einestages
Ausgabe
45/2017

Deutsche und Massaker im Ersten Weltkrieg

"Die üblichen Schwarz-Weiß-Darstellungen sind unhaltbar"

Verschwiegen Historiker alliierte Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg? Eine Studie wirft einen neuen Blick auf Massaker in Belgien 1914 - und entlastet die Deutschen teilweise.

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Deutsche Soldaten an der Westfront in Belgien 1914: Häuser niedergebrannt

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Sonntag, 05.11.2017   08:01 Uhr

Das Paar umarmte sich ein letztes Mal. "Denk an mich, und sprich ein paar Gebete", sagte er und gab ihr Geld und seine Papiere. Sie wollte, dass er 20 Francs behielt, doch er winkte ab: "Das brauche ich nicht mehr." Soldaten der 3. Grenadierkompanie des Deutschen Kaiserreichs trieben ihn und die anderen Gefangenen vor eine Gartenmauer. Ein deutscher Offizier verkündete in schlechtem Französisch, die Belgier hätten Widerstand geleistet und müssten dafür büßen. Ein Trompetenstoß erklang, dann feuerten die Soldaten. 109 Männer starben, alle Zivilisten.

Wie in Dinant rund hundert Kilometer südöstlich von Brüssel gebärdete sich das deutsche Heer im August 1914 vielerorts in Belgien. Kaiser Wilhelm II. hatte das neutrale Land überfallen, um bei einem Vorstoß auf Paris Festungsanlagen an Frankreichs Ostgrenze zu umgehen. Der Vormarsch hinterließ eine Spur der Zerstörung: niedergebrannte Ortschaften, verwüstete Städte, Leichenberge. Soldaten des Kaisers töteten mehr als 5000 Zivilisten, darunter Kinder.

Noch im selben Monat machte die alliierte Propaganda die "Schändung von Belgien" weltöffentlich. Die Berichte über die Untaten trugen maßgeblich dazu bei, dass die Deutschen international geächtet wurden, und sie vergifteten auf Jahrzehnte das Verhältnis zwischen Berlin und Brüssel. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen die Toten von Dinant, Andenne oder Löwen sogar als Vorboten der Verbrechen von SS und Wehrmacht: Historiker warfen die Frage auf, ob deutsche Militärs für den Massenmord prädestiniert seien. Eine Studie des Professors Ulrich Keller, der lange in Kalifornien gelehrt hat, wirft nun einen neuen Blick auf die Ereignisse.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 45/2017
Washington, ein Jahr danach
 

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