DER SPIEGEL

EssayDer gekränkte Mann

Warum islamistische Propaganda nur die Ideologie der Stunde ist, die Gewalt gegen Frauen und „Fremde“ rechtfertigt. Von Alice Schwarzer
In Deutschland wurden im Jahr 2015 rund 117 000 Frauen vergewaltigt oder sexuell belästigt; jede Fünfte vom Ehemann, Freund oder von der Ex-Beziehung. Etwa 643 000 Frauen wurden Opfer von Gewalt in Beziehungen, verschleiernd "häusliche Gewalt" genannt. Und 327 wurden getötet; eine von dreien vom eigenen Ehemann oder Freund. Woher die Zahlen kommen? Ganz einfach: Es handelt sich um reale Fälle, bei den Toten, oder um erstattete Anzeigen mal zwölf. Denn, so erforschte das Bundesfrauenministerium in einer breit angelegten Studie: Nur jedes zwölfte Opfer von Gewalt in Paarbeziehungen erstattet Anzeige.
Und da reden wir weder von Flüchtlingen noch von Migranten, noch vom Islamismus. Diese epidemische, strukturelle Männergewalt in unserer christlich geprägten Demokratie ist hausgemacht. Sie ist das dunkle Geheimnis im Herzen des Machtverhältnisses der Geschlechter. Allerdings ist private sexuelle Gewalt gegen Frauen sanktioniert in den westlichen Demokratien. Doch auch hier seit noch gar nicht so langer Zeit. Das Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe zum Beispiel wurde erst 1997 eingeführt. Die Frau oder die Welt will nicht so, wie Er will. Also greift Er zur Gewalt. Der gekränkte Mann.
Was aber ist der Unterschied dieser Gewalt zwischen den Geschlechtern zu dem, was wir an Silvester in Köln erlebt haben – und seither immer mal wieder auf öffentlichen Veranstaltungen? Zuletzt im Juli bei einem Kulturfest in Bremen, wo mehr als ein Dutzend Anzeigen erstattet wurden wegen sexueller Übergriffe nach der Methode "Höllenkreis". Dabei umzingelt eine Gruppe von in der Regel jungen Männern eine Frau und begrabscht sie bis hin zur Vergewaltigung.
Was ist der Unterschied zwischen unserer alltäglichen Gewalt und den öffentlichen Gewaltorgien im Namen Allahs zum Beispiel in Ochsenfurt, wo der Täter seinem letzten Opfer die Axt ins Gesicht hieb und die Worte gerufen haben soll: "Ich mach dich fertig, du Schlampe!"?
Der Unterschied ist die weitgehende Legitimierung von Gewalt in den patriarchalen Herkunftsländern der Täter, sie kennen keine Frauenbewegung und keine Gleichberechtigung. In ihren Ländern sind Frauen weitgehend rechtlos und Gewalt ein Herrenrecht. Verschärfend hinzu kommt die Befeuerung dieser traditionellen Frauenverachtung durch die islamistische Propaganda, sie gießt Öl ins Feuer.
Die heimliche private Gewalt gilt nur dem einen Individuum – die demonstrative öffentliche Gewalt soll uns alle in Angst und Schrecken versetzen. Das gilt für islamistisch motivierte Attentäter ebenso wie für Amokläufer. In beiden Fällen ist der Täter der narzisstisch gestörte, der gekränkte Mann.
Aber private und politische Gewalt können sich auch mischen. Wie im Fall des Omar Mateen, dem homosexuelle Neigungen nachgesagt werden. Dieser Sohn eines homophoben afghanischen Taliban-Anhängers ermordete im Juni in Orlando in der Schwulen-Disco, in der er selbst verkehrte, 49 Menschen. Aus (Selbst-)Hass. Im letzten Augenblick überhöhte er die Tat mit der Behauptung, er sei ein Soldat des IS, aber dafür gibt es bis heute kaum Belege.
Oder wie im Fall des 21-jährigen Ahmed in Reutlingen. Der Syrer hatte zunächst seine Freundin erstochen, mit der er sich heftig gestritten hatte. Ein klassischer Fall "privater" Beziehungsgewalt. Aber sodann war er mit dem Messer wild fuchtelnd durch die Straßen der schwäbischen Stadt gerannt und hatte fünf weitere Menschen verletzt.
Doch der Islam ist nicht der Grund für die Welle der öffentlichen Gewalt, auch wenn sie mit ihm begründet wird. Die islamistische Propaganda ist lediglich die Ideologie der Stunde, die diese Gewalt gegen Frauen und "Fremde" rechtfertigt; implizit, also unterschwellig, oder aber explizit, also offensiv.
Implizit verstand es sich bei den jungen Männern aus Marokko oder Algerien an Silvester in Köln. Diese verhetzten Männer kennen nur noch Heilige und Huren. Die Heilige ist zu Hause eingesperrt und möglichst verschleiert – die Hure bewegt sich im öffentlichen Raum.
Explizit wurde die Gewalt in Ansbach wie Ochsenfurt gerechtfertigt. Diesen sich gedemütigt fühlenden Männern kommt Allah gerade recht. Der Islamismus bietet ihnen einen Kontext. Er ist, ganz wie der Faschismus, ein Hort von Männlichkeitswahn und Autoritätshörigkeit. Im Namen des "Vaters" rotten sich die real wie vermeintlich gekränkten Söhne zusammen und schwören Rache.
Für seine Anführer – vom "Islamischen Staat" bis hin zu den Ideologen im Westen – ist der Islamismus eine Machtstrategie; für ihr Fußvolk ist er das Gebräu, das sie trunken macht. Und hochmütig gegenüber Fremden und Frauen, diesen ersten "Fremden" in der patriarchalen Hierarchie. Sicher, der Islamismus hat ganz wie der Faschismus komplexe Gründe, aber er ist ganz wie er auch eine Antwort auf die Erstarkung der Frauen. Hie immer mehr Staatschefinnen – da immer mehr Frauen unterm Schleier. Das muss unsere Welt ja zerreißen.
Die Tatsache, dass der Westen an der Entwurzelung der Menschen in Nahost und Nordafrika seinen satten Anteil hat, macht das Problem nicht geringer. In der Tat hat Amerika in den Achtzigerjahren die islamistischen Kämpfer in Afghanistan überhaupt erst aufgerüstet, für den Kampf gegen die Sowjetunion. Und der Westen hat die Kriege im Irak und Afghanistan angefangen und damit auch den Nahen Osten destabilisiert; um dann, offensichtlich unfähig dazuzulernen, auch noch Libyen ins Chaos zu stürzen. Ohne Amerika kein "Islamischer Staat", das räumen inzwischen sogar die Interventionisten selbst ein.
Doch als würde das alles nicht genügen, verschließen wir im Westen bis heute die Augen vor dem 1979 in Khomeinis Iran gestarteten weltweiten Eroberungsfeldzug des politisierten Islam. Die Wirtschaft macht munter weiter Geschäfte mit Saudi-Arabien, Katar & Co., den Finanziers des Terrors. Und Politik wie Gesellschaft ignorieren oder verharmlosen seit Jahrzehnten die Offensive des politischen Islam mitten unter uns.
Anstatt die aufgeklärten und fortschrittlichen Muslime zu unterstützen, führen wir verlogene "Dialoge" mit rückwärtsgewandten Muslimverbänden und deren Lobbyisten und Lobbyistinnen, die nicht selten Konvertiten sind. Mit dieser Strategie haben wir in den vergangenen 20 Jahren nicht zuletzt die Mehrheit der nicht radikalen Muslime und Musliminnen im Stich gelassen. Die sind aus Angst vor den Radikalen verstummt – oder aber sie radikalisieren sich, wie wir in jüngsten Umfragen sowie bei der Pro-Erdoğan-Demonstration in Köln sehen konnten. Da erklären neuerdings sage und schreibe 47 Prozent der Türkischstämmigen in Deutschland, dass für sie die islamischen Gebote über dem Gesetz stehen, das ergab eine aktuelle Emnid-Umfrage.
Es ist also Zeit. Höchste Zeit, dass wir endlich unterscheiden lernen zwischen Islam und Islamismus, zwischen Glauben und Ideologie. Das eine ist eine Religion, bei der Selbstkritik und Reform nottut, aber das ist Sache der Muslime. Das andere ist eine totalitäre, faschistoide Ideologie, deren Kern die Frauen- und Fremdenverachtung sowie Autoritätshörigkeit ist. Und das fängt nicht erst beim offenen Terror an, sondern hat seine Wurzeln in der Schriftgläubigkeit und im Hochmut gegenüber den Frauen und "Ungläubigen".
Die Probleme begannen ja nicht erst mit den Flüchtlingen, sondern schon vorher. Stichwort: Kopftuch. Stichwort: Geschlechtertrennung beim Schwimmunterricht. Stichwort: Halal und Ramadan. Doch die eine Million Menschen aus Kriegsgebieten, viele davon brutalisiert oder traumatisiert, haben das Problem dramatisch verschärft.
Inzwischen mehren sich die Hinweise, dass manche vorgebliche Flüchtlinge offensichtlich mit der Absicht geschickt wurden, den Krieg nach Deutschland zu tragen. Es wird eine verschwindende Minderheit sein. Und es ist falsch, die Mehrheit dafür verantwortlich zu machen. Aber mit dieser Minderheit müssen wir uns beschäftigen.
Männer wie Riaz Khan Ahmadzai, dieser vielleicht beunruhigendste Terrorist von allen. Der angeblich 17-Jährige war vor einem Jahr nach Deutschland gekommen und zwei Wochen vor seiner Axtattacke zu einer Pflegefamilie gezogen. Im Haus dieser Familie, in seinem Zimmer, hat Riaz das Bekennervideo aufgenommen. Es wurde kurz nach seiner Tat von einem IS-nahen Sender verbreitet und rasch als authentisch identifiziert. Der Text, den der Täter mit einem Messer in der Hand deklamierte, weist den jungen Mann als islamistischen Vollprofi aus. Sein Bekenntnis ist von alttestamentarischer Wucht und strategisch auf den Punkt.
Riaz' Videoappell benennt die neue Etappe der infamen IS-Strategie sehr klar: "Wie ihr seht, habe ich in eurem Land gelebt", sagt er da. "Ich habe in euren Häusern meinen Plan gemacht und werde euch in euren Häusern und auf der Straße töten, sodass ihr Frankreich vergessen werdet. Ich werde euch mit meinem Messer töten und eure Köpfe mit meiner Axt spalten, so Gott will."
Von Riaz, dem Terroristen in Ochsenfurt, hieß es zunächst, er sei zuvor unauffällig gewesen und habe sich anscheinend turboradikalisiert. Auch bei dem Tunesier in Nizza war am Anfang von einer "raschen Radikalisierung" die Rede. Innerhalb von zwei Wochen sollte der 31-jährige Mohamed Lahouaiej Bouhlel vom Drogen, Alkohol und Frauen wie Männer konsumierenden Tunichtgut zum bärtigen Gotteskrieger mutiert sein. Inzwischen ist klar: Der Nizza-Attentäter hatte seine Tat lange vorbereitet, und auch bei Ahmadzai gibt es eine lange Vorgeschichte.
Doch warum ist die Tat von Ochsenfurt noch beunruhigender als die Massaker von Paris, Brüssel oder Nizza? Weil sie aus unserer Mitte kam, aus unseren eigenen Häusern kroch! Und weil der junge Afghane ein Jahr lang als so besonders freundlich, nett und integrierbar galt.
Das Doppelleben war ihm offenbar selbst zunehmend schwergefallen. Auf Facebook, wo er unter anderer Identität Tausende von Beiträgen gepostet hatte, schrieb er am 24. April 2016: "Offener Hass ist besser, als heuchlerische Beziehungen zu pflegen." Es sollte noch drei Monate dauern, bis er die Maske fallen ließ. Aber immerhin: Er ließ seine Gastfamilie leben – und erfüllte damit den im Bekennervideo selbst erteilten Auftrag nicht in seiner ganzen grausigen Konsequenz.
Auch bei David Sonboly in München lag, vier Tage nach dem Attentat von Ochsenfurt, zunächst der Verdacht auf einen islamistischen Hintergrund nahe. Doch nach wenigen Stunden war klar: Der Amokläufer war ein Einzeltäter, und sein Vorbild war nicht der "Islamische Staat", sondern waren sogenannte Ego-Shooter wie "Counter-Strike"; so wie Tim K., der Amokläufer von Winnenden, und Anders Breivik in Oslo. David Sonboly hatte die Tat seit mindestens einem Jahr vorbereitet. Auch er war ein gekränkter Mann.
Bei fast allen Tätern, ob Gotteskrieger oder Amokläufer, lesen wir in den Medien gern immer als Erstes, die Täter seien "einsam" gewesen und "depressiv". Das war 2015 auch bei dem Piloten Andreas Lubitz so, der 149 Menschen geplant mit in den Tod gerissen hat. Mag sein. Aber viele Menschen sind einsam. Und viele neigen zur Traurigkeit. Ein Zustand, der zweifellos verstärkt wird, wenn man aus einem Bürgerkriegsland kommt, seine Familie zurückgelassen hat und als Opfer oder auch als Täter schon viel Traumatisches erlitten und verbrochen hat.
Aber bedeutet eine solche Argumentation nicht, die wahren Gründe durch eine systematische Pathologisierung der Täter zu verschleiern? Wir sollten den Tätern nicht auch noch das letzte Stück Menschenwürde absprechen, das sie haben: die Freiheit der Verantwortung.
Es sind fast immer Männer. Es sind fast immer jüngere Männer, die nicht eingebunden sind in eine Familie. Es sind immer entwurzelte und gekränkte Männer. Erfahrene Psychologen diagnostizieren bei diesen Männern weniger eine Depression, die ja auch eher passiv macht, sondern eher eine "narzisstische Störung". In den Augen der Umwelt sind sie klein, sie aber halten sich für groß.
Eine solche narzisstische Kränkung in Aggression nach außen zu wenden, auch das ist typisch männlich. Narzisstisch gestörte Frauen wenden in der Regel ihre Aggressionen nach innen, gegen sich selbst.
Jetzt ist viel von Aufrüstung die Rede: der Polizei, der Sicherheitsmaßnahmen. Es ist richtig, dass Großveranstaltungen in diesen Zeiten besonders gesichert werden müssen. Aber das allein kann es nicht sein.
Auch die Prävention muss weit über das von Bundeskanzlerin Merkel geforderte "Frühwarnsystem" hinausgehen. Sie darf nicht erst bei den Warnzeichen ansetzen, da ist es meist schon zu spät. Sie muss früher einsetzen. Und zwar sowohl bei den wütenden, herrschsüchtigen Männern aus den patriarchalen, islamischen Bürgerkriegsgebieten, wie auch bei der Minderheit der hier geborenen Söhne der Migranten, die sich radikalisieren.
Was können wir tun? Der salafistischen Agitation in den Flüchtlingslagern und Parallelgesellschaften muss strikt Einhalt geboten werden. Die muslimischen Verbände, die bisher mit ihrer schriftgläubigen Propaganda eher den Islamisten in die Hände gespielt haben, müssen verpflichtet werden, aktiv zu Aufklärung und Integration beizutragen.
Die "verlorenen Seelen" (Kamel Daoud) schließlich müssen eine reale Chance zur Integration bekommen und verpflichtet werden, Rechtsstaat und Gleichberechtigung der Geschlechter zu respektieren. Gegen die unrettbar an die fanatischen Gotteskrieger "verlorenen Seelen" allerdings muss in aller Entschiedenheit und mit allen Mitteln vorgegangen werden. Denn der gekränkte Mann kann gefährlich werden. Lebensgefährlich.
Schwarzer, 73, ist Feministin sowie Gründerin und Herausgeberin der Zeitschrift "Emma".
Von Alice Schwarzer

DER SPIEGEL 33/2016
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