Gesundheit
Ausgabe
5/2018

Alltag in einem Pflegeheim

Am Ende aller Kräfte

Einblicke in den Alltag eines Pflegeheims zeigen: Das System der Altenpflege ist eine Fehlkonstruktion. Es geht um Zahlen, nicht um Menschen.

Sven Döring / DER SPIEGEL
Von
Donnerstag, 01.02.2018   05:13 Uhr

Die Luft riecht nach Schnee und Zigaretten vor dem Caritasheim auf der Kolpingshöhe in Hof an der Saale, drinnen wird auf fünf Stockwerken gelacht, geweint, gedämmert, gehustet, gekeift, gegessen, gepinkelt, geschrien, gekotet, geschlafen, gebetet, gestorben. Der Tagdienst übergibt an die Nachtwache, 20.12 Uhr. Im weißen Licht eines Dienstraums sitzt und steht eine Handvoll Pflegerinnen und Pfleger zusammen, die einen kommen, die anderen gehen, sie tauschen die notwendigen Neuigkeiten aus, gute Nachrichten, schlechte.

Frau B. ist zwischen den Fußzehen ein bisschen rot.
Frau D., da führen wir ein Schmerzprotokoll.
Herr G. hat diese Hautveränderungen am Bauch, das muss man beobachten.
Frau N. hat nicht mehr erbrochen, der Arzt hat das Iberogast abgesetzt.
Frau I. hat Ärger mit dem Katheter.
Frau U. war beim Röntgen, sie hatte heute keinen Durchfall.
Herr P. soll nur noch drei Weintrauben am Tag essen, sagt der Arzt, keine Ahnung, warum.
Frau S. hat seit einer Woche keinen Stuhlgang, kann sein, dass es euch heute Nacht erwischt.
Bei Frau K. ist nichts.

Geschichten aus dem Altersheim sind schwer zu erzählen, weil kaum jemand sie hören will, vor allem wenn sie vom Alltag handeln. Wird überhaupt einmal erzählt, dann läuft ein Wettbewerb des Grellen und Lauten, am Ende wirkt alles wie Karikatur. Die Politik wirft sich immerfort als Retter in die Brust, als Hüter der Pflege, als fürsorglicher Vater Staat, der stets wisse, was zu tun sei, um das System für alle Zeiten wetterfest zu halten. Dagegen stehen, völlig zu Recht, empörte Kritiker auf, im Schlepptau ausgelaugte Pfleger und aufgebrachte Angehörige. Sie inszenieren ihrerseits, auf wahre Geschichten gestützt, eine endlose Geisterbahn, hinter jeder Tür eine verdurstende Alte, ein hilfloser Greis in seinen Exkrementen, mürbe Gestalten, an Betten gefesselt, misshandelt, rechtlos.

Es ist jetzt so: Neutrale Sätze über die Altenpflege zu sagen, zumindest einen unumstrittenen sachlichen Kern zu finden ist schwer geworden. Ein allseitiges Gestikulieren ist im Gang, die andauernde Skandalisierung, jetzt, wo der demografische Wandel für alle spürbar einsetzt und die Überalterung der Gesellschaft konkret wird. Die geburtenstarken Jahrgänge, Männer und Frauen heute um die fünfzig, begegnen den schwierigen Fragen, zuerst: Wie weiter mit dem dementen Vater? Wohin mit Mutter? Und dann: Wohin mit mir? Wie soll dieses unfassbar komplexe deutsche System im Jahr 2030 denn noch funktionieren, wenn dann 35 Prozent der Deutschen älter als 60 Jahre sein werden und von ihnen allein 6,2 Millionen älter als 80?

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 5/2018
Am Ende
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

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