Reise

Kulturhauptstadt Valletta

Maltas wilde Meile

Ihr Ruf wehte weit über das Mittelmeer hinaus: In Maltas Strait Street schlug einst das wilde Herz der Inselhauptstadt Valletta. Pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr belebt Malta die berühmte Gasse wieder neu.

imago/imagebroker
Mittwoch, 10.01.2018   03:59 Uhr

Giuseppe Schembri Bonaci ist gekommen, um die Straße seiner Kindheit zu retten: Jene 665 Meter lange und schmale Gasse, die bis hinunter an den Hafen der maltesischen Hauptstadt führt: die Strait Street. In der früher das rotlichtige Herz Vallettas schlug. Die strada stretta, die die Künstler und auch Soldaten so liebten. In der Bonacis Großvater den Tanzsalon Morning Star führte. In der jede Bar eine eigene Band hatte. Und wo Matrosen in den Stockbetten der Lodging Houses ihrer Räusche ausschliefen, während ihre Schuhe geputzt und ein Frühstück bereitet wurde. "Bis 1972 war die Straße voller Leben", sagt Bonaci und betrachtet wehmütig die heruntergekommenen Fassaden.

Seit in den späten Achtzigerjahren viele Bewohner Valletta den Rücken kehrten, hat auch das wilde Herz der Strait Street aufgehört zu schlagen. Auch Bonacis Familie verließ damals die Insel. Er selbst hat im Ausland studiert und als Künstler und Dozent gearbeitet. Jetzt ist Bonaci zurück in seiner Heimatstadt, lehrt an Maltas Universität und soll als künstlerischer Leiter für die kulturelle Wiederbelebung von Vallettas berühmtester Gasse sorgen - eines der wichtigsten Projekte für das Kulturhauptstadtjahr 2018.

Jetzt kommt das große Geld

Nach und nach werden die alten Paläste aufgehübscht, doch bis die Strait Street "chic" ist, wie Bonaci es nennt, wird es noch dauern. Doch so sehr sich der Bohemian mit den wilden grauen Locken, der am liebsten experimentelles Theater macht und Multikulturelles schätzt, sich über seine Aufgabe freut, er fürchtet sich auch vor dem, was die aktuellen Investitionen mit sich bringen. "Nun kommt das große Geld in die Strait Street und ich helfe bei dieser Kommerzialisierung auch noch mit", sagt er. Sein Ziel: Durch die Strait Street soll auch wieder ein bisschen vom früheren, anarchischen Geist wehen. Ob ihm das gelingt?

1994 ist Bonaci schon einmal mit einem Strait-Street-Projekt gescheitert. Damals hatte ihm die Stadt das Teatru Strada Stretta überlassen, in dem er nach dem Vorbild von Dario Fos revitalisierter Commedia dell'Arte klassische Stücke persiflieren wollte. "Als sie meine Produktionen sahen, haben sie mir das Theater wieder weggenommen", erzählt der Künstler. Derzeit ist das ehemalige Theater eine leere Hülle, doch ein Plakat weist auf den künftigen Mieter hin. Eine NGO. Bonaci grinst. Ein NGO ist ihm lieber als noch ein Boutique-Hotel.

Auch der maltesische Journalist George Cini, 71, liebt die Strait Street und ist überzeugt: "Ohne die Strait Street wäre Valletta tot." Hier wurde in schlechten Tagen in den Bars und in den kleinen Läden das Geld verdient. Cini hat alte Fotos gesammelt und Illustrationen. Er kennt die Geschichten hinter den Fassaden, hat sich mit ehemaligen Bardamen getroffen und den Transvestiten. Das daraus entstandene Buch "Strait Street - Secrets and stories from behind closed doors" soll das Gedächtnis der Strait Street sein - und eine Welt zeigen, die beinahe verschwunden ist.

Mit dem Hündchen unterm Arm

Wenn Cini durch die Straße geht, trifft er das alte Personal der Gasse. Den alten Guzi von der Cairo Bar zum Beispiel, der schon mit 14 als Transvestit arbeitete und in seinem Leben viel Geld verdient und ebenso viel ausgegeben hat. Heute lebt der zahnlose alte Mann davon, dass er Restaurant-Wäsche wäscht. Guzi winkt mit einem Hündchen auf dem Arm vom Balkon eines verfallenen Palastes.

Das Haus neben dem Restaurant Palazzo Preca - "da war mal eine Bar, Dirty Dick's, nur für Männer", weiß Cini. Der Besitzer sei überzeugt gewesen, dass Frauen nur Ärger machen. Die Mädchen der Bar The Egyptian Queen hingegen waren gern gesehen. Vor allem von den Matrosen, denen sie den Aufenthalt auf Malta versüßten. "Das waren kein Huren. Die meisten hielten die Seeleute nur in der Bar bei Laune", erklärt Cini. Die Bardamen, züchtig mit Rock und Bluse bekleidet, waren oft die einzigen, die zum Unterhalt ihrer bitterarmen Großfamilien beitrugen.

Cini hat ein Herz für die Underdogs der Gesellschaft, er kennt Armut aus eigener Erfahrung: George wuchs mit sechs Geschwistern auf. Manchmal durften sie sich eine Flasche Cola teilen, "dann gab's für jeden einen Schluck". Der Vater - war meist abwesend. "Er kam und ging. Ich wusste nicht einmal, dass er mein Vater war." Und so ist Cinis Buch über den Mikrokosmos Strait Street auch eine Spurensuche nach der eigenen Herkunft geworden. Nach dem, was bleibt.

Die Zukunft im Blick

Derweil haben die Organisatoren der Valletta 2018 Foundation, die sich um die Planung des Kulturjahres kümmert, weniger die Vergangenheit im Blick als die Gegenwart und die Zukunft. Und da tut sich allein optisch einiges in der zum Weltkulturerbe erklärten 6000-Einwohner-Stadt.

Ein Blickfang ist das von Renzo Piano entworfene Parlamentsgebäude mit seiner wabenartigen Steinfassade. Auch das Freilufttheater, das aus den Ruinen des königlichen Opernhauses entstand, und natürlich Pianos gewaltiges Stadttor, das Valletta zum Meer hin öffnet.

Nun, im Kulturhauptstadtjahr, ist Vallettas Veranstaltungskalender voll: mit mehr als 140 Projekten und 400 Events - von klassischer Oper über Performance und Design bis zu Musik, Tanz und Film. Wenn das Kulturjahr am 20. Januar feierlich eröffnet wird und Musik, Theater, Tanz und Videokunst die Plätze und Gassen der Stadt erfüllen, soll die "Festa" das große Erbe der Stadt in die Gegenwart holen. "Wir sehen Kultur als Investition in die Zukunft", schreibt Jason Micallef, der Chairman der Foundation Valletta 2018. Die Gesellschaft werde von der künstlerischen Dynamik profitieren. Im Kulturhauptstadtjahr wolle man "unterhalten, fordern, provozieren".

Giuseppe Schembri Bonaci, der künstlerische Leiter des Strait Street Projekts, sieht diesen dreifachen Anspruch als Auftrag: Die Strait Street soll sich wieder mit Leben füllen, aber dabei ihr Erbe, das George Cini für die Nachwelt aufgeschrieben hat, nicht vergessen.

Weitere Informationen

Anreisen
Malta wird von vielen Fluglinien angeflogen, u.a. von Condor, Air Malta, Lufthansa.
Wohnen
Auf der Insel gibt es jede Menge Hotels, große und kleine, auch Jugendherbergen und Campingplätze. In Valletta kann man ebenso in Palasthotels absteigen wie in Boutique-Hotels oder individuellen Guesthouses. Preisspanne zwischen 90 und 250 Euro pro Zimmer.
Veranstalter
Malta ist in den Programmen der meisten Veranstalter. FTI hat sogar einen eigenen Malta-Katalog aufgelegt (sieben Nächte im Hotel Osborne in Valletta mit Frühstück und Flug ab 849 Euro). Bei Thomas Cook Signature kosten sieben Nächte mit Frühstück im Phoenicia in Valletta ab 851 Euro.
Kulturhauptstadtjahr, eine Auswahl an Terminen
14. bis 21. Januar: Eröffnungswoche mit einem großen Festival aus Tanz, Musik und Performance, das ganz Malta und auch die Schwesterinsel Gozo mit einbezieht.
9. bis 14. Februar: Karneval. Höhepunkt dieser jahrhundertealten Tradition, die noch auf die Malteser Ritter zurückgeht, ist die schwimmende Parade.
14. April: Eröffnung des Altofests Malta in der Strait Street. Das alternative Kunstfestival, das seine Wurzeln in Neapel hat, wandert von der Strait Street aus über die ganze Insel.
15. Mai: Star of Strait Street, ein auf einer wahren Geschichte beruhenden Musical aus den Glanztagen der Strait Street
29. Juni bis 14. Juli: Malta International Arts Festival mit Musik, Theater, Oper, Videokunst, Tanz, Filmen, Installationen, Performances und interaktiven Gemeinschaftsprojekten auf der ganzen Insel.
Juli: Malta Jazz Festival mit internationalen Stars
28. September: Science in the City - eine spielerische Begegnung mit Forschung und Wissenschaft für Jung und Alt
29. November bis 2. Dezember: Of Peace and Unrest. Multimedia Performances und Dokumentarfilme zu den soziokulturellen Problemen unserer Zeit
15. Dezember: Abschlusszeremonie
Details unter www.valletta2018.org
Informieren
Fremdenverkehrsamt Malta, Schillerstraße 30-40, 60313 Frankfurt, Tel. 069 247503130, www.visitmalta.com/de

Simone F. Lucas, srt/ele

insgesamt 4 Beiträge
flexier 10.01.2018
1. Valletta's Kulturerbe wird gerade massakriert...
wäre die bessere Analyse. Ja, die Fassaden werden modernisiert, aber viel wichtiger, Valletta wird auch bis in den kleinsten Winkel kommerzialisiert. In ein paar Jahren wird von Strait Street nichts mehr übrig sein, geschweige [...]
wäre die bessere Analyse. Ja, die Fassaden werden modernisiert, aber viel wichtiger, Valletta wird auch bis in den kleinsten Winkel kommerzialisiert. In ein paar Jahren wird von Strait Street nichts mehr übrig sein, geschweige denn der alte Charm zurückkehren. Der alte Markt wurde nicht nur modernisiert bis fast zur Unkenntlichkeit, sondern auch noch einer Supermarkt-Kette überlassen. Resultat: von aussen ein modernes Gebäude mit einigen alten Elementen, von Innen ein Kaisers (oder ähnlich). Der alte Charm der vielen kleine Markthändler? Gone with the wind! Ich bin durchaus fuer diese Modernisierung von Valletta, aber dann sollte man das Kind auch beim Namen nennen und nicht versuchen Folklore draus zu machen. Dieser Artikel klingt wie der Versuch Malta mal aus den Negativ-Schlagzeilen (Panama Papers) zu holen.
eunegin 10.01.2018
2. egoistisches Inselchen
Malta? Etwas zugig, Horden von trinkenden Sprachstudenten, "interessante" Finanzkonstrukte, eine fragwürdige Politik- und Wirtschaftsszene und eine käufliche (!) Staatsangehörigkeit (da ja dann ein EU-Pass). Valetta [...]
Malta? Etwas zugig, Horden von trinkenden Sprachstudenten, "interessante" Finanzkonstrukte, eine fragwürdige Politik- und Wirtschaftsszene und eine käufliche (!) Staatsangehörigkeit (da ja dann ein EU-Pass). Valetta mitten drin. Eine wahre Kulturhauptstadt. Irgendwie bin wohl ich kein Fan.
coherentfactor 10.01.2018
3. Schade, dass man das Jahr...
Schade, dass man das Jahr der maltesischen Kulturhauptstadt nicht nutzt, um gleichzeitig die ständigen Autobomben zu thematisieren. Erst letzte Woche ist ein Anschlag gescheitert, der nach dem einigermaßen thematisierten [...]
Schade, dass man das Jahr der maltesischen Kulturhauptstadt nicht nutzt, um gleichzeitig die ständigen Autobomben zu thematisieren. Erst letzte Woche ist ein Anschlag gescheitert, der nach dem einigermaßen thematisierten Autobombenanschlag auf Daphne Galizia stattfand. Es ist was faul im Staate Malta und die Medien sollten vor einer gnadenlosen Berichterstattung nicht zurückschrecken. Es geht hier auch um eine ihrer Kolleginnen und die Pressefreiheit in einer jungen Demokratie.
Hamberliner 10.01.2018
4. Schnellfähre ab Pozzallo
Wieso muss man dahin unbedingt fliegen? Als alleiniges Urlaubsziel ist Malta viel zu klein, man ist damit nach wenigen Tagen durch. Wenn man Malta in eine größere Rundreise einbezieht, mit dem eigenen Fahrzeug, erreicht man es [...]
Wieso muss man dahin unbedingt fliegen? Als alleiniges Urlaubsziel ist Malta viel zu klein, man ist damit nach wenigen Tagen durch. Wenn man Malta in eine größere Rundreise einbezieht, mit dem eigenen Fahrzeug, erreicht man es mit der Schnellfähre in wenigen Stunden von Pozzallo auf Sizilien aus. Ich vermisse auch die Warnung dass Malta leider über keine umlaufende Küstenstraße verfügt, was eine Rundreise erschwert, und eine klare Warnung vor der miesen maltesischen Küche. Als kleiner Happen abends zum Bier bekommt man in vielen Lokalen allenfalls - very british - eine diagonal durchgeschnittene Scheibe ungetoastetes Toastbrot mit etwas matschigem, labbrigem drauf, inkl. welkes Salatblatt. Tankstellenfraß.

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