DER SPIEGEL
Ausgabe
15/2016

Staatsaffäre Böhmermann

Merkel, Erdogan und die Freiheit der Kunst

Angela Merkel ist der türkische Präsident wichtiger als die Freiheit der Kunst.

Von
Donnerstag, 23.06.2016   18:24 Uhr
ZDFneo

Moderator Böhmermann

Die Kanzlerin ist nicht bekannt dafür, ohne Not das Wort zu ergreifen. Jedenfalls öffentlich. Oft schweigt sie sich auch da aus, wo man sich ein deutliches Statement wünschen würde. Etwa als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Löschung eines harmlosen Beitrags in der Satiresendung "extra 3" verlangte, durch den er sich verunglimpft sah. Tagelang war von der Bundesregierung nichts zu vernehmen, bis sich eine Sprecherin dazu herabließ, eher halbherzig die Pressefreiheit zu verteidigen.

Von der Kanzlerin selbst: kein Wort.

In Ordnung war das schon da nicht. Doch was ein paar Tage später folgte, macht das merkelsche Schweigen zum Skandal. Da testete ZDF-Moderator Jan Böhmermann in einem weit weniger harmlosen Beitrag beherzt die Grenzen der Satire. Im gespielten Bemühen, Erdogan den Unterschied zwischen erlaubter Satire und verbotener Schmähkritik zu erläutern, verlas er ein Gedicht, das eine einzige Ansammlung herabwürdigender Formulierungen war. Es war eine Provokation, die den Zuschauer durchaus ambivalent zurückließ. Darf da einer einfach dichten: "Am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken"?

Das ZDF entfernte den Beitrag aus seiner Internetmediathek. Es gab Protest gegen die Löschung. Doch viele Menschen empfanden Böhmermanns Werk auch als verunglückt. Irritiert machte sich die Republik daran, über die Grenzen von Satire zu diskutieren. Über guten Geschmack. Über die Freiheit der Kunst.

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