Politik

Jan Böhmermann

Erziehungs-TV

Er wäre gern der Martin Luther King des Internets, leider ist Jan Böhmermann nur der Reinhard Mey des ZDF. Das kommt davon, wenn man Humor und Pädagogik verwechselt.

DPA

Jan Böhmermann (Archivbild)

Eine Kolumne von
Donnerstag, 17.05.2018   18:26 Uhr

Jan Böhmermann will jetzt Politiker sein. Er hat sich vorgenommen, das Internet in einen Platz zu verwandeln, in dem Liebe und Vernunft regieren. Das habe ich nicht erfunden, um ihn lächerlich zu machen, das hat er selbst so gesagt.

Bislang kannte man Jan Böhmermann als Spaßmacher bei der Late-Night-Show "Neo Magazin Royale", die im Schnitt zwei Prozent der Zuschauer, die zu diesem Zeitpunkt noch vor dem Fernsehapparat sitzen, auf ZDFneo verfolgen. Weil er im deutschen Feuilleton so viele Fans besitzt wie kein anderer TV-Komödiant, gilt er auch ohne Quote als der heimliche Gigant der deutschen Fernsehunterhaltung.

Die Wirklichkeit zu kommentieren, reicht Böhmermann nicht mehr, er will sie gestalten. Ach, was sage ich, "gestalten": Er will sie transformieren. Deshalb hat er gleich eine "Bürgerrechtsbewegung" ins Leben gerufen. Andere Bürgerbewegungen kämpfen gegen die Einschränkungen von Freiheitsrechten und für die Stärkung der Demokratie. Die erste Tat der Böhmermann-Bewegung war das Erstellen von Listen zur Markierung von Leuten, die politisch verdächtig sind.

Ich persönlich glaube nicht an die Macht von Listen, weshalb ich auch die Aufregung darüber für übertrieben halte. Wenn Böhmermann oder seine Anhänger dazu aufrufen, missliebige Personen zu melden, ist das etwa so wirkungsvoll wie ein Appell, am Karfreitag von Tanzveranstaltungen abzusehen. In Wahrheit hat die Sache eher den gegenteiligen Effekt. Seit Böhmermann das Interesse auf rechte Troll-Seiten gelenkt hat, haben diese neuen Zulauf.

Besserwisserei als Humor verpackt

Dass Böhmermann wenig Liebe und Vernunft walten lässt, wenn er selbst in die Kritik gerät, zeigt seine Reaktion auf den Vorwurf, Intoleranz zu fördern. "Diskurserstickung" hatte der "Zeit"-Redakteur Jochen Bittner ihm in einem Kommentar vorgehalten. Das Einzige, was Böhmermann dazu einfiel, war, dem Kollegen von der "Zeit" eine Reise nach Auschwitz zu empfehlen, an der Seite der beiden Echo-Preisträger Kollegah und Farid Bang. Bei jedem anderen wäre die Inanspruchnahme des Holocaust zur Kritikabwehr als das gewertet worden, was es ist, nämlich als ein ziemlich erbärmliches Manöver. Bei Böhmermann entschied sich die Feuilletongemeinde, dies als weiteren Witz zu sehen.

Böhmermanns größte Leistung besteht darin, Besserwisserei so zu verkaufen, dass sich auch Leute, die normalerweise über das deutsche Kabarett die Nase rümpfen, vor Vergnügen kringeln. Wer Böhmermann schaut, der schaut in dem Bewusstsein, politisch korrekt zu lachen. #MeToo ist eine todernste Sache, also darüber keine Scherze. Alexander Dobrindt hingegen ist böse und Frau Weidel noch böser, da kann der Satire-Kakao, durch den sie gezogen werden, gar nicht dick genug sein. Das funktioniert wie ein Abzählreim.

Im "Neo Magazin Royale" kann man sehr schön sehen, was passiert, wenn Humor Gutes bewirken soll. Humor zieht seine Kraft aus allem Möglichen, aus dem Tragischen, dem Albernen, dem Anarchischen. Nur die Pädagogik ist als Schürfgebiet leider denkbar ungeeignet. Den Bademeister der deutschen Humorszene, so hat der "Zeit"-Redakteur Felix Dachsel Böhmermann vor ein paar Monaten genannt. Besser kann man es nicht ausdrücken. Wie jeder gute Bademeister steht der Kabarettist am Beckenrand und wacht mit der Trillerpfeife im Mund darüber, dass niemand über die Stränge schlägt.

Alles nicht so gemeint

Vielleicht sollte ich weniger Feuilleton lesen. Wenn ich nicht wieder überall gelesen hätte, wie wahnsinnig cool Böhmermanns Internet-Rettungsidee sei, hätte ich ein anderes Kolumnenthema gewählt. Aber in dem Fall konnte ich nicht anders. Ein Satz wie: "Wo Ironie distanziert und unangreifbar macht, wagt sich Böhmermann vor. Er bezieht Haltung, er meint es ernst", ist bei mir wie ein Trigger.

Vermutlich hat Böhmermann einen zu kleinen Schwanz. So wie Donald Trump. Männern mit kleinem Schwanz kann man in der Politik nicht trauen, sie kommen auf die komischsten Ideen. Weil sie die ganze Zeit mit dem Gefühl herumlaufen, man sehe ihnen die Schwanzkleinheit an, müssen sie ständig so tun, als hätten sie die dickste Hose. Okay, das war jetzt ein Scherz. Bevor jemand auf die Idee kommt, mich wegen Beleidigung zu verklagen, sage ich gleich, dass ich mir das nur ausgedacht habe.

So funktioniert Böhmermann-Humor. Man sagt die irrwitzigsten Dinge, aber bevor man dafür haftbar gemacht werden kann, ruft man: Alles nicht so gemeint! Pech ist, wenn einer herkunftsbedingt keine Ironiezeichen kennt und sich auch mit dem Hinweis auf die satirische Absicht nicht besänftigen lässt. Da Böhmermann nicht über den Kampfgeist eines Henryk Broder verfügt, der bei Beleidigungsklagen zur wahren Form aufläuft, rennt er zum Kanzleramtsminister, wenn es eng wird.

Er habe nicht das Zeug, die Dunja Hayali von ZDF Neo zu werden, hat Böhmermann in einem seltenen Moment der Einsicht gesagt. Vielleicht nicht Hayali, da gebe ich ihm recht. Aber der Reinhard Mey des ZDF, das ist drin.

insgesamt 214 Beiträge
spon_4_me 17.05.2018
1. Sich mit dem Jan
anzulegen, Jan, das ist mutig von Ihnen. Oder wollten Sie ihm eins auswischen, weil er den Spiegel-Teenie Bento einst nach allen Regeln der Kunst in seine kommerziellen Einzelteile zerlegt hat? Es ist mutig, weil Böhmermann Euch [...]
anzulegen, Jan, das ist mutig von Ihnen. Oder wollten Sie ihm eins auswischen, weil er den Spiegel-Teenie Bento einst nach allen Regeln der Kunst in seine kommerziellen Einzelteile zerlegt hat? Es ist mutig, weil Böhmermann Euch im Zweifel über ist. Natürlich wird der Satirist, der ernsthaft irgendetwas außer eben Satire betreibt, dabei vereinsfremd und ein wenig skurril. Aber Böhmermann hat in meinen Augen (zugegeben: ich lese keine Feuilletons) mehr Kenne von den Funktionsweisen der social media als jeder andere mir bekannte Medienschaffende. Wer soll denn den allgegenwärtigen Spinnern sonst Parolie bieten? Die wie Mondkälber schauenden, auf Proporz und gute Kinderstube pochenden Talkshow-Moderatoren und -Gäste mit ihren vorverquoteten Einlassungen? Gibt JB eine Chance. Vielkeicht geht er dahin, wos wehtut.
Mehrleser 17.05.2018
2.
"Reinhard Mey des ZDF" - finde ich durchaus sympathisch. Was wäre denn Herr Fleischhauer gerne, vielleicht Heino?
"Reinhard Mey des ZDF" - finde ich durchaus sympathisch. Was wäre denn Herr Fleischhauer gerne, vielleicht Heino?
bitte.was 17.05.2018
3. Danke
endlich mal eine Meinung die nicht auf den ohmeingottistdaslustig-Zug aufpringt. Böhmermann hat sich lächerlich gemacht, mehr nicht. Vor allem da die Lösch Dich Doku auf der die Aktion Böhmermanns beruht eine Lachnummer ist.
endlich mal eine Meinung die nicht auf den ohmeingottistdaslustig-Zug aufpringt. Böhmermann hat sich lächerlich gemacht, mehr nicht. Vor allem da die Lösch Dich Doku auf der die Aktion Böhmermanns beruht eine Lachnummer ist.
liwe 17.05.2018
4.
Danke für diesen Artikel, genau meine Meinung :-)
Danke für diesen Artikel, genau meine Meinung :-)
Werner Koben 17.05.2018
5. Schrumpelklöten von Internettrollen
Schade, daß Herr Böhmermann kein Gedicht über die Schrumpelklöten von Internettrollen geschrieben hat. So wäre immerhin noch drin gewesen, zum Heinz Erhardt des ZDF zu werden.
Schade, daß Herr Böhmermann kein Gedicht über die Schrumpelklöten von Internettrollen geschrieben hat. So wäre immerhin noch drin gewesen, zum Heinz Erhardt des ZDF zu werden.
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