Reise
Planet Erde

Michael Martin in Äthiopien

Mit Kalaschnikows zum Kraterrand

Michael Martin
Donnerstag, 11.01.2018   03:45 Uhr

Im Norden Äthiopiens liegt einer der heißesten Orte der Erde: die Danakilwüste. Der Fotograf Michael Martin ist in die Region gefahren, um den Vulkan Erta Ale zu besteigen - der ist nicht nur gefährlich, weil in ihm aktive Lava brodelt.

Zur Person

Die Sonne brennt vom Himmel, aus der nahen Wüste bläst ein heißer Wind durch den weitläufigen Innenhof. Dutzende Betten stehen im Freien, unter einer Plane wird das äthiopische Nationalgericht Injera serviert. An kleinen, krummen Tischen essen Lastwagenfahrer und Afar-Nomaden, ihre Kalaschnikows locker an die Tischkanten gelehnt.

Ich schaue mir noch einmal die Landkarte an. 1994 war ich schon einmal hier. Damals schon hatte ich davon geträumt, von Süden her durch die Danakil-Senke zum Vulkan Erta Ale zu fahren. Doch damals war das viel zu gefährlich. Auch heute rät das Auswärtige Amt von Reisen in die Danakilwüste ab, spricht aber keine Reisewarnung aus. Das macht für mich den entscheidenden Unterschied.

Spätnachmittags verlassen meine Frau Elly, unser Fahrer Salomon und ich die von LKW vielbefahrene Straße, die das Binnenland Äthiopiens mit dem Hafen im Nachbarland Djibouti verbindet, und folgen einer kleinen Straße nach Norden.

Immer mehr verschwindet die abwechslungsreiche Vegetation vor den Autofenstern, um uns herum nur noch karges Vulkangestein. Nach etwa 150 Kilometern sagt mir ein Blick auf mein GPS, dass wir uns inzwischen 100 Meter unter dem Meeresspiegel befinden, die Danakil-Depression ist erreicht. Am Ufer des Salzsees Afrera schlagen wir unser Zeltlager auf.

Unsere Nacht endet bereits um 4 Uhr morgens, als Tagelöhner nach anstrengender Nachtarbeit auf den Salzfeldern die nahen heißen Quellen für ein morgendliches Bad nutzen. Nach einem Besuch der örtlichen Afar-Selbstverwaltung verlassen wir den Salzsee mit zwei Landcruisern. Im zweiten Fahrzeug haben zwei schwerbewaffnete Afars Platz genommen. Sie sollen für unsere Sicherheit sorgen.

Nach einer Stunde Fahrt durch die Lavafelder kommen wir in einem winzigen Dorf an. Hier residiert der Clan-Chef Gelissa, in dessen Machtbereich der Vulkan Erta Ale liegt, unser Tagesziel. Natürlich möchte er mitverdienen, und so muss unser Fahrer Salomon ihm eine Art Schutzgeld von umgerechnet gut 200 US-Dollar zahlen. Wir bekommen dafür zwei seiner Leute mit: finster dreinblickende Afars mit Kalaschnikows. Nun haben wir also vier Kalaschnikow-Träger im Auto. Es ist etwas unübersichtlich, wer hier nun wen vor wem schützt.

Fotostrecke

Michael Martin in Äthiopien: Dampfende Krater

Nach zwei weiteren Stunden auf miserabler Fahrbahn durch die Lavafelder erreichen wir ein Camp auf halber Höhe des Erta Ale. Dort geht es nur noch zu Fuß weiter, also werden die Schlafmatten und Schlafsäcke vom Landcruiser auf ein klappriges Kamel umgeladen, und wir marschieren in die einbrechende Nacht.

Ein Feuerschein am Vulkankrater weist uns die Richtung, die Stirnlampen verhindern ein Stolpern, vor uns laufen zwei Waffenträger, hinter uns ebenfalls. Im Dezember wurde ein Deutscher beim Aufstieg zum Kraterrand des Erta Ale überfallen und getötet. Verdächtigt werden Milizen, die ihren Stützpunkt im Nachbarland Eritrea haben. Die Afars sind zudem untereinander verstritten. Vermutlich könnte uns in einem Notfall nicht einmal das äthiopische Militär helfen, das am Kraterrand stationiert ist.

Dampf versperrt die Sicht am Kraterrand

Aber alles geht gut, und nach drei Stunden erreichen wir den Rand des äußeren Kraters. In der Ferne leuchtet aufsteigender Dampf. Nach einer kurzen Pause steigen wir hinab und laufen mit unserem Begleitschutz zum inneren Krater, in dem der berühmte Lavasee des Erta Ale brodelt. Doch die Enttäuschung ist groß, denn dunkle Dampfschwaden verhindern den Blick. Wir hören lediglich das Blubbern der flüssigen Lava.

Der Anblick ist dennoch spektakulär, denn heftiger Wind jagt die rot leuchtenden Dämpfe über den Kraterrand. Nach etwa zwei Stunden drängen unsere Kalaschnikow-Träger zur Rückkehr. Wir schlafen ein paar Stunden im Lager. Kurz vor der Morgendämmerung laufen wir noch einmal zum inneren Krater in der Hoffnung, diesmal einen Blick auf den Lavasee zu erhaschen. Doch wieder dichter Dampf. Trotzdem komme ich als Fotograf voll auf meine Kosten, als die aufgehende Sonne für einzigartige Lichtstimmungen sorgt.

Michael Martin

Dampfschwaden am Kraterrand in der aufgehenden Sonne

Am späten Vormittag sind wir zurück am Auto und holpern die Lavapiste zurück. Nachdem wir die beiden Abgesandten des Afar-Führers Galissa losgeworden sind, geht es weiter nach Hamed Ale, ein wilder Afar-Ort am Salzsee Assale.

Wir schlafen in einem einfachen Camp. Am nächsten Tag fahren wir am Ufer des Salzsees entlang zu einem Gebiet, in dem bis heute Salz abgebaut wird. Wir beobachten, wie Hunderte Kamele mit Salzplatten beladen werden, um dann zwei bis drei Tage im Hochland unterwegs zu sein, bevor ihre Ladung auf dem Markt von Mekele angeboten wird.

Wir verbringen die heißen Mittagsstunden am Dallol. Das Gebiet ist einer der heißesten und trockensten Punkte der Erdoberfläche, selten fällt das Thermometer hier unter 30 Grad - und einer der farbigsten. Schwefel und Eisen haben das Salz grellgelb, grün und braun eingefärbt. Die Landschaft wirkt wie von einem anderen Stern.

Nachmittags verlassen wir die Danakil-Depression, setzen unsere verbliebenen beiden Afar-Sicherheitsleute an einem Checkpoint ab und fahren mehr als 2000 Höhenmeter hinauf in das angenehm kühle und grüne Hochland Äthiopiens.

Lesen Sie hier bald den nächsten Blog von Michael Martin aus Äthiopien.

insgesamt 1 Beitrag
Papazaca 11.01.2018
1.
Interessante und auch schöne Fotos aus einer menschenfeindlichen Gegend. Die Dollol-Fotos haben mir wegen ihrer Farbigkeit besonders gefallen. Michael Martin ist als Fotograf besonders gut, wenn er als Geologe die Strukturen der [...]
Interessante und auch schöne Fotos aus einer menschenfeindlichen Gegend. Die Dollol-Fotos haben mir wegen ihrer Farbigkeit besonders gefallen. Michael Martin ist als Fotograf besonders gut, wenn er als Geologe die Strukturen der Umgebung "lesen" kann. Ich frage mich auch, was er denkt, wenn er die positiven aber auch kritischen Kommentare hier liest. Ich freue mich über seine Serie, sie ist oft spektakulär und auch manchmal kontrovers. Wir, die Leser setzen uns oft differenziert mit den Fotos und den Texten auseinander und sind so auch Teil dieser außergewöhnlichen Serie. Zu mindestens etwas ...
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