DER SPIEGEL
Ausgabe
10/2017

Polyamorie

Die Zukunft des Sex

Freie Liebe mit beliebig vielen Sexpartnern, die alten Beziehungsmuster haben ausgedient - in Berlin ist es jetzt hip, sich polyamor zu nennen. Aus dem Männertraum ist ein feministisches Projekt geworden. Was steckt dahinter?

Tyler Spangler/ DER SPIEGEL
Von und
Sonntag, 05.03.2017   14:18 Uhr

Die Ehe, sagt die Schauspielerin Scarlett Johansson, sei eine schöne, romantische Idee. Aber verheiratet zu sein bedeute auch Arbeit, viele Leute müssten sich dafür sehr anstrengen. "Ich glaube nicht, dass es natürlich ist, monogam zu leben." Treue entspreche nicht unseren Instinkten.

Ein freimütiges Statement? Vor wenigen Jahren vielleicht. Heute steht die Monogamie von allen Seiten unter Beschuss. Johansson, 32, ist verheiratet, zum zweiten Mal bereits. Seit einigen Wochen allerdings gibt es Gerüchte, dass auch diese Ehe gescheitert sei.

Filmemacher und Schriftsteller, Sachbuchautoren und Wissenschaftler suchen das Glück längst abseits der klassischen Zweierbeziehung. "You Me Her" heißt eine neue Netflix-Serie, in der ein Ehepaar mit der Idee zusätzlicher Sexpartner experimentiert. Hierzulande gehörte Regisseur Tom Tykwer zu den Ersten, die das Thema auf die Leinwand brachten. Sein Film "Drei" zeigt ein Happy End, bei dem zwei Männer und eine Frau gemeinsam in einem Bett liegen. In Romanen der Berliner Autorinnen Olga Grjasnowa und Ronja von Rönne leben die Heldinnen und Helden ganz selbstverständlich in Dreier- oder Viererbeziehungen.

Auch drei Sachbücher propagieren nun das Modell offener Beziehungen: "Sex. Die wahre Geschichte", ein Bestseller aus den USA, in dem der Psychologe Christopher Ryan und die Psychiaterin Cacilda Jethá das Liebesleben unserer angeblich hypersexuellen Vorfahren schildern; "Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie" des deutschen Journalisten Friedemann Karig, der nicht monogame Liebesgeschichten der Gegenwart gesammelt hat; und "Future Sex" von der US-Journalistin Emily Witt, ein essayistischer Selbstversuch, der sie auf eine Sexparty in San Francisco führt, in die Welt von Google und Facebook, von Uber und Airbnb (*). Man könnte meinen, die Sharing Economy habe die Beziehungen erreicht: mein Auto, dein Auto, meine Wohnung, deine Wohnung - mein Partner, dein Partner. Und wie für jedes Phänomen, das populär wird, hat sich auch schon ein einprägsamer Begriff gefunden - Polyamorie, die Vielliebe.

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insgesamt 20 Beiträge
Nikkitarian 05.03.2017
1. Sex oder Liebe
Es gab mal eine Spielshow: "Geld oder Liebe". Man sollte sie wieder auflegen: "Sex oder Liebe" , ohne dass eine/r mit dem anderen Verantwortung teilt. Insofern handelt es sich um echte Sharing Economy, [...]
Es gab mal eine Spielshow: "Geld oder Liebe". Man sollte sie wieder auflegen: "Sex oder Liebe" , ohne dass eine/r mit dem anderen Verantwortung teilt. Insofern handelt es sich um echte Sharing Economy, Individualismus als Credo, teilen nicht vorgesehen.
lachender lemur 05.03.2017
2. voll auf triebsteuerung
---Zitat--- Filmemacher und Schriftsteller, Sachbuchautoren und Wissenschaftler suchen das Glück längst abseits der klassischen Zweierbeziehung. ---Zitatende--- Naja, vielleicht etwas altbacken, aber ich will hier mal an [...]
---Zitat--- Filmemacher und Schriftsteller, Sachbuchautoren und Wissenschaftler suchen das Glück längst abseits der klassischen Zweierbeziehung. ---Zitatende--- Naja, vielleicht etwas altbacken, aber ich will hier mal an Aldous Huxley erinnern und sein bonmot, "An intellectual is a person who's found one thing that's more interesting than sex." Wer Glück im Sex sucht, der wird wohl auch Alkohol oder die süße Auflösung des Individuums im Fußballstadium als ernsthafte Konkurrenz betrachten müssen.
max-mustermann 05.03.2017
3.
Hm jede dritte Ehe wird geschieden, das heißt im Umkehrschluß aber auch das die Mehrheit hält. Das liegt aber vielleicht auch nur daran das die Leute vor lauter Malochen um über die Runden zu kommen gar keine Zeit/Lust/Energie [...]
Hm jede dritte Ehe wird geschieden, das heißt im Umkehrschluß aber auch das die Mehrheit hält. Das liegt aber vielleicht auch nur daran das die Leute vor lauter Malochen um über die Runden zu kommen gar keine Zeit/Lust/Energie haben den dann drohenden täglichen Datingwahnsinn mitzumachen. Oder noch einfacher sie sind schlicht mit ihrem Partner/Beziehung zufrieden, aber das ist ja heutzutage scheinbar total strange und altmodisch.
Rooo 05.03.2017
4. Instinkte
Inwiefern ist es ein Argument gegen Monogamie, dass Monogamie nicht unseren Instinkten entspricht? Gewaltfreiheit und Gleichberechtigung entsprechen auch nicht unseren Instinkten. Beides wird aber von den selben Leuten vehement [...]
Inwiefern ist es ein Argument gegen Monogamie, dass Monogamie nicht unseren Instinkten entspricht? Gewaltfreiheit und Gleichberechtigung entsprechen auch nicht unseren Instinkten. Beides wird aber von den selben Leuten vehement eingefordert (ohne dass ich das hier werten möchte). In dem Argument steckt keine innere Logik, deshalb taugt es nur für Prinzipien-Menschen und nicht für Logiker. Außerdem darf die Frage gestellt werden, ob nicht nur eine Gruppe davon profitieren würde und alle anderen dabei verlieren würden. Vielleicht würde sich die Gruppe der sehr hübschen Frauen und der sehr erfolgreichen Männer (monetär gesehen, versteht sich) untereinander teilen, während damit für alle anderen die Chance eine Person aus dieser Gruppe an sich zu binden damit völlig unrealistisch wird, da Glückstreffer, etc. ja nicht mehr verbindlich sind. Damit würde der Kapitalismus mehr denn je unsere sozialen Beziehungen bestimmen. Folge: Noch gnadenlosere Auslese als bisher.
lorn order 05.03.2017
5. Polyamor = Zukunft der Liebe??
Worum geht es denn nun wirklich in diesen polyamoren Beziehungen? Möglichst viel Sex mit vielen Partnern zu haben? Das nannte man früher schlicht und einfach Promiskuitivität. Oder darum, ernsthafte Liebesbeziehungen zu [...]
Worum geht es denn nun wirklich in diesen polyamoren Beziehungen? Möglichst viel Sex mit vielen Partnern zu haben? Das nannte man früher schlicht und einfach Promiskuitivität. Oder darum, ernsthafte Liebesbeziehungen zu mehreren Partnern zu unterhalten? Solange in diesen polyamoren Beziehungen keine Kinder gezeugt werden, mag ja alles gut sein, denn erwachsene Menschen können sich ja sehenden Auges auf so eine Situation einlassen oder eben nicht. Aber hat jemand mal Kinder gefragt, was sie darüber denken, wenn Mama oder Papa zeitweise mit einem anderen Menschen zusammenleben? Bringen Mama und Papa denn auch mal ihre anderen polyamoren Partner mit nach Hause? Patchwork at its best ( or worst)!! Was uns der Artikel leider nicht verrät, ist die Anzahl der Menschen, die polyamor leben. Sind es schon so viele, dass es sich lohnt, von einem gesellschaftlichen Trend zu sprechen, oder ist es nur eine verschwindend kleine Gruppe, die sich für avantgardistisch hält?
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