DER SPIEGEL

JAZZDie zweite Luft

Nach einem flauen Comeback vor drei Jahren feiert der Trompetenstar Miles Davis jetzt wieder Triumphe. *
Um jung zu bleiben", sagt Miles Davis, "brauchst du ein schwaches Gedächtnis." Der 58jährige Star der Jazztrompete, zu Lebzeiten schon eine Legende, hält sich an diese Empfehlung: Die "Musik vom letzten Jahr" will er vergessen, "denn ich zieh' ja auch nicht meine alten Klamotten an".
Weil Miles Davis immer viel riskiert und sich nie lange beim Wiederkäuen seiner Erfolge aufgehalten hat, konnte er regelmäßig neue Gipfel in seinem nun 40 Jahre dauernden Jazzerleben erklimmen.
Jetzt steht er, wieder einmal, ganz oben. Nach einer Serie quälender Krankheiten hat er zur alten Form zurückgefunden: Auf seiner neuesten LP, Titel: "Decoy", verblüfft er mit kräftigem, fast athletischem Trompetenspiel und mit einem Jazzgemisch, das vom Funk-Stil und, ganz unzeitgemäß, vom Blues getränkt ist.
Bei seinem einzigen Deutschland-Auftritt in der vergangenen Woche in Bad Segeberg brauchte er nicht mehr von seiner Aura als Kultfigur und seinem Ruf als glamouröser Dandy zu zehren: Den Jubel der mehr als 5000 Zuhörer bekam er für sein intensiv zupackendes Spiel, in dem er die ganze Ausdrucksskala seiner langen Karriere ausbreitete.
Satte, sonore Mittellagentöne wechselten mit spitzen, hohen Attacken, und mit scheinbar beiläufig hingetupften, schrägen Synthesizer-Akkorden rauhte er die energischen Soli der jungen Musiker seines Sextetts auf.
Der neue Höhenflug des Miles Davis ist eine Überraschung: Fünf Jahre, von 1975 bis 1980, hatte er kaum die Trompete angefaßt. Operationen an der Hüfte und an den Stimmbändern, Arthritis in den Fingern, eine Lungenentzündung und als Zugabe auch noch ein Magengeschwür verurteilten den "Schwarzen Prinzen" zum Marathon-Krankenlager in seiner Wohnung in New York.
Bei einem seiner letzten Konzerte vor der Zwangspause war er nur noch dazu fähig, mit dem Ellbogen die Tasten seines Synthesizers zu drücken - seine Auftritte wurden immer mehr zur Zumutung fürs Publikum.
Noch sichtlich von seinen Leiden gepeinigt, betrat Davis 1981 wieder die Szene, und er enttäuschte mit einem flauen Comeback. Nach zähem Training und mit der zweiten Luft in der Lunge feiert er jetzt wieder Triumphe. "Reine Magie" entdeckte der Kritiker der "New York Times" in der Musik des erholten Jazz-Genies.
Und wieder ist Miles Davis da mit einem neuen Konzept: Er peppt den Jazz auf mit harten, aktuellen Funk-Rhythmen, ohne ins unverbindliche Endlos-Gehämmere des Disco-Beats zu verfallen.
Dabei könnte Davis eigentlich herumreisen, seine schönen alten Nummern spielen, die Melancholie seines vibratolosen Trompetentons walten lassen und dafür gute Gagen einstreichen.
Aber die Musik von gestern interessiert ihn nicht, und er kritisiert die jüngere, im Moment auf der Szene tonangebende Generation von Stars, die bei den Ursprüngen des modernen Jazz neu beginnen.
Für die Musik des neuen Supertrompeters Wynton Marsalis beispielsweise würde er "keine fünf Cent ausgeben". Die sogenannten Neuen Traditionalisten sind ihm zu "steif", sie spielen "ohne Leben".
Für Konventionen jeder Art hatte Miles Davis schon immer nur Verachtung übrig. Weil es ja Aufnahmen von Charlie Parker oder John Coltrane gebe, sei es völlig überflüssig, daß sich junge Jazzer damit aufhielten, deren Stil zu konservieren.
Und der Bebop, den er in den vierziger Jahren an der Seite Parkers mitgeprägt hat, ist für Davis heute ein "Klischee",
seit er zur "Hintergrundmusik für Fernseh-Commercials" verkommt.
Gegen jedes Klischee verlief die ganze Entwicklung des selbstbewußten, zu provozierendem Zynismus und cooler Illusionslosigkeit neigenden Jazzstars. Anders als die Mehrheit der Schwarzen in den USA stammt er aus wohlhabenden Verhältnissen. Sein Vater war Zahnarzt in East St. Louis.
Die Sorglosigkeit seines Elternhauses verließ der Teenager Mitte der vierziger Jahre. Er ging nach New York, wo der Jazz durch den Bebop seine Revolution erlebte, begab sich in die Nähe Charlie Parkers und wurde ein wichtiges Mitglied der Hipster-Szene.
Je älter er wurde - immer schien Davis an die Nervenstränge des Zeitgeistes jugendlicher Außenseiter angeschlossen.
Mit seinem coolen, verhangenen, in unendlicher Traurigkeit strömenden Trompetenklang spielte er in den fünfziger Jahren der vom Existentialismus infizierten, in schicker schwarzer Tristesse auftretenden Jugend aus der Seele.
Anfang der siebziger Jahre war er, mit einer aufregenden Fusion von Rock und Jazz, sozusagen ein Pop-Weltstar.
Außer von der rebellischen Besessenheit, Konventionen einen Tritt zu verpassen, war Davis auch immer von schlitzohriger Cleverness angetrieben: Seine teuren Autos, seine modischen Extravaganzen und den ganzen alltäglichen Luxus finanzierte er, indem er ständig sein Markenzeichen aufpolierte: Die Aura einer geheimnisvollen Kultfigur brachte ihm hohe Gagen. Er zählt zu den wenigen glücklichen Avantgardisten, die nicht unter Brotlosigkeit leiden müssen.
Dreist und arrogant wirkte er früher in seinen Konzerten, wenn er das Publikum keines Blickes würdigte und ihm kühl den Rücken zukehrte. Jetzt überrascht er mit einer neuen Attitüde: In ungewöhnlichen Anfällen von Leutseligkeit winkt er freundlich mit der Trompete ins Parkett.

DER SPIEGEL 29/1984
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