Leben und Lernen
Ausgabe
41/2017

Bundesverfassungsgericht prüft Vergabeverfahren

Die irrsinnige Lotterie um einen Medizin-Studienplatz

Das Bundesverfassungsgericht prüft das Verfahren zur Vergabe von Studienplätzen für Medizin - und wird wohl zentrale Bestandteile bemängeln.

DPA

Schüler in einem Übungs-OP

Von
Mittwoch, 11.10.2017   17:51 Uhr

Der junge Mann tat alles, um Mediziner werden zu dürfen. Er machte 2010 sein Abitur, leistete ein Freiwilliges Soziales Jahr bei einem Pflegedienst, absolvierte dann eine Ausbildung zum Rettungsassistenten und arbeitete jahrelang im Rettungsdienst, er bestand sogar den Medizinertest mit Bravour. Allein - einen Studienplatz erhielt er nicht.

Seit 2011 bewarb er sich jedes Semester neu, jeweils bei sechs Hochschulen, wie es das Zulassungsverfahren vorsieht. Zig Bewerbungen, zig Absagen ohne Angabe von Gründen. Offenkundig wurde ihm seine Abiturnote zum Verhängnis: 2,6 - ganz gut, aber längst nicht gut genug.

Nun beschäftigt unter anderem sein Fall das Bundesverfassungsgericht. Es geht um ein "Knappheitsproblem, das die berufliche Lebensplanung junger Menschen in Deutschland gravierend betrifft", wie es der Vorsitzende des Ersten Senats, Ferdinand Kirchhof, zu Beginn der Verhandlung am Mittwoch formulierte. Rund 62.000 Bewerber drängten sich zuletzt pro Jahr auf knapp 11.000 Studienplätze in Humanmedizin. Tatsächlich ist das Missverhältnis zwischen Nachfrage und Angebot noch größer: Viele bewerben sich erst gar nicht, weil sie keine Chance für sich sehen.

Deshalb gibt es für Medizin - inklusive Zahnmedizin, Pharmazie und Tiermedizin - einen Numerus clausus. Dieser NC ist, anders als oft angenommen, keine fixe Mindestnote, sondern eine Zulassungsbeschränkung mit einem Zuteilungsverfahren, das allerdings, trotz aller Bemühungen um Gerechtigkeit, eher einem Glücksspiel gleicht denn einem transparenten, vorhersehbaren Prozess.
Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, zuständig für die Vergabestelle, hat den Verfassungsrichtern etliche Fälle zur Entscheidung vorgelegt, weil es den Medizin-NC in seiner jetzigen Form für verfassungswidrig hält.
Und es sieht so aus, als teilten die Verfassungsrichter diese Ansicht in zentralen Punkten und würden demnächst zusätzlichen Druck ausüben für eine ohnehin seit Jahren geplante Reform.

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Heft 41/2017
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