Politik
Ausgabe
27/2017

Warum stoppte niemand Anis Amri?

"Ich schlachte dich!"

Bevor Anis Amri elf Menschen in Berlin ermordete, hatte er ständig mit Behörden zu tun. Er klaute, dealte, kontaktierte IS-Kämpfer. Aber niemand hielt ihn auf. Rekonstruktion eines Terroranschlags mit Ansage.

Attentäter Amri: "Ich bin ein Terrorist, haha!"

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Montag, 03.07.2017   14:51 Uhr

An einem Montag im Juli 2015 meldet sich um 13.45 Uhr ein junger Mann auf dem Polizeirevier Freiburg-Nord. Er sagt, er komme aus Tunesien und wolle Asyl beantragen. Die Beamten drücken ihm ein Formular in französischer Sprache in die Hand. In krakeliger Schrift schreibt der Mann, er sei 1993 geboren, Mechaniker und Koch, sein Name sei Amir.

Amir. Nicht Amri. Es sind nur zwei vertauschte Buchstaben. Sie ändern alles.

Hätten die Polizisten an jenem 6. Juli Anis Amri in den Computer eingegeben, wäre eine Warnung erschienen. Sie hätten erfahren, dass der junge Mann kein schutzbedürftiger Flüchtling ist, sondern ein Krimineller, der in Sizilien im Gefängnis saß und nach Tunesien abgeschoben werden sollte. Ein Gewalttäter, "dem die Einreise in das Schengener Gebiet oder der Aufenthalt dort zu verweigern ist". So stand es in einem Informationssystem, auf das Behörden schengenweit Zugriff haben. Die Italiener hatten den Eintrag zu Amri zwei Wochen zuvor eingestellt. Das System hätte perfekt funktioniert.

Die Polizisten aber tippten "Amir" ein, so wie es auf dem Zettel stand. Der Computer meldete: kein Treffer. Die Beamten stellten ihm eine Fahrkarte aus und schickten ihn nach Karlsruhe, wo er sich bei der Landeserstaufnahme für Flüchtlinge melden sollte. Dort kam er nicht an. Nur ein Buchstabendreher, schon versagte das System.

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Heft 27/2017
Traut euch!
Globalisierung außer Kontrolle: Radikal denken, entschlossen handeln - nur so ist die Welt noch zu retten

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