Politik

SPD in Bayern

Verlieren aus Tradition

Ach, bayerische Sozialdemokratie: Am Wahlsonntag droht mal wieder eine bittere Schlappe. Liegt es an Spitzenkandidatin Natascha Kohnen - oder gibt es andere Gründe?

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SPD-Spitzenfrau Kohnen: Warum tut sie sich das an?

Aus München berichtet
Freitag, 12.10.2018   14:08 Uhr

Traut man den Umfragen, wird die SPD am Sonntag das schlechteste Wahlergebnis ihrer Geschichte in Bayern einfahren. Zwischen 11 und 13 Prozent sagen ihr die Demoskopen voraus. Das ist so schlecht, dass es selbst für die bayerische SPD außergewöhnlich ist. Möglicherweise rutscht die Partei am Sonntag auf den vierten oder fünften Platz im Parteienspektrum ab.

Nun sitzt die bayerische SPD seit gut 60 Jahren in der Opposition. Und bei nahezu jeder Wahl wird es schlimmer. Zusätzlich zehrt die Krise der Bundespartei am Landesverband. Verlieren hat Tradition bei den weiß-blauen Genossen.

Diesmal ist Natascha Kohnen dran. Die Spitzenkandidatin der SPD steht vor der besonders bitteren Situation, dass nach all den Jahrzehnten endlich einmal die CSU massiv schwächelt - aber profitieren können bislang nicht die Sozialdemokraten, sondern Grüne und Rechtspopulisten.

Auf dem SPD-Wahlkampfhöhepunkt im Münchner Augustiner-Keller in dieser Woche macht die 50-jährige Kohnen gute Miene zum bösen Spiel. Auch die SPD-Basis zieht mit, klatscht sich Mut zu. Es gibt Bier, kalte Platten mit Salami, Fleischbällchen, Käsehäppchen. Unprätentiös kommt das Essen daher, unprätentiös will sich die SPD präsentieren. Auf den Tischen liegen Parteifähnchen, die ersten 400 Gäste bekommen eine Marke für ein Freigetränk. Die SPD wird ihre Marken los, immerhin das, der Saal ist voll.

Die Frage bleibt: Warum tut Kohnen sich das überhaupt an?

"Wir halten zusammen wie noch nie", ruft sie später in den Saal. "Das gibt nicht nur mir die Kraft, sondern das gibt uns allen die Kraft, die wir jetzt brauchen." Die Zeit für die SPD sei schwierig: "Aber ich sage euch auch: Weil wir so geschlossen sind, können wir alles geben!"

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Kohnen kam spät in die Politik, erst mit 33 Jahren wurde sie Mitglied der SPD, weil sie keine Kita-Plätze für ihre Kinder fand.

Sie machte schnell Karriere, 2008 zog sie in den Landtag ein und wurde 2009 Generalsekretärin der Landespartei. Im Jahr 2017 übernahm sie von Florian Pronold den Parteivorsitz und wurde vom Landesvorstand einstimmig zur Spitzenkandidatin gewählt.

Sie ließ auf ihre Wahlplakate "Anstand" drucken, will sich als eine Art "Anti-Söder" inszenieren. Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit seien ihr wichtig, das betont sie, wo sie nur kann. Kohnen hat SPD-Chefin Andrea Nahles für ihre Zustimmung zur zwischenzeitlichen Beförderung des scheidenden Verfassungsschutzchefs Hans-Georg Maaßen kritisiert, einen Brief an die Vorsitzende geschrieben und Nahles' spätere Entschuldigung gelobt.

Die SPD hat in ihrem Wahlkampf das Thema Wohnen in den Mittelpunkt gerückt. Das halten viele in der Partei für einen Fehler. Denn die zu teuren Mieten sind vor allem in München und Nürnberg ein Problem - beide Städte werden seit Ewigkeiten von der SPD regiert. Bauen ist zwar Sache des Landes, aber eben auch der Kommunen. Zusätzlich ist es ein urbanes Problem, auf dem Land könnte die SPD damit Stimmen verlieren.

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Kohnen redet zudem wenig über Flüchtlinge. Doch der politische Diskurs in Bayern wird von diesem Thema dominiert. Sich dem nicht zu stellen - das ist eine zumindest fragwürdige Strategie.

Aus der Bundestagsfraktion heißt es bereits, Kohnen habe einen "Grüne light"-Wahlkampf geführt, das sei ein schwerer Fehler. Denn der Wähler liebt das Original, nicht die Kopie. In der Polarisierung zwischen Grünen und CSU gehe die SPD nun unter.

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Kohnen, Münchens Oberbürgermeister Reiter, SPD-Chefin Nahles

Die Schuldzuweisungen haben also begonnen. Berlin gibt München die Schuld, München macht Berlin verantwortlich. Auch im Augustiner-Keller gibt es davon eine Kostprobe. Da erzählt der SPD-Oberbürgermeister der Stadt, Dieter Reiter, von seinem Vorgänger und SPD-Urgestein Hans-Jochen Vogel. Die Vehemenz, die er bei ihm sehe, vermisse er bei den Berliner Kolleginnen und Kollegen. Da wolle er ganz ehrlich sein.

Die Stimmung bei den Wahlkämpfern aber sei bestens, sagt der Fraktionsvorsitzende im Landtag, Markus Rinderspacher: "Ich hoffe, dass da noch was geht."

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Kohnen kommt nicht aus einer klassischen Arbeiterfamilie, sondern aus einem 68er-Haushalt. Ihr Vater war Regisseur und Rechtsanwalt, ihre Kindheit in der Münchner Maxvorstadt sei reich an politischen Diskussionen und Fingerfarben gewesen, so erzählt sie es im Wahlkampf. Die Eltern ließen sich früh scheiden, Kohnen wuchs beim Vater und seiner zweiten Ehefrau auf. Sie war ein Fan von Willy Brandt und nahm Kohnen als Jugendliche mit zur SPD.

In ihrem Leben vor der Politik aber war Kohnen Biologin und Schulbuchlektorin. Sie bekam zwei Kinder, lebte in Paris und zog schließlich zurück ins Münchner Umland. Die Naturwissenschaftlerin verlässt sich nun vor allem auf die Umfragen, die sagen, dass knapp die Hälfte der Bayern noch nicht wisse, wie sie am Sonntag abstimmen werden.

Der SPD bleibt nichts anderes übrig, als die Stunden zu zählen und auf ein Wunder zu hoffen.

insgesamt 54 Beiträge
claus7447 12.10.2018
1. Eigentlich kann sie einem leid tun
Frisch und gebildet, aber keine Chance. Die SPD hat ihr Tafelsilber vertickert als sie in die GroKo wieder eintrat. Damit unterlag sie dem ohnehin schon schlechten Image davor. Die BK hat sie alle plattgemacht. Dann kommt noch [...]
Frisch und gebildet, aber keine Chance. Die SPD hat ihr Tafelsilber vertickert als sie in die GroKo wieder eintrat. Damit unterlag sie dem ohnehin schon schlechten Image davor. Die BK hat sie alle plattgemacht. Dann kommt noch hinzu, dass seit März nur gelegentlich regiert wurde weil Horsti permanent im Notfall Modus lief. Vielleicht löst sich das am Sonntag und es geht auf Neuwahlen zu. Nicht gut, aber in zwei Jahren wird es auch nicht besser. Zudem sollte das Führungspersonal zur Seite treten und JETZT einen Neuanfang versuchen. Das Ergebnis ist offen...
kirschlorber 12.10.2018
2. Wer sich nicht traut gibt auf
Leider herrscht in der SPD nach wie vor Redeverbot über das eigentliche Problem. Es heißt leider immer noch Agenda 2010. Auch wenn viele Genossinnen und Genossen sich gern die Hände vors Gesicht halten wie ein kleines Kind um [...]
Leider herrscht in der SPD nach wie vor Redeverbot über das eigentliche Problem. Es heißt leider immer noch Agenda 2010. Auch wenn viele Genossinnen und Genossen sich gern die Hände vors Gesicht halten wie ein kleines Kind um das böse Problem unsichtbar zu machen. Die Altvorderen Schröder, Schultz, Müntefering haben zudem verboten, darüber zu reden. Aber das Problem ist noch da. Wie ein böser Schatten zerstört es die Partei. Auch in Bayern hilft es nicht, sich hinter Wohnungsbau und anderem zu verstecken. Wer sich nicht traut die Tatsachen anzusprechen, wird verlieren.
wauz 12.10.2018
3. Das Problem der SPD
liegt nicht in den "Themen" für den Wahlkampf. Die stehen nämlich nur auf dem Papier. Das eigentliche Problem der ganzen linken Seite des politischen Spektrums hier liegt in dem, was ich eine kapitulative Haltung [...]
liegt nicht in den "Themen" für den Wahlkampf. Die stehen nämlich nur auf dem Papier. Das eigentliche Problem der ganzen linken Seite des politischen Spektrums hier liegt in dem, was ich eine kapitulative Haltung nennen. Es wird nicht einmal mehr darüber nachgedacht, wie man die Zukunft gestalten will. Wobei es "die Zukunft" ja nicht gibt. Gestaltbar sind zum Beispiel Innenstädte, neubau-Viertel, Wohnraum-Sanierungen und so weiter. Wer keine Vorstellung davon hat, war er erreichen will, erreicht auch nichts. Keine Ziele - kein Weg! Das trifft in Bayern nicht nur auf die SPD zu, sondern auch auf Die LInke. In vieler Hinsicht auch auf Die Grünen. Es fehlt der Wille zur (Um)Gestaltung. alles erschöpft sich in Protest gegen irgendetwas. in den meisten Fällen hinter vorgehaltener Hand. Man erfährt hinterher, "eigentlich sind wir dagegen gewesen". Wenn es in Bayern eine Opposition gibt, die konkrete, nachvollziehbare Ziele steckt, dann ist das die ÖDP. Und, tatsächlich, die erreicht auch etwas!
kodu 12.10.2018
4. 13 Jahre nach der Agenda2010...
...beginnt die SPD ganz allmählich zu begreifen, was sie damit angerichtet hat. "Arbeiterverräter": Das hatte ich immer für kommunistische Propaganda gehalten und musste entsetzt feststellen, daß es die neoliberale [...]
...beginnt die SPD ganz allmählich zu begreifen, was sie damit angerichtet hat. "Arbeiterverräter": Das hatte ich immer für kommunistische Propaganda gehalten und musste entsetzt feststellen, daß es die neoliberale Realität in Schröders und Münteferings SPD war. Ich wünsche der SPD nicht, daß sie im Nirwana verschwindet. Eine Partei, die sich EHRLICH um die Belange der kleinen Leute - der abhängig Beschäftigten - kümmert, wird zukünftig mehr gebraucht denn je. Nur, kann die aktuelle SPD da liefern? Nein? Sie muss eine Generalabrechnung beginnen, mit all denen, die die Agenda2010 vorangetrieben oder ihr aus Opportunismus zugestimmt haben. Und da darf es auch kein Halt vor dem wackeren Olaf Scholz geben(obwohl er womöglich ein ehrbarer Finanzminister ist... an der Agenda hat er als Generalsekretär maßgeblich mitgewirkt). Eine solche Zäsur ist das einzige Mittel, das der SPD noch helfen kann. Frau Kohnens aussichtsloser Wahlkampf in Bayern gerät da in den Hintergrund. Das Schlüsselereignis wird die Wahl in Hessen sein. Danach müssen im Willy-Brandt-Haus die sprichwörtlichen Fetzen fliegen.
Cascara LF 12.10.2018
5. Verschwörungstheorien?
Das Problem war schon immer da, es hat nur einen anderen Namen bekommen. Hören Sie doch auf, diese Agenda für die schlechte Politik der GroKo verantwortlich zu machen. Die CDU hätte jede Chance gehabt, dies vermeintlich so [...]
Zitat von kirschlorberLeider herrscht in der SPD nach wie vor Redeverbot über das eigentliche Problem. Es heißt leider immer noch Agenda 2010. Auch wenn viele Genossinnen und Genossen sich gern die Hände vors Gesicht halten wie ein kleines Kind um das böse Problem unsichtbar zu machen. Die Altvorderen Schröder, Schultz, Müntefering haben zudem verboten, darüber zu reden. Aber das Problem ist noch da. Wie ein böser Schatten zerstört es die Partei. Auch in Bayern hilft es nicht, sich hinter Wohnungsbau und anderem zu verstecken. Wer sich nicht traut die Tatsachen anzusprechen, wird verlieren.
Das Problem war schon immer da, es hat nur einen anderen Namen bekommen. Hören Sie doch auf, diese Agenda für die schlechte Politik der GroKo verantwortlich zu machen. Die CDU hätte jede Chance gehabt, dies vermeintlich so schlechte wieder geradezurücken. Die SPD verliert an Zustimmung, weil es seit Jahren an einem Konzept und Abgrenzung zur CDU und Grünen fehlt und weil auf den neuralgischen Posten uncharismatische und ebenbso konzeptlose Leute sitzen.

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