Wissenschaft
Ausgabe
5/2018

Urmenschen

Als der Homo sapiens auf den Neandertaler stieß

Ein Urmenschen-Fossil aus Israel stellt bisherige Theorien infrage. Verließ der Homo sapiens Afrika weit früher als gedacht?

Fabian Weiss / DER SPIEGEL

3-D-Modell des Oberkieferfragments aus der Misliya-Höhle

Von und
Dienstag, 30.01.2018   13:55 Uhr

Gruselig und zugleich faszinierend ist die Sammlung knöcherner Preziosen, die der Anthropologe Israel Hershkovitz in Tel Aviv hütet. Der Schädel eines napoleonischen Hinrichtungsopfers mit Kopfschuss ist ebenso darunter wie ein weiterer, der vor Jahrtausenden von einem steinzeitlichen Chirurgen geöffnet wurde. Und dann ist da jenes berühmte Fersenbein, durch das ein Nagel getrieben ist - das einzige erhaltene Zeugnis einer Kreuzigung aus der Römerzeit.

Jetzt ist seine Kollektion um eine Kostbarkeit reicher geworden. In der Zeitschrift "Science" berichten der israelische Forscher und seine Kollegen, dass sie das Oberkieferfragment des ersten Homo sapiens gefunden haben, der nachweislich jenseits von Afrika lebte. Entdeckt wurde das Fossil vor der Misliya-Höhle, zwölf Kilometer südlich von Haifa. "Dieser Knochen ist mindestens 177.000 Jahre alt, und er stammt von einem modernen Menschen", sagt Hershkovitz.

Dem kann Gerhard Weber nur beipflichten. "Das Ding ist supermodern", sagt der österreichische Anthropologe, der das Fundstück gemeinsam mit Hershkovitz untersucht hat und ein Pionier auf dem Gebiet der virtuellen Anthropologie ist. Im Besprechungszimmer seines Instituts in Wien hält er ein 3-D-Modell des Knochenfragments ins Sonnenlicht und deutet dann auf Jochfortsatz und Backenzähne.
"Wer Ahnung von der Materie hat, erkennt sofort, worum es sich handelt", sagt Weber. Der weit vorn liegende Ansatz des Jochbogens, die relativ kleinen Zähne und die Reduktion von bestimmten Zahnhöckern - all das sei viel graziler und moderner als bei archaischen Menschentypen, die einen kräftigeren Kauapparat brauchten, um stundenlang ungekochte Pflanzenteile und Fleisch zu zerkauen. "Ein Mensch mit Zähnen und einem Kiefer wie diesem hier beherrscht das Feuer und bereitet seine Mahlzeiten zu", sagt Weber.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 5/2018
Am Ende
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

Hinweis: Dies ist ein Artikel aus dem Bezahlbereich von SPIEGEL ONLINE. Der Bezahlvorgang kann in Ihrer App leider nicht abgebildet werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version aus dem Store oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um diesen Artikel vollständig lesen zu können. Vielen Dank!

© DER SPIEGEL 5/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

TOP