DER SPIEGEL

Wie übersetzt man Motherfucker?

Der Popjournalist und Hörspielautor Karl Bruckmaier, 33, lebt in München.
Miles Davis ist schlecht gelaunt. Er kommt von einem Abendessen mit Präsident Reagan und einem anschließenden Empfang im Kennedy Center. Hätte nicht seine dritte Frau, die Schauspielerin Cicely Tyson, auf diesem Abend bestanden, Miles hätte sich den "politischen Scheißdreck" geschenkt. So aber begann der Ärger schon auf der Fahrt zum Weißen Haus: Miles Davis und Cicely Tyson teilen sich die Limousine mit anderen Gästen des Präsidenten, darunter die Witwe Fred Astaires. Deren Begrüßung ist ganz nach dem Geschmack des empfindlichen Musikgenies: "Miles, unser Fahrer sagte mir eben, daß er Ihren Gesang sehr schätze und daß er alle Ihre Platten habe."
Für den 1956 am Kehlkopf operierten Trompeter ist der Abend gelaufen, noch ehe er richtig begonnen hat. Miles bringt zwar genügend Selbstbeherrschung auf, den in seinen Augen korrupten Reagan zu begrüßen und Nancy artig die Hand zu küssen, doch schon Vizepräsident Bushs Gattin Barbara wird das Opfer von Miles' Verachtung für "die weißen Runzelarschbräute". Die zum Kuß gereichte Hand der heutigen First Lady wird von Miles Davis nur feste geschüttelt, weil er der Meinung ist, "die Dame sei die Mutter von George".
Seinem Ruf als wandelnde Rasierklinge wird Miles Davis erst richtig gerecht, als er der Frau des ehemaligen Vizepräsidenten Mondale erzählt, was er vom alltäglichen Rassismus in den USA und der wirtschaftlichen Ausbeutung schwarzer Musiker hält. Und mit der gebotenen Coolness beantwortet er die beleidigende Frage "einer dieser Schnepfen", was er eigentlich geleistet habe, daß er mit dem Präsidenten speisen dürfe: "Ich habe fünf- oder sechsmal die Musik revolutioniert, ohne mich um das Zeug zu scheren, das die Weißen hören wollen. Und welchem Vorzug, außer dem Ihrer Hautfarbe, verdanken Sie Ihr Hiersein?" Stille im Saal. Ein sprachloser Präsident. Ein zorniger Miles Davis in japanischen Designerklamotten.
Darum also ist Miles Davis schlecht gelaunt an diesem Abend im Januar des Jahres 1987. Darum, und weil seine Ehe mit Cicely Tyson gerade in die Brüche geht.
Abendessen mit Ronald Reagan, Kaffee trinken mit Jean-Paul Sartre und Schwanzlutschen mit Charlie Parker: Diese Geschichten aus dem Leben eines schwarzen Amerikaners verdankt die Fan-Gemeinde des Miles Dewey Davis III, einem "Miles - The Autobiography" genannten Buch, das der Trompetengott zusammen mit dem Journalisten und Universitätsdozenten Quincy Troupe in den USA veröffentlicht hat. Dem Anspruch einer Autobiographie genügt der 430-Seiten-Schmöker an keiner Stelle; Quincy Troupe und Miles Davis scheinen sich einige Male zu Interviews getroffen zu haben, aus denen Troupe dann die Fragen getilgt hat.
Statt Introspektion, Analyse oder wenigstens Selbstironie wimmelt es von Wörtern wie "bad", "motherfucker" und "hip", deren stereotype Wiederholung die inhaltliche Auseinandersetzung mit Zeitgenossen und Musik ersetzt. Der angeblich mit Miles Davis so vertraute Troupe hat es nicht gewagt, Verbesserungen am Wort des Jazzgottes vorzunehmen. "Play, don't talk!", raunzte Miles Davis einmal einen vorspielenden Musiker an: Selbst hält er sich nicht an diesen Ratschlag und verschenkt damit die Möglichkeit, daß seine Erinnerungen mehr als eine durch den Fleischwolf gedrehte Anekdotensammlung sein könnten - ein Zeitdokument und eigenständiges Kunstwerk.
Geboren 1926 in Alton, Illinois, wächst Miles in East St. Louis auf. Der Vater ist ein angesehener Lokalpolitiker, Anhänger des jamaikanischen Schwarzenführers Marcus Garvey und dessen Vorstellungen von einer Befreiung der Schwarzen durch Zugewinn an ökonomischer Macht. Sein als Zahnarzt verdientes Vermögen legt Vater Davis in Grundbesitz an - und kann es sich nebenbei noch leisten, über eine Million Dollar im Spiel zu verlieren.
Im ewigen Streit mit dem Ehemann: Cleota Davis, Miles' Mutter. Von ihrer Herkunft her eher eine gemäßigte Bürgerrechtlerin, die an "der moralischen Verbesserung des amerikanischen Negers" mitarbeiten will, Schmuck, Pelze und klassische Musik liebt und ihrem Sohn lange verheimlicht, daß sie ein sattes Bluespiano spielen kann.
Louis Armstrong und die berühmten Big Bands der dreißiger Jahre im Radio, Country Blues in der Nacht, wenn Miles Davis mit seinem Großvater über dessen Farmland spaziert: Das sind die Einflüsse, die das kleine, widerspenstige Bürgersöhnchen begeistern, die der ältere Miles Davis in seiner Musik nachklingen lassen will.
Miles wächst Tür an Tür auf mit Polen, Juden und deutschen Einwanderern, doch geht hier schon der Graben der Rassentrennung durch die Nachbarschaft: Seine weißen Spielkameraden dürfen eine saubere, ordentlich ausgestattete Schule besuchen. Miles muß in die Schule für Schwarze, "die stank wie eine afrikanische Jauchegrube". Bereits als Kind zahlt Miles Gleiches mit Gleichem zurück: Zu seiner ersten Geburtstagsparty wird nicht ein weißes Kind eingeladen.
Obwohl im Vergleich zu den Altersgenossen privilegiert, muß der Knabe Miles lernen, daß er wegen seiner Hautfarbe ein Leben lang Teil einer rassistisch funktionierenden Gesellschaft sein wird. Jeder Tag wird ihn daran erinnern - Kleinigkeiten ebenso wie Erlebnisse mit prägender Bedeutung: Die Verhaftung, weil er eine Weiße zum Taxi bringt. Die Anrede "Boy" beim Newport Jazz Festival. Schikanen der Polizei, weil er als Schwarzer einen Ferrari fährt. Der unnötige Tod des Vaters, weil dieser nach einem Unfall auf einen Rettungswagen für Schwarze warten muß.
Erlebnisse, die ihn verbittern - und die er seiner Heimat nie verzeihen wird: "Die Weißen herrschen über uns. Aber sie wissen nichts über das Leben der Schwarzen, und sie wollen nichts darüber wissen. Motherfuckers!" Die erste Europareise im Jahr 1949 und die Bewunderung durch das französische Publikum, unter anderem durch Jean-Paul Sartre, bringen diese Einschätzung ins Wanken: "Ich habe mich noch nie so gut gefühlt", erinnert sich Miles, "endlich wurde ich wie ein Mensch behandelt. Wie einer, der etwas wirklich Wichtiges vollbringt."
Gut für sein Ego, gut für die empfindsame Seite des Miles Davis war außerdem die heftige Affäre mit Frankreichs Gesangsidol Juliette Greco. "Sie war wichtiger als die Musik. Sie war die erste Frau, die ich als gleichberechtigtes menschliches Wesen lieben konnte." Weißer Mann gut zu Onkel Tom, Onkel Tom gut zu Frauen. Sexismus als ohnmächtige Antwort auf die Widersprüche im Leben eines Afroamerikaners. Davis' Biographie wird zu einem rassistisch-sexistischen Konstrukt, das als Feind den weißen Mann erkennt, die Club-Manager, die Jazzkritiker, die Polizisten, die Tourneeveranstalter, die Politiker, die weißen Musiker, wenn sie nicht gerade von Nutzen sind.
Ein Konstrukt, das gleichzeitig die schwarze Frau abwertet - "Weiße Frauen behandeln einen Mann einfach besser, weil sie nicht so verkorkst sind" - und am Ende nur einen Menschen bestehen läßt: Miles Davis selbst.
Vor allem der Schock der Rückkehr in ein Land, in dem er wieder ein Nigger ist, zerstört endgültig die Möglichkeit einer positiven Verbindung zum weißen Amerika und treibt Miles Davis in eine Heroinabhängigkeit, die ihn bis 1954 nicht losläßt.
Seine musikalische Karriere begann knapp zwei Jahrzehnte zuvor: Ein Freund der Familie schenkte Miles eine Trompete. In und um East St. Louis hat sich der junge Miles Davis bald einen Namen als begabter Trompeter gemacht. Und nach einer Begegnung mit Dizzy Gillespie und Charlie Parker geht der 18jährige Davis nach New York, nicht ohne seine Jugendliebe Irene zum Abschied ein erstes Mal zu schwängern. Drei Kinder wird Miles mit Irene haben, sie aber nie heiraten.
In New York besucht Miles tagsüber die Juilliard School of Music, büffelt in Bibliotheken Kompositionstechnik und studiert die Werke von Strawinski und Alban Berg. Aber dieses Studium ist nur Vorwand, auch wenn er nebenbei Wissen anhäuft, das ihm ein Leben * Als Mitglied der Charlie-Parker-Band; am Saxophon Charlie Parker. lang einen Vorsprung vor anderen Jazzmusikern sichert:
Der Grund für Miles Davis' New-York-Aufenthalt heißt Charlie Parker, heißt Bebop, heißt Minton's Playhouse. Dort treffen sich die schwarzen Musiker einer neuen Jazzgeneration; dort drechseln Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und Max Roach an diesen irren, neuen, fiebrigen Rhythmen und Harmonien; dort ist die Kaderschmiede einer neuen Ästhetik. Und Miles Davis will dabeisein, wenn unter den freundschaftlich verbundenen Minton-Gladiatoren die gut dotierten Jobs unten an der 52nd Street vergeben werden, die Jobs in jenen Clubs, die weiße Kritiker besuchen. Jobs, die vielleicht einen Plattenvertrag ermöglichen. Hurenjobs, gewiß, aber neben Zuhälterei und Drogenhandel die einzigen Einnahmequellen für die Bop-Leute, die lieber in New York und mitten im Geschehen bleiben, als mit Tanzorchestern durchs Land zu tingeln.
Das Greenhorn vom Lande, das nicht trinkt, nicht fixt und seiner Irene treu bleibt, bis es eines Nachts von der Sängerin Ann Baker erklärt bekommt, daß "ein Steifer kein Gewissen kennt", schafft es tatsächlich. Er spielt in Charlie Parkers Gruppe und nebenbei darf Miles die Erfahrung machen, daß ein Bop-Musiker - wie Cäsar - drei Dinge gleichzeitig meistern kann: Brathähnchen, Whiskey und Oralverkehr mit einem hingebungsvollen Groupie.
Doch die Ernüchterung folgt schnell: Davis muß erkennen, daß der geniale Saxophonist Parker ein geldgieriger, lügnerischer und fauler Junkie ist, der ohne Rücksicht auf Freundschaft jeden seiner Mitmusiker ausbeutet. Als Miles seinem Idol den Rücken kehrt, nimmt er einige der an Parker gehaßten Eigenschaften mit: die Rücksichtslosigkeit, die Egomanie, die Geldgier, den Willen, sich die Mitmusiker unterzuordnen und sie als Menschenmaterial zu betrachten.
Miles Davis wird in den fünfziger Jahren dem Jazz neue kommerzielle und musikalische Möglichkeiten erschließen. Aber er wird auch mitleidlos zusehen, wie um ihn herum seine Kollegen und Vorbilder sterben. Er wird in den sechziger und siebziger Jahren Jazz und das Ideengut schwarzer Popmusiker zu einem neuen Stil vereinen, zum Lehrmeister großer Talente wie Chick Corea, Tony Williams oder Jack De Johnette werden.
Aber skrupellos wird er die Fähigkeiten und Ideen "dieser Tonys und Waynes und Herbies" ausbeuten und auch nicht davor zurückschrecken, Musiker seiner Wahl - etwa Keith Jarrett - einfach aus bestehenden Bands herauszukaufen.
Und ist nicht sein Verhältnis zu seinem derzeitigen Hauskomponisten und -produzenten Marcus Miller eine Neuauflage der Beziehung Parker-Davis? Miles Davis: ein Charlie Parker, der überlebt hat. Der seinen von Schußnarben, Heroininjektionen und Operationswunden entstellten Körper ebenso stereotyp mit einem "Ich bereue nichts, weil es nichts zu bereuen gibt!" kommentiert, wie er seine zerbrochenen Ehen, seine pornographischen Exzesse in den späten siebziger Jahren oder die Gefängnis- und Drogeneskapaden seiner Kinder als unvermeidlich abtut.
Trotzdem ist der Junkie, der Zuhälter, der Ehebrecher, der Dieb nur die romantisch-reale Bedingung für den Musiker Miles Davis, der als erster den unauflöslichen Pop-Zusammenhang zwischen Geschäft und Kunst in den Jazz einführte.
"Birth of the Cool" (1948 bis 1950) war der Versuch, Bebop für ein Mainstream-Publikum verständlich und Miles Davis zur Legende zu machen. Die längst klassischen Quintett-Aufnahmen für das Prestige-Label waren Pflichtsessions für den alten Vertragspartner, um schneller zur reichen Columbia wechseln zu können. Dieses Quintett hatte nur deshalb so lange Bestand, weil die Gagen für die fünf Musiker in damals als astronomisch geltende Höhen stiegen - keiner konnte es sich leisten auszusteigen.
"Sketches of Spain" ("Ich habe mir die Platte nur einmal angehört und nicht viel davon gehalten"), erschienen 1960, etablierte den Trompetenstar endgültig als Bestseller zwischen den Stilen. Danach setzt er durch, daß seine Platten mit von ihm ausgesuchten Covern und ohne die bis dahin üblichen Lobhudeleien weißer Jazzkritiker erscheinen.
400 000 Hippies in Woodstock: Miles will dieses Käuferpotential. "Bitches Brew" (1969) entsteht. Black Power, Motown, Sly Stone: Miles will die "Fusion von Stockhausen und James Brown" und den Verkaufserfolg seines Zöglings Herbie Hancock erreichen. "On the Corner" (1972) wird veröffentlicht. Später dann "Tutu" (1986), "Amandla" (1989), gegenwärtig zeichnet sich eine Zusammenarbeit mit Prince ab: Der künstlerische und materielle Ehrgeiz des Miles Davis ist noch nicht gestillt.
Ein Leben als Steinbruch der Eitelkeiten und der Kaltschnäuzigkeit: Die unvergleichliche Musik eines Miles Davis resultiert aus Geschäftsbeziehungen mit gegenseitiger Gewinnbeteiligung. Und mittendrin in Miles Davis' Autobiographie heißt es: "Meine besten Freunde sind alle schon tot." Wenn er außer Gil Evans, seinem langjährigen Arrangeur, überhaupt jemals welche hatte.
Miles Davis: ein schwieriger Mensch, ein Querulant, ein zorniger Voodoo-Gott, ein genialer Musiker, ein Revolutionär. Und wie übersetzt man Motherfucker?
Von Karl Bruckmaier

DER SPIEGEL 1/1990
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