DER SPIEGEL

BildbändeGrüße, Disteln und Todestore

Am 18. April 1965 schrieb ein Mann namens Jurek auf eine Postkarte: "Herzlichste Grüße von meiner Reise nach Auschwitz". Oben links steht ein klein gedruckter Hinweis darauf, was auf der Vorderseite abgebildet ist: "Eisenbahnrampe und Einfahrtstor zum Lager, genannt das 'Todestor'". Man sieht tatsächlich: Wiesen, Steine, Gleise und eine Lagerarchitektur mit Wachturm. Wenige Jahre nach Kriegsende war aus dem ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau ein vom polnischen Staat betriebenes Museum geworden – in dem es bald Ansichtskarten zu kaufen gab. Der junge polnische Künstler Paweł Szypulski entdeckte vor ein paar Jahren eine alte Karte bei einem Trödler und sammelte dann weitere Exemplare. Die Schweizer Edition Patrick Frey hat ihnen nun den Bildband "Greetings from Auschwitz" gewidmet, der gerade erschienen ist. Die Karten zeigen Gaskammern, Lagerstraßen, Baracken, Wachtürme. Einige der Fotografen wollten nüchterne, andere wohl eher poetische Bilder schaffen – etwa mit einer Distel in Großaufnahme vor einem unscharfen Stacheldrahtzaun. Die Absender schickten meist nur knappe Grüße an Freunde, Verwandte oder Nachbarn. Manchmal ist vom Wetter die Rede. Eine Frau erwähnt 1960, man habe in den Unterkünften des Lagers übernachtet. Eine andere schreibt, dass sie am 23. vom Bahnhof abgeholt werden will. Womöglich werden ähnlich banale Sätze noch heute auf Karten geschrieben. Auschwitz-Postkarten kann man weiterhin erwerben.
Von Uk,

DER SPIEGEL 44/2015
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