„Wir werden am Galgen enden!“

4. Fortsetzung
Adolf Hitlers Westoffensive im Mai 1940 beraubte die Verschwörer auch der letzten Hoffnung, ein Putsch des Heeres könne das nationalsozialistische Regime stürzen und dem Krieg ein Ende setzen. Um Oberst Hans Oster, den nimmermüden Putsch-Planer, wurde es einsam: Nur die engsten Freunde blieben ihm treu.
"Nach dem Fall von Paris", bezeugt Oster-Konfident Hans Bernd Gisevius, "hatte unsere Gruppe auf Monate hinaus keinen Einfluß mehr. Hitlers Erfolg verführte alle." Einer nach dem anderen fiel von der Widerstandsbewegung ab und beeilte sich, den Siegeswagen des Diktators nicht zu verpassen.
Der Generaloberst Walter von Reichenau, der noch Ende 1939 Hitlers Offensivplan an die Holländer verraten hatte, war jetzt von dem Feldherrngenie seines Führers ebenso überzeugt wie der zeitweilig zur Opposition aufgelegte Heeres-Oberbefehlshaber Walther von Brauchitsch. Und General Franz Halder, der Chef des Heeres-Generalstabes, ließ die Verschwörer wissen, ein deutscher Soldat putsche nicht, die deutschen Siegesaussichten seien zudem keineswegs ungünstig.
Kaum einer der Militärs wollte noch daran erinnert werden, daß er einmal an dem Erfolg der Westoffensive gezweifelt hatte. Ex-Botschafter Ulrich von Hassell notierte sich: "Die Skepsis der meisten Generäle, vor allem Becks. ist widerlegt. Das Schlimmste ist vielleicht das furchtbare Verwüsten des deutschen Charakters, der ohnehin oft genug Neigung zu sklavenhafter Art gezeigt hat."
Die lästigen Warner waren nicht länger erwünscht. Oberstleutnant Helmuth Groscurth, Osters wichtigster Vertrauter im Oberkommando des Heeres (OKH). wurde zu einem Frontkommando versetzt, Oster selbst durfte das OKH nicht mehr betreten, Generalstabschef Halder entzog sich allen Gesprächen mit Hitler-Gegnern. Da war es nicht verwunderlich, daß sich der unermüdliche Widerstandskämpfer Gisevius nicht ungern auf einen Abwehr-Posten im Generalkonsulat in Zürich kommandieren ließ.
Und je mehr die Deutschen in die illusionäre Welt der Sondermeldungen und Blitzsiege eintauchten und Europa mit ihren Panzer- und Infanteriemassen verwüsteten, desto hoffnungsloser wurde die Lage der innerdeutschen Opposition. Wer jetzt noch an Widerstand dachte, erschien den meisten als ein rettungsloser Narr. Der oppositionelle AA-Staatssekretär Ernst von Weizsäcker suchte Trost in dem Gedanken, daß große Wandlungen in der Geschichte sehr oft unter Verbrechen herbeigeführt würden, während seinem Partner Carl Goerdeler nur noch der Glaube blieb, ein so unsittliches System wie das Dritte Reich könne auf die Dauer nicht bestehen.
Solche fatalistischen Stimmungen konnten freilich den Mann nicht irremachen, der in einem Haus am Berliner Tirpitzufer, dem Sitz des OKW-Amtes Ausland/Abwehr, an neuen Putschplänen arbeitete. Dem Obersten Oster war nicht viel mehr als einige Bogen Papier geblieben: jene Lageskizzen, Personal listen und Proklamations-Entwürfe, auf denen er seit Jahren den Staatsstreich gegen das NS-Regime geübt hatte.
Immer wieder überprüfte er seine Pläne, entwarf neue Skizzen, machte sich abermals Notizen. Sie modifizierten jedoch nur unbedeutend die Gedanken, die Oster 1939 in einem dreiseitigen, mit Bleistift geschriebenen Manuskript (Titel: "Studie") formuliert hatte.
Es begann mit einer etwas rätselhaften Frage: "Wie legt man die Strecke und wen? Hi, Gö, Rib, Hi, Hey." Da mit sollte gesagt werden, daß bei einem Putsch die wichtigsten NS-Führer zu beseitigen seien, darunter Hitler, Göring, Ribbentrop, Himmler, Heydrich.
Eine zweite Frage folgte: "Welche Kräfte stehen zur Verfügung?" Antwort: das Infanterieregiment 9 in Potsdam, das Artillerieregiment 3 in Frankfurt an der Oder, das 15. Panzerregiment in Sagan. Dann kam der Ablauf des Staatsstreiches, wie ihn sich Oster vorstellte:
"Im Morgengrauen" umstellen die Putsch-Truppen das Berliner Regierungsviertel und besetzen die wichtigsten Behörden; es werden alle führenden Persönlichkeiten von Staat und Partei verhaftet und Sondergerichten zur Aburteilung übergeben. Zugleich wird der Ausnahmezustand verhängt und in einer Proklamation mitgeteilt, daß ein "Reichsdirektorium" unter Generaloberst Ludwig Beck die Regierungsgeschäfte übernommen hat.
Nächster Schritt: Auflösung der Gestapo, des Geheimen Kabinettsrats und des Propagandaministeriums, Darauf folgt die Ankündigung allgemeiner Wahlen und die Einleitung von Friedensverhandlungen mit den Alliierten. Schließlich: Aufhebung der Verdunklung.
Ein weiterer, von Groscurth mit Schreibmaschine getippter Entwurf detaillierte, wie man die Vergangenheit bewältigen wollte. Oster begnügte sich in seiner Studie mit dem Vorschlag, die verhafteten NS-Führer müßten durch die Veröffentlichung kompromittierenden Materials und durch einen Masseneinsatz von Satirikern und Komikern (Star-Rolle: Werner Finck) vor dem Volk entlarvt werden; Groscurth aber ging darin weiter.
Diejenigen NS-Führer, die sich dem neuen Regime nicht freiwillig stellen, würden -- so plante Groscurth nach der Festnahme sofort erschossen. Hitler hingegen sollte am Leben erhalten und auf seinen Geisteszustand untersucht werden. Dem Schwiegervater des Oster-Mitarbeiters Hans von Dohnanyi, dein Psychiatrie-Professor Karl Bonhoeffer, dem Hitler später die Goethe-Medaille verlieh, war die Aufgabe zugedacht, den Diktator für geisteskrank zu erklären.
Ein drittes Papier, von Oster, Dohnanyi und Beck erarbeitet, sah freilich vor, den Hitler-Mythos möglichst wenig anzutasten. Die drei hatten eine Proklamation an die Bevölkerung entworfen, in der es hieß. die Wehrmacht sei einem Putsch korrupter Parteielemente zuvorgekommen und habe die Macht übernommen; der Führer sei unterrichtet worden und billige die Maßnahme -- er sei allerdings krank und habe zunächst auf die Ausübung seines Amtes verzichtet.
Mit diesen Plänen hoffte Oster seinen Staatsstreich eines Tages doch noch ausführen zu können. Aber selbst er. den keine Mutlosigkeit befiel. mußte im Sommer 1941) bezweifeln, ob sich sein Projekt jemals verwirklichen lassen würde,
Denn: Die entscheidende zweite Frage in seiner Studie ("Welche Kräfte stehen zur Verfügung?) konnte Oster nicht mehr beantworten. Es standen keine Truppen zum Putsch mehr bereit. Kein General, kein Offizier hätte gewagt, seinen Soldaten den Angriff auf den "größten Feldherrn aller Zeiten" zu befehlen.
Oster wußte nur allzu genau, daß sich der militärische Widerstand im Augenblick mehr oder weniger auf sein Büro und dessen Vorzimmer beschränkte. Dort saßen die härtesten NS-Gegner in der Wehrmacht, sämtlich Zivilisten, die zur Abwehr kriegsverpflichtet worden waren:
der Reichsgerichtsrat Dr. Hans von Dohnanyi. Vater des Bonner Staatssekretärs Klaus von Dohnanyi und Osters Sachbearbeiter für politische Fragen.
* ein entfernter Verwandter Dohnanyis, der Regierungsrat a. D. und Kaufmann Justus Delbrück Sohn des renommierten Historikers Ham Delbrück, und
* der katholische Gutsbesitzer Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, ehemaliger Herausgeber der Widerstandszeitschrift "Dir weißen Blätter", Onkel des heutigen Kanzler-Staatssekretärs Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg.
Zu ihnen zählten neben dem in die Schweiz retirierten Regierungsrat Gisevius noch drei Mitarbeiter der Münchner Abwehrstelle:
der Bekenntnis-Pastor Dietrich Bonhoeffer, ein Schwager Dohnanyis, Kontaktmann zu angelsächsischen Kirchen und zur Ökumene, der Rechtsanwalt und Oberleutnant Dr. Josef Müller. Verbindungsmann zum Vatikan, und
der bayrische Bierbrauer und Major Dr. Wilhelm Schmidhuber, eine zwielichtige Figur, die später dem Oster-Kreis zum Verhängnis werden sollte.
Damit erschöpfte sich aber bereits der Personenkreis, auf den sich Oster weitgehend verlassen konnte. Natürlich pflegte der Verschwörer seine Beziehungen zu den alten Freunden in einzelnen Behörden weiter, aber sie reagierten kaum anders als der mißtrauische Kripo-Chef Arthur Nebe, der sich nur noch im Schutz der Dunkelbett mit Ostei zu treffen wagte.
Nicht einmal den mit ihm befreundeten Admiral Wilhelm Canaris, den Chef der Abwehr, mochte Oster als feste Größe in seine Umsturzpläne einbauen. denn mit seiner Resignation und seltsamen Schicksalsgläubigkeit irritierte der Admiral manchmal die Verschwörer mehr, als daß er ihnen half. Und nicht selten brach in ihm das altgewohnte Offiziersdenken durch: "Kinder. ihr treibt mir doch nicht Landesverrat?
Später wollte die Legende in Literator und Film (so in Weidenmanns "Canaris" mit O. E. Hasse in der Titelrolle) in dem Abwehr-Chef einen aktiven Widerstandskämpfer sehen, der unermüdlich am Sturz des NS-Regimes gearbeitet hat. Oster wußte es besser: Angeekelt von der Brutalität des Nationalsozialismus und seiner Führer, schützte Canaris fast jeden Widerständler, ohne selber an den Erfolg eines Umsturzes zu glauben.
Nichts konnte den wortkargen Geheimdienstchef, der niemandem traute, zu der Überzeugung bringen, das Reich sei noch durch einen Staatsstreich zu retten. Er saß im Rat der Verschwörer, er hörte sich ihre Pläne an, er stellte technische Mittel für den Staatsstreich zur Verfügung, aber er selber scheute vor jeder Tat zurück.
Im Innersten glaubte Canaris, daß alles verloren sei. "Wenn Hitler gewinnt, dann bedeutet das unser Ende und auch das Ende Deutschlands, so, wie wir es geliebt haben", sagte er 1940 zu Vertrauten. "Und wenn Hitler verliert, dann wird das auch das Ende Deutschlands sein. Selbst wenn wir gegen Hitler erfolgreich sind, dann haben wir nicht nur seinen Untergang herbeigeführt, sondern auch unseren eigenen, denn im Ausland wird uns niemand mehr vertrauen."
Trotz seines Paktierens mit dem Widerstand blieb Canaris, der einmal zu den überzeugten Trägern des NS-Regimes gehört hatte, dem Dritten Reich auf eine hintergründige Art verbunden. Der Kapitän zur See Canaris, erfolgreicher U-Boot-Kommandant, Weltkrieg-I-Spion und Gegner der Weimarer Demokratie, hatte als ausgemachter Nazifreund gegolten. ah er 1935 an die Spitze der Abwehr geholt worden war.
Sein Vorgänger. Kapitän Conrad Patzig. warnte ihn, die Abwehr führe einen
tödlichen Existenzkampf gegen die Gestapo und den SD des Duos Himmler; Heydrich, doch Canaris winkte lässig ab: "Mit den Jungs werde ich schon fertig!
Ein Meister der Menschenbehandlung. baute Canaris allzusehr auf dk persönlichen Beziehungen, die ihn mit dem SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich verbanden, der einst als Kadett auf Canaris" Schulkreuzer "Berlin" gedient hatte, bevor er wegen einer Frauenaffäre aus der Marine hinausgeworfen wurde. In Berlin setzten Abwehr- und SD-Chef ihren privaten Verkehr fort.
Sie wohnten beide in Berlin-Schlachtensee, und so zog Familie Canaris am Sonntagnachmittag zum Krocketspiel in den Heydrich-Garten, während am Abend Canaris mit weißer Kochmütze die Eheleute Heydrich zum selbstangerichteten Labskaus empfing. In der Woche traf man sich nicht selten im Luxusrestaurant "Horcher zu einer Flasche Wein.
Heydrich war nicht der einzige SS-Führer, mit dem Canaris engen Umgang hatte. Den Ausland-SD-Chef Schellenberg, Himmlers "Benjamin", begleitete Canaris wöchentlich zweimal heim Ausritt im Berliner Tiergarten, und manche Stunde verbrachte er im Haus des Abwehrpolizei-Chefs Best, der noch heute "kaum einen Verhandlungspartner" kennt, "der offener verhandelte und aufrichtiger seine Zusagen hielt als Canaris".
Der Abwehr-Chef liebte diese Zusammenkünfte mit den noch machtungewohnten NS-Funktionären, \Veil er dabei sein ganzes überlegenes Wissen ausspielen konnte. Gerade Canaris war nicht frei von der Berufskrankheit der Geheimdienstler, die ein spielerisch-naives Vergnügen an jeder Art Geheimniskrämerei haben.
Der Spieler im SS-Rock, Polizeichef Himmler, konnte zeit seines Lebens den fast scheuen Respekt nicht überwinden, den er vor dem vermeintlich rätselhaft-allwissenden Canaris hatte. Auch später, als Canaris in das Lager der NS-Gegner übergewechselt war, konnte "der Alte das Indianerspielen nicht sein lassen", wie ein Abwehr-Offizier spottete. Er narrte gern Hitler mit falschen Berichten über regimefeindliche Komplotte. in denen bewährte Nazis figurierten; einmal erbat er sich sogar von Heydrich Spielmaterial über den innerdeutschen Widerstand, das er angeblich für eine Irreführung des britischen Geheimdienstes benötigte.
Doch auch diese doppelbödige Politik konnte nicht verhindern, daß Heydrich in Canaris bald seinen schärfsten Widersacher sah. immer mehr drängte es Heydrich, dem militärischen Geheimdienst seine Machtstellung zu rauben und die Abwehr in eigene Regie zu nehmen. Als Canaris seinen
* Mit Oberst Jessel, Feindlage-Offizier der Heeresgruppe Nord.
Vorgänger Patzig wieder einmal traf, zürnte er: "Das sind ja alles Verbrecher!" Der Vorgänger riet ihm, sich versetzen zu lassen. Darauf Canaris: "Nein. das kann ich nicht tun. Denn nach mir kommt Heydrich."
Aus der Verteidigung der eigenen Machtstellung wurde zusehends ein Kampf gegen das Regime, seit Canaris erkannt hatte, daß Hitler das Reich in eine Katastrophe zu stürzen drohte. Die gemeinsame Frontstellung gegen Hitlers Abenteurerpolitik führte Canaris und Oster zusammen, dennoch steuerten sie verschiedene Ziele an: Dem Admiral ging es darum, den Frieden zu erhalten und den Polizeiterror zu beseitigen, der Oberst hingegen wollte das ganze System stürzen, selbst um den Preis eines Krieges.
Als der Krieg dann tatsächlich gekommen war, hatten sich die Meinungsdifferenzen fortgesetzt. Oster war entschlossen, notfalls mit Hilfe des Kriegsgegners die Diktatur zu zerschlagen; Canaris dagegen scheute vor allem zurück, was nach "Landesverrat" aussah. Im Grunde war er auf seiner Position von 1938/39 stehengeblieben.
Damals hatte er Dohnanyi einen Umsturzplan ausarbeiten lassen, in dem es eigentlich nur um die Beseitigung Himmlers und Heydrichs gegangen war. Die Gestapo sollte erhalten bleiben, die bewaffnete SS ins Heer eingegliedert werden. Hitler aber wurde in dieser Konzeption kaum angei astet.
Zumindest widersetzte sich Canaris (anders als Oster) jeder physischen Beseitigung des Diktators -- Mord war für den Abwehr-Chef indiskutabel. Bis zum Schluft wollte er Hitler zwar den militärischen Oberbefehl nehmen. ihm aber politisch-repräsentative Funktonen belassen; darin traf er sich mit Himmler, der 1943 ähnlich dachte.
Trotz dieser Meinungsdifferenzen war sich Oster gerade im Sommer 1940 bewußt, daß er der Hilfe von Canaris bedurfte, wollte er seinen Vorschwörerkreis ausweiten und neue Voraussetzungen für einen Staatsstreich schaffen, Nicht einen einzigen Augenblick vergaß er, daß nur die Abwehr die Fortsetzung der konspirativen Arbeit ermöglichte.
Nachdem die Heeres-Generäle als potentielle Träger eines Staatsstreiches ausgefallen waren, mußte Oster versuchen, auf die Stäbe dieser Generäle Einfluß zu nehmen und dort Gesinnungsfreunde zu finden. Außerdem galt es, den Kontakt mit dem Ausland nicht zu verlieren. Dafür war die Abwehr ideal geeignet, da die Zentrale am Tirpitzufer über den jeweiligen von ihr gestellten Feindlage(Ic)-Offizier mit jedem Truppenteil Verbindung und mit dem Kriegsgegner nachrichtendienstlichen Kontakt zu halten hatte.
Osters Plänen mußte es besonders dienlich sein, daß sich nach dem Frankreich-Feldzug die Abwehr mächtig aufzublähen begann. Mit drei Generalstabsoffizieren und sieben Angestellten hatte die Abwehr 1921 als Gruppe im Reichswehrministerium begonnen; jetzt weitete sie sich, inzwischen zu einem Amt im Oberkommando der Wehrmacht geworden, mit ihren 3000 Offizieren, 13 Abwehrstellen im Reich. zahllosen Außenstellen in den besetzten Gebieten und einer eigenen Haustruppe, dem Regiment "Brandenburg". zu einem Machtapparat aus, der zuweilen sogar die Gestapo in den Schatten stellte.
In dieser EXIMOsiOn fiel Oster eine Schlüsselrolle zu. Mit Hilfe von Canaris war Hans Oster schon in den Jahren vorher in der Abwehr-Hierarchie Stufe um Stufe gestiegen.
Canaris hatte die winzige Adjutantur der Abwehr zu einer eigenen Abteilung, genannt "Z" oder "Zentral", erweitert und Oster deren Führung anvertraut. Er hatte dem aus dem Heer entlassenen Zivilangestellten Oster die Rückkehr ins Offizierskorps ermöglicht. Er hatte die Stelle eines Stabschefs für den Freund in Anspruch genommen, um Oster eines Tages die Ernennung zum Generalmajor zu sichern.
Jetzt schob er Oster immer größere Befugnisse zu, obwohl die Zentralabteilung mit der eigentlichen Abwehrarbeit nichts zu tun hatte. Sie war im Grunde nur eine bürokratische Einrichtung; sie sollte organisieren und verwalten, besaß daher auch keine Außenstellen und keine Agenten.
Dennoch verstand es Oster, immer weitere Kompetenzen an sich zu ziehen. In der "Z" wurden alle Rechtsfragen und Abwehr-Personalien bearbeitet, die Reiseprogramme von Abwehr-Angehörigen bereitete man dort vor, das ganze Kassenwesen des Geheimdienstes "gehörte dazu.
Noch entscheidender war, daß unter Osters Obhut die "ZK" geriet, die Zentralkartei der Abwehr mit 300 000 Spionage-relevanten Eintragungen, und die "ZKV", die Zentralkartei in der jeder V-Mann der Abwehr aufgeführt war.
Im Schutze so weitgehender Kompetenzen konnte Oster seine politischen Freunde als V-Männer der Abwehr anheuern. Sie unterschieden sich freilich von den echten V-Männern dadurch, daß sie ihre Aufträge nicht -- wie vorgeschrieben -- von der Abteilung I (Geheimer Meldedienst), sondern von Oster selbst erhielten.
Diese gleichsam "schwarzen" V-Männer setzte Oster planmäßig als Sendboten und Propagandisten des Staatsstreichs ein. Allmählich wurde sein Verschwörertrupp wieder stärker: Ein zweiter und dritter Schwager Dohnanyis, der Ministerialrat Rüdiger Schleicher aus dem Reichsluftfahrtministerium und der Lufthansa-Jurist Klaus Bonhoeffer, stießen dazu, ferner die mit Dohnanyi befreundeten Brüder Otto und Hans John, der oppositionelle Pfarrer Schönfeld, der Hauptmann Ludwig Gehre.
Bevor sich jedoch eine neue Widerstandsgruppe im Heer bilden konnte, mußte das Ausland erfahren, daß der Kampf gegen Hitler weiterging. Die Pastoren Bonhoeffer und Schönfeld nahmen Kontakt zum Weltkirchenrat in Genf auf, Oberleutnant Josef Müller fuhr wieder zum Vatikan.
Später traf sich Bonhoeffer mit dem britischen Bischof Beil in Stockholm und weihte ihn in Osters Pläne ein, während Müller in Rom Eingang in antifaschistische Kreise Italiens fand und mit deren Führern verabredete, im Falle eines Sturzes von Mussolini sollten italienische und deutsche Widerständler gemeinsam losschlagen.
Doch Oster mußte vorsichtig taktieren. Sein Aufstieg in der Abwehr hatte die Mißgunst hoher Kameraden erregt, denen jegliche Opposition gegen das Regime fernlag und die sich zu fragen begannen, was Oster eigentlich mit seinem "Drückebergerverein" treibe.
Die Existenz einiger Regime-Gegner am Tirpitzufer konnte nichts daran ändern, daß die erdrückende Masse der Abwehr-Angehörigen nicht weniger im Banne des Hitler-Kults stand als die übrige Wehrmacht. In der Abwehr herrschten zwei Menschentyps vor: der in Monarchie und Republik zu dünkelhafter Abneigung gegen die Politik erzogene Offizier und der durch die NS-Erziehung geprägte Führer.
Beiden war gemeinsam, daß sie ausschließlich militärische Maßstäbe an ihre Arbeit legten. Da mußte das Auftauchen undurchsichtiger Zivilisten in Osters Abteilung den Argwohn der Kommißköpfe erregen, zumal die Zivilisten anderen Offizieren vorgezogen wurden. Sie schienen die nähere Umgebung des Amtschefs Canaris so sehr zu beherrschen, daß unter den Nur-Soldaten das Wort umging, der "Alte" wisse schon gar nicht mehr, was in seinem Haus gespielt wird.
Bevorzugte Zielscheibe dieser Flüsterkampagne war Dohnanyi, dem unterstellt wurde, er sei der eigentliche Chef der Zentralabteilung. Er galt wegen seiner Zurückhaltung als hochmütiger Soldatenverächter. Selbst im Rechtsreferat von Osters Abteilung intrigierte man gegen ihn, dort nahm man übel, daß Canaris und Oster alle wichtigen Gutachten des Referats von dem Juristen Dohnanyi überprüfen ließen.
Die deutlichste Abneigung trat Oster jedoch in der Abteilung entgegen, die aus dienstlichen Gründen besonders eng mit Gestapo und SD zusammenarbeitete: der Abteilung III, zuständig für die Spionageabwehr. Ihr Leiter war der Oberstleutnant Franz-Eccard von Bentivegul, ein orthodoxer Soldat preußischer Tradition, der nicht zum engeren Canaris-Kreis gehörte und im Ruf stand, ein verschlagener Karrieremacher zu sein.
Wie wenig Oster im eigenen Haus sicher war, enthüllte ein Vorstoß von Bentivegnis Leuten, der beinahe Osters Pläne zunichte gemacht hätte. Der Coup der feindlichen Kameraden drohte Osters gewagtestes Unternehmen aufzudecken: die Preisgabe des Termins der deutschen Westoffensive.
Schon im Sommer 1940 hatte Heydrich erfahren, daß der Beginn des Westfeldzuges von einem Deutschen verraten worden war. Görings Telephon und Funk abhörendes Forschungsamt hatte in den ersten Maitagen zwei Funksprüche des belgischen Botschafters am Vatikan, Adrien Nieuwenhuys, an dessen Regierung in Brüssel aufgefangen und kurz darauf dechiffriert.
In dem einen Telegramm, am 2. Mai 1940 abgeschickt, hatte der Botschafter gemeldet, ein deutscher Gewährsmann habe mitgeteilt, daß der "Angriff auf Belgien und Holland für nächste Woche festgesetzt" sei. Zwei Tage darauf war der Informant von dem Diplomaten in einem weiteren Telegramm genauer beschrieben worden: Es handle sich um eine "Person, die ihre Information aus dem Generalstab beziehen muß, dessen Emissär sie sich nennt. Der Betreffende, der Berlin am 29. April verließ, traf am 1. Mai in Rom ein und ... bestätigte, der (deutsche) Kanzler habe sich unwiderruflich zum Einmarsch in Holland und Belgien entschlossen".
Die beiden Meldungen erregten Hitler derart, daß er Gestapo und Abwehr befahl, sofort den Verräter ausfindig zu machen. Heydrich und Schellenberg tippten bald auf den Abwehr-Oberleutnant Dr. Josef Müller, über dessen ständige Vatikan-Reisen sie informiert waren. Beweisen konnten sie freilich ihre Vermutung nicht,
Die Abwehr aber wußte alles. Canaris hatte sofort Oster und Dohnanyi, in deren Auftrag Müller gehandelt hatte, gewarnt: "Die braunen Vögel! Hast du die braunen Vögel gesehen?" (So hießen im Abwehr-Jargon die auf braunem Papier unter einem Reichsadler getippten Berichte des Forschungsamtes.) Der sofort nach Berlin gerufene Müller mußte die Frage verneinen.
Oster war wie gelähmt, er fühlte sich -- so zu Müller -- "tief in der Tinte". Doch Canaris zögerte keinen Augenblick, die Freunde zu retten. Er schickte Müller im Namen der Abwehr nach Rom und beauftragte ihn mit der Untersuchung des eigenen Falls.
Der "Ochsensepp" verstand, was der Abwehr-Chef von ihm erwartete: In Rom beseitigte er alle Spuren, sprach sich mit seinen vatikanischen Vertrauensleuten ab und kehrte mit einer kunstvoll zurechtgemachten Story zurück, die ihn entlasten sollte. Der wirkliche Verräter, so wollte Müller in Rom festgestellt haben, sei ein Bekannter des Reichsaußenministers von Ribbentrop, der an der Vatikan-Botschaft gedient und sich auf einem diplomatischen Empfang verplappert habe.
Just in diesem Augenblick aber offenbarte sich die ganze Doppelbödigkeit der Canaris-Taktik. Er hatte zugleich befohlen, der Verratsfall sei von der Abwehr-Gruppe III F (Gegenspionage) zu bearbeiten, deren Leiter der Oberstleutnant Joachim Rohleder war, ein politisch phantasieloser Pommer und Nur-Soldat, als ehedem königlich-preußischer Offizier (er hatte im Leib-Grenadier-Regiment 8 gedient) ohnehin kein Freund der Oster-Zivilisten.
Mit gewohnter Akribie entlarvte Rohleder die "Verräter" und hielt auch nicht einen Augenblick inne, als er entdecken mußte, daß der Auftraggeber des Verräters nur wenige Zimmer von ihm entfernt saß. Er machte einen seiner geschicktesten V-Männer, den heruntergekommenen Journalisten Gabriel Ascher, mobil, der gute Beziehungen zum Vatikan hatte. Ascher ermittelte rasch, daß nur ein Täter in Frage kam: Vatikan-Besucher Müller.
Stärkstes Indiz: Das aufgefangene Nieuwenhuys-Telegramm vom 4. Mai 1940 enthielt den Hinweis, der Informant habe am 29. April Berlin in Richtung Italien verlassen. Eine Überprüfung der Liste aller Italien-Reisenden aber ergab, daß Müller an eben diesem Tage nach Italien gereist war. Ascher meldete zudem, Müller habe sich Anfang Mai in Rom aufgehalten.
Rohleder erfuhr auch bald, daß Müller für Oster arbeitete und in Rom Friedensgespräche mit Ausländern geführt hatte. Für ihn gab es keinen Zweifel mehr: Müller war der Täter mochte er nun mit oder ohne Auftrag Osters gehandelt haben.
Seelenruhig legte der Gegenspionage-Leiter eine Akte an, schrieb auf ihren Deckel "Unternehmen Palmenzweig" und zeigte sie dem Kameraden Oster. Dem Verschwörer war, als lese er sein eigenes Todesurteil. Erregt erklärte Oster alles zu einer Intrige Aschers, der auf Müllers enge Beziehungen zu hohen Klerikern des Vatikans neidisch sei, rind riet dringend, den Fall nicht weiter zu verfolgen.
Doch Rohleder insistierte und marschierte mit Oster vor den Amtschef. Dort aber offenbarte Rohleder, daß er die Verschwörer durchschaut hatte: In Anwesenheit von Canaris zürnte er, ein konspirativer Dilettantismus wie der des Obersten Oster werde der Abwehr noch einmal unerhörten Schaden zufügen; man könne von Glück reden, daß er, Rohleder, und nicht nie Gestapo Osters Geheimnis entdeckt habe.
Wieder half Canaris den Freunden. V-Mann Ascher wurde nach Schweden abgeschoben, die Gestapo mit dem von Müller vorbereiteten Spielmaterial abgespeist. Der Mitwisser Rohleder aber erhielt Schweigegebot. Oster und Dohnanyi, die Kritiker des deutschen Kadavergehorsams, mußten froh sein, daß Rohleder blindlings gehorchte.
Hans Oster indes vergaß rasch das makabre Erlebnis, denn zum erstenmal seit den erfolglosen Putschvorbereitungen vom Winter 1939/40 eröffnete sich ibm die Möglichkeit, die alten Pläne erneut in Angriff zu nehmen.
Im Februar 1940 war in das Oberkommando des Heeres ein Offizier eingezogen, der wie kaum ein anderer Soldat von der Notwendigkeit durchdrungen war, Krieg und Regime ein Ende zu setzen. Der General der Infanterie Friedrich Olbricht, Ritterkreuzträger seit dem Polenfeldzug, ein Vertrauter Goerdelers und Becks, übernahm im OKH einen Schlüsselposten: Er wurde Chef des Allgemeinen Heeresamtes (AHA).
Das AHA, in der Berliner Bendlerstraße untergebracht, wachte über die Ergänzung und Rüstung des Heeres in der Heimat und an der Front, es kontrollierte den Aufbau neuer Verbände für das Feldheer und deren Waffenbedarf. Im Mittelpunkt der AHA-Arbeit standen die Truppen im Reich, das sogenannte Ersatzheer.
Oster erkannte sofort, welche Chance ihm durch die Ernennung Olbrichts zugefallen war. Die beiden Sachsen verstanden sich auf Anhieb. Von Oster beraten, begann Olbricht zuverlässige NS-Gegner an sich zu ziehen, Allmählich formierte sich, was erst am 20. Juli 1944 in Erscheinung trat: das militärische Widerstands-Zentrum im Re ich.
Olbricht und Oster wußten, daß ein Staatsstreich gegen Hitler nur dann Erfolg haben würde, wenn es gelang. die Gruppen des Ersatzheeres in den Schlüsselstädten Deutschlands für die Putschisten zu engagieren. Olbricht konnte freilich in der Stunde X nur die technischen Befehle geben; es fehlte die militärische Autorität. die erst die Soldaten veranlassen würde, die Putschbefehle der Bendlerstraße zu befolgen.
Erneut machten sich Oster und seine politischen Freunde Ende 1940 auf. einen umsturzbereiten Militär-Prominenten zu finden. Ihre Blicke richteten sich auf die beiden NS-Gegner, die im besetzten Westeuropa kommandierten: den Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall von Witzleben, und den Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich, General von Falkenhausen.
Doch die beiden Militärs erteilten Osters Emissären eine Absage; ihre Argumente liefen darauf hinaus, daß an einen Futsch nicht zu denken sei, solange Hitler von einem Sieg zum anderen eile. Beck und Goerdeler, die beiden nominellen Oberhäupter der Verschwörung, verfielen wieder in Resignation.
Da erfuhr Oster Anfang 1941 von einem Freund, dem Rechtsanwalt und späteren Bundesverfassungsrichter Fabian von Schlabrendorff, im Stab der für den Rußlandfeldzug bereitgestellten Heeresgruppe Mitte habe sich eine Offiziersfronde gebildet, die bei der nächsten Gelegenheit gegen das Regime losschlagen wolle. Ihr Führer sei der Erste Generalstabsoffizier der Heeresgruppe, Oberst Henning von Tresckow.
Schlabrendorff war als Tresckows Ordonnanzoffizier zur Heeresgruppe Mitte abkommandiert worden. Schon im Sommer 1939 waren sich beide darin einig gewesen, daß -- wie Schlabrendorff formulierte -- "Pflicht und Ehre von uns fordern, alles zu tun, um Hitler und den Nationalsozialismus zu Fall zu bringen und damit Deutschland und Europa vor der Gefahr der Barbarei zu retten".
Wie Schlabrendorff, der langjährige Oster-Konfident, wurden viele Offiziere von Tresckow in dessen Stab geholt. Berndt von Kleist, Alexander von Voss, Freiherr von Gersdorff, Graf von Hardenberg, Heinrich von Lehndorff -- jeder von ihnen galt als überzeugter NS-Gegner.
An die Spitze dieses militärischen Widerstandszentrums sollte nach den Plänen Tresckows der Mann treten, den der Verschwörer mit seinen Freunden gleichsam eingekreist hatte: Generalfeldmarschall Fedor von Bock, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe. Hatte er sich erst einmal dem Widerstand angeschlossen, so würden auch die anderen Heeresgruppen-Oberbefehlshaber im Osten gegen Hitler aufstehen -- dachte Tresckow.
Anfang Juni 1941, wenige Tage vor Beginn des Rußlandkrieges, witterte Tresckow eine Gelegenheit, Bock für die Opposition zu gewinnen. Im Stab war Hitlers berüchtigter Kommissarbefehl eingetroffen, der den Kommandeuren zur Pflicht machte, jeden Politoffizier der Roten Armee unnachsichtig und ohne Kriegsgerichtsverfahren zu liquidieren. Die Militärs waren empört.
Tresckow erklärte dem Feldmarschall, Deutschland müsse seine Ehre verlieren, wenn das Heer diesen Befehl nicht einmütig zurückweise; er schlug vor, Bock solle sofort zu Hitler fahren und protestieren.
Der Oberbefehlshaber lamentierte: "Da schmeißt er mich raus." Immerhin ließ sich Bock wenigstens bewegen, im OKH seine Bedenken zu Protokoll zu geben. Auch andere Feldmarschälle rafften sich zu einem Protest auf. Schon hoffte Oster in Berlin, der Protest der Feldmarschälle werde sich zu einem Aufstand des Ostheeres gegen das Regime ausweiten, da mußte er erkennen, daß die Militärs es bei ihrer Eingabe bewenden ließen. Ihr Protest verhallte ungehört. Bock ("Sie sehen, meine Herren, ich habe protestiert") schloß sich nicht den Widerständlern seines Stabes an, Tagebuchschreiber von Hassell wütete: "Hoffnungslose Feldwebel
* In deutsche Dienste getretene Kosaken bei der Vereidigung in Rußland.
Solange Hitler lebte, folgerte Tresckow, würde kein prominenter Soldat die Hand gegen das Regime rühren; die Scheu vor dem Hitler-Mythos und der mit pseudoreligiösen Inhalten angereicherte Soldateneid lähmten die Militärs. Es gab nur ein Mittel, das Dilemma der Soldaten zu beseitigen: Hitler mußte ermordet werden.
Das Thema des Tyrannenmords war so alt wie der antinationalsozialistische Widerstand. Halder hatte den Plan gehabt, Hitlers Sonderzug in die Luft zu sprengen und dann zu erklären, der Führer sei bei einem Bombenangriff umgekommen; dem Verschwörer Nikolaus von Halem war die Idee gekommen, man müsse einen berufsmäßigen Killer zur Tötung des Führers gewinnen, andere Offiziere hatten Hitler beim Besuch ihres Hauptquartiers ermorden wollen.
Besonders im Oster-Kreis war die Ermordung Hitlers immer wieder erörtert worden. Oster-Freund Erich Kordt schlug im November 1939 vor, von der Abwehr gelieferten Sprengstoff in die Reichskanzlei zu schmuggeln und in unmittelbarer Nähe des Diktators zur Entladung zu bringen; später wollte Osters ältester Sohn, der heutige Bundeswehrgeneral Achim Oster, Hitler bei einem Besuch in Paris erschießen.
Umsturz-Planer Tresckow gab nun seinem Stab Auftrag, den Plan eines Hitler-Attentats zu entwerfen. Drei Möglichkeiten boten sich an: Erschießung durch einen Einzelattentäter, Sprengstoffanschlag durch eine Gruppe, Überfall auf das Führerhauptquartier. Tresckow entschied sich für ein Sprengstoffattentat, auszuführen entweder während einer Reise Hitlers oder im Führerhauptquartier.
Im Sommer 1942 machte sich der Ic-Offizier der Heeresgruppe Mitte: Oberstleutnant Freiherr von Gersdorff, auf die Suche nach geeignetem Sprengmaterial. In einem Explosivlager der Abwehr-Abteilung II (Sabotage) fand er britischen Plastiksprengstoff von unerhörter Durchschlagskraft.
Doch was sollte geschehen, wenn der Anschlag auf Hitler gelang? Die Verschwörer konnten nicht erwarten, daß nach Hitlers Tod die Fronttruppen automatisch auf die Seite der Regime-Gegner treten würden. Man benötigte Einheiten, mit denen man dem zu erwartenden Gegenschlag der regimetreuen Kräfte zuvorkommen konnte.
Tresckow machte einen Anfang. Er ließ den Major Georg Freiherr von Boeselager eine Staatsstreich-Verfügungstruppe aufstellen; es entstand ein Kavallerieverband. der jederzeit im Auftrag der Putschisten eingreifen konnte. Bald standen 2201) Reiter zum Einsatz bereit, darunter 650 russische Kosaken.
Diese Truppe war natürlich zu klein, als daß sich Tresckow auf sie allein verlassen konnte. Das von ihm projektierte Unternehmen hatte nur Aussicht auf Erfolg, wenn sich im Reich nennenswerte Kräfte dem Putsch entschlossen. Schon im September 1941 hatte er Schlabrendorff nach Berlin geschickt, um "herauszufinden, ob es in der Heimat brauchbare Kristallisationspunkte gebe" (Schlabrendorff).
Das war die Stunde, auf die Hans Oster gewartet hatte. Kaum hatte er erfahren, daß die Heeresgruppe Mitte zum Putsch bereit sei, begann er Pläne für einen neuen Staatsstreich zu entwerfen. Gemeinsam mit Olbricht kombinierte Oster seine bisherigen Putschvorstellungen mit denen Tresckows. Es entstand das strategische Muster, nach dem später der 20. Juli 1944 ablaufen sollte: Der "Initialzündung" des Hitler-Attentats folgt die Besetzung aller wichtigen Positionen im Reich und in den besetzten Gebieten.
Ende März 1942 konstituierte sich in Generaloberst Becks Berliner Wohnung eine Art Zentrale, in deren Auftrag Oster Stabschef-Aufgaben übernahm; Schlabrendorff wurde Verbindungsmann zwischen Berlin und der Heeresgruppe Mitte. Von Woche zu Woche verdichteten sich die Putschvorbereitungen. Nach der Katastrophe von Stalingrad drängten die Putschführer ungeduldiger denn je zur Tat.
Während Tresckow die beste Möglichkeit für das Attentat gegen Hitler erkundete, stellte Olbricht Truppen für den Staatsstreich bereit. Vor allem in Berlin, Köln, München und Wien mußten zuverlässige Einheiten für die Stunde Null zur Verfügung stehen. Der kritischste Punkt war Berlin: Die Osthälfte der Stadt sollte von Truppen besetzt werden, die in Frankfurt an der Oder bereitstanden, fraglich aber blieb, wer die SS-Artillerie-Schule bei Jüterbog abriegeln und den westlichen Teil Berlins sichern würde.
Oster fand eine Lösung, zumindest auf dem Papier: Er setzte die inzwischen zur Division erweiterte Abwehr-Haustruppe Brandenburg" ein. Sie war soeben von einem schweren Einsatz am Südabschnitt der Ostfront zurückgekehrt und mußte im Reich wieder aufgefüllt werden. Ihr Kommandeur war gestorben, Oster suchte einen neuen.
Er entschied sich für den regimekritischen Oberst Alexander von Pfuhlstein, den ehemaligen Leiter der Abwehrstelle Hannover, der sich als Regimentskommandeur an der Ostfront ausgezeichnet hatte. Ohne Osters Pläne genau zu kennen, machte sich Pfuhlstein an den Wiederaufbau der Division.
Ende Februar 1943 reiste Schlabrendorff erneut nach Berlin; er wollte wissen, wie weit die Vorbereitungen des Putsches gediehen seien. General Olbricht: "Wir sind fertig. Die Initialzündung kann in Gang gesetzt wer-· den." Am 7. März flogen Oster und Dohnanyi in das Smolensker Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte und besprachen letzte Einzelheiten.
Dohnanyi erfuhr von Tresckow, wie die Verschwörer in Smolensk die Initialzündung auslösen wollten: Für den 13. März hatte sich Hitler beim Oberbefehlshaber der Heeresgruppe zu einem kurzen Besuch angesagt; man werde einem Begleiter des Diktators ein Sprengstoff-Päckchen, als Kognak-Präsent getarnt, für den Rückflug ins Führerhauptquartier mitgeben unterwegs werde die Bombe explodieren.
Die beiden Verschwörergruppen verabredeten ein Kodewort, das Tresckow nach Berlin durchgeben wollte, wenn die Bombe in Hitlers Flugzeug deponiert war. Sobald die Nachricht vom Erfolg des Bombenanschlags vorlag, sollte Olbricht in der Bendlerstraße die Aktion im Reich auslösen.
Am Vormittag des 13. März gab Schlabrendorff in einem Telephongespräch mit dem Oster-Vertrauten Gehre das Stichwort durch, aber die Meldung vom Hitler-Attentat kam nicht. Die Bombe war nicht explodiert. der Sprengstoff hatte sich nicht entzündet. Beklommen reiste Schlabrendorff ins Führerhauptquartier und schaffte das gefährliche Päckchen aus dem Weg.
Gelegenheit zu einem neuen Anschlag bot die Heldengedenk-Zeremonie im Berliner Zeughaus am 21. März, zu der Hitler erscheinen sollte. Freiherr von Gersdorff hatte es übernommen, den Diktator (und dabei sich selber) mit Einer Bombe in die Luft zu sprengen. In der Nacht zuvor nahm Gersdorff im Hotel "Eden" eine englische Haftmine in Empfang. Er trug sie bei sich, als Hitler um 13 Uhr erschien,
Doch der Diktator blieb kürzere Zeit. als Gersdorff gerechnet hatte. Seine Rede dauerte nur 14 Minuten, dann eilte er mit immer größerer Schnelligkeit durch die vorbereitete Ausstellung erbeuteten Kriegsmaterials. Nach weiteren zwei Minuten verließ er bereits die Kundgebung, Gersdorff aber konnte Hitler nicht mehr einholen. Der Anschlag war mißlungen. Auf einer Toilette am Westausgang des Zeughauses entledigte sich Gersdorff seiner Bombe. Schlabrendorff: "Welch eine Wendung hätte das Schicksal der Welt genommen, wenn schon im März 1943 Hitler einem Attentat zum Opfer gefallen wäre!"
Noch hatten sich die Berliner Widerständler von den Hiobsbotschaften Tresckows nicht erholt, da traf sie ein tödlicher Schlag. Im April 1943 brach die Gestapo in die Amtsräume der Verschwörer am Tirpitzufer ein -der Kreis Hans Osters zerbrach an seinen eigenen Unzulänglichkeiten. IM NÄCHSTEN HEFT
Die Gestapo dringt in die Zentrale der Verschwörer ein Eine Devisenaffäre wird dem Oster-Kreis zum Verhängnis -- Himmler verhindert eine Polizeiaktion gegen Canaris
Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Hähne

DER SPIEGEL 23/1969
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