Reise
Planet Erde

Bei den Völkern Äthiopiens

Die ungewisse Zukunft der Mursi

Michael Martin
Freitag, 05.01.2018   04:56 Uhr

Tief im Süden Äthiopiens leben 14 Völker an den Ufern des Omo. Ihre Kultur steht vor dem Untergang: Ein Staudamm und Landnahme bedrohen ihre Lebensgrundlagen. Fotograf Michael Martin hat die Mursi besucht.

Zur Person

Der kenianische Grenzbeamte hat uns noch vor den Unruhen auf der äthiopischen Seite gewarnt, und tatsächlich stoßen am Tag unserer Einreise Oromo und Somali im Grenzort Moyale blutig aufeinander.

Nachdem wir uns beim Immigration Office die Einreisestempel besorgt haben, fahren wir mit einem Landcruiser in einer Kampfpause durch Moyale, das deutliche Spuren von Verwüstung zeigt. Die hier geplante Übernachtung verlegen wir daher in das 200 Kilometer entfernte, friedliche Yabello. Abends sitzen wir im Garten eines heruntergewirtschafteten Hotels und essen Injera, das äthiopische Nationalgericht.

Fotostrecke

Michael Martin in Äthiopien: Beim Volk der Mursi

Drei Wochen will ich zunächst mit meinem Freund und Kollegen Jörg Reuther im Süden und dann mit meiner Frau Elly im Norden Äthiopiens unterwegs sein. Das Land mit fast 100 Millionen Einwohnern, 83 Sprachen und 200 Dialekten ist faszinierend, zum Reisen aber auch anstrengend. Für den Süden habe ich Fahrer Jimy und seinen Landcruiser engagiert, der uns am nächsten Tag von Yabello aus in das Gebiet der Konso bringt.

Die Dörfer des 300.000 Menschen zählenden Bauernvolks stehen wie Trutzburgen auf steilen Hügeln, umgeben von Ringwällen aus großen Steinen. Bei einem Rundgang in Gamole bekommen wir voller Stolz die Generationspfähle gezeigt, die alle 18 Jahre neu errichtet werden und damit eine wichtige Zeiteinheit für die Konso darstellen.

Sati, der mit seinen beiden Ochsen ein kleines Feld bestellt, erzählt, er habe sieben Kinder, die alle in der kleinen Landwirtschaft mitarbeiten. Hauptsächlich produziert er für den Eigenbedarf, Überschüsse werden auf dem Markt verkauft. Kleinbauern wie er verhindern, dass trotz Korruption, Kriegen und Misswirtschaft nicht noch mehr Menschen in Afrika hungern.

Staudamm bedroht die Zukunft der Völker

Unser Hauptziel im Süden Äthiopiens ist der Omo. Der Fluss entspringt südlich von Addis Abeba und mündet an der äthiopisch-kenianischen Grenze in den Turkanasee. An seinem Unterlauf leben 14 Völker, die vor allem Viehzüchter sind. Für Ethnologen eine der interessantesten Regionen Afrikas, da viele Elemente traditionellen Lebens zwar höchst bedroht sind, aber noch existieren.

Wir haben uns auf der Website des Auswärtigen Amtes und vor Ort über die Sicherheitslage erkundigt, die zumindest östlich des Omo derzeit vertretbar scheint. Zum anderen haben wir uns über die aktuelle Situation der dort lebenden Völker informiert, die in den letzten Jahren eine dramatische Entwicklung genommen hat. Seit der Fertigstellung des Gibbe-3-Staudamms am Omo 2015 bleiben die jährlichen Fluten aus, in deren Rhythmus die Viehzüchter temporären Ackerbau betrieben.

Ferner verpachtet die äthiopische Regierung in großem Stil fruchtbares Land am Omo an staatseigene Betriebe oder ausländische Investoren, die dort Zuckerrohr und Baumwolle in industriellem Maßstab anbauen. Die katastrophalen Folgen für die Völker dort werden von der Regierung ignoriert. Sie schreckte nicht einmal davor zurück, einen Teil des Omo-Nationalparks an chinesische Investoren für eine 250.000 Hektar große Zuckerrohrplantage zu verpachten.

Das erste Volk, das wir besuchen möchten, sind die Mursi, traditionell nomadisch lebende Hackbauern und Viehzüchter, Schätzungen gehen von 7500 Menschen aus. Die Lippenteller der Frauen haben sie berühmt gemacht.

Vorgeschrieben ist ein offizieller Guide, der in der kleinen Stadt Jinka in unseren Landcruiser steigt. Vom regenreichen Hochland fahren wir steil in den trockeneren Großen Afrikanischen Grabenbruch hinunter, in dem der Omo nach Süden fließt. Als wir die Grenze des Mago-Nationalparks erreichen, steigt noch ein bewaffneter Scout zu. Die äthiopische Regierung hat die Mursi in ein Gebiet westlich des Nationalparks abgedrängt, so dass wir diesen erst einmal durchqueren müssen. Sieben temporäre Siedlungen der Mursi dürfen wir besuchen.

Mursi-Mädchen mit Kalaschnikows

Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir im Busch eine Siedlung und begegnen dort gut 50 Mursi. Die Männer sitzen unter einem Baum, auf ihre Kalaschnikows gestützt, die Frauen mahlen Hirse auf Reibesteinen oder kochen.

Unser Guide Salamon spricht Mursi und erklärt, wer wir sind und dass wir gerne fotografieren möchten. Jörg und ich fühlen uns zunächst gar nicht wohl dabei, die Kameras in die Hand zu nehmen, doch die Mursi sind unbefangen. Vielleicht ahnen sie, dass Aufmerksamkeit im Ausland helfen könnte, auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen.

Traditionell hatten sie im Oktober und November an den Ufern des Omo und Mago Hirse, Mais und Bohnen angepflanzt, zum Jahreswechsel konnte geerntet werden. Nach Beginn der Hauptregenzeit im März und April wird aber auch Land bepflanzt, das nicht im Überflutungsbereich der Flüsse liegt. Gleichzeitig züchten die Mursi Rinder, deren Fleisch, Milch und Blut eine wichtige Nahrungsquelle darstellt.

Dieses fein ausbalancierte System ist durch das Staudammprojekt und die Landnahme durch die äthiopische Regierung zerstört worden. In völliger Unkenntnis ihrer Kultur haben die Behörden nun noch die Zahl der Rinder auf fünf pro Familie beschränkt.

Als wir nach ein paar Stunden bei den Mursi wieder die Piste nach Jinka zurückfahren, schaue ich mir die entstandenen Fotos auf dem Monitor meiner Kamera an. Ich bleibe bei einem Bild hängen: zwei Mursi-Mädchen mit geschulterten Kalaschnikows, stolz und trotzig der Blick. Ihre Zukunft ist mehr als ungewiss.

Demnächst lesen Sie hier den zweiten Teil der Äthiopien-Reise von Michael Martin.

insgesamt 12 Beiträge
Papazaca 05.01.2018
1.
Sehr guter Bericht, mittelprächtige Fotos Ich muß zugeben, ich hatte sehr gute Fotos erwartet und einen mittelprächtigen Begleittext. Es ist genau das Gegenteil. Und das ist sehr gut. Der Versuchung, die Mursi als exotisches [...]
Sehr guter Bericht, mittelprächtige Fotos Ich muß zugeben, ich hatte sehr gute Fotos erwartet und einen mittelprächtigen Begleittext. Es ist genau das Gegenteil. Und das ist sehr gut. Der Versuchung, die Mursi als exotisches Volk mit Lippenteller darzustellen sind die beiden Autoren nicht erlegen. Statt dessen haben sie gut vermittelt, was die Moderne anrichten kann (Staudamm) und wie Chinesen oft in Afrika agieren. Wirtschaftlich effizient, vor allem für sich selbst.
J. Hotzenplotz 05.01.2018
2.
Ja, sehr betrueblich, was Chinesen in Afrika unter dem Vorwand der E-Hilfe anrichten und sich einverleiben. Aber mal ehrlich, hat die westliche Welt es deutlich anders gemacht in den letzten Jahrhunderten? Und warum ziehen sich [...]
Ja, sehr betrueblich, was Chinesen in Afrika unter dem Vorwand der E-Hilfe anrichten und sich einverleiben. Aber mal ehrlich, hat die westliche Welt es deutlich anders gemacht in den letzten Jahrhunderten? Und warum ziehen sich die Afrikaner nicht endlich selbst aus dem Schlamassel? Wege und Beispiele dazu gibt es schon viele, aber dazu muss man Korruption und Vetternwirtschaft abschaffen, ueberkommene Stammesfehden begraben und vor allem das gigantische Bevoelkerungswachstum in den Griff bekommen. Afrikaner werden sich lt. UN bis 2050 verdoppeln!!! Je nach Land bekommt eine Afrikanerin 5-7 Kinder durchschnittlich. Damit waeren selbst reiche und gut organisierte Staaten hoffnungslos ueberfordert.
troy_mcclure 05.01.2018
3.
So ist es. Da kann es so westliche Hilfe noch und nöcher geben, helfen können sie sich nur selber. So lange das Geld in den Taschen korrupter Kleptokraten und deren Clans versickert und das explosionsartige [...]
Zitat von J. HotzenplotzJa, sehr betrueblich, was Chinesen in Afrika unter dem Vorwand der E-Hilfe anrichten und sich einverleiben. Aber mal ehrlich, hat die westliche Welt es deutlich anders gemacht in den letzten Jahrhunderten? Und warum ziehen sich die Afrikaner nicht endlich selbst aus dem Schlamassel? Wege und Beispiele dazu gibt es schon viele, aber dazu muss man Korruption und Vetternwirtschaft abschaffen, ueberkommene Stammesfehden begraben und vor allem das gigantische Bevoelkerungswachstum in den Griff bekommen. Afrikaner werden sich lt. UN bis 2050 verdoppeln!!! Je nach Land bekommt eine Afrikanerin 5-7 Kinder durchschnittlich. Damit waeren selbst reiche und gut organisierte Staaten hoffnungslos ueberfordert.
So ist es. Da kann es so westliche Hilfe noch und nöcher geben, helfen können sie sich nur selber. So lange das Geld in den Taschen korrupter Kleptokraten und deren Clans versickert und das explosionsartige Bevölkerungswachstum nicht eingedämmt wird, wird es sich nicht verändern (und die Kleptokraten schön alles auf die Kolonialausbeutung schieben).
StefanieTolop 05.01.2018
4.
Also wenn ich das Bild sehe, dann habe ich eher den Eindruck, als ob sie ihrer Zukunft selbst so im Weg stehen. In wirtschaftlich erfolgreichen Ländern laufen deutlich weniger Menschen mit Kalaschnikoffs herum.
Also wenn ich das Bild sehe, dann habe ich eher den Eindruck, als ob sie ihrer Zukunft selbst so im Weg stehen. In wirtschaftlich erfolgreichen Ländern laufen deutlich weniger Menschen mit Kalaschnikoffs herum.
uzsjgb 05.01.2018
5.
Viele afrikanische Länder sind erst seit wenigen Jahrzehnten selbstständig. Wobei zunächst die weißen Kolonialherren durch schwarze ersetzt wurden. Der Westen hat nach wie vor die Kontrolle über diese Länder behalten. Wenn [...]
Viele afrikanische Länder sind erst seit wenigen Jahrzehnten selbstständig. Wobei zunächst die weißen Kolonialherren durch schwarze ersetzt wurden. Der Westen hat nach wie vor die Kontrolle über diese Länder behalten. Wenn man sieht wie schwer sich der Osten Deutschlands damit tut sich dem Westen anzugleichen, vor allem im Denken, dann ist es doch kein Wunder, dass sich das anderswo auch so verhält. Desweiteren ist es immer schön dahergesagt, dass die afrikanischen Länder sich selber helfen sollen, wenn der Westen alles dafür tut, dass sie es nicht können. Wer von den Leute, die meinen Afrika sollte sich selber helfen, würde auf seinen eigenen Wohlstand verzichten, damit das geschieht? Denn die Selbsthilfe wäre nur möglich, wenn es fairen Welthandel gäbe, wenn die reichen Länder nicht die armen ausbeuten würden. Dann müsste im Westen jeder von seinem Wohlstand etwas abgeben. Das wird natürlich nie passieren. Selbst wenn die Afrikaner sich mal einig werden würden und gemeinsam für ihre Rechte eintreten würden, würde der Westen (und China) sicherlich mit Krieg antworten. Denn das Letzte, was wir im Westen wollen würden, wäre Afrika gleich und fair zu behandeln. Daran hat im Westen keiner ein Interesse.
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