Reise

Eissegler in Estland

Mit 100 km/h über die gefrorene Ostsee

Segeln bei Minusgraden? Klingt verrückt, macht aber Riesenspaß. Wintereindrücke von der estnischen Insel Saaremaa.

Bettina Hensel
Von
Dienstag, 06.03.2018   05:55 Uhr

Eiskristalle funkeln wie Sterne auf der gefrorenen See. An einem Abend Ende Februar durchbohrt Meelis Saarlaid mit einer handbetriebenen Kurbel das Eis im Westen Saaremaas und misst dessen Dicke. "Ab 15 Zentimeter ist es sicher, übers Eis zu segeln", sagt der Hafenmeister. Es reicht. Die Chancen für die Weltmeisterschaft vor der estnischen Ostseeinsel stehen gut.

Der 54-jährige Saarlaid, dick eingepackt in Schneehose und Fliegermütze, weiß viel über das Eis. Und über Boote. 18 Jahre ist es her, als er unter estnischer Flagge rund um die Welt segelte, heute setzt er am liebsten Segel auf zugefrorenen Seen oder dem Meer.

Die schnelle Wintersportart hat Tradition auf Saaremaa, übersetzt "Inselland", das 200 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tallinn liegt. Auf der Karte ist es ein Katzensprung, mit dem Auto eine halbe Tagesreise über flaches Land, verschneite Wälder und den eisbedeckten Sund mit der Fähre.

Fotostrecke

Saaremaa in Estland: Eissegler und Eisschwimmer

Die größte Insel Estlands und viertgrößte Ostseeinsel hat in etwa die Fläche des Saarlands und ist mit circa 36.000 Einwohnern dünn besiedelt. Früher wurden mit den Eisseglern Lebensmittel von Insel zu Insel transportiert. Heute ist es ein Hobby, mit den leichten Gefährten übers Eis zu fliegen, die wie Kanus mit Kufen und einem Segel aussehen.

"Wenn ich mir im Sommer Videos anschaue, kommt schon das Adrenalin in mir hoch", sagt Saarlaid. Wenige Worte, viel Gefühl für ihn - den Mann der Fakten. Jeden Winter schickt er Messungen über das Eis rund um die Insel an die Estländische Eissegel-Kommission.

Von seinen Daten hängt es ab, ob die Weltmeisterschaft hier stattfinden kann, zuletzt war das 2011. Am vergangenen Wochenende ging Saaremaa leer aus. 48 Stunden davor entschied sich die Kommission für den Wielimie-See in Polen. Estlands See war nicht glatt genug, es hatte die Nacht zuvor zu viel geschneit.

Der Kick des Eissegelns

Inselbekannt für den Bau von Seglern ist Indrek Aavik. Sie herzustellen, wirft allerdings nicht genug Profit ab. Daher werden in seiner Werkstatt im 64-Einwohner-Dorf Suure-Rootsi hauptsächlich Boote restauriert und Fensterrahmen gefertigt. Gerade entwirft der 39-Jährige einen neuen Eissegler für seine elfjährige Tochter.

Als Material dient ihm leichtes Kiefernholz von der Insel und Palisander. Der schmale Segler für Jugendliche nennt sich Ice-Optimist, ist rund zwölf Kilo schwer und kostet rund 1000 Euro ohne Segel. Bis zu 10.000 Euro muss für einen Zwei-Mann-Segler für Erwachsene gezahlt werden. Vor fünf Jahren erst hat der Besitzer der Schreinerei die Sportart für sich entdeckt. Seitdem lässt Aavik keine Chance ungenutzt, auf seinen "Schlitten" zu steigen - er ist einer der Eisverrückten der Insel.

"Mit bis zu 100 km/h ohne Bremsen übers Eis zu jagen, gibt dir einen Kick. Für Angst habe ich dabei keine Zeit", sagt er. Sobald der Austragungsort für einen Wettbewerb feststeht, poliert Aavik mit seinem Beifahrer über Nacht die Kufen seines Monotypes, der für zwei Personen Platz hat. Sie müssen spiegelglatt sein. Dann lädt er den circa 220 Kilogramm schweren Eissegler mit einem fast acht Meter hohen Mast auf den Trailer. Über 1000 Kilometer ging es zuletzt mit der Fähre nach Schweden.

Bei dem Wort Frieren zuckt er nur die breiten Schultern. "Manchmal müssen wir beim Segeln Masken tragen, so kalt ist es. Sie frieren regelrecht an der Haut an." Er lacht. Auch seine zwei Töchter wollen keinen Schmerz kennen, sagt er. "Ihre Gesichter sind blau vor Kälte, aber sie sagen: Mir ist warm."

Bettina Hensel

Karl Ader

Den 15-jährigen Karl Ader lässt die Kälte ebenfalls kalt. Der Hafen von Roomassaare ist in Weiß getaucht, es schneit. Bei minus acht Grad schraubt der Junge schweigend ohne Handschuhe fast eine Stunde lang seinen Eissegler zusammen. Stück für Stück, erst die Kufen, dann den Mast und die Segel. "Ich mag den Winter lieber als den Sommer", sagt Ader, "aber nur dann, wenn ich oft genug aufs Eis kann." Seine Wangen glühen pink, seine Augen leuchten blau wie arktisches Meer.

Erst im Februar hat Ader bei den Junior-Weltmeisterschaften in Litauen gewonnen. Wenn das Eis stabil genug ist für den Sport, sitzt er mit seinem Team manchmal stundenlang auf der zugefrorenen Ostsee. Und wartet auf Wind wie ein Surfer auf die Wellen. Wenn er ausbleibt, müssen die Segler unverrichteter Dinge abziehen.

Eisschwimmen macht süchtig

Kälte und Eis ist auf Saaremaa für viele kein Grund, zu Hause zu bleiben. Eiszapfen hängen an den Dachgiebeln der herausgeputzten Altbauhäuser in der Hauptstadt Kuressaare. An den Holzhäuschen, die an Astrid Lindgrens Bullerbü erinnern. In Skianzügen oder Outdoorjacken schlendern Insulaner die Straßen entlang. Rund um die spätgotische Bischofsburg aus dem 14. Jahrhundert folgen Langläufer ihren Bahnen, Mütter ziehen Kinder auf dem Schlitten.

Rund 20 Mitglieder des Eisschwimmklubs springen in ein Eisloch und jubeln mit ausgestreckten Armen. "Früher wollte ich noch nicht mal im Sommer ins Wasser," sagt die 58-jährige Celia mit weißer Mütze. "Doch dann begegnete ich den Eisschwimmerinnen. Sie sahen so jung und vital aus." Jeden Morgen um 6.45 Uhr taucht sie seitdem für ein paar Minuten ins Eiswasser. "Es macht wirklich süchtig!"

An der Treppe ins Eisloch flattern drei blaue Luftballons in den Farben der estnischen Nationalflagge: blau, schwarz, weiß. Im Februar feierte Estland seinen 100. Unabhängigkeitstag.

Bettina Hensel

Eisschwimmerinnen

Die Insel der Bauern, Brotbäcker und Bootsbauer war in ihrer Geschichte oft Spielball invasiver Streitmächte. In der Sowjetzeit war die Insel aufgrund der strategisch wichtigen Lage an der Westgrenze der UdSSR russisches Sperrgebiet, selbst Esten benötigten eine Sondergenehmigung, um auf die Insel zu kommen. Tausende Einwohner wurden 1940 nach Sibirien deportiert.

Die Isolation im Zweiten Weltkrieg hat auch heute noch Einfluss auf die Infrastruktur als Ferieninsel. Da die russischen Militärstationen oft direkt am Meer lagen, gibt es keine Tradition von Badeorten oder winterlichem Spa-Tourismus an der Ostsee. Heute ändert sich das langsam. Bestes Beispiel ist das Georg Gots, das erste Wellnesshotel Estlands direkt am gefrorenen Eis.

Dampf steigt vom beheizten Outdoor-Schwimmbad auf. Kätlin Tint serviert drinnen im Restaurant heißen Kaffee. Die 25-Jährige trägt ein strenges Kostüm und hochgesteckte blonde Haare. Eisverrückt ist Tint nicht. Sie blickt lieber durch die Panoramafenster nach draußen.

Ein Wintermuffel auf Saaremaa, gibt es das? "Doch, manches mag ich daran", sagt Tint. "Das Sanfte am Schnee. Es macht die Nächte so viel heller und schöner."

Die Pressereise wurde unterstützt von Leader Esti, einer Initiative der EU zur Entwicklung des ländlichen Raums.

insgesamt 3 Beiträge
michaelXXLF 06.03.2018
1. Estlands neue Landesfarben
"Drei blaue Luftballons in den Farben der estnischen Nationalflagge"? Neulich war die doch noch schwarz, weiß und blau?
"Drei blaue Luftballons in den Farben der estnischen Nationalflagge"? Neulich war die doch noch schwarz, weiß und blau?
bucketfor99 06.03.2018
2. Auch im Sommer
eine wunderbare Insel!
eine wunderbare Insel!
susiwolf 06.03.2018
3. Nationale Spezialität ...
Auch eine Flagge kann manchmal ... b l a u gefroren sein.
Zitat von michaelXXLF"Drei blaue Luftballons in den Farben der estnischen Nationalflagge"? Neulich war die doch noch schwarz, weiß und blau?
Auch eine Flagge kann manchmal ... b l a u gefroren sein.
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