DER SPIEGEL

GESTORBENSimon Wiesenthal

Simon Wiesenthal , 96. Der "Herr Ingenieur", wie ihn die Mitarbeiter wegen seines erlernten Architektenberufs nannten, galt weltweit als hochgeachtete moralische Instanz - ausgerechnet daheim aber, in Österreich, war er zeitweise umstritten. Als der Krieg zu Ende ging, hatte der aus Galizien stammende jüdische Kaufmannssohn eine mehrjährige Odyssee durch zwölf Arbeits- und Vernichtungslager hinter sich, und für ihn stand in der Stunde null wie selbstverständlich fest, bei der Suche nach Nazi-Verbrechern zu helfen - aber nicht unbedingt als Jäger. Der Rechercheur des Bösen war eher ein Aktenmensch, und entsprechend überladen war sein kleines Büro in der Wiener Innenstadt. Er enttarnte jenen Inspektor, der 1944 in Amsterdam Anne Frank verhaftet und damit in den Tod geschickt hatte, er half, Holocaust-Organisator Adolf Eichmann ausfindig zu machen oder den KZ-Kommandanten und hundertausendfachen Mörder Franz Stangl in Brasilien. Wohl 1100 NS-Verbrecher spürte er auf seine Weise auf, 6000 Fälle insgesamt wurden von Staatsanwälten bearbeitet. Simon Wiesenthal, der sich dem Recht verpflichtet fühlte und nicht dem archaischen Prinzip der Rache, starb am 20. September in Wien.

DER SPIEGEL 39/2005
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