Reise

Rodeln für Anfänger

"Denk immer an dein Pogefühl!"

Am Ende des Kurses gibt es zwar kein Olympiagold, dafür ein Rodeldiplom: In Oberaudorf lernen Schlittenfahrer, wie sie schnell und sicher den Hang hinunterkommen - und möglichst stilvoll.

Touristinformation Oberaudorf
Von
Freitag, 16.02.2018   04:42 Uhr

Zwischen Rodeo und Rodeln ist kein großer Unterschied, hat Charly gesagt, und er hat recht: wie er da auf dem Rodel liegt, die eine Hand fest am Zügel, die andere in die Luft gestreckt, der Körper von Kopf bis Fuß in äußerster Anspannung, das weckt Assoziationen an einen Cowboy, der einen bockenden Mustang zureitet.

"Du musst die Schläge und Sprünge voraussehen und sofort reagieren", sagt Charly Naue. Der 53-Jährige trägt keinen Stetson über seinen blonden halblangen Haaren, sondern einen Skihelm. Aber sein Blick ist ernst wie der eines Cowboys vor dem Ritt. "Dein Schlitten ist dein Bronco", sagt der Rodellehrer, "du musst ihn immer unter Kontrolle haben."

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Schlittenfahren für Anfänger: Rodeln wie ein Cowbowy

Rodelkurs im bayerischen Oberaudorf, ein paar Kilometer von der Grenze zu Österreich entfernt: Hier betreibt eine Skischule seit fünf Jahren dieerste Rodelschule Deutschlands an einer der längsten Winterrodelbahnen des Landes. 3,3 Kilometer windet sich die verschneite Piste am Hocheck ins Tal. Eine Sesselbahn bringt die Rodler bequem auf 980 Meter Höhe, dann geht es 500 Höhenmeter in Dutzenden Kurven hinunter.

Heute sind es vier Schüler, die 35 Euro gezahlt haben, um von Charly zu lernen: Bernhard und Tina, ein Münchner Mittdreißiger-Pärchen, dann Wolfi aus Neumarkt in der Oberpfalz und ich. Zumindest haben wir die richtige Ausrüstung: Skihelm, feste Stiefel, Skibrille. "Manchmal kommen tatsächlich Kids mit Turnschuhen hier an", sagt Charly, "das geht gar nicht, genauso wie Skistiefel oder Jeans und Wollpullis."

"Fantastisch, deine Gewichtsverlagerung"

Alle sind sich einig: Als Kind schien das alles leicht. Man setzte sich auf den Schlitten, schob kräftig an und raste dann "Aus der Bahn"-rufend den Hügel hinunter. Aber eine Naturrodelbahn ist natürlich ganz anders als ein Hügel, vor allem wegen der Kurven. Und wegen des Tempos. Und wegen der Tatsache, dass die Bahn nur vier Meter breit ist.

Irgendwie haben wir vier alle ein wenig Schiss - schließlich gilt Rodeln als eine der gefährlichsten Schneesportarten, jeder fünfte Wintersportunfall geht aufs Konto der Kufenfans. Wir rutschen zunächst ein wenig an einem flachen Hang hinab und üben das Steuern. Halb auf dem Rücken liegend zieht Tina den Lenkriemen diagonal nach links, bringt ihr Gewicht nach links, greift mit der rechten Hand in den Schnee neben dem Rodel, der Schlitten dreht nach rechts.

"Fantastisch, deine Gewichtsverlagerung", lobt Charly und übersieht fast, dass Tinas Freund Bernhard etwas irgendwie missverstanden hat und geradeaus auf eine Gruppe Skifahrer zusteuert. "Hochziehen, hochziehen!", ruft Charly. Bernhard reißt den Gurt nach oben, haut die Fersen in den Schnee und kommt schneespritzend zum Stehen, einen Meter von den amüsiert-schockierten Skifahrern entfernt.

"Also, noch mal", sagt unser Lehrer, der 30 Jahre lang einen Snowboard-Shop betrieben hat: "Die Beine gehören fest ausgestreckt nach vorne neben die Kufen. Sonst kann man hängen bleiben und sich den Fuß verdrehen. Die häufigsten Verletzungen bei Rodlern sind überdehnte Bänder. Mit den Füßen an den Kufen lenkt und bremst man besser."

Wolfi und ich - beide etwas beleibter - fragen, ob es denn normal sei, dass das so anstrengend sei, am Rumpf und so? "Der Bauchmuskel ist der wichtigste Rodelmuskel", sagt Charly. Wolfi und ich werfen uns bedauernde Blicke zu und murmeln etwas von den Crunches, die wir eigentlich immer machen würden, nur die letzten beiden Monate nicht. Ich erinnere mich nicht, dass Rodellegende Schorsch Hackl Sixpack-verdächtig aussah.

In die Kurve wie ein Formel-1-Fahrer

Eine Stunde lang fahren wir am Babyhang. Kurven. Bremsen. Slalomfahren. Neben uns zischen Sechsjährige auf Zipfelbobs kreischend zu Tal. Dreijährige versuchen erste Rutscher auf Skiern. Unsere Rennrodel sind niedriger und breiter als Kinderschlitten und kosten bis zu 400 Euro.

Meiner ist ein "Gasser Naviser" aus schichtverleimten Eschenholz mit geschliffenen Stahlschienen aus hochlegiertem Stahl. Die Firmenwebsite preist die ergonomische Sitzform. Trotzdem tut mir der Rücken weh. Pitschnass sind wir alle, der Schnee spritzt in die Hosenbeine, der Hintern sitzt in einer Wasserpfütze, die sich auf dem Plastiksitz gebildet hat.

Dann, die erste Abfahrt, auf der echten Rodelpiste. Letzte Instruktionen. "Wenn das Adrenalin kommt, werdet ihr alles, was ihr gelernt habt, ganz schnell vergessen", sagt Charly. Und: "Die Kurven nehmt ihr bitte wie ein Formel-1-Fahrer: vorher abbremsen, durchgleiten, dann Fahrt aufnehmen."

Charly fährt los, ich hinterher. Er dreht sich um und ruft: "Po-Gefühl, denk immer an dein Po-Gefühl!" Die ersten 50 Meter geht es geradeaus. Das beherrsche ich, meine Füße liegen oben neben den Kufenspitzen, wegen der Aerodynamik.

Die erste Kurve, der Rodel dreht nicht, ich setze die Füße in den sulzigen Schnee, bremse, kriege es gerade so hin. Das mit dem Vergessen stimmt, alles Rodelwissen scheint wie ausradiert. Bernhard und Tina sausen vorbei. Dann zwei Kurven prima genommen, allmählich geht es besser.

"Hoooooo" und Stopp

Alle paar hundert Meter wartet Charly auf die Gruppe, muntert auf, sagt, die Strecke sei heute wegen des Schnees besonders schwer und wir besonders gut. Wer's glaubt, wird selig. Wolfi ist an eine der Bretterwände geschrammt, die die Strecke in den Haarnadelkurven sichern. "I love my Helm", sagt er und grinst. "I love my Po-Gefühl", so Bernhard.

Bei der dritten Abfahrt passt fast alles, die Rodeljünger kriegen die Kurven gut hin, das Spiel mit dem Tempo macht tatsächlich süchtig, eine Mischung aus Formel 1, Rodeo und Kindheitsgefühlen. Die langen Geraden werden zum Tempotest und wenn man aus dem Augenwinkel rechtzeitig das orangefarbene Schild "Langsam! Slow down!" wahrnimmt, klappt es sogar mit dem Bremsen.

Unwillkürlich höre ich mich "Hoooo" sagen, als ich am Zügel, pardon Lenkriemen, anziehe und meinen Eschenholz-Bronco zum Stehen bringe. Abgeworfen wird heute keiner. Nach zweieinhalb Stunden haben wir die Grundlagenschulung bestanden. Wir sind stolz auf unser "Rodeldiplom", auch wenn das keiner so sagen würde. "Ich bin stolz auf euch", sagt dann eben Charly und strahlt uns bei der Übergabe der Urkunde an.

Bernhard, Tina und mich hat das Feuer gepackt, sie wollen noch ein paar Abfahrten mit dem Rodel machen. Wolfi zieht es ins nächste Gasthaus. Sein Po-Gefühl sage ihm, er brauche jetzt ein Weißbier, brummelt er. Vielleicht ist ja auch das das Erfolgsgeheimnis vom Hackl Schorsch gewesen.

insgesamt 2 Beiträge
Sibylle1969 16.02.2018
1.
Rodeln ist ja sehr beliebt im Winterurlaub, aber auch gefährlich. Viele denken, Rodeln sei kinderleicht, aber viele, teils schwere Verletzungen und sogar tödliche Unfälle sind beim Rodeln schon passiert. Ein Helm ist beim [...]
Rodeln ist ja sehr beliebt im Winterurlaub, aber auch gefährlich. Viele denken, Rodeln sei kinderleicht, aber viele, teils schwere Verletzungen und sogar tödliche Unfälle sind beim Rodeln schon passiert. Ein Helm ist beim Rodeln daher noch wichtiger als beim Skifahren. Rodeln unter Alkoholeinfluss sollte selbstverständlich tabu sein.
almeo 16.02.2018
2.
Meine Erfahrung vom letzten Wochenende ist ja eher, dass andere Personen auf der Piste die größte Gefahr sind. Da schnacken die Muttis fröhlich mitten auf der Piste während die dazugehörigen Dreijährigen unbeaufsichtigt [...]
Zitat von Sibylle1969Rodeln ist ja sehr beliebt im Winterurlaub, aber auch gefährlich. Viele denken, Rodeln sei kinderleicht, aber viele, teils schwere Verletzungen und sogar tödliche Unfälle sind beim Rodeln schon passiert. Ein Helm ist beim Rodeln daher noch wichtiger als beim Skifahren. Rodeln unter Alkoholeinfluss sollte selbstverständlich tabu sein.
Meine Erfahrung vom letzten Wochenende ist ja eher, dass andere Personen auf der Piste die größte Gefahr sind. Da schnacken die Muttis fröhlich mitten auf der Piste während die dazugehörigen Dreijährigen unbeaufsichtigt die Piste hinaufwatscheln, Grundschüler machen mitten auf der Piste eine Schneeballschlacht, Papi die Fotos und sieht vor lauter Handykamera nichts anderes mehr und die Omi kann halt nicht mehr so schnell und legt halb den Berg hinauf erstmal eine Pause ein. Gerade auf den etwas längeren Abfahrten kann man eigentlich schon keinen Schlitten ohne Lenkung und Bremse mehr fahren, die alten Holzschlitten, gut gewachst und mit 80 Kilo Mensch besetzt lassen sich unter solchen Bedingungen kaum mehr nutzen. Stellenweise ist da inzwischen echt Slalom angesagt. Früher ist man seitlich die Strecke hinauf und hat genug Platz für die Fahrenden gelassen. Entweder wissen es viele nicht mehr besser, oder es ist ihnen schlicht egal. Ich habe zumindest am Wochenende einige Zusammenstöße gesehen, bei denen vor allem kleine Kinder im Kindergartenalter - völlig überfordert mit ihrem Schlitten, gerne diese unsteuerbaren „Poporutscher“ - herumlaufende Erwachsene von den Beinen geholt haben. Teilweise mit ordentlich Tempo.
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