Gesundheit
Ausgabe
6/2018

Psychologie

Vom Unglück, ein dickes Kind zu sein

Mehr noch als mit den Pfunden kämpfen übergewichtige Kinder mit Spott, Häme, Missachtung. Mediziner halten diese Stigmatisierung für gefährlich. Was schlagen sie vor?

Jan Feindt/ DER SPIEGEL
Von 
Sonntag, 04.02.2018   14:50 Uhr

Lara war ein Grundschulkind, als sie sich zum ersten Mal zu dick vorkam. Wie es genau anfing, weiß sie nicht mehr: War es die Freundin, die im Streit "fette Kuh" rief, der Mitschüler, der sagte, sie müsse ja beim Rennen ihren Bauch festhalten, oder die Sportlehrerin ("die ungelenke Truppe setzt sich jetzt mal auf die Bank")? Oder war es beim Kinderarzt, wo sie nach dem Wiegen aus dem Behandlungszimmer floh? "Ich wollte nicht mehr hören, dass alle etwas an mir zu bemängeln hatten", erinnert sie sich.

Heute, mit elf, geht es ums Dazugehören: "Meine Freundinnen sind alle dünn", sagt Lara, "ich denke oft, ich bin die Einzige." Beim Shoppen hat sie Angst, dass ihr nichts so richtig passt ("das ist peinlich und unangenehm"), im Sportunterricht mag sie nicht klettern oder am Seil schwingen - obwohl sie sich gern bewegt. "Zu Hause mache ich das, da muss ich mich nicht schämen", sagt sie. Bei den Großeltern geht sie aufs Trampolin - Salti inklusive.

Lara hat langes, dunkles Haar und tiefbraune Augen, sie trägt eine schwarze Hose und eine hellgraue Sweatjacke. Sie ist groß für eine Elfjährige. Nicht nur aus ihrer, auch aus Ärztesicht ist sie zu schwer. Jeden Mittwoch fährt die Sechstklässlerin deshalb mit ihrer Mutter zur Kinderklinik ins nordrhein-westfälische Datteln. Dort hat Endokrinologe Thomas Reinehr vor rund 20 Jahren eine Schulung für Kinder wie Lara entwickelt: "Obeldicks" ist heute eins der am besten erforschten Programme für stark übergewichtige Kinder und Jugendliche in Deutschland, rund 30 Einrichtungen bieten es an, die Krankenkassen zahlen den Kurs.

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