Reise
Planet Erde

Rituale in Äthiopien

Der Bullensprung

Michael Martin
Montag, 08.01.2018   04:25 Uhr

Wer den Lauf über Rinderrücken schafft, darf heiraten. Das Volk der Hamer im Süden Äthiopiens lebt noch seine Traditionen. Der Abenteurer und Geograf Michael Martin finanzierte die Party nach dem Bullensprung und durfte fotografieren.

Zur Person

Den Hamer sind wir zum ersten Mal auf dem Markt von Dimeka nördlich von Turmi begegnet. Angehörige dieses Volkes, das mit knapp 50.000 Menschen das Gebiet östlich des Omo besiedelt, verkauften dort Honig und andere Waren. Wir sind am Unterlauf des Flusses in Äthiopien unterwegs. Dort siedeln insgesamt 14 ethnologisch hochinteressante Völker, deren Zukunft durch einen Staudamm und agroindustrielle Großprojekte bedroht ist.

Turmi, das mehrere Unterkünfte und Campingplätze bietet, ist unsere Basis. Die kleine Ortschaft liegt mitten im Gebiet der Hamer. Am auffälligsten ist dort die Haartracht, die bei Frauen aus dünn geflochtenen, halblangen Zöpfen besteht, Männer dagegen reiben die Haare mit Lehm ein und schmücken sie mit Straußenfedern. Ihre Körper und Arme sind mit Schmucknarben übersät - Narben auf der Brust sind allein Männern vorbehalten, die bereits Menschen feindlicher Stämme getötet haben.

Abends fahren wir mit einem lokalen Guide aus Turmi in eine größere Hamer-Siedlung. Die Dorfältesten erlauben uns, unsere Fotodrohne aufsteigen zu lassen. Wir müssen sie 300 Meter hoch fliegen lassen, um alle von Viehpferchen umgebenen Hütten auf ein Bild zu bekommen.

Michael Martin, Joerg Reuther

Nach dem kurzen Flug schauen wir uns im Dorf um, in dem die Frauen Hirse und andere Feldfrüchte anbauen. Während die Frauen zusätzlich durch Wasserholen, Kochen und Kinder belastet sind, kümmern sich die Männer ausschließlich um die Rinder- und Ziegenherden. Viele sind in den Abendstunden bereits alkoholisiert.

Fotos gegen Feierfinanzierung

Spätabends erfahren wir, dass am nächsten Tag südlich von Turmi ein sogenannter Bullensprung stattfindet. Dieses Ritual soll einen jungen Mann für die Heirat vorbereiten. So ziehen mein Kompagnon Jörg Reuther und ich mit unserem Fahrer Jimy und einem Guide am nächsten Mittag los. Die Fahrt auf einer zeitweise kaum sichtbaren Piste endet nach einer Stunde mitten im Busch, jetzt geht es zu Fuß weiter.

Mit unseren schweren Kameras laufen wir nach Süden und erreichen nach 30 Minuten ein Flussbett. Dort haben sich gut hundert Hamer versammelt, nach Geschlechtern in zwei Gruppen getrennt. Unser Guide verhandelt mit dem Clanchef, zu welchen Bedingungen wir fotografieren dürfen. Man einigt sich auf einen Geldbetrag, mit dem das dem Bullensprung folgende Fest finanziert wird.

Fotostrecke

Michael Martin in Äthiopien: Sprung in die Ehe

Wir versichern uns angesichts der vielen Kalaschnikows, die an den Schultern der Männer baumeln, auch noch der Zustimmung des Vaters des Jungen, der heute springen soll. Dann heißt es warten.

Nach einer Stunde beginnen die Mädchen das Ritual mit einem Tanz im Flussbett, das sie dann bald in Richtung eines Hügels verlassen. Dort stehen die Rinder bereit, über die der junge Mann springen soll. Ihm hat man die Haare bis auf ein Büschel kahlgeschoren.

Doch bevor es so weit ist, geschieht in westlichen Augen Befremdliches: Die Mädchen tanzen vor einem Junggesellen, der den Bullensprung bereits hinter sich hat, und bitten ihn darum, als Zeichen ihrer Zuneigung ausgepeitscht zu werden, was dieser auch tut. Danach blasen die ausgepeitschten Mädchen kurz in ein Horn, während sie aus den Striemen am Rücken bluten.

Betrunkene Männer vor den Hütten

Währenddessen führen einige der umstehenden Männer die Rinder zusammen und stellen sie Seite an Seite auf. Nach einigen Vorbereitungen springt der junge Mann viermal über die Rücken der Rinder, ohne herunterzufallen. Als er nach vier Läufen auf der rötlichen Erde sicher aufkommt und ihm ein Teil des Haarbüschels abgeschnitten ist, gilt er als heiratsfähig.

Nachdenklich fahren wir zurück nach Turmi. Wie lange werden die Hamer noch ihr traditionelles Leben führen können? Endet es ähnlich wie das der Daasanach, die wir am nächsten Tag besuchen?

Wir sind bei Omorathe mit einem Einbaum über den Omo übergesetzt und zu einem ihrer Dörfer gelaufen. Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel, als wir ihre Hütten aus Binsen und Eisenschrott erreichen. Der Wind treibt Staubfahnen durch das Dorf, vor den Hütten liegen alkoholisierte Männer, die Stimmung hat etwas Apokalyptisches. Zeigt sich hier die Zukunft für die Völker am Omo?

Am nächsten Tag verlassen wir das Omo-Gebiet, folgen dem Großen Afrikanischen Grabenbruch nach Norden. In der Danakilwüste wartet ein aktiver Vulkan.

Lesen Sie hier bald den nächsten Blog von Michael Martin aus Äthiopien.

insgesamt 25 Beiträge
j.scheunemann 08.01.2018
1. Vielfalt erhalten
Vielfalt erhalten
Vielfalt erhalten
Papazaca 08.01.2018
2.
Leise Erinnerungen an "Jenseits von Afrika" Wenn wir über Afrika schreiben ist das oft problematisch: Wir wissen wenig. Und noch weniger haben wir einen Zugang zum Leben der Menschen. Wenn dann ein selbsternannter [...]
Leise Erinnerungen an "Jenseits von Afrika" Wenn wir über Afrika schreiben ist das oft problematisch: Wir wissen wenig. Und noch weniger haben wir einen Zugang zum Leben der Menschen. Wenn dann ein selbsternannter Abenteurer und Fotograf (Michael Martin) und ein renommierter Journalist (Jörg Reuther) auf eine afrikanische Reise gehen, wird es spannend. Was wird aus diesem Mix aus spektakulären Fotos und analytischer Reportage rauskommen? Ein gemischtes Ergebnis. Es zeigt eine fremde Welt, die spektakuläre Facetten aufweist, die wir aber nicht verstehen (Auspeitschen der Mädchen). Und es kommt zu einem bekannten Dilemma: Einerseits üben Martin und Reuther ihren Beruf als Journalist und Fotograf aus, andererseits wollen Sie eine andere Welt beschreiben und sich ihr trotzdem mit einer gewissen Sympathie annähern. Spektakulär aber trotzdem menschenfreundlich. Sie plädieren für den Erhalt dieser fremden Welt (mich erinnert es an die früheren Vorstellungen vom edlen Wilden) und tragen gleichzeitig zu Ihrem Verschwinden durch zahlen von Geld und mehr Tourismus bei. Seit "Jenseits von Afrika" hat sich viel verändert. Gleich geblieben ist der wollige Schauer über fremde Kulturen, die unser Bild einer exotischen Welt prägen, bis sich diese Exotik dann in Ihre Einzelteile auflöst. Kein Vorwurf sondern nur ein gemischtes Fazit.
Weltgeisterer 08.01.2018
3.
---Zitat--- Vielfalt erhalten Vielfalt erhalten ---Zitatende--- Da haben Sie recht. Wenn es denn nun für alle gilt. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Wäre man bei SPON konsequent, müsste man diese Tradition aber [...]
---Zitat--- Vielfalt erhalten Vielfalt erhalten ---Zitatende--- Da haben Sie recht. Wenn es denn nun für alle gilt. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Wäre man bei SPON konsequent, müsste man diese Tradition aber anprangern, da sie Behinderten keine Chance auf eine Heirat lässt. Mit einfachen Mitteln betreiben die Hamer hier sozusagen Eugenik. Diese Abenteuerromantik des edlen Wilden ist letztlich pure Heuchelei. Entweder lässt man allen Völkern ihre Selbstbestimmung oder man geht konsequent gegen alle Menschenverachtung vor.
carinanavis 08.01.2018
4.
Die gemischten Kommentare Papacazas lassen ein gewisses eurozentrisches Besserwissertum erkennen. Abfällig wir Martin zum "selbsternannten" Fotografen und Abenteurer erklärt, wohingegen dieser natürlich ein ein [...]
Die gemischten Kommentare Papacazas lassen ein gewisses eurozentrisches Besserwissertum erkennen. Abfällig wir Martin zum "selbsternannten" Fotografen und Abenteurer erklärt, wohingegen dieser natürlich ein ein exzellenter, professioneller Fotograf ist, dem auf seinen vielen Reisen hin und wieder Abenteuerliches zustösst. Mir ist Martin durch seine TV-Dokumentation "Die Wüsten der Erde" bekannt, in denen er stets respektvollen Umgang mit Natur und Menschen anderen Kulturen zeigt. Dann wird Martins Haltung, welche die Vernichtung dieser äthiopischen Kulturen durch Staudammprojekte und die Segnungen der westlichen Welt wie den Alkohol nicht gutheißt, gleich als naive Träumerei vom "edelen Wilden" diffamiert. All dies zeigt nur die Beschränktheit der Denkkategorien. Wenn man sein Afrikabild nur von einem Hollywoodfilm bzw. aus einem europäischen Roman bezieht, kann man nicht viel erwarten. Und ja, der Tourismus ist ja so böse. Nur gibt es da doch Unterschiede: Fläze ich in Hotelbetonburgen, brate mich am Strand braun und kenne das fremde Land nur von eigenen Fotos oder reise ich auf gefährlichen Routen, frage die Stammesältesten, ob ich fotografieren darf und berichte unvoreingenommen darüber? All das kann man übrigens auch als selbsternannter Tourist tun. Der Kommentator Weltgeisterer sieht das Ritual zu Heiratsfähigkeit gleich als Eugenik, ohne zu wissen, ob die jungen Männer eventuell ein Jahr später wider zum Bullensprung antreten dürfen, ob sie ungeachtet des Ausgang Frauen anderer Stämme heiraten etc. Typischerweise fällt dem Kommentator auch hier nicht viel mehr ein, als das romantische Klischee vom Edeln Wilden, das nun angeblich von Martin verbreitet wird und letztlich nur Menschenverachtendes positiv darstellt. Die Menschenverachtung der tagtäglich in Deutschland stattfindenden echten Eugenik durch die Abtreibung genetisch (Trisomie 21) und physisch deformierter (z.B. Spina bifidia mit Wasserkopf) Kinder ist aber wahrscheinlich OK, weil ja alles schön nach unseren europäischen Normen geregelt ist.
Olaf 08.01.2018
5. Ist das Kultur oder ist das aus Deutschland?
Ja, es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Maßstäbe da sind.
Zitat von WeltgeistererDa haben Sie recht. Wenn es denn nun für alle gilt. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Wäre man bei SPON konsequent, müsste man diese Tradition aber anprangern, da sie Behinderten keine Chance auf eine Heirat lässt. Mit einfachen Mitteln betreiben die Hamer hier sozusagen Eugenik. Diese Abenteuerromantik des edlen Wilden ist letztlich pure Heuchelei. Entweder lässt man allen Völkern ihre Selbstbestimmung oder man geht konsequent gegen alle Menschenverachtung vor.
Ja, es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Maßstäbe da sind.
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