DER SPIEGEL

AUF DEM BILDUNGSWEGDas Prinzip Freiheit

Selbstgebastelte Mathe-Bücher, Nähen als Unterrichtsfach - so ist Schule in Kanada. Wie schaffen es die Nordamerikaner, beim Pisa-Test immer weit vorn zu landen? Ein Besuch an der Rockridge Schule in Vancouver
W as haben Mathematik und Basteln gemeinsam? Eine Menge, findet Louise Struthers. Es ist elf Uhr morgens, und vor den Fenstern der Rockridge Secondary School in West Vancouver hängt noch immer der morgendliche Nebel. Drinnen sitzen die Schüler des Mathe-Kurses für die Klassenstufe 10, vor ihnen liegen selbstgebastelte Hefte.
"Mathematik geht nur mit einem Stift in den Kopf", sagt die rundliche Lehrerin mit Kurzhaarschnitt. Deswegen sitzen ihre Schüler nicht vor Büchern oder Fotokopien, sondern blättern in bunten Skripten. Der Auftrag lautete: Stelle zusammen, was du über Funktionen gelernt hast. Das Ergeb-nis: lilafarbene Filzbücher und mit Blumen dekorierte Stoffmappen, seitenweise beschrieben mit Formeln, Regeln und Grafen. Jugendliche müssen das Wissen auf ihre eigene Weise aufschreiben, findet Louise Struthers, "so bleibt es besser hängen".
Wie sie ihren Schülern den Stoff beibringt, ist Struthers selbst überlassen. Als Mathe-Lehrerin in der kanadischen Provinz British Columbia genießt sie große Freiheiten, Freiheiten, die alle Lehrer in den zehn Provinzen und drei Territorien des Landes haben. Wie Deutschland ist Kanada ein föderaler Staat. Aber die Kanadier erreichen seit Jahren Spitzenplätze bei den Pisa-Tests, mit Leistungen, von denen Bildungspolitiker hierzulande träumen.
Der Erfolg beginnt mit den selbstgebastelten Schulbüchern von Louise Struthers' Schülern. Sie zeigen, was der kluge Gebrauch der Freiheit bewirken kann.
In Kanada funktioniert das Bildungssystem deswegen so gut, weil sich die politischen Akteure auf allen Ebenen möglichst wenig einmischen. Eines der wenigen nationalen Erziehungsgremien ist der Rat der Bildungsminister, vergleichbar etwa mit der deutschen Kultusministerkonferenz, der sich zweimal im Jahr trifft. Bildung ist Sache der Provinzen, sagt der amtierende Ratsvorsitzende Andrew Parkin, "es braucht keine staatliche Institution, um einen hohen Bildungsstandard im ganzen Land zu schaffen".
Im Fall der Rockridge Secondary Schule entscheidet zwar die Provinz British Columbia über die generellen Lehrinhalte. Die eigentliche Kontrolle, auch über das Bildungsbudget, hat aber ein lokales Gremium: das "School board". Es besteht aus Vertretern der jeweiligen Region, von Eltern und Lehrern über Ärzte bis zu Hausmeistern.
Die in ihrer Stadt verwurzelten Bürger sind das Verbindungsglied zwischen dem Schulministerium des Bundesstaats und den einzelnen Lehranstalten: Sie definieren die genauen Leistungsanforderungen, sie bestimmen über die Verteilung der Finanzen, ihnen gegenüber müssen die Schulen Rechenschaft ablegen.
Schon lange vor Pisa haben die Kanadier zudem schulübergreifende Vergleichstests eingeführt. In den Klassenstufen zehn und elf können die Schulen in British Columbia ihre Leistungen in den Fächern Englisch, Mathematik, Natur- und Sozialwissenschaften untereinander vergleichen. Die Lehranstalten nutzen die Testergebnisse vor allem, um ihre eigenen Standards zu überprüfen und gegebenenfalls umzusteuern. Bereits in der vierten und siebten Klasse müssen alle Schüler in British Columbia an einem Grundlagentest teilnehmen, der ihre Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen überprüft.
Jeden Morgen ab acht Uhr sitzt Louise Struthers in ihrem Klassenraum und wartet, bis es an der Tür klopft; in dieser halben Stunde vor Unterrichtsbeginn können die Schüler mit Fragen zu ihr kommen. Im Gegensatz zu deutschen Schulen laufen in Kanada die Schüler von Raum zu Raum, und die Lehrer haben ihr eigenes Zimmer - so wissen die Schüler immer, wo sie ihre Lehrer bei Problemen antreffen können. Zusätzlich können die Jugendlichen auch an einigen Tagen in der Mittagspause zu Louise Struthers kommen; wann genau, steht auf dem "Mathematics help schedule", einem orangefarbenen Zettel, der in dem Klassenraum hängt.
"Die Schüler wissen, dass sie für mich das Wichtigste sind", sagt die Lehrerin. Und sie verhält sich auch so: Sind nach Ende des Schultags um 15 Uhr noch Fragen offen, mailt sie mit den Jugendlichen; neue Aufgaben und Lehrmaterial stellt sie auf ihre Homepage, so verpasst auch bei Krankheit niemand den Anschluss zum Unterricht.
Natürlich kann sich die Mathe-Lehrerin nicht um alle ihre 150 Schüler einzeln kümmern. Das muss sie auch gar nicht, denn die Schüler sind dazu angehalten, sich gegenseitig zu unterstützen: Gute Schüler helfen schlechteren Schülern, Oberstufler leiten die Jüngeren an. Möglich ist das dank eines Prinzips, das einen weiteren großen Unterschied zum deutschen Schulwesen ausmacht: In Kanada gibt es keine frühzeitige Verteilung der Schüler auf Hauptschule, Gesamtschule, Realschule und Gymnasium. Schüler gehen hier von der ersten bis zur sechsten Klasse in die Grundschule, bis zur achten Klasse in die einheitliche "Middle school", und auch von der achten bis zur zwölften Klasse besuchen die Kinder eine einheitliche Schule, in Kanada "Highschool" oder auch "Secondary school" genannt.
Die Schüler, die den Abschluss schaffen, besitzen prinzipiell die Zugangsberechtigung für ein Studium: "Colleges" sind dabei vergleichbar mit deutschen Fachhochschulen, "Universities" mit Universitätsstudiengängen; die Aufnahmebedingungen sind je nach Institution und Studiengang unterschiedlich.
Sitzt unter den Schülern von Louise Struthers nun ein echtes Mathe-Talent, liegt es an ihr, den Jugendlichen zu fördern. "Ich schlage ihm dann einen Mathe-Wettbewerb vor, bei dem er andere sehr gute Schüler trifft, oder ich stufe ihn in einen höheren Mathe-Kurs ein", sagt Struthers. Hat ein Jugendlicher anhaltende Probleme, im Kurs zu folgen, bekommt er einen älteren Schüler als Nachhilfelehrer zur Seite gestellt.
Die kanadischen Schüler sind nicht auf feste Klassen aufgeteilt, sondern belegen Kurse; ein guter Schüler kann also in seinen starken Fächern einfach höhere Klassenstufen besuchen. Die Schulleitung verteilt auf jeden Kurs die guten und weniger guten Schüler, und in Gruppenarbeiten unterstützen sich die Schüler gegenseitig.
Der gemeinschaftliche Ansatz in British Columbia bezieht auch behinderte Kinder mit ein: Die Schulleitung versucht, in jedem Kurs von durchschnittlich 30 Schülern maximal zwei mit "besonderen Bedürfnisse" zu platzieren. Zur Betreuung gibt es "special education assistants", die sich auch mal um ein einziges Kind kümmern.
"Wir integrieren aber nicht der Integration zuliebe, sondern nur da, wo es sinnvoll ist", sagt John Crowley, stellvertretender Schulleiter an der Rockridge Schule. Für manche Kinder sei zwar eine spezialisierte Einrichtung besser, aber wo es gehe, würden die geistig oder körperlich beeinträchtigten Schüler am Unterricht teilnehmen, auch wenn es nur ein paar Wochenstunden sind. "Das nimmt den Kindern schon sehr früh Berührungsängste, und zwar auf beiden Seiten", sagt Crowley.
Eigene Lehrkräfte gibt es auch für Schüler, die aus dem Ausland stammen. In Extrakursen erhalten sie Nachhilfe in der Landessprache, also je nach Region entweder Englisch oder Französisch.
Kanada ist stolz auf seine vielen Einwanderer, ihr Anteil an der Bevölkerung liegt bei rund 18 Prozent. Anders als in Deutschland werden die Immigranten vor allem nach ihrer beruflichen Qualifikation ausgewählt. Die Menschen, die ins Land dürfen, sind häufig ziemlich ehrgeizig.
Nach wenigen Monaten in Kanada könnten die Kinder aus Zuwandererfamilien bereits sehr gut im Unterricht mitarbeiten, erzählt Michelle Wood, Biologielehrerin an der Rockridge Secondary. Dennoch gebe sie den ausländischen Schülern am Anfang jeder neuen Lehreinheit erst mal eine Vokabelliste, denn ohne die naturwissenschaftlichen Fachbegriffe könne sie kaum den komplexen Stoff vermitteln.
Zusammen mit Kleingruppen von Zwölftklässlern steht die 30-jährige Lehrerin in ihrem Biologieraum. "AP Biology" heißt der Kurs, fortgeschrittene Biologie, den sich die Schüler später an der Uni anrechnen lassen können. Die Schüler tragen weiße Laborkittel und starren in eine silberne Metallschüssel: ein Schafgehirn liegt darin, das sie heute sezieren sollen. Mit ruhiger Hand setzt eine Schülerin das Skalpell an und schneidet eine feine Schicht der äußeren Haut ab. Der Rest der Kleingruppe schaut ihr mit angehaltenem Atem zu, auch in den anderen Gruppen herrscht Stille, alle arbeiten konzentriert.
Jeder Schüler hat einen Zettel mit Fragen auf dem Tisch liegen, den er am Ende der Stunde abgeben muss und anhand dessen er bewertet wird. Doch die Benotung an der Rockridge Schule erfolgt wie an vielen Schulen in British Columbia immer seltener mit Noten von eins bis sechs, stattdessen gibt es, wann immer möglich, Verbalurteile: Die Aufgabe wird in einzelne Aspekte unterteilt und jeweils in vier Stufen von "Aufgabe nicht erfüllt" bis "übertrifft Erwartungen" eingestuft.
Welche Kriterien für welche Stufe zu erfüllen sind, haben die Schüler selbst mitausgearbeitet. Dadurch können sie sich ein differenziertes Bild machen, bei welchen Punkten sie noch Schwachstellen haben, erzählt Michelle Wood. Anfangs seien die Schüler noch skeptisch gewesen, aber mittlerweile seien sie von der neuen Art der Bewertung begeistert. Für die Jahresendzeugnisse geben die Lehrer noch numerische Noten, schließlich müssen sich die Schüler auch an Universitäten bewerben. "Viele Schüler kommen nach der Zeugnisausgabe zu mir und fragen: Was bedeutet diese Zahl nun?", erzählt Wood.
Für die Lehreinheit zum Thema Gehirn hat sich Michelle Wood für das Fragenblatt entschieden, andere Unterrichtsblöcke fragt sie mit Referaten oder Tests ab oder prüft die Schüler anhand von praktischen Aufgaben bei einem Kursausflug. "Am Anfang jeder neuen Einheit frage ich mich: Was hat das Thema für einen Bezug zur Alltagswelt, und wie kann ich die Schüler dafür begeistern?" Danach bespreche sie die Ideen mit erfahreneren Fachkollegen.
Wie die meisten Lehrer in Kanada hat Wood zuerst ein bestimmtes Fach studiert, in ihrem Fall Biologie, und danach eine zweijährige Lehrerausbildung durchlaufen. Nach fünf Jahren als Lehrerin belegt sie seit einigen Monaten wieder Abendkurse an der Universität von British Columbia für einen Masterabschluss in Erziehungswissenschaften. Nach Angaben der Schule hat etwa die Hälfte der 51 Lehrer an der Rockridge Schule bereits einen Masterabschluss, oder sie erwerben ihn gerade; mit Gehaltserhöhungen schafft die Schule Anreize zur Weiterbildung.
Den Fortgeschrittenen-Biologiekurs haben sich die Schüler selbst ausgesucht, genau wie die meisten anderen ihrer Kurse, denn auch bei der Fächerwahl haben sie viel Freiraum. In der achten Klasse werden den Schülern noch sieben von acht Fächern vorgegeben, in der zwölften Klasse ist nur noch Englisch vorgeschrieben, den Rest können sie nach ihren Vorlieben und Neigungen wählen. Entsprechend interessiert und motiviert sind die Schüler im Unterricht. "Wenn jemand Blödsinn macht, ermahnen die anderen Schüler ihn, schließlich interessieren sie sich für das Fach", erzählt Wood. Die Auswahl ist riesig: Videoproduktion, Nähen, Schreinern, Kochkurse, fortgeschrittene Naturwissenschaften, Literaturstudien, Journalismus, Marketing, Theater und vieles mehr.
Die fünf Bands der Schule sind ein Paradebeispiel für solch außergewöhnliche Fächer. Anstelle des normalen Musikunterrichts können die Schüler Jazz- oder Konzertmusik als vollwertiges Fach wählen, vor allem ruhigen und schüchternen Jugendlichen gefalle das, erzählt der Musiklehrer Ian Brown. An diesem Morgen hat er einen Jazzmusiker eingeladen, der einem Raum voller Schüler das Improvisieren beibringt. "Ich will die Schüler vom reinen Notenlesen wegbringen", sagt Brown, ein Mann mit Vollbart und lachenden Augen. "Für Musik braucht man schließlich auch die rechte Gehirnhälfte!" Die Klänge dringen bis in die Cafeteria vor, Jazzmusik mischt sich unter den normalen Schulalltag. Die Leistungen seiner Schüler bewertet Brown nicht mit Tests und Klausuren, sondern durch Konzerte und Bandaufnahmen, Extrapunkte gibt es für Teamarbeit, Engagement und Unterstützung schwächerer Spieler.
Die Auftritte und Proben nehmen auch viel von Browns Freizeit ein, doch das stört den Musiklehrer nicht. Er verstehe sich als Teil der Schulgemeinschaft, und die ende nun mal nicht um 15 Uhr mit dem Unterricht, sagt er. Auch die Jugendlichen verbinden mit der Rockridge Secondary mehr als nur das Akademische. "Die Schule bedeutet für mich so viel mehr als nur Unterricht", erzählt die 18-jährige Julia Hawkins. Vor der Schule trifft sie sich mit einem jüngeren Schüler zur Nachhilfe, nachmittags trainiert sie je nach Saison Leichtathletik, Basketball oder Feldhockey im Schulteam oder plant neue Aktionen mit dem "Amnesty International"-Club, nur einer von zwölf sozialen Vereinen der Schule. "Ich bin immer hier", sagt die blonde Schülerin, lacht und hakt sich links und rechts bei ihren Freundinnen unter.
Ein so umfangreiches Angebot von Einzelbetreuung über Konzertband bis zu Sportvereinen kostet natürlich einiges, doch die Schulen in Kanada können es sich leisten: Weit über sechs Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts geben die Kanadier öffentlich und privat für Bildung aus, etwa ein Drittel mehr als Deutschland. Der Etat der Schule in Vancouver richtet sich nach der Anzahl der Schüler, für behinderte und ausländische Jugendliche gibt es einen Zuschlag. Die einheimischen Schüler bezahlen für all das nichts, öffentliche Schulen sind in Kanada kostenlos, lediglich das Mittagessen kaufen sich die Schüler selbst. Ausländische Gastschüler müssen hingegen Schulgebühren begleichen, die von Schule zu Schule unterschiedlich sind, schließlich zahlen deren Eltern keine Steuern vor Ort.
Spricht man kanadische Bildungsexperten auf die guten Pisa-Ergebnisse an, sind sie zwar stolz auf die anhaltend gute Leistung - doch eigentlich spielt Pisa in Kanada kaum eine Rolle. "Pisa war uns nie besonders wichtig", sagt Paul Cappon, Vorsitzender des "Canadian Council on Learning", einer gemeinnützigen Bildungsorganisation. Auf Einladung der Bosch-Stiftung hat er gerade drei Monate in Berlin verbracht, unter anderem, um deutschen Kollegen die kanadische Bildungswelt zu erklären. "Deutschland sieht Pisa als wichtig an, wir nicht."
Wenn überhaupt über Pisa diskutiert wird, geht es darum, was noch besser werden muss. "Wir haben uns in den drei Tests kaum verbessert und fragen uns, ob Stillstand gut genug ist", sagt Andrew Parkin, der Ratsvorsitzende der Bildungsminister. Kanada müsse sich jetzt mit anderen Top-Ländern vergleichen. Sein Blick geht nach oben, nach Singapur oder Shanghai, nicht nach unten.
Schülerinnen an der Rockridge Schule, Lehrerin Struthers
RUGBY
Sport spielt an der Rockridge Schule eine wichtige Rolle.
Von Marie-Astrid Langer

SPIEGEL WISSEN 2/2011
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