Politik

Ein Jahr #MeToo

Die Dunkelfrauen

Viele #MeToo-Verfahren gleichen dem Pranger des Mittelalters, an dem der Delinquent öffentlich ausgestellt wurde. Der wesentliche Unterschied: Der Gepeinigte im Mittelalter konnte den Anklägern ins Gesicht sehen.

DPA

Justitia

Eine Kolumne von
Donnerstag, 11.10.2018   15:37 Uhr

Ich bin ein Produkt der Frauenbewegung, könnte man sagen. Meine Mutter bewunderte Alice Schwarzer und las "Emma". Alle meine Freundinnen waren feministisch eingestellt, was bedeutete, dass sie selbstverständlich davon ausgingen, dass ich bei der Hausarbeit in Vorleistung ging. Auch meine ersten Chefs nach der Journalistenschule waren ausnahmslos Frauen: die Layouterin; die Redakteurin, die meine Texte abnahm; die Chefredakteurin.

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Heft 54/2018
#frauenland
100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Insofern mag man es mir verzeihen, dass ich die Klage vieler Männer über die #MeToo-Kampagne nicht teilen kann. Angeblich darf man Frauen kein Kompliment mehr machen, weil einen das als Mann in Erklärungsnot bringt. Man darf ihnen auch nicht mehr die Tür aufhalten, heißt es, da sie das möglicherweise als erniedrigend empfänden.

Ich halte das für Unsinn. Es mag Frauen geben, die es aus Gründen der Gleichberechtigung vorziehen, dass man ihnen die Tür ins Gesicht fallen lässt, wenn man vor ihnen ein Restaurant betritt. Ich bin allerdings noch nie einer Frau begegnet, die so denkt.

Mir hat #MeToo nichts weggenommen, es hat auch mein Leben nicht verschattet. Ich würde nicht auf die Idee kommen, Kolleginnen als "Farbtupfer" zu bezeichnen, weshalb mich die Ächtung solcher seltsamen Gönnerhaftigkeit nicht beeinträchtigt. Ich fand es auch noch nie spaßig, Frauen in Verlegenheit zu bringen, indem man in ihrer Gegenwart schlüpfrige Bemerkungen macht.

Sex ist im Arbeitsumfeld generell kein gutes Thema, wäre meine Empfehlung. Ich will nichts von Saunaerfahrungen oder Swinger-Abenden hören, unabhängig vom Geschlecht. Mir bereitet schon die Vorstellung Unbehagen, dass sich mir bekannte Menschen küssen. Jede öffentliche Intimität, die darüber hinausgeht, empfinde ich als Zumutung. Wenn #MeToo dazu beträgt, eigentlich selbstverständliche Anstandsregeln neu zu bekräftigen, kann ich das nur begrüßen.

Leider belässt es die #MeToo-Bewegung nicht bei der Kodifizierung von Umgangsformen, die einer Erneuerung bedürfen, wie die vielen Beispiele aus dem Berufsalltag zeigen - sie will auch eine Beschämung und Bestrafung derjenigen, die man als Übeltäter identifiziert hat. Hier beginnt der problematische Teil. Denn erstens ist die Bewegung ziemlich großzügig in der Bemessung der Schuld, die einen zum Täter macht. Sie ist darüber hinaus auch ziemlich freizügig, was die Beweisführung angeht.

Es wird aus meiner Sicht zu wenig gewürdigt, welche Innovation die #MeToo-Strafbarkeit für unsere Rechtsordnung bedeutet. Das meiste bleibt unterhalb der Schwelle, wo Strafgerichte tätig werden. Aber auch zivile Sanktionen, wozu zweifellos die Beendigung von Arbeitsverhältnissen zählt, ist gemeinhin an rechtsstaatliche Prinzipien gebunden. Bereits eine Abmahnung ist in Deutschland ein hochkomplizierter Akt, bei dem diverse Vorschriften zu beachten sind.

Im #MeToo-Prozess ist das meiste davon außer Kraft gesetzt, wie man an aktuellen Fällen sehen kann. Im Zweifel reicht eine Beschwerde über anstößiges Verhalten und alles, wofür Gewerkschaften über Jahrzehnte gestritten haben, ist suspendiert. Dabei ist noch nicht mal entscheidend, ob man selber übergriffig geworden ist. Es langt, dass sich der Eindruck verfestigt, man sei als Vorgesetzter nicht entschieden genug gegen die Übergriffigkeit anderer vorgegangen. Dann ist von einer "Kultur des Wegschauens" die Rede, damit ist der Untergang besiegelt.

Am ehesten vergleichbar sind die #MeToo-Verfahren mit dem Pranger des Mittelalters, bei dem der Delinquent an einem öffentlichen Ort festgebunden war, wo er die Schmähungen des Publikums ertragen musste. Aber auch hier gibt es noch einen Unterschied zum modernen Schandpfahl: Der Gepeinigte im Mittelalter konnte seinen Anklägern ins Gesicht sehen. Wer ihn mit Schimpf und Schande überhäufen wollte, musste vortreten und zum Schlag ausholen. Selbst diese Form der Humanität bleibt dem #MeToo-Angeklagten verwehrt.

Die meisten Vorwürfe gelangen aus dem Schatten der Anonymität heraus an die Öffentlichkeit, strikte Anonymität ist gewissermaßen das Signet dieser Art von Gerichtsbarkeit. Die Problematik dabei ist auch den Verfechtern bewusst, weshalb sie die Schwäche ihrer Position in eine moralische Stärke umzudeuten versuchen: Dass sie aus dem Dunkel heraus operieren, beweist gerade die Dringlichkeit ihres Anliegens.

"Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der wir nicht davor zurückschrecken müssen, unsere Namen zu veröffentlichen, weil wir Anfeindungen, Aggressionen und politisch motivierte Unterstellungen befürchten müssen", heißt es in einem am Mittwoch veröffentlichten Brief der Frauen, die den Berliner Historiker Hubertus Knabe zu Fall gebracht haben. Mit anderen Worten: Die Namenlosigkeit ist Zeichen einer zweiten Opfer-Erfahrung.

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Was ist die Fortschreibung der anonymen Beschuldigung? Vielleicht das Recht auf anonyme Beleidigung. In Wien ist, ebenfalls in dieser Woche, ein Prozess zu Ende gegangen, in dem es genau darum ging. Die frühere Grünen-Abgeordnete Sigi Maurer hatte auf ihrer Facebook-Seite obszöne Nachrichten veröffentlicht, um den Absender derselben, einen Bierladenbesitzer in der Wiener Innenstadt, für die Allgemeinheit kenntlich zu machen. Der Mann hatte sie daraufhin verklagt, weil er in der Öffentlichkeit nicht mit Namen genannt werden wollte: Die Nachrichten stammten nicht von ihm, sondern von jemand anderem, behauptete er.

Nach ausführlicher Beweisaufnahme wurde Maurer nun zu einer Geldstrafe von 3000 Euro verurteilt. Das Gericht entschied, dass die Öffentlichkeit den mutmaßlichen Urheber der Beleidigungs-Mails weiterhin nur als L. kennen darf. Es sei wahrscheinlich, dass der Kläger lüge, urteilte der Richter, aber eben auch nicht völlig ausgeschlossen, dass sich jemand anderer an seinem Computer zu schaffen gemacht habe.

Viele Menschen haben das Urteil mit Unverständnis aufgenommen. Auch ich halte es für einen grotesken Irrweg, Feigheit unter richterlichen Schutz zu stellen. Aber so ist es manchmal mit juristischem Neuland: Wenn man Pech hat, bedient sich die Gegenseite der Mittel, die man ersonnen hat, um im Kampf die Oberhand zu gewinnen.

insgesamt 184 Beiträge
ahloui 11.10.2018
1. Ich sehe das sehr ähnlich
Die #MeToo Debatte an sich ist richtig und notwendig. Leider ist sie mittlerweile vollends aus dem Ruder gelaufen und es treiben sich ganz sicher auch einige Trittbrettfahrer (innen) herum.
Die #MeToo Debatte an sich ist richtig und notwendig. Leider ist sie mittlerweile vollends aus dem Ruder gelaufen und es treiben sich ganz sicher auch einige Trittbrettfahrer (innen) herum.
oskarspapa 11.10.2018
2. Anonymitaet
ist ja scheinbar der einzige Schutz vor Hass und Haeme, mit der Frauen ueberschuettet werden, die lang zurueckliegende Missbrauchs-/Vergewaltigungsfaelle an die Oeffentlichkeit bringen. (Siehe Donald Trump ueber Dr.Ford letzte [...]
ist ja scheinbar der einzige Schutz vor Hass und Haeme, mit der Frauen ueberschuettet werden, die lang zurueckliegende Missbrauchs-/Vergewaltigungsfaelle an die Oeffentlichkeit bringen. (Siehe Donald Trump ueber Dr.Ford letzte Woche)
williwi 11.10.2018
3. Selbstjustiz gehört bestraft
Die sich jetzt über das Urteil empören sind diejenigen, die sonst vehement Selbstjustiz anprangern.
Die sich jetzt über das Urteil empören sind diejenigen, die sonst vehement Selbstjustiz anprangern.
harald441 11.10.2018
4. Das erinnert mich an eine Szene aus meinem
Arbeitsleben Mitte der Siebzigerjahre. Nach einem Treffen unter Kollegen außerhalb der Firma wollte ich während des Verabschiedens einer älteren Kollegin in den Mantel helfen, worauf diese mit leicht schnippischem Unterton [...]
Arbeitsleben Mitte der Siebzigerjahre. Nach einem Treffen unter Kollegen außerhalb der Firma wollte ich während des Verabschiedens einer älteren Kollegin in den Mantel helfen, worauf diese mit leicht schnippischem Unterton meinte, sie könne sich selbst den Mantel anziehen: Daran hatte ich freilich nie gezweifelt, wollte jedoch nur der mir anerzogenen Höflichkeit des Herrn gegenüber einer Dame nachkommen. Das Ergebnis war, daß ich dieser Kollegin nie mehr in den Mantel geholfen hatte. Aber ob diese durch ihre strikte Einstellung nun glücklicher durch's Leben ging, bezweifelte ich schon damals. Nachsatz: Sie als sogenanntes "spätes Mädchen" heiratete dann doch noch und jenseits der Vierzig.
seeyouin1982 11.10.2018
5. etwa ab einem Drittel
des Textes war mir klar, das es Herrn F. um Knabe geht, nicht um metoo, nicht um den aktuellen Diskurs, nicht um Frauenrechte, sondern einzig und allein um Knabe. Sind Sie mit dem befreundet, Herr F.? Zu diesem Zweck missbraucht [...]
des Textes war mir klar, das es Herrn F. um Knabe geht, nicht um metoo, nicht um den aktuellen Diskurs, nicht um Frauenrechte, sondern einzig und allein um Knabe. Sind Sie mit dem befreundet, Herr F.? Zu diesem Zweck missbraucht er den notwendigen Diskurs um Frauenrechte etc., stilisiert sich selbst als Emanze...irgendwie zum Fremdschämen.
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