen zwischen Amoklauf und terroristischem Anschlag verschwimmen.

DPA

Polizisten bei Würzburg

Eine Analyse von
Dienstag, 19.07.2016   15:01 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Schrecken kam in Gestalt eines Teenagers, 17 Jahre alt, geflohen vor dem Krieg in Afghanistan, bewaffnet mit Axt und Messer. Am späten Montagabend attackierte Riaz A. in der Regionalbahn 58130 in der Nähe von Würzburg andere Reisende. Er verletzte fünf Menschen, vier davon schwer. In seinem Kinderzimmer bei einer Pflegefamilie entdeckten die Ermittler eine selbst gemachte Fahne des "Islamischen Staats" (IS). Auch soll er "Allahu akbar", also "Gott ist groß", gerufen haben. Ist er nun ein Terrorist?

Eine einheitliche Definition von Terrorismus gibt es nicht, Wissenschaftler streiten darüber ebenso wie Politiker, Kriminologen und Juristen. Das Strafgesetzbuch erkennt eine terroristische Vereinigung in einem Zusammenschluss von mindestens drei Personen, "deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Mord oder Totschlag oder Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen oder Straftaten gegen die persönliche Freiheit zu begehen".

In diesem strengen Sinne des deutschen Strafrechts wären K. und auch der Täter von Nizza vielleicht keine Mitglieder einer terroristischen Vereinigung, sondern Einzeltäter - und womöglich wären sie sogar nur verwirrte Amokläufer. Es wird nicht mehr zu klären sein, denn beide Männer sind tot.

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Bei Würzburg: Tödliche Attacke

Der Terror von gestern ist nicht der Terror von heute. Anders als etwa in Zeiten der "Roten Armee Fraktion" werden nicht alle Attentate in der westlichen Welt von einer Gruppe zuvor minutiös geplant und militärisch organisiert - auch wenn der IS sie im Nachhinein eifrig für sich reklamiert. Oft handeln die Täter allein, inspiriert und infiziert von der Propaganda der Terrormiliz. Oft wollen sie mit einem letzten Coup einem Leben doch noch Bedeutung verleihen, das ihnen verloren scheint. Die Grenze zwischen Terrorakten und Amokläufen verschwimmt immer stärker.

Das Perfide an dem Terror-Angebot des IS ist, dass es genau auf diese Menschen zielt. Es ist ein Mitmach-Terrorismus für Jedermann geworden, für den es nichts braucht außer einer gehörigen Portion Verzweiflung, Narzissmus oder Wahnsinn.

"Einsame Wölfe" sind ein Albtraum für Ermittler

Man muss nicht gottesfürchtig sein oder fromm, vertraut mit der Scharia, man muss nicht auf Drogen, Pornos und Alkohol verzichten. Man muss nur im letzten Augenblick vor dem Attentat noch "IS" sagen oder "Allahu akbar" schreien. Und schon ist man Staatsfeind - und nicht mehr der Versager von nebenan. "Der IS und der Dschihad sind eine Zuflucht für instabile Menschen geworden, die am Ende sind und ihre gescheiterten Leben noch aufwerten wollen", sagte der frühere Koordinator für Terrorismusbekämpfung im US-Außenministerium, Daniel Benjamin, der "New York Times".

Für Ermittler sind diese "einsamen Wölfe" ein Albtraum. Wie verhindert man Anschläge von Menschen, die keinen oder kaum Kontakt zu einer extremistischen Szene haben? Die Alltagsgegenstände als Waffen benutzen und ihre Verbrechen nicht mit anderen aushecken, sondern nur mit sich ausmachen? Die Wahrheit ist: mit Glück oder gar nicht.

Es fehlten bei Einzeltätern häufig "erfolgsversprechende Ermittlungs- und Präventionsansätze", heißt es in einer vertraulichen Analyse des Staatsschutzes. Als Impuls reichten in vielen Fällen "nahezu beliebige, subjektiv als islamfeindlich empfundene Äußerungen oder Handlungen aus". Der Frankfurter Flughafenattentäter Arid U. etwa, der im März 2011 zwei amerikanische Soldaten tötete, hatte zuvor einen Spielfilm über US-Kriegsverbrechen gesehen, den er später selbst als Auslöser für seine Tat benannte.

Video: Ermittler finden IS-Flagge bei Angreifer

Foto: DPA

Hinzu kommt, dass viele der islamistischen Einzeltäter hochgradig irrational handeln. Wie nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aus einer Studie der deutschen Sicherheitsbehörden hervorgeht, litt ein Großteil der untersuchten islamistischen Attentäter unter psychischen Problemen. Auch der Essener Psychiater Norbert Leygraf ist zu einem ähnlichen Ergebnis gelangt. 29 Islamisten hat Leygraf bislang begutachtet, drei davon hatten eine Psychose. In der Durchschnittsbevölkerung wird einer von hundert Menschen psychotisch. Extremismus und geistige Erkrankung sind also häufig miteinander verknüpft.

Es gibt keinen vollständigen Schutz

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kündigte nach der Attacke an, die Sicherheitsvorkehrungen zu verstärken und die Polizeipräsenz erhöhen zu wollen. Zugleich warnte er vor übertriebenen Erwartungen. Gegen einen Einzeltäter, mit Beil oder Messer unterwegs, gebe es keinen vollständigen Schutz. Herrmann: "Das kann ihnen letztendlich an jeder Straßenecke theoretisch irgendwo in Deutschland passieren."

Genau darauf hofft der IS. Nach jedem Anschlag, der irgendwie in das Muster seines Irrsinns passt, beansprucht er die Täter umgehend für seine Dschihadisten-Gemeinschaft. Damit werden Amokläufer nachträglich zu Terroristen geadelt - und wahrscheinlich wollten viele von ihnen das sogar so. Insofern könnte man sagen: Terror ist Terror.

Doch für die Gesellschaft und die Frage, wie mit diesem neuen Jedermann-Terrorismus umzugehen ist, macht es einen Unterschied, ob man es mit Kranken oder Verblendeten zu tun hat. Wenn sich allein die Polizei um sie kümmern soll, wird sie daran scheitern.


Zusammengefasst: Die Grenze zwischen Terrorismus und Amokläufen verschwimmt. Das gilt auch für die Tat von Würzburg. Zwar reklamiert der IS das Verbrechen für sich - tatsächlich sind die Ermittler aber skeptisch. Egal jedoch, wie man solche Vorfälle klassifiziert: Täter wie der 17-jährige Afghane sind kaum zu stoppen.

SPIEGEL TV Reportage (15.6.2016)

insgesamt 208 Beiträge
manque_pierda 19.07.2016
1. na
haben wir es doch wieder: Islamistische Attentäter sind psychotisch, natürlich durch das schwere Los ihres Lebens an dem wir mitschuldig sind und wenn sie dann zur Tat schreiten, dann sind wir auch mitschuldig, weil wir uns zu [...]
haben wir es doch wieder: Islamistische Attentäter sind psychotisch, natürlich durch das schwere Los ihres Lebens an dem wir mitschuldig sind und wenn sie dann zur Tat schreiten, dann sind wir auch mitschuldig, weil wir uns zu wenig gekümmert haben... Wie sähe der Artikel wohl aus, wenn gestern ein Rechtsextremer in gleicher Weise eine Gruppe Flüchtlinge angegriffen hätte?
f-rust 19.07.2016
2. Beste Analyse zum Thema.
Fundiert, kenntnisreich, ohne Klischees, sachlich und mitmenschlich zugleich. Weder falsche "Entschuldigung" noch Bewertung aus irgendeiner Ecke heraus. Danke. Wenn doch die Berichte über Brexit und Ukraine etc etc [...]
Fundiert, kenntnisreich, ohne Klischees, sachlich und mitmenschlich zugleich. Weder falsche "Entschuldigung" noch Bewertung aus irgendeiner Ecke heraus. Danke. Wenn doch die Berichte über Brexit und Ukraine etc etc ähnlich engagiert aber unaufgeregt wären.
Raio 19.07.2016
3.
Tatsächlich gibt es ein gutes Mittel. Nennt sich Bildung. Wird nur leider nicht besonders hoch geschätzt.
Tatsächlich gibt es ein gutes Mittel. Nennt sich Bildung. Wird nur leider nicht besonders hoch geschätzt.
larsmach 19.07.2016
4.
Hass! Den braucht man auch. Der hat gerade Hochkonjunktur. In Gedanken, in Worten, in Taten...
Hass! Den braucht man auch. Der hat gerade Hochkonjunktur. In Gedanken, in Worten, in Taten...
bodhi66 19.07.2016
5. Schwachsinn
Ob es sich bei den Taetern um echte oder eingebildete Terroristen handelt ist unerheblich. Die Opfer in Wuerzburg oder Nizza sind tot oder verletzt. Wenigstens wurden beide erschossen.
Ob es sich bei den Taetern um echte oder eingebildete Terroristen handelt ist unerheblich. Die Opfer in Wuerzburg oder Nizza sind tot oder verletzt. Wenigstens wurden beide erschossen.
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