Seit 1999 sollen die früheren RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg eine Serie von Raubüberfällen begangen haben - vermutlich aus Geldnot. Unsere Analyse zeigt, wie die Täter dabei vorgehen. Und wie wenig sie die Ermittler fürchten.



Filmreife Serie

Tatort
Schwerpunkt Niedersachsen

Ermittler sehen den Schwerpunkt der Raubserie in Niedersachsen. Acht der insgesamt zwölf Überfälle, die das zuständige Landeskriminalamt (LKA) in Hannover dem früheren RAF-Trio zuschreibt, fanden dort statt. Staub, Klette und Garweg sollen die Taten teilweise über Monate geplant haben. Was sie mit der Region verbindet? Unklar.

30.07.1999
Eine neue Terrorgruppe?
Ziel: Geldtransport
Beute: 1 Mio. Mark

Die Serie beginnt in Nordrhein-Westfalen. Die RAF hat erst ein Jahr zuvor ihr Ende bekannt gegeben. Nun vermutet die Bundesanwaltschaft: Die Täter hätten eine neue terroristische Vereinigung gegründet. Von dieser Einschätzung werden die Ermittler erst 2017 abrücken. Mit zwei gestohlenen Autos keilen mutmaßlich Staub, Klette und Garweg damals in Duisburg einen Geldtransporter ein, bedrohen die Fahrer mit einer Panzerfaust, machen hohe Beute. Nach etwa zehn Minuten Flucht wechselt das Trio in einen dritten Wagen.

27.12.2006
Bescherung nach Weihnachten
Ziel: Kassenbüro
Beute: geschätzt 50.000 Euro

Eine halbe Autostunde von Duisburg entfernt, in Bochum-Wattenscheid, treten die Täter sieben Jahre später auf. Diesmal überfallen sie am Tag nach Weihnachten die Zentralkasse eines Supermarkts. Der Fluchtwagen, eine Woche zuvor gestohlen, wird wenige Kilometer entfernt im Wald gefunden. Ein Brandsatz zur Vernichtung von Spuren hat nicht gezündet.

14.04.2009
Bescherung nach Ostern
Ziel: Kassenbüro
Beute: 177.000 Euro

Die Täter begehen offenbar den dritten Raub in Folge in Nordrhein-Westfalen. In Löhne dringen sie am Tag nach Ostern in das Kassenbüro eines Supermarkts ein. Wie bei den meisten Taten benutzen sie einen VW als Fluchtfahrzeug. Im Gegensatz zu früher kommen keine Waffen zum Einsatz, zwei Täter bedrohen die Angestellten mit körperlicher Gewalt.

30.09.2011
Verschwundener Passat
Ziel: Kassenbüro
Beute: ca. 90.000 Euro

In Celle wird das Kassenbüro eines Supermarkts überfallen. Allerdings ist die Täterschaft umstritten. Die Staatsanwaltschaft Celle hegt einen Verdacht ausschließlich gegen Staub. Details teile man nicht mit, sagt eine Sprecherin. So bleibt auch unklar, ob es DNA-Spuren gibt. Auffällig: Zeugen sehen nur zwei Täter. Und der einzige Fluchtwagen, ein Passat, bleibt verschwunden.

24.12.2012
Raub an Heiligabend
Ziel: Kassenbüro
Beute: 135.000 Euro

Auch in Stade sind Ermittler bis heute uneins. Das LKA verdächtigt das Trio, ein Kassenbüro überfallen zu haben. Der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft sagt: "Wir haben keinen Anfangsverdacht gegen die drei gefunden." Fest steht: Die Täter fliehen in einem Golf, der unter einer falschen Identität gekauft wurde, und verbrennen ihn, bevor sie in ein anderes Fahrzeug umsteigen.

23.08.2014
Tatort Schleswig-Holstein
Ziel: Kassenbüro
Beute: 46.000 Euro

Zeugen nehmen in Elmshorn, einem Städtchen nördlich von Hamburg, zwei Täter wahr, die ein Kassenbüro überfallen. Ein dritter fährt den Fluchtwagen, einen blauen Golf mit den Buchstaben IZ für Itzehoe, gekauft in Bielefeld. Wie in den meisten Fällen gibt es auch hier DNA-Spuren, die den Verdacht auf das Trio lenken. Mit Ausnahme von Duisburg 1999 werden diese Spuren aber erst von 2015 an entdeckt - weil man nun mit neuen technischen Möglichkeiten in ungeklärten Fällen sucht.

02.01.2015
Bargeld zu Neujahr
Ziel: Kassenbüro
Beute: 60.000 Euro

Wie bereits mehrfach zuvor schlagen die Täter in Osnabrück nach einem Feiertag zu - womöglich um ihre Beute zu maximieren. Bereits 44 Tage vor dem Überfall soll Staub ein Fluchtauto in Bielefeld gekauft haben, unter einem falschen Namen. Die zuständige Staatsanwaltschaft Osnabrück führt ihn als einzigen Beschuldigten.

06.06.2015
Desaster im Sommer
Ziel: Geldtransporter
Beute: 0 Euro

Offenbar zum ersten Mal seit 1999 nehmen sich die drei einen Geldtransporter vor. Und betreiben für die Tat in Stuhr bei Bremen einen hohen Aufwand: drei Autos, ein Handystörer, mehr als ein halbes Jahr Planung. Und doch geht der Coup schief. Erstmals seit 1999 haben die Ermittler DNA-Treffer, die zum Trio führen. Es dauert nicht mehr lange, bis die mutmaßliche Serie bekannt wird.

19.10.2015
Abstecher in den Süden
Ziel: Kassenbüro
Beute: 50.000 Euro

In der Mittagszeit überfallen drei Täter in Northeim einen Geldboten im Supermarkt. Sie rauben nicht nur Bares, sondern auch eine Waffe. Das Fluchtauto entdeckt die Polizei später brennend in einem Waldstück. Die Ermittler verknüpfen Northeim mit Stuhr, entdecken Parallelen im Modus Operandi: die akribische Vorbereitung, eine Nähe zu Ausfallstraßen, ein zerstörtes Fluchtfahrzeug.

28.12.2015
Erfolglos im Winter
Ziel: Geldtransporter
Beute: 0 Euro

Nach Stuhr versuchen offenbar die drei nun in Wolfsburg, einen Geldtransporter zu überfallen. Wieder schlägt der Versuch fehl. Es gelingt nicht, den Wagen mit dem Geld zu stoppen, der Fahrer startet durch. Wie in Stuhr bleiben zwei Tatfahrzeuge zurück, inklusive DNA. Mit dem dritten Wagen flüchtet das Trio.

07.05.2016
Pannen auf beiden Seiten
Ziel: Kassenbüro
Beute: 0 Euro

Seit Januar weiß die Öffentlichkeit von dem Trio. Doch anscheinend ungerührt kaufen die drei weiter Autos unter falschem Namen. In Hildesheim überfallen sie einen Geldboten, um in das Kassenbüro eines Supermarkts zu kommen. Der Tresor aber lässt sich nicht öffnen - die Täter rauben eine Waffe und verschwinden ohne Geld. Die Polizei verfolgt ein falsches Auto.

25.06.2016
Das große Geld
Ziel: Geldtransporter
Beute: mindestens 600.000 Euro

Kurz nach dem Überfall in Hildesheim veröffentlicht die Polizei die ersten aktuellen Fotos von Staub und Garweg. Staub ist gestochen scharf erkennbar. Doch die drei machen offenbar trotzdem weiter. Prompt wird Staub beim Ausspähen in Cremlingen erkannt. Die Polizei legt sich auf die Lauer - und zieht zu früh wieder ab. Kurz darauf schlagen die Täter zu. Pech für die Ermittler.

Die bekannten Tatorte im Überblick

Duisburg: 1999

Wattenscheid: 2006

Löhne: 2009

Celle: 2011

Stade: 2012

Elmshorn: 2014

Osnabrück: 2015

Stuhr: 2015

Northeim: 2015

Wolfsburg: 2015

Hildesheim: 2016

Cremlingen: 2016







Der Modus operandi hat einen Schwachpunkt: Für die Überfälle benötigten die drei seit 2011 mindestens zehn Autos, weil sie jeweils ein oder zwei Autos am Tatort zurücklassen. Die Täter brauchten also ständig Nachschub - wie zu alten RAF-Zeiten, wo Spezialisten für Auswahl, Beschaffen und Tarnen von Autos zuständig waren. Ähnlich systematisch gehen Garweg, Klette und Staub vor. Ihre Methode, billige, aber zuverlässige Autos von Händlern zu kaufen, führt allerdings zu vielen Kontakten mit Händlern. Nach den Überfällen kann die Polizei über die zurückgelassenen Autos diese Kontakte rekonstruieren.


Wegwerfautos

Kaufort
Kaufen, nicht stehlen

Der Diebstahl eines Autos wird meist rasch bemerkt. Die Ermittler gehen deshalb davon aus, dass das Trio Tatautos in der Regel bei Gebrauchtwagenhändlern kauft. Bei der Probefahrt nimmt der Kunde auf dem Beifahrersitz Platz. Und der Händler soll den Wagen nach dem Kauf an einem vereinbarten Ort abstellen. An dieses außergewöhnliche Verhalten können sich Verkäufer später gut erinnern.

Was ein Tacho verrät

Kauforte der Fahrzeuge und Tatorte liegen in der Regel in derselben Region. Und zwischen Kauf und Tat liegen oft mehrere Wochen. Anhand der Kilometerstände haben Ermittler herausgefunden, dass die Täter deutlich weiter gefahren sind als nur vom Kaufort zum Tatort. Womöglich haben sie mit den Autos auch die Tatorte ausgespäht.

Doubletten

Zur Tarnung werden die Tatfahrzeuge immer wieder als sogenannte Doubletten präpariert. Eine alte RAF-Methode: Die Täter versehen ihre Autos mit gefälschten Kennzeichen baugleicher, legal gemeldeter Fahrzeuge. Sie kaufen zum Beispiel einen blauen Ford Focus. Dann suchen sie in der Tatregion ein Auto, das genauso aussieht, notieren das Kennzeichen - und kopieren es dann auf ein neues Nummernschild, das an das Tatfahrzeug geheftet wird.








Impressum

Text: Bertolt Hunger

Grafik: Michael Niestedt

Programmierung: Chris Kurt