Reise

Ausstellung "Die fotografierte Ferne"

Venedig, knips und weg

Ob Eiffelturm, Pyramiden oder Venedigs Inseln - wir reisen den Sehenswürdigkeiten hinterher, die wir aus den Katalogen kennen. Wie sehr die Fotografie das Reisen schon immer prägte, zeigt eine Ausstellung in Berlin.

Karl von Westerholt
Von
Freitag, 19.05.2017   05:16 Uhr

Sechs auf neun Zentimeter, mehr Fotopapier hat die gigantische Pyramide von Gizeh nicht bekommen. Ebenso die Toteninsel von Venedig, der Platz des Himmlischen Friedens und einige andere Weltberühmtheiten, die jeder Reiseführer als "Must See!" auflisten. In Sepia getaucht, versehen mit Büttenrand hängen die Ikonen auf Kleinstformat gestutzt an der Wand und wirken wie aus der Zeit gefallen.

Dabei tun sie nur so als ob. Die Aufnahmen entstanden in den Neunzigerjahren, als der Kölner Fotograf Karl von Westerholt für seine 32-teilige Serie "Die Welt in Auszügen III" den touristischen Highlights rund um den Globus hinterherreiste.

"Tourismus lebt davon, pauschal und ignorant zu sein - ich habe diese Haltung mit meinem Projekt nachvollzogen", sagt der Mittfünfziger. Zur Vorbereitung sammelte er in Reisebüros bergeweise Werbebroschüren ein und suchte nach den gängigsten Motiven. "Mir ging es darum, Archetypen zu finden. Welche Orte sind wie Metaphern für ein Land?", fragte er sich. Sprich: "Man sieht ein Känguru oder den Ayers Rock und weiß: Das ist Australien."

Von Westerholts Bilder imitieren die Ära des 19. Jahrhunderts, in der das Unterwegssein und Fotografieren beschwerlich, teuer und Forschern vorbehalten war oder jenen, die sich die "Grand Tour" als Bildungsreise leisteten. Zugleich kommentiert er mit ihnen die Obsession heutiger Touristen, Destinationen abzuhaken, nicht innezuhalten, sondern alles nur mittels Gerät wahrzunehmen: "Mit der Fotografie kann man Orte sammeln wie Gegenstände", sagt er.

180 Werke aus einem Jahrhundert

Wie Fotografen das Reisen dokumentieren steht im Zentrum der neuen Ausstellung "Fotografierte Ferne" in der Berlinischen Galerie. "Kein anderes Medium hat das Reisen so beeinflusst wie die Fotografie", sagt Kurator Ulrich Domröse. "Heute reisen viele nur noch den Bildern im Kopf hinterher, um sie vor Ort zu bestätigen. Wir fliegen nach Peking und was passiert? Wir gehen zum Platz des Himmlischen Friedens und machen ein Foto."

Fotostrecke

Fotografen auf Reisen: Von Japan bis Kairo

Wie das weit vor der Ära von Selfiestick und Instagram um 1870 aussah, präsentiert übrigens derzeit eine Schau in Konstanz, die das üppige Fotoalbum einer Reise nach Venedig, Florenz und Neapel ausstellt und damit den fotografischen Laienblick jener Zeit.

Statt Amateurbilder zeigt die Berlinische Galerie Werkgruppen von 17 verschiedenen Künstlern, die ein Jahrhundert Fotogeschichte dokumentieren - und verschiedene Ansätze, Ferne abzubilden: von handkolorierten Japan-Fotos des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die stereotype Teezeremonie- und Tempelszenen zeigen, bis zu abstrakt wirkenden Luftaufnahmen, die Robert Petschow um 1930 bei Ballonfahrten über Deutschland machte.

Zu sehen sind verblüffende Täuschungsmomente von Ulrich Wüst, der in der DDR die Sehnsucht nach der Toskana im Mecklenburgischen stillte und nach der Wende die Ost-Tristesse am Mittelmeer fand. Daneben lassen Heidi Speckers Italien-Bildern von 2010 eine sehr deutsche Perspektive erkennen, wo die Liebe zu sinnlichem Oberflächendesign auf Faschismusarchitektur-Szenen trifft: Italien scheint auf einmal kulturell und historisch nah und fern zugleich.

Fern vom Vertrauten wirkt alles fremd

Besonders auffällig ist, dass auf den 180 Werken in der Ausstellung der Zustand des Unterwegsseins unübersehbar ist. Wenn Wolfgang Tillmans etwa das Innenleben eines Flughafens abbildet, diesen Transitraum mit dem Klein-Klein von Sicherheitscheck und Passkontrolle.

Oder wenn fern vom Vertrauten einfach alles fremd und neu wirkt. Und sei es nur eine Tankstelle, wie Erich Salomon sie etwa 1930 bei seiner ersten USA-Reise ablichtete. "In Deutschland wäre das nie als Motiv für ihn in Frage gekommen", sagt Domröse. Der damals etablierte Fotoreporter Salomon entwickelte auf seinem Amerikatrip plötzlich einen anderen Blick: "Immer wieder finden Künstler erst unterwegs ihren Stil - in der Konfrontation mit der Fremde", sagt Domröse.

Fotohistorisch passt das allein deshalb hervorragend, weil William Henry Fox Talbot, einer der Pioniere der Fotografie, 1833 mit der Camera Obscura experimentierte - als er gerade im Urlaub am Comer See war. Weil er festhalten wollte, was er erlebte. Das Urmotiv der Fotografie, die Vergangenheit zu beweisen: Das "Es ist so gewesen", wie es der französische Philosoph Roland Barthes so prägnant formulierte, ist letztlich nichts anderes als ein Reisesouvenir.

Auch Karl von Westerholt kehrte von seiner Fotoreise verändert heim. "Vorher war ich ein regelrechter Reisefeind. Dank dieser Arbeit habe ich das Reisen schätzen gelernt", sagt er. Man könnte vermuten, er habe sich bei der Recherche satt gesehen an den Hochglanzbildern von Pyramiden, Tempeln und Skylines, aber nein: "Diese Highlights haben mir geholfen: Sie sind in der Realität tatsächlich so überwältigend."


Die Ausstellung "Die fotografierte Ferne" ist bis 11. September 2017 in der Berlinischen Galerie zu sehen. In Konstanz ist "Italienische Reise. Fotografie des 19. Jahrhunderts" noch bis 4. Juni 2017 geöffnet.

insgesamt 1 Beitrag
spon_3627094 19.05.2017
1. Keine Ahnung . . .
Keine Ahnung hat Frau Haeming von dem was sie da schreibt. Das Aufmacherphoto zeigt San Giorgo Maggiore. In der Fotostrecke wird sie bezeichnet als "Toteninsel". Ist sie aber nicht. Die im Volksmund Toteninsel genannte [...]
Keine Ahnung hat Frau Haeming von dem was sie da schreibt. Das Aufmacherphoto zeigt San Giorgo Maggiore. In der Fotostrecke wird sie bezeichnet als "Toteninsel". Ist sie aber nicht. Die im Volksmund Toteninsel genannte Insel ist "San Michele". Koffer packen, Frau Haeming - reisen kann bilden.
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP