Politik

Augenzeuge der Hamburger Messerattacke

"Er hat auf fast jeden eingestochen, den er erreichen konnte"

Sie warfen und schlugen mit Stühlen, Steinen und Stangen: Mit allen verfügbaren Mitteln haben Passanten versucht, den Messerstecher in Hamburg-Barmbek zu stoppen. Sönke Weber war einer von ihnen - ein Augenzeugenbericht.

Foto: SPIEGEL TV
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Samstag, 29.07.2017   10:34 Uhr

Es ist kurz nach 15 Uhr am Freitagnachmittag, als Sönke Weber sich entscheiden muss: Soll er weglaufen vor dem Mann, der gerade in einem Edeka-Markt auf einen Kunden eingestochen hat? Oder mitten hineingehen in die gefährliche Situation - und versuchen, den Mann mit dem Messer zu stoppen?

Bei der Messerattacke in einem Supermarkt im Hamburger Stadtteil Barmbek ist am Freitag ein 50-jähriger Mann ums Leben gekommen, fünf weitere Menschen hat der mutmaßliche Täter laut Polizei auf seiner anschließenden Flucht verletzt. Mehrere Menschen nahmen die Verfolgung auf, konnten den Mann, der später als der 26-jährige Ahmad A. identifiziert wird, schließlich stellen. Einer von ihnen war Sönke Weber.

Der 28-Jährige Hamburger schilderte dem SPIEGEL die dramatischen Ereignisse. Wie flüchtende Kunden schreiend an ihm vorbeirannten. Wie er sich ein Herz fasste, eine Werbetafel aus Plastik griff und diese in Richtung des Täters warf. Und die Verfolgung aufnahm.

Gemeinsam mit vier anderen Männern trieb Weber, Inhaber eines Friseursalons, Ahmad A. vor sich her, versuchte ihn zu beschäftigen. Videos zeigen, wie die Männer Stühle auf den mutmaßlichen Täter werfen. Es sind vor allem Männer mit Migrationshintergrund, die hier Mut beweisen - und eben Weber mit seinen dunkelblonden, nach oben gegelten Haaren.

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"Stühle, Steine, Stangen - wir haben uns alles geschnappt, was wir kriegen konnten", sagte Weber dem SPIEGEL. Zu diesem Zeitpunkt wussten sie nicht, dass Ahmad A. Kontakte in die salafistische Szene hat und offenbar auch unter psychischen Problemen litt und regelmäßig Drogen konsumierte. Minutenlang verfolgten sie den Mann, schließlich konnten sie ihn überwältigen. Ohne Weber und die anderen Verfolger hätte es möglicherweise noch mehr Opfer gegeben.

"Im Nachhinein habe ich sogar Gewissensbisse, dass ich nicht mehr tun konnte", sagte Weber. Immer wieder habe A. sich zu ihm und den anderen Verfolgern umgedreht, mit dem Messer herumgefuchtelt. Erst erwischte er eine Radfahrerin. Nicht weit vom Edeka entfernt habe der Täter sich dann auf ein Auto gestürzt. Durch ein offenes Fenster griff er Weber zufolge ins Innere des Wagens. "Ob er die Insassen verletzt hat, konnte ich nicht sehen", sagte der 28-Augenzeuge. Blitzschnell habe A. seinen Arm wieder aus dem Auto gezogen. "Er hat auf fast jeden eingestochen, den er erreichen konnte."

Dann habe sich die Verfolgungsjagd verlangsamt. Fast in Schrittgeschwindigkeit trieben ihn die Männer weiter auf der breiten Einkaufsstraße im Hamburger Stadtteil Barmbek vor sich her. An einem pakistanischen Restaurant bog A. links in eine Seitenstraße ein, so Weber. Der Mann mit dem Messer lief nun durch ein Wohnviertel, rote Backsteinhäuser, geparkte Autos an beiden Straßenseiten.

"Immer wieder haben die anderen Verfolger ihn auf Arabisch aufgefordert, das Messer niederzulegen", sagte Weber. "Ich habe kein Wort von dem verstanden, was er gesagt hat, ich kann kein Arabisch." Aber ab und zu habe der Täter fast entschuldigend die Arme gehoben.

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Plötzlich habe A. ihn dann mit seinen Blicken fixiert, sagt Weber. "Vorher waren wir als Gruppe ausgeschwärmt, damit wir uns ihm von mehreren Seiten aus nähern konnten. Als der Mann mit dem Messer dann drohend auf mich zukam, sind die anderen Männer sofort näher gekommen und haben einen Pulk gebildet, um mich zu schützen."

Ahmad A. fand offenbar ein neues Opfer: "Es kam eine Frau auf uns zu, die ihr Fahrrad neben sich geschoben hat." A. stach sie nieder, erinnert sich Weber. "Dann haben wir den letzten Stuhl auf ihn geworfen, den wir noch zur Hand hatten." Aber auch das habe nichts genützt.

Dann, an einer Bushaltestelle nahe des Hinterausgangs eines Kebab-Restaurants, flogen zwei Pflastersteine in Richtung Ahmad A. "Einer hat ihn am Kopf getroffen, einer am Rücken", sagte Weber. A. ging zu Boden - Zivilfahndern der Polizei gelang es schließlich, den Angreifer festzunehmen.

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