DER SPIEGEL

HOMOSEXUELLEVerdeckte Vorurteile

Deutschland bejubelt das Coming-out des Fußballprofis Thomas Hitzlsperger. Doch im Alltag begegnen vielen Schwulen noch Ressentiments. Wie liberal ist die Gesellschaft wirklich?
Ein Männerpaar, das in der Nähe von Freyung am Rande des Bayerischen Walds ein Restaurant eröffnen wollte, bekam Anfang vergangenen Jahres einen anonymen Brief: "Lass die Finger von dem Lokal, wir brauchen so etwas wie Euch hier nicht." Es folgten weitere Drohungen, eine falsche Todesanzeige sowie ein offener, aber anonymer Brief, in dem behauptet wurde, einer der beiden sei HIV-positiv. Gerade als Wirt werde er doch alle Gäste mit Aids anstecken. Das Restaurant wurde nie eröffnet.
Kann das sein? Sind nicht alle Deutschen Fans von Thomas Hitzlsperger? Eine solche Geschichte passt doch gar nicht zum Jubel der vergangenen Woche.
Da hatte der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger in der "Zeit" öffentlich gemacht, dass er homosexuell ist. "Respekt", rief die "taz", "Respekt", rief "Bild". So einig waren sich die beiden Zeitungen selten. Ganz Deutschland schien sich einig: eine mutige Tat, endlich (siehe Seite 132).
Der Jubel war so groß, dass er zu groß wirkte für den Anlass. Ein Ex-Profi hatte sich geoutet. Ist das weltbewegend? Natürlich ist es ein Fortschritt, wenn klarwird, dass Homosexualität auch in der Fußballwelt vorkommt. Bislang hatte sich noch kein Spieler vom Kaliber Hitzlspergers so offen bekannt.
Aber der Jubel klang auch verdächtig nach Selbstfeier: Wir sind so wunderbar liberal, wir können uns sogar über einen schwulen Fußballprofi freuen! Deutschland ist also viel besser als Russland, wo Homosexuelle offen diskriminiert werden, als Frankreich, wo Hunderttausende gegen die Homo-Ehe protestierten.
Man spürte Erleichterung, darüber, dass der Jubel alles verdeckte. Die Ressentiments, die Klischees, die Diskriminierung. Doch sie waren da: "Bild" rief zwar "Respekt", aber ihr Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb an Hitzlsperger: "Niemand glaubte, dass Sie schwul sind. Sie waren athletisch, ein Power-Spieler." Hinter der Bewunderung verbarg sich das Vorurteil. Wagner scheint anzunehmen, dass ein schwuler Kicker über den Platz schleicht, weichlich, schlapp.
Dabei hätte er nur Hitzlsperger in der "Zeit" lesen müssen: "Es ist doch purer Unsinn, dass Homosexuelle ,unmännlich' seien. Auf dieses Vorurteil trifft man immer wieder."
Während Hitzlsperger gefeiert wurde, gaben die großen Kirchen in Baden-Württemberg am Freitag der vergangenen Woche bekannt, dass sie nicht möchten, dass Kinder und Jugendliche in den Schulen über Homosexualität aufgeklärt werden.
Diese Parallelität kommt der deutschen Wahrheit schon näher. Und dazu gehört auch, dass die Bundeskanzlerin strikt gegen ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ist. Wie viel Grund zum Jubeln gibt es also in Deutschland?
Der Realschullehrer Gabriel Stängle macht sich Sorgen um die Schüler in Baden-Württemberg. Er ist 41 Jahre alt, lebt im Schwarzwald und hat im November 2013 eine Online-Petition gestartet, die bis Freitagabend knapp 90 000 Unterstützer fand. Die Aktion trägt den Titel: "Zukunft - Verantwortung - Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens". Er befürchtet sexuelle "Umerziehung".
Stängle zürnt der grün-roten Landesregierung, die derzeit einen Bildungsplan für allgemeinbildende Schulen entwickelt und darin "Akzeptanz sexueller Vielfalt" verankern will. Die Schüler sollen lernen, "Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen" wahrzunehmen. Das Ziel sei, sich "für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können".
Für Stängle steht dies im "krassen Gegensatz zur bisherigen Gesundheitserziehung". Es fehle "komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils(*) wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern".
Die meisten Unterzeichner leben in den ländlichen, konservativen Gegenden im Südwesten und wollen zu einem großen Teil anonym bleiben, manche unterschreiben mit Phantasienamen wie "Der Schwulenhasser".
Kultusminister Andreas Stoch (SPD) findet die Petition "falsch und diskriminierend". Die Behauptung, das Kultusministerium wolle die Schüler umerziehen, sei "vollkommen absurd", sagt Stoch. "Wir wollen die Kinder zu Offenheit und Toleranz erziehen."
Er könne "die Ängste verstehen", sagte dagegen der Fraktionschef der Union im Stuttgarter Landtag, Peter Hauk. Ihn stört, dass die Landesregierung die sexuelle Vielfalt zum "Leitprinzip" erhebe. "Diese Überhöhung ist nicht gerechtfertigt", findet Hauk. Die Erziehung der Kinder müsse sich an christlichen und abendländischen Bildungs- und Kulturwerten orientieren, wie in Artikel 16 der Landesverfassung festgeschrieben.
Ähnlich sehen das die Kirchen. Kinder und Jugendliche dürften nicht beeinflusst werden, wenn sie nach ihrer sexuellen Identität suchten, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Katholiken
und Protestanten in Baden-Württemberg: "Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren." Das war selbstverständlich immer die Strategie der Kirchen: niemanden beeinflussen, schon gar nicht in sexuellen Dingen. Jedenfalls solange alles eine heterosexuelle Ordnung hat.
Der renommierte Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch hingegen sieht den baden-württembergischen Bildungsplan als einen "längst überfälligen Schritt, Kinder und Jugendliche über die kulturelle Normalität in unserem Land aufzuklären". Das Thema sexuelle Vielfalt müsse "dringend entpathologisiert werden, damit Kinder sich angstfrei sexuell entwickeln können".
Es sieht so aus, als rutschte Baden-Württemberg gerade in einen Kulturkampf hinein - und das in den Zeiten Hitzlspergers.
Das hat eine gewisse Tradition. Zum Christopher Street Day ließ die grün-rote Landesregierung im Juli 2013 erstmals die Regenbogenflagge über dem Neuen Schloss in Stuttgart flattern. Dieses Zeichen der Solidarität mit Schwulen und Lesben ging dem schwäbischen CDU-Vize Winfried Mack zu weit. Er kritisierte die Aktion als "unwürdig und dumm". Auf das Schloss gehöre nur die Fahne des Landes.
Das Wort "schwul" hat in Deutschland eine seltsame Karriere gemacht. Ursprünglich war es herablassend bis feindlich gemeint. Das gibt es immer noch, aber heute ist "schwul" auch ein neutrales Synonym für homosexuell und wird selbst von einigen Homosexuellen so gebraucht.
Aber es gibt noch eine zweite Entwicklung. "Schwul" hat sich zum Teil von seiner sexuellen Bedeutung gelöst, bleibt aber klar negativ belegt.
Ein Berliner Schüler traute sich nicht, in der Schule zu erzählen, dass er zu Hause gern Bücher liest. Lesen galt auf dem Pausenhof als "schwul". Gemeint war weichlich, uncool.
Anfang 2013 gab die Stadt Zweibrücken in Rheinland-Pfalz einen Wandkalender heraus, der Jugendliche von Alkohol- und Drogenkonsum abschrecken sollte. Man fand es passend, den Spruch "Nüchtern cool, Saufen schwul" hineinzuschreiben. "Dieser Kalender ist mit öffentlichen Geldern geförderte Homophobie", sagte ein Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands. Die Stadt antwortete, das sei jugendliche Umgangssprache und richte sich nicht gegen Homosexuelle. Der Kalender wurde vernichtet.
So zeigt die Karriere eines Worts, wie tief das Ressentiment sitzt. Und es ist weit verbreitet.
Mehr Beispiele? Im Jahr 2012 verbot der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften den Auftritt homosexueller Schützenkönigspaare auf Umzügen. Der Partner müsse in zweiter Reihe hinter dem König gehen. Der habe eine Frau mitzubringen, "der christlichen Tradition wegen".
Die Erzieherin Tanja Junginger war bei einem katholischen Kindergarten in Neu-Ulm befristet angestellt. Nachdem sie ihre lesbische Orientierung offenbart hatte, wurde ihr erster Vertrag wegen der angeblich "unnatürlichen Lebensweise" nicht verlängert.
Noch immer dürfen homosexuelle Männer in Deutschland kein Blut spenden. Obwohl es medizinisch keinen Grund gibt, Schwule von der Blutspende kategorisch auszuschließen.
Alles Einzelfälle? Natürlich ist die Gesellschaft insgesamt toleranter geworden, vor allem in den großen Städten. Wenn sich Schwule auf dem Pariser Platz in Berlin küssen, schaut niemand mehr hin. Normalität. Aber dahinter verbirgt sich immer noch ein stilles, diffuses Ressentiment, das weite Kreise zieht, auch in der Politik.
"Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der völligen Gleichstellung", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf des vergangenen Jahres. Ein Mann hatte sie nach einem Adoptionsrecht für homosexuelle Paare gefragt. "Ich bin unsicher, was das Kindeswohl anbelangt", so die Kanzlerin.
Schon früher einmal hatte Angela Merkel in einem kleinen Kreis ihr Unbehagen zu diesem Thema ausgedrückt. Sie hatte, wie diesmal, keine konkreten Gründe genannt, sie ist nicht schwulenfeindlich und pflegte ein gutes, freundschaftliches Verhältnis zu Guido Westerwelle, der sich als einer der ersten Spitzenpolitiker in Deutschland geoutet hatte. Es ist wohl mehr das diffuse Gefühl, dass zwei Männer oder zwei Frauen nicht so gut Eltern sein könnten wie ein Mann und eine Frau. Das Adoptionsrecht wurde nicht in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Die SPD war dafür, aber einen großen Kampf wollte sie nicht führen. Natürlich hat auch Angela Merkel das Coming-out von Hitzlsperger gelobt.
Sönke Rix, demnächst familienpolitischer Sprecher der SPD, sagt: "Was nutzen die lobenswerten Worte von Frau Merkel, wenn es trotzdem noch Ungleichbehandlung gibt? Die Union sollte sich überlegen, ob sie die Debatte jetzt nicht nutzen will, um ihre veraltete Position zu überdenken. Politische Taten statt nur lobender Worte sind gefragt." Der Koalitionsvertrag stehe dem nicht im Wege - im Gegenteil. Darin sei enthalten, dass bestehende Diskriminierungen beendet werden sollen. "Ein ungleiches Adoptionsrecht für Homosexuelle ist aber Diskriminierung." Auf dieser Basis könne man das Thema angehen.
Zwar hat auch die Union ihre homosexellen Aushängeschilder, den ehemaligen Bürgermeister von Hamburg, Ole von Beust, und den Gesundheitspolitiker Jens Spahn. Aber zuletzt wurde sie vom Bundesverfassungsgericht dazu gezwungen, homo- und heterosexuelle Lebenspartnerschaften und Ehen beim Ehegattensplitting steuerlich gleichzubehandeln. Eines der letzten konservativen Refugien der Union ist die Skepsis gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Das ist nicht offen schwulenfeindlich, das ist immer noch so, wie es der ehemalige Fraktionschef Friedrich Merz gesagt hat: "Ich habe nichts gegen Schwule, solange ich da nicht mitmachen muss." Es ist nicht bekannt, ob ihn einmal jemand dazu aufgefordert hat.
Wenn es um den Umgang mit Homosexuellen geht, geht es nicht nur um Homosexuelle. Das Thema ist zum Gradmesser für die Liberalität einer Gesellschaft geworden. Das ist ein Erfolg der Lobbygruppen, aber es hat auch eine Wahrheit. Liberalität zeigt sich da, wo man anfällig ist für Diskriminierungen. Eine zutiefst liberale Gesellschaft ist Deutschland noch längst nicht.
Manchmal wirkt die Homophobie von Männern wie ein letztes Aufbäumen gegen den Wandel der Geschlechterrollen. Die Frauen nehmen sich mehr und mehr von der Macht, Biologie gilt als überwindbar, und eines Tages wird es echte Gleichberechtigung geben. Die Männer müssen ein Stück weichen, die Männer werden selbst ein bisschen wie Frauen, weil das mehr Erfolg im Beruf verspricht, weil das der Trend ist.
Nur im Schwulenwitz zeigt sich dann noch der Mann als Mann, und als Idiot.
* Die Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und queere Menschen.
Von Anna Kistner, Dirk Kurbjuweit, Ann-Katrin Müller und Simone Salden

DER SPIEGEL 3/2014
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