Kultur

Historiker über Putins Russland

"Ein Virtuose im Schüren von Ressentiments"

Der Historiker Karl Schlögel hat ein Großwerk über "Das sowjetische Jahrhundert" vorgelegt. Nun beobachtet er Wladimir Putin, dessen Angst vor einer Revolution und den neuen Patriotismus in Russland.

AP

Russischer Präsident Wladimir Putin

Ein Interview von Romain Leick
Donnerstag, 07.12.2017   14:11 Uhr

SPIEGEL: Herr Professor Schlögel, wie lebendig ist das Erbe der Oktoberrevolution nach 100 Jahren heute noch in Russland?

Schlögel: Die fast vollständige Zurückhaltung zu diesem Jahrestag stach sehr ins Auge, denn bis vor 30 Jahren war er ja der wichtigste Festtag im Kalender der Sowjetunion, wichtiger noch als der Tag des Sieges über Nazideutschland und als der 1. Mai. Das Wissen der nach der Sowjetunion aufgewachsenen jungen Leute über dieses Ereignis ist bestürzend gering. Die russische Führung, oben, wo über die Geschichtspolitik entschieden wird, hat überhaupt keine klare Linie. Man will mit der Revolution eigentlich nichts mehr zu tun haben.

SPIEGEL: Man kann sie aber auch nicht übergehen?

Schlögel: 2005 wurde ein neuer Gedenktag eingeführt, der einen umständlichen Namen bekommen hat: "Der Tag des militärischen Ruhms, der Tag der Volkseinheit". Er sollte an die Befreiung Moskaus von polnischer Besatzung 1612 erinnern, die angeblich am 4. November stattfand. Die Idee war, dass der neue Feiertag zum Ersatz für den als obsolet empfundenen Tag der Oktoberrevolution, den 7. November, werden sollte, da beide Daten nahe beieinanderliegen. Allerdings stellte sich heraus, dass diese Feier vor allem von Nationalisten vereinnahmt wurde, die an diesem Tag ihre Märsche organisierten. Die Verlegenheit im Jubiläumsjahr hängt damit zusammen, dass es oben an der Spitze keinen Grund gab, die Revolution zu feiern, gerade deshalb, weil es sich ja im Jahr 1917 um eine wirkliche Revolution gehandelt hat.

SPIEGEL: Die man heute wieder fürchten müsste?

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