Reise

2600 Kilometer zu Fuß durch Europa

Wo lang? Was essen wir? Wo schlafen wir?

Jeden Tag mussten Svenja Trenkel und Witali Bytschkow die immer gleichen drei Fragen klären. Viereinhalb Monate lief das Kölner Paar auf Jakobswegen durch Europa. Das hinterlässt Spuren - auch nach ihrer Rückkehr.

Witali Bytschkow / Svenja Trenkel
Von
Samstag, 14.04.2018   07:50 Uhr

Witali Bytschkow ist Frühaufsteher. Um 4 Uhr morgens beginnt für ihn der Tag. Aufstehen, frühstücken, loslaufen - so hätte er es gerne. Seine Freundin Svenja Trenkel befindet sich um diese Uhrzeit aber noch im Tiefschlaf, und etwa drei Stunden von jeglicher körperlicher Aktivität entfernt.

"Ich musste lernen, mich morgens zurückzuhalten", sagt der 30-Jährige. "Und Svenja musste lernen, dass ich teilweise um 20 Uhr schon todmüde bin."

Seit zwei Jahren sind die beiden Kölner ein Paar. Wie unterschiedlich ihr Tagesrhythmus manchmal ist, merkten sie erst, als sie gemeinsam losliefen: Von Norwegen nach Portugal, rund 2600 Kilometer, gingen Svenja und Witali zu Fuß. Nur mit ihren Rucksäcken und einem kleinen Zelt ausgerüstet, starteten sie vergangenen August von Trondheim aus Richtung Süden.

Die Idee, gemeinsam zu wandern, hatten sie schon länger: "Als wir zusammengekommen sind, haben wir mal gesagt, wenn wir 100 Tage zusammen laufen und uns danach immer noch etwas zu sagen haben, dann ist das ein gutes Zeichen", sagt die 31-jährige Svenja. "Wir fanden die Idee gut, viel Zeit miteinander zu verbringen, um uns kennenzulernen." Sie verbrachten 141 Tage und Nächte miteinander.

"Das hat überraschend gut funktioniert", sagt Witali. "Wir mussten aber erst einmal unseren Rhythmus finden. Man hat Hunger, ist müde, hat Blasen und der andere ja auch, aber vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt, das kann schon anstrengend sein."

Auf dem Olavsweg nach Oslo

Der erste Wegabschnitt ihrer Tour durch Europa führte die beiden von Trondheim nach Oslo. Zu Fuß versteht sich. Viele Wegnetze durch Europa sind als Jakobswege bekannt, in Norwegen heißt die Pilgerstrecke St. Olavsweg. Die Wege sind in der Regel gut ausgeschildert. "Die ersten 700 Kilometer waren gleichzeitig die härtesten, weil die Wege in Norwegen durch komplette Wildnis führen", sagt Witali. "Da haben wir gelernt, uns selbst einzuschätzen." Und den anderen.

"Es gibt immer Sachen, die am anderen nerven", sagt Svenja. "Aber ich habe mich dann immer gefragt, ob es jetzt wirklich ein Problem gibt oder ob das vielleicht einfach ich bin, weil ich Hunger habe oder müde bin." Man müsse lernen, zu akzeptieren, dass der andere so ist, wie er ist. Wie vielen Paaren half es den beiden, ehrlich miteinander zu reden und offen Gefühle anzusprechen - auch negative.

Fotostrecke

Zu Fuß: 141 Tage, 2600 Kilometer

Wenn doch mal dicke Luft herrschte, lief einer von beiden voraus. "Um Energie abzulassen", sagt Witali. Dann war alles wieder gut. Auf den ersten Kilometern schmerzten noch die Füße, irgendwann ließ es nach. Manchmal lief Witali vorne, manchmal Svenja. Ab und zu trafen sie andere Wanderer. An einigen Tagen führten sie tiefgründige Gespräche. An anderen schwiegen sie fast den kompletten Tag lang. Witali hörte oft Hörspiele und erzählte Svenja dann davon.

"Es gab immer drei Fragen, die wir klären mussten: Wo geht der Weg entlang? Was essen wir heute? Wo schlafen wir?", sagt Svenja. Sie liefen los, wenn die Sonne aufgegangen war, und bauten ihr Zelt auf, wenn es dämmerte. Acht bis neun Stunden am Tag, Uhrzeit und Wochentage spielten keine Rolle. Manchmal liefen sie im Regen, in den Bergen schneite es.

Als Witali und Svenja losgingen, ließen sie sich zunächst offen, nach der Etappe in Norwegen doch wieder nach Köln zurückzukehren. Witali ist Unternehmer, konnte sich nur schwer lösen von den Verpflichtungen zu Hause. Svenja hatte es einfacher: "Mein Vertrag als Heilpädagogin ist sowieso ausgelaufen, und da habe ich ihn nicht verlängert, weil ich mal was Neues ausprobieren wollte."

Sehr touristisch in Santiago de Compostela

Doch nach dem St. Olavsweg waren die beiden erst richtig angefixt, Witali entspannt. Sie flogen nach Frankreich, über Paris gingen sie weiter nach Le-Puy-en-Velay, von dort über die Pyrenäen nach Pamplona in Spanien, die Nordküste Spaniens entlang nach Oviedo und schließlich zur Pilgerhochburg Santiago de Compostela.

"Dort war es schon sehr touristisch", sagt Svenja. "Wir waren zum Glück in der Nebensaison unterwegs und die Unterkünfte waren nicht so voll. Dennoch gibt es 5000-Betten-Herbergen und jede Menge Souvenirshops." In der Hochsaison ist hier richtig was los.

Pünktlich zu Weihnachten kamen sie an ihrem erklärten Ziel an: Der Hafenstadt Porto an der portugiesischen Küste. "Genau vier Monate waren wir da unterwegs, und es war schön, dann erst einmal an einem Ort zu bleiben und sich ganz langsam auf die Heimreise vorzubereiten", sagt Svenja. Mitte Januar flog das Paar zurück nach Deutschland, nach viereinhalb Monaten.

"Seit wir zu Hause sind, ist alles viel kleiner", sagt Svenja. "Wir haben ein ganz neues Gespür für Distanzen entwickelt." Während Svenja noch auf Arbeitssuche ist, ist Witali zurück in seiner Firma. Aber er arbeitet nicht mehr so viel. "Ich habe gelernt, mir Ruhepole zu nehmen, und weil das so entspannt, habe ich für andere Dinge viel mehr Zeit", sagt er. "Alles unter zehn Kilometern gehe ich zu Fuß. Das dauert. Aber dann macht man eben mal das Handy aus und nimmt sich die Zeit."

Witali Bytschkow und Svenja Trenkel halten Vorträge über ihre Wanderung durch Europa. In vielen deutschen Städten kann man die beiden treffen und mit ihnen über ihre Erfahrungen sprechen und sich Tipps holen.

insgesamt 28 Beiträge
cadaquesien 14.04.2018
1. Wo fahre ich lang, wo bekomme ich etwas zu essen, wo übernachte ich?
Das sind genau dieselben Fragen, die ich mir bei meinen Fahrradreisen auch stelle. Und man stellt sich NUR diese Fragen. Nach ca. 2 Wochen ist der Kopf dann leer, ein herrliches Gefühl. Leider hält es nicht ewig vor, wenn man [...]
Das sind genau dieselben Fragen, die ich mir bei meinen Fahrradreisen auch stelle. Und man stellt sich NUR diese Fragen. Nach ca. 2 Wochen ist der Kopf dann leer, ein herrliches Gefühl. Leider hält es nicht ewig vor, wenn man wieder zurück ist, das werden die beiden auch noch feststellen. Dann muss man wieder los.
ThomasWitte 14.04.2018
2. Gähn...
Diese Wanderung durch Europa ist ja nun wirklich nicht mehr erwähnenswert, da viele viele Vorgänger bereits Furchen im Asphalt hinterlassen haben. Durch unseren Ort, mit der St. Jakobi-Kirche, muss man zeitweilig schon mal den [...]
Diese Wanderung durch Europa ist ja nun wirklich nicht mehr erwähnenswert, da viele viele Vorgänger bereits Furchen im Asphalt hinterlassen haben. Durch unseren Ort, mit der St. Jakobi-Kirche, muss man zeitweilig schon mal den Wanderer-Stau erdulden, bevor man weiter fahren kann. Dagegen gibt es Menschen, einen in unmittelbarer Nachbarschaft, die durchwandern allein Indien und Nepal usw. ohne Bett und Essen, das ist mal was...Dieser Artikel jedoch zeigt mir wieder einmal, was in Deutschland schon als Abenteuer gilt...mit Vollversicherung und Ankunftsgarantie.
isi723 14.04.2018
3.
Mai/Juni 2017 bin ich mit dem Rad aus der Nähe von Stuttgart zum Cap Finisterre in Spanien, 80km hinter Santiago, gefahren und von Pamplona aus praktisch auf oder immer nah am Jakobsweg. Wie die Beiden mit einem Minizelt. Gut [...]
Mai/Juni 2017 bin ich mit dem Rad aus der Nähe von Stuttgart zum Cap Finisterre in Spanien, 80km hinter Santiago, gefahren und von Pamplona aus praktisch auf oder immer nah am Jakobsweg. Wie die Beiden mit einem Minizelt. Gut 3000km hatte ich am Ende auf dem Tacho. Und auch wenn ich eigentlich kein Pilger bin, so haben die knapp 7 Wochen, in denen ich über vieles nachdenken konnte und das "auf Santiago de Compostela zu fahren", begleitet von vielen Pilgern irgendetwas in mir bewirkt. Es war ein spezielles Gefühl auf dem Platz vor der Kathedrale - wie die meisten Pilger - eine Zeit zu verweilen. Ich habe damals in mein Tagebuch geschrieben, Dass "so eine Tour die Grenzen im Kopf verschiebt". Viele Probleme werden relativiert, was allerdings mein Kopfschütteln in Bezug auf viele aktuelle Themen eher verstärkt hat. Fakt ist und das werden Svenja und Watili sicher bestätigen können, dass so eine Reise einen bleibenden Eindruck hinterlässt, den einem niemand mehr nehmen kann.
Papazaca 14.04.2018
4. Macht Lust auf große Wanderungen
Erst mal Respekt. Hört sich spannend an. Und dann doch sehr reduziert: Weg, Essen, Schlafen. Und natürlich gut miteinander auskommen. Und ich habe bei dem Bericht nicht das Gefühl, das beide es wegen des Egos oder der [...]
Erst mal Respekt. Hört sich spannend an. Und dann doch sehr reduziert: Weg, Essen, Schlafen. Und natürlich gut miteinander auskommen. Und ich habe bei dem Bericht nicht das Gefühl, das beide es wegen des Egos oder der Medienresonanz gemacht haben, auch wenn es im SPON steht. Ach ja, ein gr0ßes Stück können sie ja noch laufen: Oslo-Paris. das fehlte doch noch, oder? Die über 3000 km des Apalachien-Trails haben mich auch immer gereizt. Dauert aber ein halbes Jahr. Mit dem Mountainbike bin ich schon durch Deutschland gefahren, von Ahlbeck nach Berchtesgaden, da ist so ein Europatrip eine gute Idee. Aber auch eine lange Auszeit. Mal sehen!
Papazaca 14.04.2018
5. Sie gähnen, mich motiviert es ...
Genau das braucht es nicht: Ich muß nicht immer was von Reisen lesen, die super schwer, super lang oder zum Südpool gingen. Ich finde es wohltuend, wenn auch ganz normale Menschen zu Wort kommen. Und wenn es Ihnen nicht [...]
Zitat von ThomasWitteDiese Wanderung durch Europa ist ja nun wirklich nicht mehr erwähnenswert, da viele viele Vorgänger bereits Furchen im Asphalt hinterlassen haben. Durch unseren Ort, mit der St. Jakobi-Kirche, muss man zeitweilig schon mal den Wanderer-Stau erdulden, bevor man weiter fahren kann. Dagegen gibt es Menschen, einen in unmittelbarer Nachbarschaft, die durchwandern allein Indien und Nepal usw. ohne Bett und Essen, das ist mal was...Dieser Artikel jedoch zeigt mir wieder einmal, was in Deutschland schon als Abenteuer gilt...mit Vollversicherung und Ankunftsgarantie.
Genau das braucht es nicht: Ich muß nicht immer was von Reisen lesen, die super schwer, super lang oder zum Südpool gingen. Ich finde es wohltuend, wenn auch ganz normale Menschen zu Wort kommen. Und wenn es Ihnen nicht gefällt, brauchenSie es ja nicht zu lesen, oder? Ich war auf einer langen Reise 3 Jahre in Afrika, trotzdem schätze ich auch einen Trip an die Pfälzer Weinstrasse. Guter Wein. Und das ist nicht Gähn sondern schmeckt richtig gut.
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