DER SPIEGEL

JAZZ / DAVISMeilen voraus

Er blies 50 Minuten lang. Und obgleich noch zwei prominente Beatbands angekündigt waren, verließ etwa ein Drittel der Zuhörer Anfang März nach der Darbietung des Miles-Davis-Sextetts den New Yorker Rock-Tempel "Fillmore Bast".
Denn was der schwarze Trompeter Davis, 44, heute spielt, gilt den langmähnigen, bärtigen Hippies und Yippies des Bast Village als "ultimate music", als die letzte, die endgültige Musik, nach der nichts Besseres mehr kommen kann.
Vorbei ist die Zeit, in der auf die Vorstellung des musikalischen Themas eine Kette von Soloimprovisationen folgte, bis das Stück mit einer Wiederholung des Themas schloß. Keine Harmoniefolge, kein Rhythmuskorsett behindern mehr die Musiker. In dieser neuen schwarzen Kunst wird auf elektrisch abgetasteten oder durch Lautsprecher verstärkten Instrumenten von allen Spielern gleichzeitig "über Gefühle" (Davis) improvisiert.
Dabei reiben sich die Akkorde in schrillen Dissonanzen, dabei türmen sich Tonfolgen zu Klangbergen oder brechen als Melodiefragmente ab. Tempi und Rhythmen bilden einen vielschichtigen Teppich, über dem ein klarer Trompetenton hallt und verschwebt.
Wenn Miles Davis spielt, brauchen die Fans kein Marihuana und kein LSD. Dieser psychedelische Jazz erzeugt Halluzinationen, wie sie der Graphiker Mati Klarwein auf der Hülle der Davis-Platte "Bitches Brew" ("Hurengebräu") dargestellt hat, die in diesen Tagen auch in Deutschland erscheint: Da brennen Mohnblumen neben schaumigen Brandungswellen, da umarmen sich afrikanische Königskinder, und die glatzköpfigen Gesichter einer schwarzen und einer weißen Frau, die aus den Fingern gekreuzter Hände hervorwachsen, sind mit Tau- und Bluttropfen übersät.
"Miles Davis", sagt der Schlagzeuger Chico Hamilton, "das klingt, als ob die ganze Erde singt." Und dieser Gesang, der am kommenden Sonntag in einer Aufzeichnung von den Berliner Jazztagen auch im Dritten Fernsehprogramm (SFB, RB, NDR -- 22.15 Uhr) ertönt, wird nun vor allem von den "weißen Negern" (Norman Mauer), von den jugendlichen Outcasts der amerikanischen Mittelklasse, gehört.
Sie lieben seine Musik, und sie schätzen seine rebellische Attitüde. Der "schwarze Prinz" (Werbeslogan), der als Sohn eines wohlhabenden Zahnarztes in St. Louis nie finanzielle Probleme kannte und der auf dem New Yorker Juilliard-Konservatorium studiert hat, ist das Idealbild des stolzen Negers, der sich von den Weißen nichts mehr bieten läßt.
Er brüskiert die Nachtklubbesitzer, indem er Ersatzbands für sich spielen läßt, und dreht dem Konzertpublikum den Rücken zu. Er nimmt -- wie in Barcelona -- die Gage und reist vor dem Auftritt wieder ab. Er spielt absichtlich falsch und brüstet sich: "Das Publikum hat es noch nicht mal gemerkt."
Das alles kann er sich leisten: Schon immer ist er den übrigen Jazzmusikern "Miles Ahead" (so ein Plattentitel) -- um Meilen voraus. 1945, als 19jähriger, erfand er im berühmten Charlie-Parker-Quintett den ersten neuen Trompetenton seit Louis Armstrong. 1949 leitete er im Capitol-Studio von Los Angeles mit einer Aufnahmeserie die "Geburt des Cool Jazz" ein. Und seit er 1955 beim Newport Jazz Festival ins Horn stieß, startete er mit jedem neuen Ensemble einen neuen Trend.
Für die Arroganz, die er aus seinen jährlichen Auszeichnungen als bester Trompeter ableitet, hat er freilich auch schon immer die Prügel kassiert. "Wegen Widerstands gegen die Polizei" wurde er vor dem Jazzlokal "Birdland" zusammengeschlagen. Im Oktober letzten Jahres, nachdem Gangster auf ihn geschossen hatten, ging er in Haft, weil in seinem 17 000-Dollar-Ferrari Marihuana gefunden worden war. Und daß er ohne Führerschein, wohl aber mit einem Schlagring am Steuer saß, brachte ihm vor drei Monaten eine Geldstrafe ein.
"Wenn ich es könnte", erklärt Miles Davis, "würde ich auf jede meiner Platten drucken, daß sie nicht an Polizisten verkauft werden darf." Da er das aber nicht kann, macht er sich im Box-Studio fit für den nächsten Kampf.
Im schwarzen Hemd und in Hosen aus Schlangenleder, meist von einem schwarzen Mannequin begleitet, fährt der Trompeter täglich aus seinem spanischen Schlößchen an der 77. Straße zum Trainer im New Yorker Stadtteil Bronx. Dort übt er am Punching-Ball.

DER SPIEGEL 24/1970
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