DER SPIEGEL

Ein tödlicher Traum

Die Olympischen Winterspiele von Vancouver beginnen mit einem grausamen Unfall und erleben dann die Geburt eines neuen Athletentyps. Von Klaus Brinkbäumer und Gerhard Pfeil
Wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier erlebt Olympia einen Schock. Der Rodler Nodar Kumaritaschwili, 21, rast mit Tempo 144 durch den Eiskanal in Whistler, aber im Tal, im Ziel kommt er nicht an. Am Ende der vorletzten Kurve unterläuft ihm ein Fahrfehler, Kumaritaschwili verliert die Kontrolle über den Schlitten, er versucht noch mit dem ausgestreckten Arm und dem rechten Fuß gegenzusteuern, aber die Fliehkräfte sind zu groß. Der junge Georgier, Nummer 44 der Weltrangliste, wird aus der Eisröhre geschleudert, prallt mit dem Hinterkopf gegen einen Stahlträger der Bahnüberdachung. Die Rettungsversuche: vergebens. Kumaritaschwili stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.
Sie haben noch nicht einmal begonnen, aber für die nächsten Tage hängt die olympische Flagge auf halbmast.
Die Bahn in Whistler ist von einem deutschen Streckenbauer entworfen worden. Sie gilt als die schwierigste der Welt, das sollte so sein, aber schon vor den Spielen beklagen sich Athleten über die hohen Geschwindigkeiten im Eiskanal, über die anspruchsvollen Kurven, die selbst den besten Piloten Probleme bereiten. Der Bob-Olympiasieger der Jahre 1998 und 2002, Christoph Langen, sagt, die Streckenführung sei "kriminell".
Nun, nach der Tragödie, werden Fragen gestellt. Wie kann es sein, dass ein gestürzter Fahrer nicht einfach zu Tal rutscht, sondern aus der Bahn fliegt? Warum stehen an einer Hochgeschwindigkeitsrennstrecke ungesicherte Stahlpfosten?
Es gibt keine Antworten. Es war eben so. Nun, nach dem Unfall, verkürzen die Funktionäre die Strecke, um das Tempo zu drosseln. Und einen Tag nach dem Unglück, der später mit menschlichem Versagen erklärt wird, dem Versagen des Sportlers und nicht dem Versagen olympischer Funktionäre, beginnt das erste Rennen der Rodler.
Die Spiele von Vancouver werden immer mit dem Unfall des georgischen Rodlers verknüpft bleiben. Und auch mit der Frage, ob es eigentlich nötig ist, Athleten mit immer krasseren Herausforderungen zu konfrontieren.
Wer braucht das? Wem nutzt es? Und ist das noch Sport, oder ist es schon etwas anderes? Im Eiskanal von Whistler wurde eine Grenze überschritten. Jetzt sei es an der Zeit, die Dinge zurückzudrehen, fordert der deutsche Goldmedaillengewinner im Zweierbob, André Lange.
Bei der Eröffnungsfeier im Stadion von Vancouver gedenkt IOC-Präsident Jacques Rogge des toten Kumaritaschwili. Rogge kommen die Tränen, Zehntausende im Stadion stehen still, Olympia hält inne.
Am nächsten Tag beginnen die Wettkämpfe, schüchtern zunächst und verzagt, es regnet in Vancouver, es ist alles ein bisschen grau. Aber natürlich bleibt das nicht so, bei Olympischen Spielen gibt es immer eine Menge Geschichten von Leichtigkeit und Fröhlichkeit, Siegergeschichten ohnehin, denn den Spielen erwachsen jeden Tag neue Dramen um Helden und Verlierer. Es ist auch diesmal nicht anders, und im Strom der Ereignisse wird die Tragödie von Whistler fortgespült.
Die erste große Siegerin ist eine Skifahrerin, eine schöne blonde Frau mit einem herzlichen Lächeln. Wenige Tage vor dem Abfahrtslauf der Frauen gibt die Amerikanerin Lindsey Vonn eine Pressekonferenz. Mit gesenktem Haupt hockt sie da und erklärt, eine Schienbeinprellung mache ihr zu schaffen. Dann kommt der Satz, der Amerika erbeben ließ: Vielleicht könne sie nicht starten.
Vonn sollte in Vancouver der Star der Spiele werden. Sie ist eine Ausnahmekönnerin, eine Seriensiegerin, sie geht als Weltmeisterin und Weltcup-Führende in die olympischen Rennen. Sie ist Favoritin in fünf Disziplinen.
Tagelang wird in den TV-Sendern über den Fall Vonn geredet. Verliert Olympia nun auch noch sein schönstes Gesicht? Wegen einer Schienbeinprellung?
Maria Riesch, Vonns Freundin und zugleich Vonns größte Konkurrentin, winkt irgendwann nur noch genervt ab. Vielleicht weil sie etwas ahnt. Natürlich startet Vonn, natürlich gewinnt sie die Abfahrt. Die Kommentatoren sprechen von einem Wunder, und Amerika hat eine neue Skikönigin. Dem Sender NBC bringt die Geschichte eine Rekordquote, mit der aufgezeichneten Übertragung des Rennens schlägt NBC nach Jahren erstmals die Konkurrenz von Fox und deren "American Idol".
Es ist die perfekte olympische Geschichte: nicht mehr einfach nur ein Favoritensieg, sondern zuerst der Sturz, dann die Auferstehung, dann der Sieg, der nun aber viel, viel größer ist, weil nicht mehr erwartet, sondern eine Sensation. Natürlich war die Story eine Übertreibung, aber so etwas fällt bei modernen Olympischen Spielen kaum mehr auf.
Die Freundschaft von Vonn und Riesch leidet nicht unter dem Schauspiel, auch deshalb, weil die wahre Skikönigin von Vancouver am Ende die Deutsche ist mit ihren Siegen in der Kombination und im Slalom, während Vonn ihre restlichen Ziele verfehlt und nur mit dem Abfahrtsgold nach Hause fährt.
Das deutsche Team gewinnt in Vancouver 30 Medaillen, davon 10 goldene. Es bedeutet Platz zwei in der Medaillenwertung hinter Gastgeber Kanada und vor den USA. Wie immer holen die Deutschen ihre Medaillen vor allem im Rodeln, im Biathlon. Allein Magdalena Neuner, die erfolgreichste aller Biathletinnen, gewinnt zwei Goldmedaillen und einmal Silber.
Es ist das erwartet gute Ergebnis. Die Funktionäre, die sich allabendlich im Deutschen Haus in Downtown Vancouver zu etwas steifen Feiern treffen, sind zufrieden mit den Sportlern und stolz auf sich selbst.
In Wahrheit liegt Deutschland dennoch seltsam daneben; die große Wintersportgroßmacht wirkt, trotz aller Erfolge, ein bisschen gestrig, ein wenig alt. Denn immer dort, wo die wirklich guten Partys gefeiert werden, sind die Deutschen nicht dabei.
Abends leuchten am Cypress Mountain oberhalb von Vancouver die Flutlichtmasten für die Wettkämpfe der Snowboarder und der Freestyle-Skiläufer. Das Halfpipe-Finale gleicht einer Rockshow mit dem Leadsänger Shaun White - der Amerikaner zeigt zum Abschluss seines zweiten Laufs natürlich einen Double Cork, jene Kombination aus Salti und Schrauben, bei der seine Kollegen meistens stürzen und sich hin und wieder auch schwer verletzen.
Und das Publikum auf den Rängen, es sind Tausende Fans gekommen, springt aus den Sitzen und feiert den Olympiasieger mit den langen roten Haaren und den Sommersprossen wie den Helden aus einer neuen Epoche.
Shaun White verdient zehn Millionen Dollar pro Jahr, Preisgelder kommen hinzu. Seine Kollegen mögen ihn nicht besonders, "er stärkt sich und nicht den Sport", sagt Snowboarder Jack Mitrani, aber es könnte auch sein, dass den Kritikern etwas entgangen ist: Moderne Athleten müssen eher Gehetzte als gute Menschen sein, wenn sie denn etwas gewinnen wollen, ohne Egoismus siegt niemand mehr, denn es braucht etwas Manisches, zumindest Fanatisches, um mit dieser Konsequenz an die Spitze zu streben, die nötig ist, um dort oben auch anzukommen.
Seine Kollegen müssen mit Skiliften die Berge hinauffahren und sich dort oben die Halfpipes teilen, und manchmal steht auch ein Skifahrer im Weg, wenn ein Snowboarder landet.
White findet solches Training gefährlich, seine Tricks will er ohnehin nicht früher verraten, als er muss, und darum hat ihm die Brausefirma Red Bull für 500 000 Dollar eine private Halfpipe in die Rocky Mountains gebaut; Shaun White fährt auch nicht gern Lift, er fliegt seine Halfpipe per Hubschrauber an. "Project X" heißt das Geschenk, White bezahlt Leibwächter, Koch, Manager und fährt zu Interviews in einem Tross von neun Autos vor.
Ein Modell? Zweifellos.
Nicht alles, was diese neuen, jungen, egomanischen Olympiasieger wie Shaun White auszeichnet, ist neu. Sie sind begabt, sie sind fleißig, sie sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren und dann gefördert worden von guten Trainern, sie sind also durchaus so, wie Sportler seit Jahrzehnten sind und sein müssen. Aber in Vancouver ist doch auch etwas Neues zu sehen, da sind Sportler am Start, die auf eine dem Wintersport bislang fremde Weise konsequent charismatisch und egomanisch sind, es siegen dort Sportler, die nicht mehr auf Teamgeist oder das IOC achten, auch nicht auf nationale Verbände, sondern auf Verträge und den eigenen Körper.
"Sich etwas vom normalen Weg zu entfernen und auf die eigene Weise vorzubereiten bewirkt, dass man sich mehr hinter eine Sache stellt, als wenn alles seinen geregelten Gang geht", das sagt der deutsche Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer. Die Sieger von Vancouver haben sich kleine Imperien gebastelt, Management, Trainerstab, medizinische Abteilung. Sie haben Taktiker, Psychologen, Köche angestellt. Sie sind so stark, so schön, so ehrgeizig wie Vonn oder White.
Die Unterwerfung unter ein System war der Erfolgsweg in den Siebzigern, nur in China gibt es das noch. Anderswo ist die Zeit der Individualisten angebrochen. Der amerikanische Skirennläufer Bode Miller ist so ein Kerl, der im Wohnmobil von Rennen zu Rennen fährt, weit weg vom Rest der Mannschaft; Miller gewinnt drei Medaillen in Vancouver, das österreichische Männer-Alpinteam keine einzige.
Diese Spiele sind ein Fest der jungen Sportarten. Während die deutschen Skijäger oben in Whistler an schwachbesetzten Tribünen vorbeihecheln, werden in der Eishalle in Vancouver zum Beispiel die Shorttracker, bislang eher olympische Randfiguren, vom Publikum bejubelt wie neuzeitliche Gladiatoren. Als an deren letztem Wettkampftag Kanada zweimal Gold gewinnt, werden die Bilder der Sieger hinüber in die große Eishockeyarena übertragen, wo Team Kanada gerade das Halbfinale gegen die Slowakei spielt. Eine ganze Nation hebt emotional ab, und in diesem Zustand bleibt sie dann für die letzten Tage.
Denn Team Canada, rasant, wagemutig, artistisch, hat den Staatsauftrag, Gold zu holen, und dann doch in der Vorrunde gegen die USA verloren. Aber die Kanadier kommen ins Viertelfinale, und dort schlagen sie die Russen. Und im Halbfinale besiegen sie die Slowaken. Und dann spielen sie wieder gegen die USA, führen 2:0, fangen sich den Ausgleich ein, es gibt Verlängerung, und dann schießt Sidney Crosby, Kanadas Nationalheld, auch so ein Egomane, aber ein mannschaftsfähiger, das 3:2, und die Spiele sind zu Ende.
Es ist der Moment, der Olympia 2010 für die Kanadier zu erfüllten Spielen macht. Und darum werden dies die zwei Gesichter dieser Spiele, das eine von ihrem Beginn und das andere von ihrem Ende: Nodar Kumaritaschwili, der von Olympischen Spielen geträumt hat und tödlich verunglückt - und Sidney Crosby, ein verschwitzter Junge aus Neuschottland mit seiner Goldmedaille.
Von Klaus Brinkbäumer und Gerhard Pfeil

SPIEGEL Chronik 54/2010
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