DER SPIEGEL

Zeitgeschichte„Wer hat ermittelt?“

SPIEGEL: Herr Wiesenthal, Sie gelangten als Nazi-Verfolger zu Weltruhm. Vergangenen Donnerstag hat Sie die ARD-Sendung "Panorama" heftig attackiert. Redaktionsleiter Joachim Wagner befand: "Wiesenthal ist eine tragische Figur. Er war mehr Maulheld als Held."
Wiesenthal: In 50 Arbeitsjahren macht man nicht nur Negatives. Ich wurde von der ARD-Redaktion vorher zur Stellungnahme aufgefordert. Meine einzige, allerdings nicht erfüllte Bedingung war, daß auch andere, erfolgreiche Fälle dargestellt würden, etwa meine Rolle beim Aufspüren des Kommandanten des Lagers Treblinka, Franz Stangl, seines Stellvertreters sowie des stellvertretenden Kommandanten von Sobibor. Auch die hundertfache Kindsmörderin Hermine Braunsteiner aus Majdanek, die ich über Wien nach Kanada bis nach New York verfolgen konnte, hätte erwähnt werden müssen.
SPIEGEL: Der Chef der NS-Verfolgungsbehörde im US-Justizministerium, Eli Rosenbaum, behauptet, Sie hätten in Ihrem Leben statt 1200 Kriegsverbrechern "vielleicht weniger als zehn" aufgespürt und "in allen großen Nazi-Fällen versagt, bei Bormann, Barbie, Mengele und Eichmann".
Wiesenthal: Allein bei den Außenstellen des Konzentrationslagers Mauthausen in Oberösterreich waren etwa 1500 SS-Leute tätig. Die Amerikaner hatten nach dem Krieg zwar Internierungslager eingerichtet, wußten aber nicht, wo sich die Leute aufhielten. Da habe ich sehr erfolgreich Zeugen gesucht. Der oberste Chef der United States War Crimes Commission hat mir dafür schriftlich gedankt. Damals waren die, welche mich jetzt anklagen, noch gar nicht geboren. Ich bin ein Privatmann, ich habe keine Polizei wie die Leute von den Ministerien.
SPIEGEL: Wenn es um Zahlen geht . . .
Wiesenthal: . . . 39 Nazis, die in der DDR-Presse leitende Positionen hatten, habe ich enttarnt. Der 40. war der Minister für Information. Dann habe ich 50 Nazis in der DDR-Volkskammer ermittelt und 100 Nazi-Professoren. Wer hat sich damit befaßt? Etwa die Frau Beate Klarsfeld? Wer hat denn ermittelt außer mir?
SPIEGEL: Was war Ihr schwierigster Fall?
Wiesenthal: Von 1958 bis 1963 suchte ich den Mann, der Anne Frank verhaftet hat. Als ich ihn fand, war endlich Schluß mit dem Zweifel, den Neonazis an der Existenz dieses Mädchens und ihrer Tagebücher äußerten. Doch "Panorama" wollte auch darauf nicht eingehen.
SPIEGEL: Immerhin sagte in der ARD auch der ehemalige Mossad-Chef Isser Harel, er habe beim Ergreifen von Adolf Eichmann 1960 in Argentinien von Ihnen nichts bekommen, "das für die Operation von irgendwelcher Bedeutung war".
Wiesenthal: Erst mal: Schon 1947 habe ich erfahren, daß Frau Eichmann in Bad Ischl ihren Mann für tot erklären wollte.
1953 schrieb ich dann an den israelischen Konsul in Wien, daß Eichmann in Argentinien sei. Ende der fünfziger Jahre bekam ich vom israelischen Botschafter in Wien, der früher Polizeiminister war, einen Brief, die Leute in Israel, die mit der Sache Eichmann zu tun hatten, seien mit meiner Hilfe sehr zufrieden. Harel selbst hat auf meine Berichte mit genauen Fragen reagiert.
SPIEGEL: Sie vermuteten jedoch zeitweilig, Eichmann sei in Damaskus.
Wiesenthal: Das beruhte auf Informationen des FBI. Aber natürlich ist meine Arbeit eine Jagd, bei der nicht jeder Schuß ein Treffer sein kann.
SPIEGEL: Sie glaubten auch, der KZ-Arzt Josef Mengele lebe in Paraguay. Gefunden wurde seine Leiche in Brasilien.
Wiesenthal: Von Mengele besitze ich den paraguayischen Staatsbürgerschaftsnachweis. Eine Gruppe von amerikanischen Senatoren hat aufgrund meiner Bemühungen die Regierung von Paraguay gezwungen, ihm die Staatsbürgerschaft abzuerkennen.
SPIEGEL: Und den Hitler-Sekretär Bormann, der wahrscheinlich schon 1945 ums Leben kam, wähnten Sie noch Jahrzehnte später in Brasilien?
Wiesenthal: Seit 1945, bis Willy Brandt 1970 die Ostverträge machte, hat die Sowjetunion oft lanciert, daß Bormann lebte. Danach erst wurden seine Knochen gefunden.
SPIEGEL: Der schwerste politische Vorwurf von Eli Rosenbaum lautet, Kurt Waldheim wäre ohne Ihre Unterstützung nicht 1986 zum Bundespräsidenten Österreichs gewählt worden.
Wiesenthal: Ich habe Waldheim von Anfang an einen Konflikt mit der Wahrheit vorgeworfen. Aber er ist kein Verbrecher. Sein Sohn kam zu mir: "Was sollen wir tun? Mein Vater ist zu stolz, für Aufklärung zu sorgen." Da habe ich gesagt: Watschen wird er kriegen für seinen Stolz. Wenn ich so aufgetreten wäre wie damals der Jüdische Weltkongreß oder andere Juden, die ihn ohne Beweise einen Mörder nannten, wäre Waldheim mit einer noch größeren Mehrheit gewählt worden.
SPIEGEL: Rosenbaum war damals selbst Mitarbeiter des Jüdischen Weltkongresses in New York. Greift er Sie darum so heftig an?
Wiesenthal: Rosenbaum hat in den USA ein Buch geschrieben, das nicht gut gegangen ist. Jetzt hofft er, daß er nach dieser Sendung in Deutschland einen Verlag finden wird. Das hat mir der Redakteur von "Panorama" gesagt.
SPIEGEL: Werden Sie gegen "Panorama" juristisch vorgehen?
Wiesenthal: Ich bin jetzt gerade 88 Jahre alt geworden. Mein Lebenswerk läßt sich nicht von ein paar Leuten, die ja selbst kaum etwas getan haben, mit Hilfe quotensüchtiger Fernsehjournalisten zunichte machen. Wer außer Neonazis wird der Nutznießer von all dem Negativen sein? Ich liege im Krankenhaus - mein einziger Kommentar zu der ganzen Geschichte ist dieses Interview. Y

DER SPIEGEL 7/1996
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