DER SPIEGEL

CHRISTENMörder und Märtyrer

In Ägypten werden 23 Kopten getötet, in Pakistan bringt ein Leibwächter einen Politiker um, der sich für die Begnadigung einer Christin eingesetzt hat. Viele Regime der islamischen Welt haben den Willen und die Kraft verloren, ihre religiösen Minderheiten zu schützen.
Die Chalil-Hamada-Straße ist 20 Meter breit, auf der einen Seite steht die "Kirche der Zwei Heiligen", auf der anderen die Moschee. Die Kirche wurde zuerst gebaut, aber nur ein paar Jahre später die Moschee, und als die Christen einen neuen Trakt anbauten, erweiterten auch die Muslime. Das Minarett überragt den Kirchturm inzwischen deutlich. Fünfmal am Tag füllt sich mit dem Ruf des Muezzins die Moschee. Nur zweimal die Woche läuten die Kirchenglocken.
"Himmel und Erde sind erfüllt mit himmlischem Frieden", singt die Gemeinde in der Neujahrsnacht, es ist das Letzte, was Mariam Fakri hört, als sie mit ihrer Schwester Martina, ihrer Mutter und ihrer Tante als eine der Ersten aus der Kirche tritt. Sie hat den ganzen Tag lang gekocht, jetzt wollen sie nach Hause, das Fasten mit einem Festmahl brechen. Mariam ist 21 Jahre alt, in ein paar Tagen will sie sich verloben. Sie studiert, nebenbei unterrichtet sie Jugendliche in der Sonntagsschule der Kirche. Sie ist fröhlich, unbeschwert, sie hat viele Muslime zu Freunden. Bevor sie in den Gottesdienst aufbrach, hat sie noch auf Facebook geschrieben: "2010 ist vorbei, ich habe es genossen, dieses Jahr zu erleben. Ich habe so viele Wünsche. Bitte, Gott, sei an meiner Seite & mach, dass sie sich erfüllen."
Dann reißt die Explosion Mariam Fakri nieder, sie stirbt in der Chalil-Hamada-Straße, unter einem Bild des Apostels Markus, der eine Kirche in der Hand trägt. Auch die anderen drei Frauen werden von Schrauben, Muttern und Kugellagerteilen zerfetzt, mit denen die Täter ihre Bombe gespickt haben. Als Einziger aus der Familie überlebt der Vater, der ein Stück hinter ihnen geht. Er muss Mariam am nächsten Tag identifizieren. Sie ist so stark verbrannt, dass er sie kaum erkennt.
Danach werden die 4 Frauen im koptischen Minas-Kloster beerdigt, zusammen mit 17 weiteren Opfern, 2 kommen später noch dazu. Das Kloster liegt 60 Kilometer außerhalb von Alexandria. Hier beerdigt zu werden ist eine Ehre. Es ist aber auch eine letzte Demütigung. Die Behörden, heißt es, hätten aus Sicherheitsgründen auf die Beerdigung außerhalb der Stadt bestanden. So hat die Christin Mariam Fakri auch im Tod noch Rücksicht zu nehmen auf den Staat, der sie nicht schützen konnte.
Es ist nicht der einzige islamische Staat, der seine Minderheiten und die, die ihnen zu Hilfe kommen, alleinlässt.
Drei Tage nach dem Anschlag von Alexandria verlässt, gut 4000 Kilometer östlich, ein elegant gekleideter Mann ein Kaffeehaus in Islamabad. Salman Taseer, 66, der Gouverneur der Provinz Punjab, hat einen Freund getroffen, er will nach Hause in seine Villa im Nordosten der pakistanischen Hauptstadt.
Bevor Taseer sich bückt, um in seinen Wagen einzusteigen, löst sich ein stämmiger Mann aus der Gruppe seiner Leibwächter, zieht eine Waffe und schießt auf den Gouverneur. Als seine Kollegen, die zunächst untätig stehen geblieben sind, ihn schließlich überwältigen, reckt er das Kinn und lächelt.
Auf dem Boden vor dem Gloria Jean's Café liegt, von mehr als 20 Kugeln getroffen, ein Mann, der sich mit mächtigen Gegnern angelegt hat, der Bigotterie, dem Hetzertum, dem militanten Islamismus. Auch er hat zum neuen Jahr im Internet gepostet: "Ich war unter riesigem Druck, in der Blasphemie-Geschichte in die Knie zu gehen. Abgelehnt. Und wenn ich der Letzte bin, der aufrecht steht", hat er getwittert. "Friede, Wohlstand & Glück im neuen Jahr. Ich bin voller Optimismus."
Auch den Muslim Taseer verfolgt die Angst, die seine Feinde verbreiten, bis über den Tod hinaus. Als die Familie ihn am Tag darauf nach islamischem Ritus beerdigen will, weigert sich selbst der staatliche Vorbeter, ihm die erste Sure zu sprechen. Am Ende nimmt ein Prediger von Taseers Partei die Pflicht auf sich. Sein Freund, der Staatspräsident, kommt nicht zum Begräbnis. Sicherheitsgründe.
So wenig der Mord in Islamabad und der Massenmord in Alexandria sonst miteinander zu tun haben mögen - eines verbindet sie. Sie läuten das erste Jahrzehnt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit einer Gewissheit ein: Der "Kampf der Kulturen" - im Westen eher eine geschichtsphilosophische Denkfigur - ist für die Christen des Orients blutige Wirklichkeit. In acht der zehn Staaten, die den aktuellen "Weltverfolgungsindex" der christlichen Organisation "Open Doors" anführen, ist der Islam die Religion der Mehrheit. In sieben dieser Staaten habe sich die Lage der Christen 2010 sogar verschlechtert.
Nicht nur der Papst, nicht nur Bischöfe und Patriarchen rufen dringender denn je zum Schutz der Christen auf. Auch eine wachsende Zahl von Politikern, von US-Präsident Barack Obama bis zu CDU-Fraktionschef Volker Kauder, verschärfen ihre Warnungen. "Wir sind über das Stadium hinaus, in dem man nur seine Bestürzung oder seine Trauer äußert", beklagt Frankreichs Außenministerin Michèle Alliot-Marie. Sie hat die EU zu einem koordinierten Vorgehen zum Schutz der Christen im Nahen Osten aufgefordert; das Thema solle am 31. Januar auf die Tagesordnung des EU-Außenministertreffens gesetzt werden.
Doch Appelle werden nicht reichen. Die Lage ist ernster, als sie es noch vor wenigen Monaten war. Die beiden Anschläge in Ägypten und Pakistan haben beispielhaft vorgeführt, wie schwach die Regime der islamischen Welt sind, die den Schutz der religiösen Minderheiten zwar in ihren Verfassungen verankert, aber längst die Kraft verloren haben, ihre Christen und die anderen Minderheiten zu schützen. Selbst die Eliten, die dies wollen - sie können es nicht mehr.
"Ihr seid frei", hatte Pakistans Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah 1947 in seiner Rede an die verfassunggebende Versammlung ausgerufen. "Ihr seid frei, in eure Tempel zu gehen, ihr seid frei, eure Moscheen oder jede andere Gebetsstätte aufzusuchen in diesem Staate Pakistan." Es war eine Vision religiöser Toleranz, ein heiliges Versprechen.
Der neue Staat übernahm aus Britisch-Indien vier Paragrafen in sein Strafgesetzbuch, die 1860 noch von den Kolonialherren verfasst worden waren und die bis heute gelten: Sie stellen die Schändung heiliger Stätten, die Störung religiöser Versammlungen, die Entweihung von Friedhöfen und die bewusste Verletzung religiöser Empfindungen unter Strafe - mit bis zu zehn Jahren Gefängnis. Nur fünf Urteile wurden von 1947 bis 1986 unter Berufung auf diese Paragrafen gefällt.
In den achtziger Jahren aber verschärfte Pakistans islamistischer Putschgeneral Zia ul-Haq das Gesetz. Er stellte die Missachtung des Korans und jede "Verunglimpfung" des Propheten unter Strafe. Aus den vier Paragrafen, die alle Religionen schützten, gingen zwei neue Blasphemie-Paragrafen hervor, die nur mehr den Islam betreffen, der eine mit lebenslanger Haft, der andere mit der Todesstrafe bewehrt. Der Westen ließ Zia gewähren. Solange die Sowjetarmee, der kommunistische Feind, im Nachbarland Afghanistan stand, hatten die Amerikaner mit einem islamistischen Diktator in Pakistan kein Problem.
Der Missbrauch des Rechts hat aber genau damals begonnen: Es reicht, wenn ein "glaubwürdiger" Muslim den vermeintlichen Gesetzesbruch vor einem muslimischen Richter bezeugt, zu belegen braucht er den Wortlaut der Beleidigung nicht, allein das gälte ja schon als Blasphemie. Auch wenn der Staat bislang noch keines der Todesurteile vollzogen hat, sind mittlerweile rund tausend Pakistaner auf Grundlage der beiden neuen Paragrafen angeklagt worden - zuletzt wurde im November eine christliche Bäuerin, eine Analphabetin namens Asia Bibi, verurteilt. Sie soll im Streit mit ihren Nachbarinnen den Propheten verunglimpft haben.
Gegen dieses Urteil und gegen die Blasphemie-Paragrafen wandte sich in diesem Winter Punjabs Gouverneur, der Liberale Salman Taseer. Er berief sich auf den Staatsgründer Jinnah, er besuchte die zum Tode verurteilte Christin im Gefängnis und machte sich im Internet über die Mullahs lustig, die ihn dafür hassten. Der eine, twitterte Taseer, habe "transplantiertes Haar" auf dem Kopf, der andere "eine verschimmelte Perücke". Es war sein Todesurteil.
Dass ein polizeibekannter Fanatiker wie sein Mörder Malik Mumtaz Qadri unter diesen Umständen bis in Taseers Leibwache vordringen konnte, zeigt, wie isoliert Pakistans säkulare Elite inzwischen dasteht, wie weit ihr der Dschihadismus buchstäblich auf den Leib gerückt ist. Als Qadri nach dem Mord einem Richter vorgeführt werden sollte, überschütteten Anwälte ihn mit Rosenblättern; einige rissen sich darum, ihn kostenlos zu verteidigen. Eine Vereinigung von 500 Schriftgelehrten, darunter viele, die bislang als gemäßigt galten, pries den Mörder und warnte jeden davor, an der Beerdigung des Opfers teilzunehmen: "Wer einen Frevler unterstützt, ist selbst ein Frevler. Was Qadri getan hat, macht jeden Muslim stolz."
Pakistans führender Intellektueller Ahmed Rashid, der trotzdem zu Taseers Beerdigung ging, klagt: "Niemand außer dem Mörder selbst ist festgenommen worden. Die Regierung schreckt davor zurück, auch nur irgendetwas zu tun." Das mache den Liberalen Angst, denn während der Extremismus sich immer weiter ausbreite, türmten sich die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Probleme. "Wir haben eine sehr, sehr ernste Polarisierung im Land."
Es ist der bis in die Wortwahl hinein gleiche Befund, den auch der christlich-arabische Denker Rami Khouri nach dem Attentat von Alexandria stellt: Die brutalen Angriffe auf Christen in Ägypten und im Irak bezeugten eine "stetig voranschreitende Polarisierung und Abschottung innerhalb der arabischen Gesellschaft. Ihre Segmente, ob es nun Christen, Assyrer, Schiiten oder Sunniten sind, leben immer mehr unter ihresgleichen, anstatt sich zu vermischen". Drei Generationen seien in der modernen arabischen Welt daran gescheitert, tragfähige, integrative Staaten aufzubauen - und vor allem daran, die "Verwüstungen" zu unterbinden, die ihre extremistischen Ränder anrichteten.
Die schwersten dieser Verwüstungen richtet die sunnitische Qaida-Filiale im Irak an. Seit Jahren versucht sie, entlang den konfessionellen Bruchlinien des Nahen Ostens Bürgerkriege anzuzetteln, auch über den Irak hinaus. Seit Monaten droht sie den Kopten in Ägypten und den anderen Christen der Region.
Von der Rhetorik angestachelt, mit der die US-Regierung einst in den Krieg gegen den Terror zog, stellen die Terroristen die Christen des Orients als Verbündete der "Kreuzfahrer" in einer Weltverschwörung gegen den Islam dar. Vorige Woche legten sie per Tonband nach: Ägyptens Kopten, so behaupten sie seit längerem, hielten Christinnen in ihren Klöstern fest, die zum Islam konvertiert seien. "Wenn ihr eure Kirchen zu Gefängnissen macht, werden wir sie zu Gräbern für euch machen."
Die Strategie ist einfach und perfide: Anders als etwa die Schiiten im Irak haben die Christen in der islamischen Welt keine Milizen. Sie sind verwundbar. Hätten al-Qaida und die pakistanischen Taliban, die sich am Donnerstag zunächst zum Anschlag auf Taseer bekannten, Erfolg, würde sich ein Konflikt entzünden, der nicht nur die Christen, sondern die Regime selbst bedroht - und es sind einige, die dieses Schicksal noch ereilen könnte: den Irak, wo in den letzten Jahren 2000 Christen ermordet wurden und Hunderttausende geflohen sind, Syrien, wo, bislang unbehelligt, drei Millionen Christen leben, den Libanon, Jordanien, selbst die Golfstaaten, wo sich Millionen christlicher Gastarbeiter überwiegend aus Asien aufhalten.
Vor allem aber Ägypten, das Land mit der größten christlichen Gemeinde des Nahen Ostens, etwa sieben Millionen Kopten. Der Muslim Mohammed Awad ist ein namhafter Intellektueller in Alexandria, sein Büro befindet sich in der neuen Bibliotheca Alexandrina, einem kühnen Beton-und-Glas-Bau am alten Hafen. Für ihn sind nicht die Kopten das Ziel des Anschlags, sondern der säkulare Staat.
"In den neunziger Jahren haben sie Touristen und muslimische Aufklärer angegriffen, jetzt die Kopten, das Prinzip ist dasselbe", sagt Awad. Der Fundamentalismus gewinne, weil der Staat gescheitert sei. "Die Regierung hat versagt: Demokratie, Menschenrechte, Wohnungsbau, Dienstleistungen. Das Gesundheitssystem funktioniert nicht, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Ägypten, mit all seiner Macht und Stärke, schafft es nicht, die Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen."
Jetzt stehe Präsident Husni Mubarak nach 30 Jahren an der Macht als einer da, der seine Bürger nicht schützen kann. "Das ist kein Konflikt zwischen Muslimen und Christen, sondern zwischen dem Staat und den Fundamentalisten", sagt Awad.
Der Kopte Girgis al-Makar, 33, widerspricht und bittet, seinen wahren Namen nicht zu drucken: "Ägypten hat eine lange Geschichte der Christenverfolgung, nicht umsonst wird unsere Gemeinschaft ,Kirche der Märtyrer' genannt." Er kann sich erinnern, wie er in der Schule von anderen Kindern beschimpft wurde und bei gleicher Leistung schlechtere Noten bekam. Dann hat er Ägyptologie, islamische Archäologie und Geschichte studiert, sechs Jahre davon in Heidelberg. Einen Job an der Alexandrina hat er trotzdem nicht bekommen. "Ich habe als Christ keine Beziehungen", sagt er. Auch Mohammed Awad habe ihn damals abgelehnt, jetzt arbeitet der hochqualifizierte Ägyptologe als Deutschlehrer.
Er hat nach dem Anschlag von niemandem eine Entschuldigung erwartet, aber ein Zeichen der Trauer vielleicht, ein paar mitfühlende Worte. Bei der Arbeit sprach ihn niemand auf den Anschlag an. Das Schweigen entsetzt ihn.
Etwa zehn Prozent der Ägypter sind Kopten. Doch es gibt fast 95 000 Moscheen im Land und nur 2000 Kirchen. "Demnächst", sagt Religionsminister Hamdi Saksuk, einer derer, die noch das Prinzip eines säkularen Staats vertreten, "wird ein Gesetz in Kraft gesetzt, um auch den Kirchenbau zu regulieren. Das wird den Kopten helfen." Derzeit dauert es Jahre, bis die Kopten eine Genehmigung bekommen, eine Kirche zu bauen, klagt Makar. "Und wenn es so weit ist, dürfen die Muslime dafür nebenan eine Moschee bauen."
Der Bombenanschlag ist der Höhepunkt eines lange gärenden Konflikts. Seit den siebziger Jahren sind rund 200 Kopten ermordet worden, vor allem in Oberägypten. Klöster, christliche Dörfer und Geschäfte wurden von Muslimen angegriffen, Mönche entführt, gefoltert oder zum Übertritt zum Islam gezwungen.
Täglich protestieren nun die Kopten, in Kairo warfen sie vor der Sankt-Markus-Kathedrale mit Steinen nach einem Minister, der dem koptischen Papst Schenuda III. einen Kondolenzbesuch abstattete. Das ist neu. Bislang haben nur die Muslime demonstriert.
Kein Thema erregt deren Gemüter so sehr wie die Konversion zum Christentum. Ein Priester, der, wie er sagt, fast täglich Neu-Christen tauft, will seinen Namen deshalb ebenfalls nicht gedruckt sehen. Auch seine Gemeinde steht auf der Todesliste, welche die Qaida veröffentlicht hat. Trotzdem wachen am Weihnachtstag nur zwei Polizisten vor seiner Kirche, Kontrollen gibt es keine.
Der Priester, ein alter Mann mit tiefen Augenringen, sagt, er sei kein Missionar. Er helfe nur, wenn ihn Muslime mit Fragen zum Christentum aufsuchten. Wer ernsthaft glaube, den bereite er auf die Taufe vor.
Alles muss geheim bleiben, der Bibelunterricht, die Taufe selbst, die Identität der Gläubigen. "Bekehrte Frauen tragen weiterhin den Schleier, damit sie nicht auffallen", sagt der Priester. Trotz aller Tarnung wissen die Männer vom Geheimdienst natürlich, was er tut. Ab und zu schicken sie ihm Textnachrichten. Er soll wissen, dass sie ihn beobachten.
Der Priester darf nicht ins Ausland reisen, der Staat betrachtet ihn als eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Manchmal schickt ihm die Geheimpolizei auch Lockvögel. Daher testet er die Neulinge erst, fragt sie nach der "heiligen Dreifaltigkeit" und nach dem Leben Jesu. "Einmal machte mir eine Frau Avancen, vermutlich, damit der Geheimdienst etwas gegen mich in der Hand hat", erzählt er. Ein andermal wurde ein Konvertit festgenommen, als er aus Ägypten fliehen wollte, und gezwungen, den Priester auszuspionieren. "Sie haben ihm einen Stift gegeben, in dem ein Abhörgerät versteckt war, danach haben sie es so manipuliert, dass es jetzt klingt, als ob ich den Islam beleidige." Er ist sicher, dass sie das Tonband aufheben und es im rechten Moment veröffentlichen werden.
Wie viele Muslime zum Christentum konvertieren, mag er nicht sagen. Die Bekehrung von Muslimen ist in Ägypten wie in anderen islamischen Ländern verboten. "Es sind jedenfalls so viele, dass wir eine Warteliste führen", sagt er.
Noch ist Ägypten nicht wie Pakistan, noch hat nach dem Anschlag auf die Kopten keiner gejubelt und kein Anwalt sich aufgedrängt, einen der Hintermänner zu verteidigen - sollte je einer gefunden werden. Stattdessen haben der Präsident, der Scheich der Azhar-Universität, der wichtigsten Stätte sunnitischer Gelehrsamkeit, und selbst der Murschid al-Aam, der "rechtgeleitete Führer" der fundamentalistischen Muslimbruderschaft, das Attentat scharf verurteilt. Zu tief ist der Abgrund, in den sie alle am Neujahrstag geblickt haben.
Als sich die Gläubigen fünf Tage nach dem Anschlag zum koptischen Weihnachtsfest wieder in der "Kirche der Zwei Heiligen" versammeln, sind doppelt so viele Christen gekommen wie sonst, im Innenhof drängen sich die Leute. Helfer verteilen weiße Armbinden, auf denen eine Bitte aus dem Matthäus-Evangelium steht, Kapitel 5, Vers 44: "Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen."
Ein blutverschmiertes Laken hängt über einem Holzkreuz. Und jemand hat ein Poster ausgerollt, es zeigt Jesus und seine Apostel im Paradies. Auf die Köpfe der Jünger Jesu wurden die Köpfe der Gestorbenen montiert, auch Mariam ist abgebildet. "Ich bin froh", sagt einer der Gläubigen. "Unsere Märtyrer sind jetzt bei Jesus, es geht ihnen gut."
Wieder singen sie, wieder sind Himmel und Erde erfüllt vom himmlischen Frieden. Diesmal bleibt alles ruhig. Und als die Christen die Kirche verlassen, stehen hinter der Polizeikette ein paar Dutzend Muslime mit brennenden Kerzen und sagen leise: "Frohe Weihnachten".
Von Hasnain Kazim, Juliane von Mittelstaedt, Yassin Musharbash, Daniel Steinvorth, Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 2/2011
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