Politik
Ausgabe
7/2018

Eintritt in die Partei

"Liebe SPD, ich konnte nicht widerstehen"

Mehr als 24.000 Menschen sind seit Neujahr in die SPD eingetreten, auch der ehemalige SPIEGEL-Redakteur Cordt Schnibben. Hier erklärt er seine Motive - und wie die Partei mit den Neuen umgeht.

DPA
Montag, 12.02.2018   11:32 Uhr

Liebe Genossinnen, liebe Genossen, lieber Kevin,

seit voriger Woche bin ich Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Eurer Google-Anzeige "Jetzt SPD-Mitglied werden - stimme mit über die nächste Regierung Deutschlands ab" konnte ich nicht widerstehen. Weltanschaulich und programmatisch stehe ich irgendwo zwischen Grünen, Linken und Sozialdemokraten, aber die Versuchung, nun mitzudebattieren und mitzuentscheiden darüber, wohin Deutschland treibt, ist groß genug.

Ausschlaggebend war der letzte Parteitag vor drei Wochen, dessen Debatten für mich überraschend konkret und konfrontativ waren. Lieber Kevin, Dein Beitrag und die Kampagne der Jusos wurden zu Recht von vielen Medien gelobt, auch die folgenden Talkshow-Auftritte waren so, dass ich mir wünsche, mit vielen Kevins in meiner neuen Partei zu diskutieren. Ich muss Dich allerdings enttäuschen: Ich bin nicht eingetreten, um gegen die Große Koalition zu stimmen.

Ich kann Eure Sehnsucht verstehen, einer Partei anzugehören, die nicht unter die 20-Prozent-Hürde rutscht. Und ihr glaubt, deshalb müsse man sich in der Opposition erneuern. Wenn man nicht gerade Minister ist oder Staatssekretär, ist es wohl nicht sehr verlockend, Mitglied einer Regierungspartei zu sein. Man muss seinen Freunden und Kollegen jeden Tag erklären, warum da in Berlin Mautgebühren zugestimmt wird, irgendwelche Panzerdeals wieder durchgewinkt oder Steuern nicht gesenkt werden.

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insgesamt 15 Beiträge
Politikübersetzer 12.02.2018
1. Demokratie stärken ...
Demokratie stärken ist heute enorm wichtig. Man muss ein Zeichen gegen die Demokratiefeinde setzen. Dabei ist es im ersten Schritt egal, in welche Partei man eintritt. Wichtig ist, mitmachen, sich einmischen, seine Meinung [...]
Demokratie stärken ist heute enorm wichtig. Man muss ein Zeichen gegen die Demokratiefeinde setzen. Dabei ist es im ersten Schritt egal, in welche Partei man eintritt. Wichtig ist, mitmachen, sich einmischen, seine Meinung äußern. Und nicht nur auf dem Sofa sitzen und laut schreien: "die sind ja alle blöd". So ist es eben nicht. Demokratie ist anstrengend.
optional165 12.02.2018
2.
"Bin ich jetzt schon zu sehr SPD-Mitglied, wenn ich die Mitgliederbefragung als beispielhafte Aktion sehe, um mehr Demokratie zu wagen? Als Chance, die zur Simulation von Demokratie erstarrte Parteienroutine [...]
"Bin ich jetzt schon zu sehr SPD-Mitglied, wenn ich die Mitgliederbefragung als beispielhafte Aktion sehe, um mehr Demokratie zu wagen? Als Chance, die zur Simulation von Demokratie erstarrte Parteienroutine aufzubrechen?" Gelebte Demokratie begeistert, oder? Wieso sind Sie dann gegen eine Minderheitsregierung? Das wäre doch mal die Möglichkeit diese simulierte Demokratie aufzubrechen. Ihre fünf Gründe für die große Koalition sind für mich auch nicht nachvollziehbar. - Einige Punkte im Koalitionsvertrag sind "okay" lösen aber viele Probleme die sich angestaut haben nicht. Diese werden dann auf die nächste Generation fallen und vermutlich mit einer Hau-Ruck-Aktion wie Agenda 2010 gelöst. - Erneuern in einer Koalition sehe ich sehr schwer, dazu sind Köpfe zu sehr an ihre Posten gebunden und können das leichter untergraben - werden diese Ministerposten auch im Interesse der SPD-Mitglieder ausgeführt? War den dort z.B. die Europa-Politik schon thematisiert, dir erst nachdem Wahlkampf kam? - der Koalition traue ich nicht zu Lösung zu finden, wie Sie es tun. Das zeigt sich in meinem Augen an den vielen Problemen die schon lange bekannt sind, aber nicht behoben werden -"Geisterbahnfahrt zum Wohle aller Populisten" der Politikfrust führt zum Aufsteigen der Populisten, in einer Diskussionskultur wie bei einer Minderheitsregierung werden die Positionen der Parteien klarer und welche im Interesse des Wähler sind. Das wird natürlich anstrengend und teilweise in die Hose gehen. Aber ein aufschieben würde die Populisten nur stärken.
Annabelle_ 12.02.2018
3.
Politisch aktiv werden statt nur jammern, das ist lebendige Demokratie. Wir haben da seit Jahrzehnten Defizite bei großen Bevölkerungsgruppen, daher ist heute das Besitzbürgertum überrepräsentiert.
Politisch aktiv werden statt nur jammern, das ist lebendige Demokratie. Wir haben da seit Jahrzehnten Defizite bei großen Bevölkerungsgruppen, daher ist heute das Besitzbürgertum überrepräsentiert.
Sportzigarette 12.02.2018
4. zu 2)
Erstmal großes DANKE an Cordt, dass er jetzt einer von uns ist und danke, dass Du dem Koalitionsvertrag zustimmen wirst. Zu 2) weil die CDU und die Kanzlerin eindeutig erklärt haben, dass Sie keine Minderheitenregierung [...]
Erstmal großes DANKE an Cordt, dass er jetzt einer von uns ist und danke, dass Du dem Koalitionsvertrag zustimmen wirst. Zu 2) weil die CDU und die Kanzlerin eindeutig erklärt haben, dass Sie keine Minderheitenregierung machen werden, also gäbe es Neuwahlen mit ähnlichem Ergebnis. Davon mal abgesehen, ist Europa gerade wichtiger als die Befindlichkeiten der SPD und darum geht nunmal nur die GroKo. Und ich stimme ferner zu, man kann auch in einer Koalition immer wieder rausstellen, was man anders machen würde, wenn es andere Mehrheiten gäbe. Also, lieber jetzt einen Teil unserer Forderung durchsetzen und mitgestalten, als in der Opposition kluge Reden schwingen, aber nichts bewirken können. Also kommt alles zu uns in die SPD und macht mit!
Kopf-Tisch 12.02.2018
5. Katastrophentouristen
Die Mitglieder nochmal abstimmen zu lasen, zeigt eigentlich nur, wie wenig entschlusskräftig die derzeitige SPD-Spitze ist. Ginge es darum, dass die Partei in einer noch nie da gewesen Koalition einen deutlichen Kurswechsel [...]
Die Mitglieder nochmal abstimmen zu lasen, zeigt eigentlich nur, wie wenig entschlusskräftig die derzeitige SPD-Spitze ist. Ginge es darum, dass die Partei in einer noch nie da gewesen Koalition einen deutlichen Kurswechsel machen müsste, wäre eine Nachfrage bei der Basis ja zu verstehen. Wenn die SPD so weiter macht, hängt sie bei der nä. Wahl irgendwo bei 15%.

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