Panorama
Ausgabe
24/2017

NSU-Terror

"Brüder schweigen - bis in den Tod"

Hat André E. seinen Neonazi-Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos beim Morden geholfen? Von ihm dazu kein Wort: Seine Strategie zielt auf ein mildes Urteil.

Neonazi André E.: Keiner soll dem Trio so nahegestanden haben wie er

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Montag, 12.06.2017   17:05 Uhr

Sein Körper ist eine rassistische Litfaßsäule voller Nationalstolz und Vaterlandsliebe, voller Fremdenhass und Feindseligkeit. André E., 37, hat sich seine volksverhetzende Gesinnung, seine antisemitische Überzeugung in die Haut stechen lassen.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 24/2017
Happy End
Wie Paare friedlich auseinandergehen

"Blut und Ehre" stand schon vor 17 Jahren auf seinem rechten Oberarm. Später folgte quer über dem Bauch in roten Lettern der Todesbefehl "Die Jew Die" (Stirb, Jude, stirb), darüber offensichtlich das Symbol der Totenkopfverbände der SS, die im "Dritten Reich" maßgeblich am Holocaust beteiligt waren. In Runen, Schriftzeichen der Germanen, prangt um den Bauchnabel herum der Programmspruch der Nationalsozialisten: "Du bist nichts, dein Volk ist alles", dazu zwei Achten, ein Code für HH, Heil Hitler, nach dem achten Buchstaben des lateinischen Alphabets.

Auf der Brust ist ein Porträt von Horst Wessel, Sturmführer der paramilitärischen NSDAP-Kampftruppe SA, tätowiert; am Arm das Bild eines SA-Mannes und eine "Schwarze Sonne", drei übereinandergelegte Hakenkreuze, Erkennungssymbol der rechtsextremen Szene.

Man kann ohne Übertreibung sagen: André E. ist ein Hardcore-Neonazi. Er hat es so ähnlich selbst gesagt, als er 20 Jahre alt und bei der Bundeswehr war. Da fragte ihn, im November 1999, der Militärische Abschirmdienst nach seiner politischen Einstellung. André E. antwortete: Er denke nationalsozialistisch.

Wie Beate Zschäpe und drei weitere Angeklagte muss er sich seit mehr als vier Jahren vor dem 6. Senat des Oberlandesgerichts München verantworten. Ihm wird Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen, des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), dem neun rassistisch motivierte Morde, die Erschießung der Polizistin Michèle Kiesewetter, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle zur Last gelegt werden. Nach Ansicht des Generalbundesanwalts verübten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Taten. Die beiden sollen mit Zschäpe 14 Jahre lang im Untergrund gelebt haben. André E. ist wegen Beihilfe zum versuchten Mord, zum Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, zum Raub und zur schweren Körperverletzung angeklagt.

Selbstbewusst ging André E. in diesen wichtigsten Strafprozess der Nachkriegszeit gegen Rechtsterrorismus - und frisch tätowiert. Auf vier Fingern seiner rechten Hand prangen seither die Buchstaben "FREI" und auf vier Fingern seiner linken Hand die Buchstanden "HEIT". Eine kühne Forderung.

Keiner soll dem Trio in der Illegalität so nahegestanden haben wie der 37-Jährige. Als am 4. November 2011 die beiden Uwes tot im Wohnmobil entdeckt wurden und ihr geheimes Leben aufflog, rief Beate Zschäpe als Erstes André E. an, der wie sie in Zwickau lebte, keine acht Kilometer vom Versteck des Trios entfernt. Um 15.27 Uhr sprachen die beiden eine Minute und 27 Sekunden lang miteinander. Er holte sie ab und gab ihr frische Kleidung und fuhr sie angeblich zum Bahnhof in Chemnitz. Für die Ermittler eines von vielen Indizien für ein enges Vertrauensverhältnis.

In den zurückliegenden 367 Verhandlungstagen war dieses Vertrauensverhältnis mehrmals Thema. André E. hat jedoch nicht mehr gesagt als seinen Namen, er schweigt zu den Tatvorwürfen. Und es sieht so aus, als könnte seine Verteidigungsstrategie aufgehen. Noch vor der Sommerpause könnten die Plädoyers beginnen.

Zeichnung aus der Wohnung der Familie E.: "Unvergessen"

Bis die Mauer fiel, war André E.s Welt überschaubar, geordnet, heil. Mit seinen Eltern wohnte er am Waldrand von Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, "Stadt des Schwibbogens", an der Grenze zu Tschechien. Sein Vater war Skispringer in der B-Nationalmannschaft, angesehen und gefeiert im Ort. Seine vier Kinder eiferten ihm nach, vor allem André und sein eineiiger Zwillingsbruder Maik, beide talentierte Skispringer, gelenkig, drahtig.

Mit der Wende kam Verunsicherung in die Familie. Der Vater fand Arbeit bei der Gemeinde, die Mutter ging putzen. Die Zwillinge drifteten ab, schoren sich die Haare, hingen mit Skinheads ab. Was anfangs wie eine experimentelle Jugendphase schien, eskalierte rasant: Ihre Ansichten wurden radikaler, rassistischer.

Nach dem Wehrdienst im Panzeraufklärungsbataillon 13 in Gotha gründete André E. mit seinem Bruder die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge". Eine Vereinigung mit menschenverachtender Einstellung. Das Logo ließ er sich in den linken Arm stechen. Die Kameradschaft orientiert sich an der Losung "White Pride heißt unsere Religion" und der Verwirklichung des Slogans: "Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sichern." Ihre Mitglieder veröffentlichten das Szenemagazin "The Aryan Law & Order" und propagierten darin Weisheiten aus Hitlers "Mein Kampf" und "The Turner Diaries", einem Roman des Nationalsozialisten William Pierce unter dem Pseudonym Andrew Macdonald, der vorschlägt, den unausweichlichen weltweiten Rassenkampf durch Terroranschläge auszulösen. Eine Vorlage für den NSU?

In jedem Fall der Grundstein für die neonazistische Karriere der Brüder André und Maik E., die von klein auf eine symbiotische Beziehung haben, innig miteinander verbunden, eingeschworen. Unwahrscheinlich, dass André E. seinen Kontakt zu den Untergetauchten seinem Bruder verschwieg. In Johanngeorgenstadt heißt es über das Zwillingspaar: "Der eine war schlau, der andere nicht. Dreimal dürfen Sie raten, wer in München auf der Anklagebank sitzt!"

Der angeblich Schlauere aber steht seinem Bruder bei. Mehrmals saß Maik E. auf der Besuchertribüne in Saal 101 des Münchner Justizgebäudes. Zum Auftakt erschien er gemeinsam mit Karl-Heinz S., Mitglied der ehemaligen Kameradschaft Süd und verurteilt wegen Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe. Im Prozess ging es um einen geplanten Anschlag auf die Münchner Synagoge 2003.

Auf die rechte Szene Bayerns war auch sonst Verlass: Sie gewährte André E. am Anfang des Prozesses Unterschlupf im "braunen Haus" in München-Obermenzing, das inzwischen abgerissen worden ist. Der NSU-Angeklagte revanchierte sich als Stargast auf Sommerfest und Bagida-Demonstration, der bayerischen Pegida-Variante.

André E. lernte Maurer, wurde arbeitslos, versuchte sich als Fachinformatiker, später als Lastwagenfahrer und selbstständiger Dienstleister; immer wieder verlor er seinen Job. Maik E. arbeitet als selbstständiger Tätowierer. Die Wege der Brüder aus Westsachsen trennten sich nur räumlich, als Maik Johanngeorgenstadt verließ, zuerst nach Niedersachsen, dann nach Brandenburg ging.

Seine Frau Sylvia und er gaben ihren fünf Kindern germanische Namen; ein Sohn heißt mit drittem Namen Adolf. Nachbarn sagen, sie lebten nach völkischen Ritualen und feierten in Tracht Sommersonnenwende. Maik E. wurde 2008 "Stützpunktleiter" der Jungen Nationaldemokraten, der NPD-Jugendorganisation, machte Karriere bei der Splitterpartei "Der III. Weg", galt jahrelang als Führungsfigur in der bundesweiten Neonaziszene.

Inzwischen lebe er von seiner Frau getrennt, habe sich aus der Szene zurückgezogen, heißt es. Der verbissene Rassenkundler Maik E. ein Aussteiger?

Mit seiner Familie wohnte Maik E. auf einem heruntergekommenen Hof in einem brandenburgischen Kaff namens Grabow nahe Potsdam. Hierhin hatte sich André E. nach der Enttarnung des NSU zurückgezogen. Am 24. November 2011 um 6.28 Uhr stürmten mehr als 20 GSG-9-Beamte das Gelände und verhafteten André E. Mit einem Hubschrauber flogen sie ihn nach Karlsruhe zum Bundesgerichtshof.

Bei der erkennungsdienstlichen Behandlung verdeckte André E. zwei Tätowierungen: "Blut und Ehre" und das Logo von "Combat 18", die Bezeichnung steht für "Kampftruppe Adolf Hitler", die Zahlen 1 und 8 nach dem lateinischen Alphabet für die Initialen Adolf Hitlers. "Combat 18" gilt europaweit als der bewaffnete Arm des Neonazinetzwerks "Blood and Honour" und existierte zeitlich parallel zum NSU.

Yavuz Narin, Anwalt der Nebenklage im NSU-Prozess, wertet André E.s Verhalten nach der Festnahme als Schuldeingeständnis: "Er versteckte diese Tattoos, weil er bereits wusste, was ihm zur Last gelegt wird." André E. schien sich zu amüsieren, als ein Sachverständiger des Bundeskriminalamts im Münchner Verfahren anhand von Fotos die Bedeutungen seiner Tätowierungen erläuterte.

Sechs Monate lang saß André E. in Untersuchungshaft, seither ist er auf freiem Fuß. An den NSU-Prozesstagen erscheint er überpünktlich, meist schwarz gekleidet, immer langärmelig, vermutlich wegen der Tätowierungen. Er trägt Kapuzenpulli mit Lederweste, Gürteltasche, Sonnenbrille. Im Schatten des OLG-Gebäudes gönnt er sich vor Beginn eine Zigarette, dazu Kaffee aus einem Pappbecher. Unterm Arm die "Bikers News", ein Magazin für Motorradfahrer und Rocker. In den mehr als vier Jahren, die das Verfahren nun dauert, hat sich André E.s Aussehen verändert: mehr Tätowierungen, mehr Bart, mehr Gewicht.

Gut gelaunt begrüßt er seine Verteidiger Michael Kaiser und Herbert Hedrich, die im "Mykonos"-Prozess gemeinsam einen der Attentäter vertraten, der 1992 in einem griechischen Lokal in Berlin vier iranisch-kurdische Exilpolitiker erschossen hatte.

Beide sind erfahrene Strafrechtler, keine klassischen Szeneanwälte, ihre Mandantschaft kommt größtenteils aus dem Rockermilieu. Kaiser war früher linker Steinewerfer, André E. sei "der erste Rechte", den er verteidige, sagt er. Ihn habe die politische Dimension des Verfahrens gereizt. "Noch sind die Gedanken und die Gesinnung straffrei", sagt Kaiser.

Sie haben André E. zum Schweigen verdonnert. Vielleicht die einzig mögliche Strategie, mit einem blauen Auge aus diesem Verfahren zu kommen. Beate Zschäpe hat im Prozess ausgesagt, dass André E. seit 2007 von den Raubüberfällen gewusst habe. Ob er in Planung und Ausführung der NSU-Verbrechen eingeweiht war, ist nicht geklärt.

Vielleicht auch, weil andere schweigen. Als der Neonazi Thomas G. im Münchner Verfahren in den Zeugenstand trat, trug André E. ein Hemd mit der Aufschrift "Brüder schweigen - bis in den Tod".

Wenn es gut für André E. läuft, fällt der Vorwurf wegen Beihilfe zum versuchten Mord unter den Tisch. Belegt ist nur, dass er bei der Mietung und Vermittlung von Wohnungen und Wohnmobilen half, die bei den Taten genutzt wurden.

So wurde auf seinen Namen im Dezember 2000 ein Fiat Ducato gebucht, mit dem Mundlos und Böhnhardt nach Köln gefahren seien, um in der Probsteigasse und in einem Lebensmittelladen eine Bombe in einer Christstollendose zu deponieren. Dass André E. wusste, wofür der Wagen verwendet werden sollte, konnte ihm bislang nicht nachgewiesen werden.

Einen Tag vor dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße soll sich André E., damals als Lastwagenfahrer unterwegs, im nahegelegenen Euskirchen aufgehalten haben. Aber unterstützte er Böhnhardt und Mundlos beim Transport ihrer Fahrräder und der Bombe? Dafür gibt es keine Beweise.

André E. muss immerhin damit rechnen, wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, zum Raub und zur schweren Körperverletzung verurteilt zu werden. Nach Einschätzung von Prozessbeteiligten sechs, vielleicht acht Jahre Haft.

André E. ist nicht vorbestraft. Kürzlich stand er vor dem Amtsgericht Zwickau, weil er einen 18-Jährigen verprügelt haben soll, der sich mit seinem 14 Jahre alten Sohn angelegt hatte. André E. war außer sich vor Wut, schlug und trat angeblich wie von Sinnen auf den jungen Mann ein. Gegen den Strafbefehl legte er Einspruch ein, bei der Verhandlung schwieg er, wurde verurteilt und legte gegen das Urteil Berufung ein. Vermutlich alles Taktik, um im Falle einer Verurteilung im NSU-Prozess weiterhin als nicht vorbestraft zu gelten.

Der Staatsanwalt in Zwickau hatte André E. "szenetypisches Verhalten" attestiert. Wer André E. kennt, erklärt einen solchen Gewaltausbruch mit einem falsch verstandenen Ehrgefühl: Der Mann, an dessen linker Halsschlagader die Wörter "Volk, Familie, Heimat" eintätowiert sind, lebe nach eigenen Grundsätzen, eigenen Regeln.

Mit dem schwer tätowierten Skingirl Susann, das er heiratete und zur Mutter seiner drei Kinder machte, verschickte er Weihnachtskarten mit Hakenkreuzen. Die E.s waren die Wahlverwandten des Trios im Untergrund, der Familienersatz, die Fassade für ein unauffälliges Leben in der Illegalität, eine hilfreiche Tarnung.

Meist donnerstags kam Susann E. mit den Kindern zu Beate Zschäpe, gegenüber Nachbarn gaben sich die Frauen als Schwestern aus. Vor Gericht beschrieben diese einen familiär-zugeneigten Umgang miteinander. Zschäpe kam zu Aufführungen der Kinder in Schule und Kindergarten.

Ermittler fanden in dem von ihr abgefackelten Versteck in der Zwickauer Frühlingsstraße Spielzeug, Fotos und Erinnerungen von gemeinsamen Ausflügen. Noch Ende Oktober 2011 soll mindestens einer der drei André E. im Uniklinikum Leipzig besucht haben, der dort wegen eines Beckenbruchs behandelt wurde.

Das Ehepaar E. soll das Trio auch bei der Beschaffung von Bahncards unterstützt haben. Susann E. war einer von mehr als zehn Namen, mit denen Beate Zschäpe in ihrer Parallelwelt jonglierte. 2006 gab sie sich bei einer Befragung auf der Polizeidirektion in Zwickau als Susann E. aus. Es ging um einen Diebstahl in der Nachbarschaft, André E. begleitete sie als ihr "Ehemann". Gegen Susann E. sieht der Generalbundesanwalt noch immer einen Tatverdacht, die Ermittlungen gegen sie dauern an.

Nach dem Tod der Uwes zeichnete André E. Porträts der beiden: "Unvergessen" steht in Sütterlin-Schrift über einer umgedrehten Lebensrune, in der rechten Szene ein Symbol für den Tod. Es hing bis zu einer Durchsuchung im April 2013 an exponierter Stelle in der Wohnung der E.s: überm Fernseher, gerahmt, unter Bildern ihrer Söhne.

insgesamt 1 Beitrag
seamanslife 13.06.2017
1. Brüder schweigen - bis in den Tod
Ohne ortskundige Helfer hätten die Mörder den Dönerladen in Rostock-Toitenwinkel am Stadtrand nie gefunden. Die wußten genau wann jemand da drin ist und die Kundschaft ist noch weit weg. Sie haben den Moment der [...]
Ohne ortskundige Helfer hätten die Mörder den Dönerladen in Rostock-Toitenwinkel am Stadtrand nie gefunden. Die wußten genau wann jemand da drin ist und die Kundschaft ist noch weit weg. Sie haben den Moment der Arbeitsvorbereitung abgepasst als der Laden noch nicht geöffnet hatte. Sie kamen töteten und verschwanden unerkannt. Die Logistik war Sache von anderen, das war eine Sache wie im vorbeigehen.

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